Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 1
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Asger Jorn • Hanna Mittelstädt (Übersetzung)

Die Situationisten und die Automation

Erstaunlicherweise hat sich bisher fast keiner getraut, die Idee der Automation bis zu ihren letzten Konsequenzen hin zu entwickeln. Tatsächlich gibt es keine wirklichen Aussichten; es sieht vielmehr so aus, als ob Ingenieure, Wissenschaftler und Soziologen versuchen würden, die Automation in die Gesellschaft einzuschmuggeln.

Dennoch steht jetzt schon die Automation im Mittelpunkt des Problems der sozialistischen Beherrschung der Produktion und des Vorrangs der Frei- vor der Arbeitszeit. Die Frage der Automation ist die mit positiven und negativen Möglichkeiten meistbeladene Frage.

Das Ziel des Sozialismus ist der Überfluss — die größte Zahl von Gütern für die größte Zahl von Leuten, was von einem statistischen Standpunkt aus die Verminderung von Zufällen bis zur Unwahrscheinlichkeit voraussetzt. Die zahlenmäßige Zunahme der Güter verringert den Wert eines jeden von ihnen. Diese Entwertung aller menschlichen Güter bis zu einem sozusagen vollkommenen Neutralitätszustand wird unvermeidlich aus einer bloß wissenschaftlichen Entwicklung des Sozialismus folgen. Bedauerlicherweise gehen viele Intellektuelle über den Gedanken einer mechanischen Reproduktion nicht hinaus und bereiten die Anpassung des Menschen an diese farblose und symmetrisch gemachte Zukunft vor. So dass eine zunehmende Zahl von Künstlern, deren Fach die Suche nach dem Einzigartigen ist, sich feindlich gegen den Sozialismus stellt. Umgekehrt sind die sozialistischen Politiker allen Ausdrücken der künstlerischen Kraft bzw. Originalität gegenüber misstrauisch.

Indem die einen wie die anderen an ihrer konformistischen Stellung haften bleiben, legen sie eine gewisse Mißstimmung gegenüber der Automation an den Tag, die ihre ökonomischen und kulturellen Auffassungen wohl wieder gründlich in Frage stellen könnte. In allen „Avantgarde“-Tendenzen herrscht Schwarzmalerei über die Automation oder im besten Fall eine Unterschätzung der positiven Elemente der Zukunft, deren Nähe plötzlich durch den Beginn der Automation verkündet wird. Zur gleichen Zeit stellen die reaktionären Kräfte einen idiotischen Optimismus zur Schau.

Cet appareil permet le tracé automatique de la courbe de Gauss (position des billes à l’arrivé). Les problèmes artistiques de la dérive se situent au niveau des trajets relativement imprévisibles de chaque bille.

Folgende Anekdote ist bedeutungsvoll: Voriges Jahr erzählte der marxistische Militant Livio Maitan in der Zeitschrift „IV. Internationale“, dass ein italienischer Priester eine zweite, wöchentliche, durch die Vermehrung der Freizeit notwendig gemachte Messe vorgeschlagen hätte. Darauf antwortete Livio Maitan: „Dabei besteht der Irrtum in der Meinung, der Mensch der neuen Gesellschaft werde derselbe wie in der heutigen bleiben, während er doch ganz verschiedenartige Bedürfnisse und Forderungen haben wird, die selbst wir uns schwer vorstellen können“. Maitans Irrtum besteht dabei aber darin, dass er die neuen Forderungen in einer undeutlichen Zukunft stehen lässt, die er sich „schwer vorstellen kann“. Die dialektische Rolle des Geistes ist es, das Mögliche nach wünschenswerten Formen zu lenken. Maitan vergisst, dass immer „die Elemente einer neuen Gesellschaft sich in der alten Gesellschaft gebildet haben“, wie es im Kommunistischen Manifest steht. Elemente eines neuen Lebens müssen schon unter uns — auf dem Gebiet der Kultur — im Entstehen begriffen sein und wir müssen sie benutzen, um Leidenschaft in die Debatte hineinzubringen.

Der Sozialismus, der die vollständigste Befreiung der in jedem Individuum vorhandenen Energien und Fähigkeiten anstrebt, wird gezwungen sein, die Automation als eine an sich anti-fortschrittliche Tendenz zu berücksichtigen, die nur durch ihre Beziehung zu neuen Provokationen, die die latenten Kräfte des Menschen äußern können, fortschrittlich gemacht wurde. Ist die Automation, wie die Wissenschaftler und Techniker es behaupten, ein neues Befreiungsmittel für den Menschen, dann muss sie die Aufhebung der vorhergehenden menschlichen Tätigkeiten mitenthalten. Das zwingt die aktive Phantasie des Menschen dazu, über die Verwirklichung der Automation selbst hinauszugehen. Wo sind solche Aussichten zu finden, die aus dem Menschen den Herrn über die Automation und nicht ihren Sklaven machen würden?

In seiner Abhandlung über „Die Automation“ erklärt Louis Salleron, dass sie „wie fast immer auf dem Gebiet des Fortschritts viel mehr hinzusetzt als ersetzt bzw. aufhebt“. Was setzt die Automation als solche der Aktionsmöglichkeit des Menschen hinzu? Wir haben erfahren, dass sie diesen auf seinem eigenen Gebiet vollständig beseitigt.

Die Krise der Industrialisierung ist eine Konsum- und Produktionskrise. Von den beiden ist die letztere die wichtigere, da sie durch die erstere bedingt ist. Aufs individuelle Gebiet übertragen bedeutet das so viel wie die These, der gemäß es befriedigender ist, geben zu können als zu empfangen, und hinzuzusetzen statt abzuschaffen. So besitzt die Automation zwei entgegengesetzte Perspektiven; einerseits nimmt sie dem Individuum jede Möglichkeit, der den Fortschritt festbindenden automatischen Produktion irgendetwas Persönliches hinzuzusetzen und zu gleicher Zeit spart sie menschliche Kräfte, die massiv von den reproduzierenden und nicht schöpferischen Aktivitäten befreit werden. Der Wert der Automation hängt also von Projekten ab, die über sie hinausgehen und neue menschliche Energien auf einer höheren Stufe befreien.

Heute liegt dieses unvergleichbare Betätigungsfeld vor der experimentellen Tätigkeit in der Kultur und die defaitistische Haltung in dieser Hinsicht, das Aufgeben vor den Möglichkeiten der Epoche, sind für die ehemaligen Avantgardegruppen kennzeichnend, die weiter „an der Vergangenheit wie an einem Knochen nagen wollen“, wie Edgar Morin schreibt. Ein Surrealist namens Benayoum schreibt in der zweiten Nummer des „Surréalisme même“, dem letzten Ausdrucksorgan dieser Bewegung: „Das Problem der Freizeit quält schon die Soziologen … Man wird keine Techniker mehr, sondern Clowns, Schlagersänger, Tänzerinnen und Akrobaten verlangen. Ein Tag Arbeit gegen 6 Tage Erholung: das Gleichgewicht zwischen dem Ernsten und dem Unbedeutenden, dem Müßigen und dem Fleißigen droht sich umzukehren … der untätige ‚Arbeiter‘ wird durch ein krampfhaft zuckendes, zudringliches, immer wieder an Einfällen notleidendes und nach Talenten suchendes Fernsehen verdummt werden“. Dieser Surrealist sieht nicht ein, dass eine Woche mit 6 Erholungstagen keine „Gleichgewichtsumkehrung“ zwischen Belanglosigkeit und Ernst, sondern eine Wesens-Änderung des Ernstes als auch der Belanglosigkeit nach sich ziehen wird. Er erhofft sich nur Abwechslungen und lächerliche Umwandlungen der bekannten Welt, die er nach dem Vorbild des veralteten Surrealismus wie eine Art unantastbares Vaudeville auffasst. Warum sollte diese Zukunft bloß die Erweiterung der gegenwärtigen Gemeinheiten sein? Und warum sollte sie „an Einfällen notleiden?“ Sollte das bedeuten, dass sie an (1936 verbesserten) surrealistischen Ideen von 1926 notleiden wird? Wahrscheinlich ja. Oder etwa, dass die Nachahmer des Surrealismus an Ideen notleiden? Das wissen wir wohl!

Die neue Freizeit scheint ein Abgrund zu sein, den die heutige Gesellschaft nur dadurch auszufüllen denkt, dass sie die Pseudospiele eines lächerlichen Bastelns multipliziert. Sie stellt aber zugleich die Grundlage dar, auf der die großartigste kulturelle Konstruktion errichtet werden kann, die je erdacht wurde. Selbstverständlich liegt dieses Ziel außerhalb des Interessenfeldes der Automationsanhänger. Wir wissen sogar, dass es der direkten Tendenz der Automation entgegengesetzt ist. Wollen wir mit den Ingenieuren diskutieren, so müssen wir in ihr eigenes Interessenfeld hinübertreten. Maldonado, der jetzige Direktor der Ulmer „Hochschule für Gestaltung“, erklärt, die Entwicklung der Automation sei gefährdet, da die Jugend nur wenig Begeisterung dafür zeigt, die polytechnische Bahn einzuschlagen — mit der Ausnahme der Spezialisten der Automationszwecke selbst, die keine allgemeine kulturelle Perspektive haben. Maldonado aber, der diese allgemeine Perspektive gerade zeigen sollte, ignoriert sie ganz und gar: Erst von dem Augenblick an kann die Automation sich positiv weiterentwickeln, wo sie eine ihrer eigenen Festlegung entgegengesetzte Perspektive als Ziel hat und es gelingt, eine solche allgemeine Perspektive je nach ihrer Entwicklungsstufe durchzuführen.

Maldonado schlägt gerade das Gegenteil vor — und zwar zunächst die Automation und erst dann deren Gebrauch durchzuführen. Man könnte über ein solches Verfahren diskutieren, wäre nicht gerade die Automation das Ziel: sie stellt nämlich keine Aktion auf einem Gebiet dar, die eine Gegen-Aktion verursachen würde, sondern die Lahmlegung eines Gebiets, die sogar die anderen außenstehenden Gebiete noch neutralisieren würde, wenn nicht zu gleicher Zeit entgegengesetzte Aktionen unternommen würden.

In „Le Monde“ vom 5. Januar 1957 spricht Pierre Drouin von der Ausdehnung des Hobbys als der Verwirklichung des Wirkungsvermögens, das die Arbeiter nicht mehr in ihrer Berufstätigkeit finden können, und er schließt daraus, dass es in jedem Menschen „einen schlummernden Schöpfer gibt“. Diese alte Binsenweisheit ist heute brennend wahr, wenn man sie mit den wirklichen materiellen Möglichkeiten unserer Epoche verknüpft. Der schlummernde Schöpfer muss erwachen und sein Wachsein darf wohl situationistisch genannt werden.

Durch den Gedanken der Standardisierung wird die Verminderung und die Vereinfachung möglichst vieler menschlicher Bedürfnisse zur grössten Gleichheit angestrebt. Es hängt von uns ab, ob dieser Gedanke interessantere Versuchsfelder als die, die er verschließt, eröffnet oder nicht. Je nach dem Ergebnis kann man zur totalen Verdummung des menschlichen Lebens oder zur Möglichkeit geführt werden, ständig neue Begierden zu entdecken. Diese neuen Begierden werden aber in dem Unterdrückungsrahmen unserer Welt nicht von selbst zutage treten. Eine gemeinsame Aktion ist unbedingt notwendig, um sie aufzuspüren, zu offenbaren und zu verwirklichen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1976
Numéro 1, Seite 22
Autor/inn/en:

Asger Jorn:

Geboren 1914 in Vejrum (Jütland), gestorben 1973 in Aarhus. Maler, Bildhauer, Keramiker. Gründungsmitglied der Gruppe CoBrA und der Situationistischen Internationale. Er beginnt als Porträt- und Landschaftsmaler und wendet sich ab 1934 der abstrakten Malerei zu. Jorn nennt seine Kunst auch „Forschungsmethode“ zur Erkundung des mythischen Kerns der menschlichen Wirklichkeit, den er in seiner Interpretation darstellt.

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Lizenz dieses Beitrags:
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