Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1990 » Nummer 49
Andrea Komlosy
Dämonisierung und Ausrottung gesellschaftlicher Außenseiter

Die Salzburger Zauberjackl-Bande

Drei Morde an schwangeren Frauen gestand der Landstreicher Hans Reithueber, als ihm am 30. April 1681 in Salzburg erneut die Folterschrauben angesetzt wurden. Bei lebendigem leib habe er ihnen den Bauch aufgeschnitten, die Kinder herausgenommen und verbrannt, um aus der Asche einen zauberkräftigen „Stupp“ für den Schadenszauber zu bereiten. Oder aber — so bekannte der „Zigeunerhiesel“ genannte Mathias Grebler am 29. Juli 1678, als man ihn auf die ‚Leiter‘ spannte und mit schweren Gewichten behängte — man schnitt ungeborenen Knaben die rechte Hand ab, um daraus den Fingertalisman zu gewinnen, der Einbrecher vor dem Erkanntwerden schützen würde.

Pate bei allen diesen Taten stand stets der Teufel. Opferstockdiebstahl und Sabbatritt, Kindestötung, Hostienschändung und Teufelspakt, Sodomie, Homosexualität und Buhlschaft mit dem Bösen gestanden die 180 Verhörten des großangelegten Salzburger Zauberer-Prozesses der Jahre 1675-1681. Verblüffend ähnlich lauteten die Geständnisprotokolle. Die vorgefertigten Fragen übernahmen die Richter aus dem berühmt-berüchtigten „Hexenhammer“, die belastenden Antworten wurden den Beschuldigten mit allen nur erdenklichen Peinlichkeiten der Folter- und Inquisitionstechnik abgepreßt. Wir haben alles schwarz auf weiß, aber was davon war wahr, was in Folterpein phantasiert? Welche Verbrechen wurden begangen, welcher Zauber praktiziert? Wie gelangten die Quälereien und Perversionen, wie die Sabbatflüge und Tierverwandlungen in die Vorstellungswelt der Folterer und Gefolterten?

Die Rekonstruktion des Tatbestandes bleibt notwenigerweise fiktiv. Was wir wissen: Kopf der Bande war der Lungauer Abdeckersohn Jakob Koller, auch Zaubererjackl genannt. Seine Heimat war die Landstraße — Bettler, Gauner, Gaukler, Landstreicher, Waisenkinder, Zigeuner —, sein Ziel die Organisation des fahrenden Volkes. Wer mit dabei sein wollte, bezeugte dies mit einer Unterschrift aus Blut und nahm einen neuen Namen an: Blabeigl, Feldratz, Pumpum oder, in Anlehnung an die bekannte „Landstörzerin“ der zeitgenössischen Simplicissimus-Schriften, Courage. Besonders vagabundierende Kinder und Jugendliche, denen Jackl das Handwerk der Straße beibrachte, fühlten sich in der Bande zu Hause.

Als Max Gandolf von Kuenburg im Jahr 1668 die Herrschaft im Erzbistum Salzburg antrat, erklärte er die Ausrottung des Bettler- und Landstreicherunwesens zu seinem obersten Ziel. 1775 wurde die „Schinderbärbl“, Kollers Mutter, bei einer Streifung gefaßt und als Hexe hingerichtet. Sie gestand Opferstockdiebstähle, Paß-Stehen, Teufelspakt und Wettermachen. In den nächsten Jahren war das fahrende Volk auf Salzburgs Straßen seines Lebens nicht mehr sicher. Unter dem Vorwand von Zauber und Hexerei wurden zwischen 1675 und 1681 140 Personen wegen Mitgliedschaft in der Zaubererjacklbande grausam hingerichtet, darunter zahlreiche Kinder. Ganze Familien wurden ausgerottet, die überlebenden Vaganten verließen fluchtartig das Land.

Systematische Säuberungen

Tatsächlich waren die Straßen Salzburgs nach dem Ende des 30jährigen Krieges ein Anziehungspunkt für Bettler und fahrendes Volk, für Soldaten, die ihre Familien, und für Kinder, die ihre Eltern verloren hatten. Sich ihrer zu entledigen, war erklärtes Ziel des Erzbischofs. Die Urteile des Zaubererjackl-Prozesses trafen ausschließlich gesellschaftliche Außenseiter, Angehörige der untersten sozialen Schichten. Was immer sie begangen haben mögen — hingerichtet wurden sie als unberechenbare, sich geregelter Arbeit entziehende Bevölkerungsgruppe, mit der sich kein Staat machen ließ. Wie die Frauen, die damals massenweise als Hexen abgeurteilt wurden, paßten die Landstreicher und Bettler nicht ins Weltbild des gegenreformatorischen Wiederaufbaus. Einmal als Zauberer überführt, fielen sie Scheiterhaufen und Fallbeil zum Opfer.

Nach 30 furchtbaren Kriegsjahren mit bis zu 50prozentigen Bevölkerungsverlusten in manchen Gegenden müssen die Sitten ungemein verroht und verwildert gewesen sein. Es ist also nicht auszuschließen, daß die Vagabunden der Straße als Bettler, Wegelagerer und Diebe eine echte Plage für die vom Krieg ausgelaugte seßhafte Bevölkerung darstellten und manche von ihnen echte Verbrechen begangen hatten.

„Kuß auf des Teufels Hintern“, Compendium Maleficiarum (1626)

Im Labyrinth der Hexenlehre

Der volkstümliche Glaube an Zauberkräfte, die Glück und Unglück, Fruchtbarkeit und Mißernte, Leben und Verderben bedingten, war seit dem Aufkommen der theologischen Hexenlehre im 15. Jahrhundert einem tiefgreifenden Wandel unterzogen. Unter dem Eindruck der Folterpraktiken, Schauprozesse und Hinrichtungszeremonien der Inquisition begannen die neuartigen Teufelsbund- und Sabbatvorstellungen der Hexenrichter den alten Zauberglauben der Menschen zu überlagern. Die Fahrenden mögen zu jenen gehört haben, die die Kunde der neuen Hexenlehre über die Lande verbreiteten — und selbst ihren Vorstellungen erlagen. Der im 17. Jahrhundert entstehende spezifische Gauner-Aberglaube hat althergebrachte Praktiken wie das Unverwundbar- und Unsichtbarmachen mit Perversionen aus der Hexenlehre gepaart. Das Eingeständnis brutaler Verbrechen im Bunde mit dem Teufel mag darin seine Erklärung finden. Ein Beweis dafür, daß sich solche Verbrechen tatsächlich zugetragen haben, sind diese Geständnisse dennoch nicht. Denn die Antworten fügen sich allesamt nahtlos in den inquisitorischen Fragenkodex ein, den die Dominikaner Institoris und Sprenger im Auftrag von Papst Innozenz VIII. mit ihrem „Hexenhammer“ popularisiert hatten.

Der Jackl als Faustfigur

Der tatsächlichen Brutalität der der Zauberei Überführten widerspricht im übrigen auch die positive Haltung, die die Salzburger Bevölkerung dem Zaubererjackl entgegenbrachte. Sie gab ihm Unterschlupf, schützte ihn und lieferte ihn trotz hohen Kopfgelds nicht an die Behörden aus — nur so ist erklärbar, daß Jakob Koller der großangelegten Landstreicherverfolgung der 1670er Jahre entging. In der volkstümlichen Überlieferung gilt der Zaubererjackl als schalkhaft-aufsässige Eulenspiegel- oder Faust-Figur, ein verwegener Wilderer und Anwalt der sozialen Unterschichten, der einfältigen Bauern wie Beamten immer wieder gerne einen boshaften Schabernack spielte.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1990
Nummer 49, Seite 61
Autor/inn/en:

Andrea Komlosy:

Geboren 1957 in Wien, Wirtschafts- und Sozialhistorikerin ebenda.

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