Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1990 » Nummer 49
Jutta Ditfurth

Die Saat geht auf

Schon im nächsten Jahr sollen lebende Organismen in der EG patentierbar sein.

1990 wird das EG-Parlament beschließen, ob es — wie die USA — die Patentierung lebender Organismen zuläßt. Rund 90 Labors und etliche Töchter ausländischer Chemie- und Pharmafirmen tummeln sich in Österreich in Sachen Gentechnologie im gesetzesfreien Raum, ohne spezielle Auflagen, ohne Genehmigungsverfahren, ohne Kontrolle, aber mit kräftiger staatlicher Förderung. Währenddessen tobt in der Bundesrepublik eine harte Auseinandersetzung über die Risiken der neuen technischen Verheißung. Gentechnik hilft — sagen diejenigen, die an ihr verdienen — gegen den Hunger in der Welt, gegen Krebs, gegen Erbkrankheiten, Behinderungen, Unfruchtbarkeit. Was aber sind die Hauptentwicklungsrichtungen und Auswirkungen auf Mensch und Natur? Wer investiert Milliardenbeträge und mit welchen ökonomischen und politischen Interessen?

Entwicklungsländer sind in unterschiedlichster Weise den Bedingungen des kapitalistischen Weltmarktes unterworfen. Multis haben vielerorts die einheimische Wirtschaft und Landwirtschaft besiegt, regionale oder nationale Konkurrenz aus dem Feld gejagt, Widerstand auch militärisch gebrochen. Tier- und Pflanzenarten sterben, die Böden sind durch Monokulturen für die Bedürfnisse in den Industrienationen ausgelaugt, das Wasser vergiftet. Die Selbstbestimmung der Menschen liegt in Hunger und Elend begraben. Also gut vorbereitete Bedingungen für den Verkauf gentechnischer Agrarprodukte. Abhängig gemachte Länder sind zur Abnahme von gentechnisch manipuliertem Saatgut gezwungen, das so ohne Dünger und Pestizide des gleichen Konzerns nicht mehr wächst. Der Hunger von morgen wird höchst profitabel organisiert. Kolonialismus ganz ohne Krieg. Inzwischen ist auch die Weltbank ins lukrative Gen-Agrar-Geschäft eingestiegen.

Genomanalysen helfen in der chemischen Industrie zum Beispiel, diejenigen Arbeitssuchenden oder Arbeitenden zu selektieren, die die gesundheitszerstörenden Anforderungen einer im Kern unveränderten Produktion nicht aushalten und bei Krankheit zu viele Kosten verursachen könnten. Noch ein Alibi für weitere Vergiftung und die Beibehaltung zerstörerischer Produktion: Umweltgifte sollen von genmanipulierten Kleinlebewesen einfach aufgefressen werden, die aber werden ungeahnte synergistische Wirkungen entfalten, können mutieren, sind ein sich selbst vermehrendes offenes Risiko. Viele Ursachen von Krebs sind bekannt: Radioaktivität, Umweltgifte, eine falsche Energie- und Verkehrspolitik. Macht es nicht mißtrauisch, daß die dafür Verantwortlichen an den Krebsursachen nichts ändern, in die angebliche gentechnische Reparatur von Krebsleiden aber Milliarden D-Mark stecken wollen?

Eugenik und Menschenzüchtung kommen auf leisen, schnellen Sohlen. Je erfolgreicher die Möglichkeit, immer mehr „Behinderungen“ beim ungeborenen Kind festzustellen, desto größer ist die Zwangsproduktion perfekter Babies, die den (neuen) gesellschaftlichen Normen entsprechen. Nach der sorgfältigen Erfassung des „unwerten Lebens“ kamen im deutschen Faschismus Sterilisierung und Tod, der „gesunde Volkskörper“ mußte von „krankem Erbgut“ gesäubert werden. Die Lehrer der modernen Eugeniker stammen aus jener unverarbeiteten Zeit. Zugleich verschafft die Reproduktionstechnologie den Lebensingenieuren den wissenschaftlich gerechtfertigten Zugriff auf die Körper der Frauen und deren Enteignung.

Der Weltumsatz der Biotechnologie wird auf rund 240 Milliarden US-Dollar geschätzt, mit jährlichen Zuwachsraten von 40%. Mehr als 260 Millionen D-Mark flossen 1988 aus dem bundesdeutschen Forschungsetat in Projekte, deren Ergebnisse fast ausschließlich privatwirtschaftlichen Profiten nützen. Fast 800 genaktive Firmen gibt es in der BRD, allen voran nehmen die IG-Farben-Nachfolger Bayer, Hoechst, BASF und Schering unser zu manipulierendes Leben fest in die Hand. Und wo der öffentliche Protest ein bißchen zu lästig wird, macht man Deals mit Osteuropa oder der „3. Welt“: Ungehemmte Freisetzungsversuche im Zwangsaustausch gegen „Entwicklungshilfe“.

Die GentechnikkritikeıInnen haben mit dem Beschluß des Hessischen Verwaltungsgerichtshofes, den Bau einer gentechnischen Anlage (zur Herstellung von Humaninsulin) der Hoechst AG zu stoppen, einen weitreichenden Beschluß erwirkt.
Aber es gibt bei den bundesdeutschen KritikerInnen zwei unterschiedliche Strategien: Der angepaßtere Teil will sich nur noch an Gesetzesentwürfen entlang hangeln und ganz immanent Fehler kritisieren, aus der uralten, selbstlähmenden Angst, als fortschrittsfeindlich zu gelten, und wird damit nichts bremsen. Die anderen kritisieren dies grundsätzlich: „Nicht nur eine fehlermachende Gentechnologie ist eine Katastrophe, sondern schon eine ganz normal funktionierende.“

Wir leben in einem Zustand ökologischer Gefährdung, der keine neuen Risiken mehr erlaubt. Wir brauchen den vollständigen Stopp der gentechnologischen Forschung. Wir brauchen Zeit für eine industrieunabhängige und öffentliche Auseinandersetzung mit der Gentechnologie, auch um abzuwägen, ob behauptete positive Ergebnisse wirklich alternativlos sind, z.B. in der Medizin, was ich bestreite, und einen Einsatz rechtfertigen, der zweifelsfrei in anderen Bereichen mit katastrophalen „Neben“wirkungen verbunden ist. Die Gentechnik erweist sich nach Prüfung als in den langfristigen Folgen unbezahlbare Reparaturtechnik für Schäden, die vorrangig diejenigen angerichtet haben, die jetzt mit ihr das große Geschäft machen wollen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1990
Nummer 49, Seite 29
Autor/inn/en:

Jutta Ditfurth:

War bis Ende 1988 Sprecherin der bundesdeutschen Grünen und lebt in Frankfurt.

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