Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 5
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • Situationistische Internationale

Die situationistische Grenze

Bekannt ist, was die S.I. nicht ist und welches Gebiet sie nicht mehr einnehmen will (oder dann nur am Rande und indem sie gegen alle bestehenden Verhältnisse kämpft). Schwieriger ist es zu sagen, wohin die S.I. geht, das situationistische Projekt positiv zu kennzeichnen. Es können dennoch einige provisorische Positionen der Entwicklung fragmentarisch aufgezählt werden.

Im Gegensatz zu den hierarchisierten Spezialistengebilden, so wie es Bürokratien, Armeen und sogar politische Parteien der modernen Welt immer mehr werden, stellt sich die S.I. — man wird es eines Tages sehen — als die reinste Form eines antihierarchischen Gebildes von Anti-Spezialisten dar.

Auf allen Ebenen bezieht sich die situationistische Kritik und Konstruktion auf den Gebrauchswert des Lebens. So wie unser Konzept des Urbanismus eine Kritik des Urbanismus ist und unser Freizeitexperiment eigentlich eine Ablehnung der Freizeit ist (im herrschenden Sinne der Trennung und der Passivität), so handelt es sich auch, wenn wir unser Wirkungsfeld in dem alltäglichen Leben bestimmen, um eine Kritik des alltäglichen Lebens, die aber eine „radikale und verwirklichte und nicht mehr gewünschte und angedeutete Kritik“ sein soll (vgl. Frankins Programmatische Entwürfe) — wobei diese praktische Kritik des alltäglichen Lebens zu ihrer Aufhebung im „unmöglich gemachten Alltäglichen“ tendiert.

Wir glauben nicht, in der modernen Kultur außergewöhnliche Ideen gefunden, sondern eher angefangen zu haben, auf das außergewöhnliche Maß ihrer Nichtigkeiten aufmerksam zu machen. Die Spezialisten der kulturellen Produktion sind gerade diejenigen, die sich mit ihrer eigenen Trennung und Unzulänglichkeit am leichtesten abfinden. Die Gesamtheit aber der gegenwärtigen Gesellschaft kann dem Problem der Integrierung ihrer unermesslichen, entfremdeten und unkontrollierten Fähigkeiten nicht entgehen.

Der Überfluss als Zukunft der Menschen kann auf keinen Fall ein Überfluss von Gegenständen, auch nicht von zur Vergangenheit gehörenden oder nach diesem Vorbild wiederholten „kulturellen“ Gegenständen sein, sondern ein Überfluss von Situationen (des Lebens und der Dimension des Lebens). Im aktuellen Rahmen der Konsumpropaganda besteht die Hauptmystifizierung der Werbung darin, Glücksideen mit Gegenständen (Fernsehapparate, Gartenmöbel, Autos usw.) zu verbinden, wobei übrigens der natürliche Zusammenhang, in dem diese Gegenstände mit anderen stehen, zerbrochen wird, damit sie vor allem eine natürliche Umwelt „von hohem Rang“ biIden. Dieses aufgezwungene Bild des Glücks macht auch den direkt terroristischen Charakter der Werbung aus. „Das Glück“, dieser oder jener glückliche Augenblick, hängt doch von einer globalen Wirklichkeit ab, die nichts anderes als Menschen in Situationen voraussetzt: lebendige Personen und den Augenblick, der ihre Erleuchtung und Sinn (der Spielraum ihrer Möglichkeiten) ist. In der Werbung werden die Gegenstände als erregend und leidenschaftlich behandelt — wie z.B. „Wie anders das Leben wird, wenn man einen so wunderbaren Wagen wie diesen hat!“. Nichts aber von dem, was mehr Interesse verdienen würde, kann behandelt werden, ohne die gesamte Konditionierung zu gefährden; beschäftigt sich die Werbung mit einer echten Leidenschaft, so handelt es sich nur um die Werbung für ein Spektakel.

Die noch ausstehende Architektur muss von der Sorge um die spektakuläre Schönheit der alten Monumentarchitektur abkommen zugunsten topologischer Organisationen, die eine allgemeine Beteiligung fordern. Wir werden mit der Angst vor der Umgebung spielen und eine Liebe zu ihr schaffen. Der Situationist betrachtet seine Umgebung und sich selbst als formbar.

London, September 1960. Die Situationisten im Kino.

Die neue Architektur kann mit der Zweckentfremdung von früher genau bestimmten Gefühls- und Umgebungsblöcken — wie z.B. das Schloss — ihre erste praktische Übung machen. Die Anwendung der Zweckentfremdung in der Architektur sowie in der Situationenkonstruktion gibt die Reinvestierung der Produkte zu erkennen, die den Zwecken der aktuellen ökonomisch-sozialen Organisation entzogen werden sollen, sowie den Bruch mit der formalistischen Sorge darum, Unbekanntes abstrakt zu schaffen. Es handelt sich darum, die vorhandenen Begierden zuerst zu befreien und sie in den neuen Dimensionen einer unbekannten Verwirklichung zu entfalten.

Ohne Zweifel sind z.B. die Forschungen nach einer unmittelbaren Kunst der Situationen mit dem ersten Entwurf einer vorhergehenden Aufzeichnung der Kraftlinien der Ereignisse einer beabsichtigten Situation beträchtlich weiter gebracht worden. Es handelt sich dabei um Schemen und Gleichungen, in denen die Teilnehmer die Unbekannten wählen könnten, mit denen sie ohne Zuschauer und ohne ein anderes Ziel als dieses Spiel im Ernst spielen werden. Dies ist gewiss das Modell einer wirksamen Waffe für den Kampf gegen die Entfremdung und es ist auf jeden Fall dafür geeignet, mit den kläglichen Traditionen der Libertinage zu brechen, sowie der erste Neubeginn des Fortschreitens auf dem formalistischen Weg der „Glücksstrecken“. Es muss hinzugefügt werden, dass wir keine wünschenswerte bzw. garantierte Form des Glücks vertreten; weiter, dass diese Schemen, nachdem sie mehr oder weniger präzisiert und vervollständigt worden sind, nur als Ausgangsbasen gebraucht werden können, um in das durch eine berechnete Anordnung von Ereignissen eröffnete Unbekannte hineinzuspringen. Diese Schemen sind eine weitere Anwendungsform des während des Umherschweifens vom 29. bis 31. Mai in Brüssel und Amsterdam beobachteten situationistischen Prinzips der Katapulte. In diesem Fall gab das Experiment zu erkennen, dass eine sehr starke Beschleunigung beim Durchschreiten des sozialen Raums, die vorübergehend und z.B. unter dem Vorwand der Nützlichkeit organisiert werden kann, es bewirken könnte, dass die Subjekte in dem Augenblick, in dem diese Beschleunigung aufhört, in ein Umherschweifen geschleudert werden, das sie dann mit der gewonnenen Schnelligkeit weiter führen. Selbstverständlich darf man nicht übersehen, dass jedes Experiment, das nur mit beschränkten Ausgangsmöglichkeiten organisiert werden kann, trotz seines Wertes als Forschungs- und Propagandamittel — da es nur auf Laboratoriumsebene und in einem verschwindend kleinen Grad des sozialen Ganzen unternommen wird — nicht nur einen Grad — sondern auch einen Wesensunterschied gegenüber den zukünftigen Lebenskonstruktionen aufweisen wird. Dieses Laboratorium erbt aber alle Schöpfungen einer erschöpften Kultursphäre, deren konkrete Aufhebung es auch vorbereitet.

Das sind also die allerletzten Vorposten der Kultur. Jenseits davon beginnt die Eroberung des alltäglichen Lebens.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1976
Numéro 5, Seite 7
Autor/inn/en:

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Situationistische Internationale: Situationistisch / Situationist: All das, was sich auf die Theorie oder auf die praktische Tätigkeit von Situationen bezieht. Derjenige, der sich damit beschäftigt, Situationen zu konstruieren. Mitglied der situationistischen Internationale.
Situationismus: Sinnloses Wort, missbräuchlich durch Ableitung des vorigen gebildet. Einen Situationismus gibt es nicht — was eine Doktrin zur Interpretation der vorhandenen Tatsachen bedeuten würde. Selbstverständlich haben sich die Anti-Situationisten den Begriff „Situationismus“ ausgedacht.

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