Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 9
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • Situationistische Internationale

Die S.I. jetzt

Jede Periode gestaltet selbst ihr menschliches Material und hätte unsere Epoche theoretische Arbeiten wirklich nötig, so würde sie die zu ihrer Befriedigung notwendigen Kräfte selbst schaffen.

Rosa Luxemburg in Vorwärts vom 14.März 1903.

Jetzt, wo die Situationisten schon eine Geschichte haben und es sich herausstellt, dass es ihnen durch ihre Tätigkeit gelungen ist, eine zwar sehr besondere aber bestimmt wesentliche Rolle in der kulturellen Auseinandersetzung der letzten Jahre zu spielen, werfen gewisse Leute der S.I. ihren Erfolg und andere ihr ihren Misserfolg vor.

Um die wirkliche Bedeutung dieser Ausdrücke, sowie fast alle Urteile der etablierten Intelligenz über die S.I. zu verstehen, muss man sie zunächst umkehren. In dem, was allgemein als Erfolg gilt, liegt eben die Misserfolgsseite der S.I.: in dem künstlichen Wert, den man jetzt bei uns zu schätzen beginnt; in der ersten soziologischen bzw. urbanistischen Mode, zu der jetzt einige unserer Thesen gelangen oder im persönlichen Erfolg schlechthin, der jedem Situationisten am Tage nach seinem Ausschluss quasi garantiert ist. Der tiefere Teil unseres Erfolgs besteht darin, dass wir den sich massenweise darbietenden Kompromissen Widerstand geleistet haben; dass wir nicht bei unserem ersten summarischen Programm stehengeblieben sind, sondern bewiesen haben, dass es sein hauptsächlicher Zug als Avantgardeprogramm war — trotz einiger anderer, die sichtbarer sind — dass es weiterführen musste; und somit darin, dass wir im bestehenden gegenwärtigen Rahmen immer noch von niemandem angesehen werden.

Sicher haben wir uns oft genug geirrt. Unsere Irrtümer haben wir aber oft richtiggestellt bzw. aufgegeben, obwohl gerade sie die Elemente des Erfolgs darstellen bzw. die, denen ein Maximum an Hilfe angeboten wurde, um sie zum Erfolg zu bringen. Es ist leicht, in unseren ersten Veröffentlichungen auf die Mängel, das Gewäsch, die aus der alten Welt der Kunst stammenden Phantastereien, die annähernden Einschätzungen der alten Politik hinzuweisen — sie lassen sich übrigens am leichtesten im Lichte der späteren Schlussfolgerungen der S.I. kritisieren. Natürlich hat ein anderes Element weniger Spuren in unseren Schriften hinterlassen, das aber sehr schwerwiegend war: eine nihilistische Enthaltsamkeit, eine schwere Unfähigkeit bei vielen unter uns, über die ersten Anfänge eines positiven Dialogs hinaus zu denken und zu handeln. Was fast immer mit der abstraktesten und trügerischsten Forderung eines fleischlosen Radikalismus gut zusammenpasst.

Eine Abweichung hat uns doch ernstlicher als alle anderen bedroht — und zwar das Risiko, uns nicht deutlich genug von den modernen Tendenzen zu unterscheiden, die für die neue Gesellschaft, zu der der Kapitalismus uns geführt hat, Erklärungen und Vorschläge haben, wobei alle nur Tendenzen der Integrierung in diese Gesellschaft unter verschiedenen Masken sind. Seit Constants Interpretation des unitären Urbanismus ist diese Tendenz in der S.I. zum Ausdruck gekommen und sie ist unendlich viel gefährlicher als die alte, von uns so stark bekämpfte Kunstauffassung. Sie war moderner, also weniger offensichtlich klar und sicherlich aussichtsreicher. Unser Projekt ist gleichzeitig mit den modernen Integrationstendenzen zustandegekommen. Der direkte Gegensatz und auch der Schein der Ähnlichkeit liegen also darin, dass sie alle wirklich zeitgenössische Erscheinungen sind. Auf diesen Aspekt haben wir nicht genügend geachtet — und zwar noch bis vor kurzem. So ist es z.B. nicht unmöglich, Alexander Trocchis Vorschläge in der Nummer 8 dieser Zeitschrift trotz ihres selbstverständlich entgegengesetzten Geistes als etwas zu verstehen, das mit diesen armseligen Versuchen einer „psychodramatischen“ Rettung der aufgelösten Kunst verwandt sein könnte, wie sie z.B. in Paris im Mai durch den lächerlichen Workshop des freien Ausdrucks geäußert wurden. Der Punkt aber, zu dem wir gelangt sind, macht unser Projekt und umgekehrt auch das Integrationsprojekt klarer. Alle Fälle einer wirklich modernen und nicht revolutionären Forschung müssen jetzt als unser Feind Nummer 1 betrachtet und behandelt werden. Sie verstärken alle vorhandenen Kontrollen.

Dafür müssen wir nicht die äußerste Position der modernen Welt mit dem einzigen Zweck verlassen, ihr überhaupt nicht ähnlich zu sein oder sogar sie nichts lehren zu wollen, was gegen uns gebraucht werden könnte. Es ist ganz normal, dass es unseren Feinden gelingt, aus uns teilweisen Nutzen zu ziehen. Wir wollen ihnen weder den aktuellen Kulturbereich überlassen noch uns mit ihnen vermischen: es ist klar, dass dieselben Scheinheiligen, die bereit sind, uns bei ehrfurchtsvoller Entfernung zu bewundern und zu verstehen, uns gern die Reinheit des ersteren Verhaltens empfehlen, während sie selbst das zweite wählen würden. Wir lehnen diesen verdächtigen Formalismus ab: genauso wie das Proletariat können wir nicht beanspruchen, unter den gegebenen Verhältnissen unausbeutbar zu sein. Das soll nur zum Risiko der Ausbeuter geschehen. Die S.I. hat sich deutlich in die Perspektive einer Alternative zur herrschenden Kultur und besonders zu deren sogenannten Avantgardeformen gestellt. Die Situationisten meinen, dass sie von der toten Kunst — bzw. vom getrennten philosophischen Denken, dessen Leiche trotz der aktuellen Bemühungen keiner „wiederherstellen“ kann — erben sollen, da das diese Kunst und dieses Denken ersetzende Spektakel selbst das Erbe der Religion ist. Und genauso wie damals die „Kritik der Religion“ (die die heutige Linke zusammen mit jedem Denken und jeder Aktion aufgegeben hat) ist heute die Kritik des Spektakels die Voraussetzung aller Kritik.

Der Weg der perfekten polizeilichen Kontrolle über alle menschlichen Tätigkeiten und der der freien, unendlichen Schöpfung aller menschlichen Tätigkeiten ist ein und derselbe — und zwar der Weg der modernen Entdeckungen. Zwangsläufig gehen wir denselben Weg wie unsere Feinde — wobei wir ihnen meistens vorangehen — diesen Weg müssen wir aber mit aller Deutlichkeit als Feinde gehen. Der Bessere wird gewinnen.

Die gegenwärtige Epoche kann zwar vielfache Neuerungen ausprobieren, aber nicht anwenden, da sie an die grundsätzliche Aufrechterhaltung einer alten Ordnung gebunden ist. Die Notwendigkeit einer revolutionären Umwandlung der Gesellschaft ist das Delenda est Carthago aller unserer bahnbrechenden Reden.

Die revolutionäre Kritik aller bestehenden Verhältnisse besitzt sicher nicht das Monopol für die Intelligenz, wohl aber das für ihre Anwendung. In der gegenwärtigen Krise der Kultur und der Gesellschaft haben diejenigen, die diese Intelligenz nicht anwenden können, praktisch keine erkennbare Intelligenz irgendeiner Art. Hört doch auf, uns von einer anwendungslosen Intelligenz zu erzählen, wir werden uns schon freuen! Armer Heidegger! Armer Lukacs! Armer Sartre! Armer Barthes! Armer Lefebvre! Armer Cardan! Nur Ticks, Ticks und wieder Ticks. Ohne die Anwendungsfähigkeit der Intelligenz kann man die erneuernden Ideen nur als groteske Fragmente besitzen, d.h. diejenigen, die die Totalität unserer Epoche mit der gleichen Bewegung verstehen können, mit der sie sie kritisieren. Diese Ideen kann man nicht einmal harmonisch abschreiben, wenn man ihnen dort begegnet, wo sie schon vorhanden sind. Die spezialisierten Denker können aus ihrem Bereich nur hinaustreten, um als die frömmelnden Zuschauer eines gleichfalls ruinierten benachbarten Spezialfachs aufzutreten, das sie bisher ignoriert hatten, das aber jetzt Mode wird. Der ehemalige Spezialist der ultra-linken Politik wundert sich, zusammen mit dem Strukturalismus und der Psychosoziologie, eine für ihn ganz frische ethnologische Ideologie zu entdecken: dass die Zuni-Indianer keine Geschichte hatten, erscheint ihm als die einleuchtende Erklärung seiner eigenen Unfähigkeit in unserer Geschichte zu handeln. (Lachen Sie sich beim Lesen der 25 ersten Seiten der Nummer 36 der Zeitschrift Socialisme ou Barbarie kaputt!). Die Spezialisten des Denkens können nur noch Denker der Spezialisierung sein. Wir behaupten nicht, das Monopol für die Dialektik, von der jeder redet, zu haben — wir behaupten nur, das provisorische Monopol für ihre Anwendung zu haben.

Man wagt immer noch, unseren Theorien die Forderung der Praxis entgegenzustellen und diejenigen, die bei diesem Grad an methodologischem Wahnsinn von ihr sprechen, haben sich noch dazu als reichlich unfähig erwiesen, bei der kleinsten Praxis irgendeinen Erfolg zu haben. Während die revolutionäre Theorie in unserer Epoche wiedererscheint und sich nur auf sich selbst verlassen kann, um sich durch eine neue Praxis zu verbreiten, scheint uns das schon ein wichtiger praktischer Anfang zu sein. Diese Theorie befindet sich am Ausgangspunkt im Rahmen der neuen staatlich anerkannten Ignoranz, die durch die von den Massen viel radikaler als im XIX. Jahrhundert getrennte, aktuelle Gesellschaft verbreitet wird. Wir haben normalerweise an ihrer Isolierung, Gefahr und ihrem Schicksal teil.

Um mit uns ins Gespräch zu kommen, ist es also passend, nicht schon selbst kompromittiert zu sein und zu wissen, dass wir, wenn wir uns vorübergehend in vielen einzelnen Perspektiven täuschen können, es niemals akzeptieren werden, uns in unserem negativen Urteil über Menschen getäuscht zu haben. Unsere qualitativen Wertmesser sind viel zu sicher, als dass wir uns erlauben könnten, darüber zu diskutieren. Es ist also unnütz, uns näher zu kommen, wenn man mit unserer Verurteilung zeitgenössischer Persönlichkeiten bzw. Tendenzen theoretisch und praktisch nicht einverstanden ist. Ein Teil der Denker, die jetzt dabei sind, die moderne Gesellschaft zu kommentieren und einzurichten, haben sie schon nur mit veralteteren Worten kommentiert und letzten Endes aufrechterhalten, als sie z.B. Stalinisten waren. Jetzt werden sie sich unverfroren und genauso frisch und froh wie damals wieder auf einen zweiten Konkurs einlassen. Andere, die sie während der vorigen Phase bekämpft haben, schließen sich jetzt an sie an, um sich endlich mit ihnen in der Neuigkeit vereint zu fühlen. Alle Spezialisierungen der Illusion dürfen an unabsetzbaren Lehrstühlen gelehrt und erörtert werden. Die Situationisten lassen sich in dem außerhalb dieses Spektakels liegenden Wissen nieder — wir sind keine staatlich anerkannten Denker.

Es ist unsere Aufgabe, eine kohärente Begegnung zwischen den in der Welt als Tatsachen und Ideen zerstreuten Elementen der Kritik und der Negation zu organisieren; zwischen diesen bewusst gewordenen Elementen und dem ganzen Leben derer, die sie tragen; schließlich zwischen den Leuten bzw. den ersten Gruppen, die hier und dort auf diese Ebene des geistigen Wissens und der praktischen Kritik zutagetreten. So ist zur Zeit die Koordinierung dieser Versuche und Kämpfe auf der praktischsten Ebene — durch eine neue internationale Verbindung — nicht zu trennen von der Koordinierung auf der theoretischsten Ebene (die durch mehrere, derzeit von Situationisten vorbereiteten Werke ausgedrückt werden soll). Um das klarer zu machen, was manchmal bei der Darlegung unserer Thesen allzu abstrakt geblieben ist, haben wir z.B. in dieser Nummer einer kohärenten Darstellung von in gewöhnlichsten Informationen schon vorhandenen Elementen einen breiten Raum gelassen. Unsere weiteren Arbeiten sollen in umfassenderen Formen ihren Ausdruck finden. Sie werden beträchtlich über das hinausgehen, was wir womöglich selbst unternommen haben.

Während die zeitgenössische Unfähigkeit sich in diesen Jahren am verspäteten Projekt weidet, „ins XX. Jahrhundert einzutreten“, muss man unseres Erachtens so bald wie möglich diesem Leerlauf ein Ende setzen, der das Jahrhundert beherrscht hat — sowie übrigens bei derselben Gelegenheit auch dem christlichen Zeitalter. Hier wie anderswo handelt es sich darum, das Maß zu überschreiten. Unser Unternehmen ist das Beste, was bisher gemacht wurde, um das XX. Jahrhundert zu verlassen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1977
Numéro 9, Seite 3
Autor/inn/en:

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Situationistische Internationale: Situationistisch / Situationist: All das, was sich auf die Theorie oder auf die praktische Tätigkeit von Situationen bezieht. Derjenige, der sich damit beschäftigt, Situationen zu konstruieren. Mitglied der situationistischen Internationale.
Situationismus: Sinnloses Wort, missbräuchlich durch Ableitung des vorigen gebildet. Einen Situationismus gibt es nicht — was eine Doktrin zur Interpretation der vorhandenen Tatsachen bedeuten würde. Selbstverständlich haben sich die Anti-Situationisten den Begriff „Situationismus“ ausgedacht.

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