Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1990 » Nummer 58
Andrea Komlosy
Industriearchäologie im Waldviertel:

Die Region ins Museum?

K.k. priv. Modewarenfabrik Hackl in Weitra, Webtrakt und Herrenhaus
Foto: Andrea Komlosy

Engelbrechts bei Kautzen: Herr Österreicher steht im Hoftrakt seines Bauernhauses, der vor 40 Jahren vom Stall zum Webraum umgebaut wurde. Die drei hölzernen Frottierwebstühle mit ihren mächtigen „Jacquard“-Maschinen, über ein System von Transmissionen angetrieben, sind voll funktionsfähig. Herr Österreicher ist Pensionist. Er hat die Weberei Zeit seines Lebens neben der Landwirtschaft betrieben, ein echter Nebenerwerbsunternehmer also, den es auch heute noch oft in seine Werkstatt zieht.

Szenenwechsel. Websaal der Möbel- und Dekorstoffweberei „Backhausen & Söhne“ in Hoheneich: moderne, elektronisch gesteuerte „Jacquard“-Automaten erzeugen unter ohrenbetäubendem Getöse bunt gemusterte Stoffe, Brokate, Damaste. Bis zu 40 Webstühle, von Neonröhren in gleißendes Licht getaucht, werden von einem Arbeiter betreut. Das Wiener Unternehmen, das die Fertigung im Jahr 1870 der niedrigeren Produktionskosten wegen ins Waldviertel verlagerte, zählt heute zu den erfolgreichsten Waldviertier Exportbetrieben. Architektonisch besticht der Fabrikskomplex, der neben den Nutzbauten Herrenhaus, Arbeiter- und Beamtenwohnhäuser umfaßt, durch die Kombination verschiedener Baustile: von der mehrstöckigen Holzkonstruktion über ebenerdige Websheds sowie eine der ersten Stahlbaukonstruktionen bis hin zur grobklotzig-modemen Maschinenhalle.

Wenige Kilometer flußaufwärts: Die „Anderlfabik“, Kleedorf, ein alter Rohwebereibetrieb mit dazugehöriger Arbeitersiedlung, deren äußerer und innerer Zustand Besucherinnen in die Zeit des ausklingenden 19. Jahrhunderts versetzt. Geradezu romantisch anmutende historische Fabriksarchitektur, ein veralteter Maschinenpark, gepaart mit wenig attraktiven, unterbezahlten Arbeitsplätzen — eine Merkmalskombination, die das Überleben dieses Betriebes an einem dünnen Faden hängen läßt.

Ein Sprung nach Heidenreichstein, Proletarierhochburg des nördlichen Waldviertels, die im Jahr 1979 durch den plötzlichen Zusammenbruch mehrerer Betriebe mit einem Schlag 1.500 Arbeitsplätze verlor. Einer dieser Betriebe war die große Spinnerei- und Wirkwarenfabrik „Patria“, in den 1950er Jahren mit 700 Beschäftigten eine der größten Strumpffabriken Österreichs, die trotz wiederholter Sanierungsversuche nicht mehr hochzubringen war. Als letzter Kandidat versuchte sich 1984 ein indisch-amerikanischer Textilmaschinenkonzern. Unter Ausnutzung der Grenzlandförderung stellte der hauptsächlich an „3. Welt“-Standorten erprobte indische Geschäftsführer den Spinnereibetrieb auf ein hochmodernes Open-end-Verfahren um, um schließlich 1987 wegen des „geringen Entgegenkommens öffentlicher Stellen“ das Handtuch zu werfen. Einzig allein das nunmehr anderwärtig genutzte Färbereigebäude mit seinem hochragenden Schlot sowie die „Honig-Kolonie“, die Werkssiedlung des einstigen Großbetriebs, sind heute noch erhalten.

Charakteristisch für die Waldviertler Textilindustrie ist bis heute ein breites Spektrum verschiedenster Unternehmens- und Unternehmertypen, zu unterscheiden bereits am Fahrzeug, mit dem sie sich fortbewegen. Herr Österreicher hat im Stall neben dem Webraum einen Traktor stehen, den er, wenn Not am Manne ist, immer noch chauffiert. Die Herren Backhausen verfügen über vierradgetriebene Geländewagen — wohl nicht von der billigsten Kategorie. Den Weg aus der Fabrik ins nahe Herrenhaus können sie freilich auf der Privatstraße zu Fuß zurücklegen. Der Besitzer der legendären „Anderlfabrik“ dagegen hat sein Gefährt den finanziellen Verhältnissen seines Betriebs angepaßt: Mehr als ein klappriger „VW-Käfer“ ist offenbar nicht drin. Mister Majmudar, letzter „Patria“-Direktor, der am Wochenende stets die Flucht nach Wien angetreten hat, hat Österreich längst den Rücken gekehrt, per Flugzeug.

So unterschiedlich die genannten Betriebe anmuten, eines haben sie gemeinsam: Sie sind Stationen der neueröffneten „Waldviertler Textilstraße“, einer Besichtigungsroute durch das Obere Waldviertel, die — anknüpfend an die textilindustrielle Tradition — durch historische Industriearchitektur und bestehende Betriebe dieser Region führt.

Notstand in der Textilregion

Die Geschichte des Waldviertels ist seit alters her eng mit der Textilindustrie verwoben. Von der traditionellen Flachs- und Schafwollgewinnung und den Weberzünften, vom häuslichen Spinnen und Weben für die frühen Manufakturen, von den selbständigen Heimwebern und den abhängigen Heimarbeitern bis hin zu den großbetrieblichen Formen der Spinnerei-, Weberei- und Wirkwarenindustrie bestimmte die Herstellung von Textilien die gewerbliche Tätigkeit im Waldviertel und prägte Menschen und Landschaft. Arbeit in der Textilindustrie, 1971 mit 33% der industriell-gewerblichen Beschäftigten immer noch führende Branche des Oberen Waldviertels, war zentrale Grundlage des Überlebens. Wegen des niedrigen Lohn- und Qualifikationsniveaus, der Außenabhängigkeit vieler Betriebe und mangelnder Alternativarbeitsplätze war die textile Dominanz jedoch auch mit ein Grund, daß die Waldviertlerlnnen mehr schlecht als recht überlebten.

Seit Ende der 70er Jahre hat die Beschäftigung in der Textilindustrie einen jähen Einbruch erlebt. Krise der Weltwirtschaft, Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer sowie Rationalisierung haben zu Stillegungen und massiven Arbeitsplatzeinbußen im Waldviertel geführt. 1989 wurden im gesamten Wald- und Weinviertel nur mehr 2.000 unselbständig Beschäftigte in der Textilindustrie gezählt.

Vorbild Großbritannien

Das englische Vorbild nachzuahmen, hat in der Geschichte der österreichischen Textilindustrie eine lange Tradition. Von der Spinning Jenny bis zum Selfaktor, vom Schnellschützen zum mechanischen Webstuhl — alle wesentlichen Erfindungen der Textilbranche waren, bevor sie in Österreich zur Anwendung kamen, in England längst gang und gäbe. Sorgsam hütete die Industriemacht Nr. 1 die Geheimnisse ihres Vorsprungs. Österreichischen Industriellen gelang es Anfang des 19. Jahrhunderts dennoch, englische Mechaniker anzuwerben und mit ihrer Hilfe die Maschinen für eine der ersten und größten mechanischen Baumwollspinnereien des Kontinents zu konstruieren: die Pottendorfer Garn- und Manufakturgesellschaft.

Heute ist die unterdessen schwer in Bedrängnis geratene Weltmacht wegweisend in Sachen Industriearchäologie, der Erhaltung und Pflege von Industriebauten. Stillgelegte Bergwerke, verlassene Lagerhäuser und Dockanlagen, leerstehende Fabriken und ungenutzte Kanäle — das ist in vielen englischen Regionen das einzige, was vom einstigen Glanz noch übrig ist. Ehemalige Fabriken als Museum zu adaptieren, ausgediente Industrielandschaften zu technik- und wirtschaftsgeschichtlichen Freilichtmuseen umzufunktionieren, war eine Vorwärtsstrategie, die die Engländer unter dem Stichwort „Industrial Heritage“ früher als andere angetreten haben. Alte englische Industriegebiete haben oft keine anderen Attraktionen als Fabriksbauten, viktorianische Herrenhäuser und historische Reihenhaussiedlungen: Eine touristische Nutzung kann oft gar nicht umhin, an diese Bausubstanz anzuknüpfen, um Reisen anzubieten, Exkursionen in die Geschichte von Technik und Industriearbeit: Kanal- und Dampfeisenbahnfahrten, Besichtigung revitalisierter Bergwerksstollen und Textilfabriken, Arbeiterwohnhäuser, ja ganze rekonstruierte Kleinstädte mit Geschäften, Werkstätten, Vergnügungsetablissements. Neue Einnahmequellen und Freizeitaktivitäten waren geschaffen. Und mit Museums-Fabrik, Freilichtmuseum und Industrielehrpfad standen Medien zur Bearbeitung der Unsicherheiten zur Verfügung, die sich aus Arbeitsplatzverlust und dem Übergang in die postindustrielle Gesellschaft ergaben.

Wie diese Medien zur Bewältigung der Gegenwart eingesetzt werden, ist von Fall zu Fall verschieden. Allzu häufig überwiegt ein statisches Geschichtsbild, das die englische Industriegesellschaft der Jahrhundertwende romantisiert und — unter Ausklammerung sozialer Konflikte — mit „Vergangenheit“, dem „Damals“ gleichsetzt. Im Vordergrund steht die Technik, deren unaufhaltsamer Fortschritt schließlich auch die — implizite — Rechtfertigung für den heutigen Strukturwandel abgeben muß. Daneben gibt es andere Projekte, die Disziplinierung und Elend, Konflikt und sozialen Protest auf dem Weg in die Industriegesellschaft nicht aussparen und mit der kritischen Betrachtung der Geschichte weniger Halt als Mut zur aktiven Einmischung vermitteln möchten. Generell gilt: Je besser die finanzielle Ausstattung eines Projekts, desto ausgeprägter der Disneylandcharakter, der Jung und Alt in seinen Bann zu ziehen vermag.

Auf dem Weg in die Freizeitgesellschaft?

Mit einiger zeitlicher Verspätung kam die Musealisierung von Industrie und Arbeit auch nach Österreich. Ehemalige Fabriken werden in Museen umgewandelt, ehemalige Werkstätten abgetragen und im Museum wiederaufgebaut. Das „Sensenschmiedemuseum“ in Micheldorf (OÖ), das „Schaubergwerk“ in Hüttenberg (Kärnten), die „Walzengravieranstalt“ in Guntramsdorf (NÖ) sind Fälle, wo ein Betrieb originalgetreu in ein Museum umgewandelt wurde. Ein weitergehendes Anliegen verfolgt das Museum „Industrielle Arbeitswelt“ in Steyr, ebenfalls in einer alten Fabrik untergebracht, das einen wirtschafts- und sozialhistorischen Rundgang durch die einzelnen Etappen und Branchen der Industrialisierung von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart vermittelt. Im Waldviertel entstanden in den letzen beiden Jahren gleich drei Textilmuseen: das „Lebende Textilmuseum Groß-Siegharts“ in einer funktionsfähigen alten Bandfabrik, das „Museum Alte Textilfabrik Weitra“ in den Gebäuden der ehern, „k.k. priv. Modewarenfabrik Hackl & Söhne“ sowie das vorwiegend textiltechnisch orientierte „Erste Waldviertler Webereimuseum“ im Heimatmuseum Waidhofen a.d. Thaya.

Ein nächster Schritt war die Musealisierung ganzer Regionen — vornehmlich solcher, die als alte Industrieregionen mit Betriebsschließungen und Arbeitslosigkeit zu kämpfen hatten. Die wichtigsten Beispiele solcher, von den französischen Eco-Musées inspirierten integrierten Freilichtmuseen sind die „Steirische Eisenstraße“, die „Industriestraße Viertel unter dem Wienerwald“ und die „Waldviertler Textilstrasse“.

Der Errichtung der zahlreichen Industrie- und Arbeitsweltmuseen, der Ausdehnung des Museums über seine räumlichen Grenzen, der Einbeziehung des Umlandes, des Gegenwärtigen, liegt ein neues Geschichtsverständnis zugrunde. Nicht herausragende Personen und Objekte, sondern Alltag, Beziehungen zwischen den Menschen, Arbeits-, Wohn- und Lebensformen sind Gegenstand historischen Interesses. Wo einzelne Industriebranchen im Mittelpunkt stehen, geht es weniger um die Technik als um ihre Auswirkung auf die Menschen. Geschichte wird damit zum Instrument der Zukunftsbewältigung.

Dieser Trend im Museumswesen, der sich auch im Bemühen um bessere Vermittlung und Aktivierung der Besucher ausdrückt, stößt im Fall der regionalen Industriemuseen auf eine andere Entwicklungstendenz. Kultur- und Geschichtstourismus stehen derzeit in Regionalprogrammen ganz oben. Freizeit- statt Industriegesellschaft, Identität statt Arbeitsplätze lautet die Devise, mit der Regionalpolitiker die Tatsache vergessen machen wollen, daß die angestrebte Ansiedlung von Industriebetrieben nicht stattgefunden hat. Mangels dauerhafter gewerblicher Arbeitsplatzgründungen fördert man daher — als sichtbares Zeichen, daß für eine Region doch etwas getan wird — regionale Museen: Einerseits erfreulich, da daraus die notwendigen finanziellen Mittel zur Verwirklichung neuer Museumskonzepte resultieren, andererseits aber auch Ausdruck des Scheiterns regionaler Entwicklungspolitik. Wenn auch die Politikeraussagen gegenteilig lauten, ist klar: Trotz ihrer Anziehungskraft auf Touristen liegt die Bedeutung regionaler Industriemuseen hauptsächlich im immateriellen, im kulturellen Bereich. Im besten Fall können sie eigenständige Regionalentwicklung befördern, ersetzen können sie sie nicht.

Andrea Komlosy gestaltete das Museum „Alte Textilfabrik in Weitra“ und ist Autorin des Reiseführers „Waldviertler Textilstraße. Reisen durch Geschichte und Gegenwart einer Region“ (1990), zu beziehen im Buchhandel oder bei der Arge Waldviertler Textilmuseen, 3830 Waidhofen, Moriz Schadekg. 4.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1990
Nummer 58, Seite 46
Autor/inn/en:

Andrea Komlosy:

Geboren 1957 in Wien, Wirtschafts- und Sozialhistorikerin ebenda.

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