Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 6
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Asger Jorn • Hanna Mittelstädt (Übersetzung)

Die Pataphysik — Eine im Entstehen begriffene Religion

Scheinbar besteht die Geschichte der Religionen aus drei Entwicklungsstufen: die sogenannte materialistische bzw. natürliche Religion, die mit der Bronzezeit bereits ihre Reife erlangte; die metaphysische Religion, die mit der zorastischen Lehre anfängt, sich durch das Judentum, das Christentum und den Islam bis zur Reformation im XVI. Jahrhundert weiterentwickelt. Mit Jarrys Ideologie wird schließlich am Anfang unseres Jahrhunderts die Grundlage für eine neue Religion eines dritten Typs gelegt, die wohl die besten Aussichten darauf hat, im XXII. Jahrhundert über die ganze Welt zu herrschen — die pataphysische Religion.

Bis heute hat das pataphysische Unternehmen nur deswegen seine ganze religiöse Bedeutung noch nicht bekommen, weil die Pataphysik außerhalb eines kleinen Kreises von Gläubigen, die die lange Reihe der vertraulichen Hefte des pataphysischen Kollegiums herausgeben, keine Bedeutung hatte.

Den Amerikanern kommt die Ehre zu, die Pataphysik der Welt vorgestellt zu haben in einer Spezialnummer der Zeitschrift Evergreen, in der den großen pataphysischen Satrapen das Wort erteilt wurde. Natürlich wird in dieser Nummer das Wort Religion nicht offen ausgesprochen. Durch den riesigen Erfolg aber, den dieses neue Phänomen letztes Jahr bei der amerikanischen Intelligenz hatte, wird die Periode seiner objektiven Analyse eingeleitet. So dass es nicht lange dauern wird, bis man erkennt, worum es sich handelt.

Die natürliche Religion war eine geistige Bestätigung des materiellen Lebens. Die metaphysische Religion drückte das Vorhandensein eines immer tiefer werdenden Gegensatzes zwischen dem materiellen und dem geistigen Leben aus. Diese verschiedenen metaphysischen Glaubensarten weisen auf die verschiedenen Stufen dieser Polarisierung hin, die erschwert und gehemmt wurde durch das Festhalten an den natürlichen Riten und Kultformen, deren Umwandlung in metaphysische Kultformen, Riten und Mythen mehr oder weniger erfolgreich war. Wie absurd das Vorhandensein dieser kulturellen Mythologie zu einer Zeit war, in der die wissenschaftliche Metaphysik schon gesiegt hatte, hat Kierkegaard klar bewiesen, indem er folgende Bestätigung des Christentums wählte: man muss an das Absurde glauben. Die nächste Frage lautete: „Warum denn?“ und die einleuchtende Antwort, dass die weltlichen, politischen und sozialen Autoritäten es brauchten, um die geistige Rechtfertigung ihrer Macht zu erhalten. Ein rein materielles, antimetaphysisches Argument einer Zeit, in der die radikale Kritik aller alten Mythologien begonnen hat.

Von allen Seiten wurde jedoch nach einer neuen Mythologie verlangt, die fähig sein sollte, den neuen gesellschaftlichen Forderungen zu entsprechen. Auf diesem metaphysischen Abstellgleis sind der Surrealismus, der Existentialismus und auch der Lettrismus verschwunden. Die klassischen Lettristen, die sich in dieser Richtung weiter bemüht haben, sind am weitesten — rückwärts — gegangen, indem sie all die Elemente sorgfältig vereinigt haben, die sich gerade mit einem modernen und universellen Glauben nicht vereinigen lassen — und zwar der wiederaufgenommene Gedanke des Messias und sogar der Auferstehung der Toten; all das, was den einseitigen Charakter des Glaubens garantiert. Seitdem die Politiker das Mittel besitzen, augenblicklich das Ende der Welt heraufzubeschwören, ist all das, was mit dem Jüngsten Gericht zu tun hat, zur Staatsangelegenheit geworden. Vollkommen säkularisiert. Das metaphysische Widerstreben gegen die physische Welt ist endgültig zusammengebrochen. Der Kampf endet mit einer vollständigen Niederlage.

Nur das wissenschaftliche Wahrheitskriterium ist aus dieser Auseinandersetzung als Sieger hervorgegangen. Eine Religion kann nicht mehr als die Wahrheit betrachtet werden, wenn ihre Wahrheit mit dem in Konflikt gerät, was man die wissenschaftliche Wahrheit nennt; und eine Religion, die die Wahrheit nicht repräsentiert, ist keine Religion. Dieser Konflikt ist im Begriff, durch die pataphysische Religion beigelegt zu werden, die einen Grundgedanken der modernen Wissenschaft auf die Ebene des Absoluten gestellt hat — den Begriff der Konstanz der Äquivalente.

Mit dem durch das Christentum eingeführten Gedanken der Gleichwertigkeit aller Menschen vor Gott war das Feld für die Theorie der Äquivalente schon vorbereitet worden. Erst mit der Entwicklung der Wissenschaft und der Industrie setzte sich dieses Projekt aber in allen Sektoren des Lebens durch, bis es mit dem wissenschaftlichen Sozialismus zur gesellschaftlichen Gleichwertigkeit aller Individuen führte.

Das Äquivalenzprinzip konnte in der geistigen Welt nicht mehr bagatellisiert werden — so wurde das Projekt des wissenschaftlichen Surrealismus eingeführt, der in den Theorien Alfred Jarrys schon entworfen worden war. Kierkegaards Absurditätsbegriff wurde nur das Prinzip der Äquivalenz der Absurditäten hinzugefügt (Äquivalenz der Götter untereinander — Äquivalenz zwischen Göttern, Menschen und Gegenständen). Damit wird die zukünftige, auf ihrem Gebiet unbesiegbare Religion gegründet: die pataphysische, die alle möglichen bzw. unmöglichen Religionen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft unterschiedslos vereinigt.

Wäre es möglich gewesen, dass diese Religionen völlig unbemerkt auf der Welt geblieben und der pataphysische Glaube anonym gelehrt und niemals kritisiert worden wäre, so wäre ein scheinbar unlösbares Paradoxon nicht aufgetreten — und zwar das Problem der pataphysischen Autorität, die Bestätigung dessen, was nicht bestätigt werden kann (d.h. dessen Auftreten im gesellschaftlichen Leben in der Nachfolge von anderen Religionen und mit derselben Funktion). Denn diese besondere Religion kann unmöglich zur gesellschaftlichen Autorität werden, ohne damit gleichzeitig anti-pataphysisch zu werden und all dem, was gesellschaftlich anerkannt ist, wird nur dadurch eine gesellschaftliche Autorität verliehen. So läuft die pataphysische Religion Gefahr, das unbewusste Opfer ihrer eigenen Überlegenheit gegenüber all den verbreiteten metaphysischen Systemen zu sein. Da sicher keine Versöhnung zwischen Überlegenheit und Gleichwertigkeit möglich ist.

Dessins préhistoriques de l’abbé Brueil, du Collège de Pataphysique.
On peut mesurer toute la fantaisie et la souplesse de la méthode en comparant avec le « Corpus des signes gravés des monuments mégalithîques du Morbihan », de Zacharie le Rouzic, qui présente le relevé, pauvre et schématique, des mêmes dessins tels qu’on peut les voir sans le secours de l’imagination.

Das Verdienst der Pataphysik ist es, bestätigt zu haben, dass es keine metaphysische Rechtfertigung gibt, um allen Leuten den Glauben an dieselbe Absurdität aufzuzwingen. Die Möglichkeiten des Absurden und der Kunst sind mannigfaltig. Der logische Schluss dieses Prinzips wäre die anarchistische These: jedem seine eigenen Absurditäten. Das Gegenteil dessen stellt die gesetzliche Macht dar, die alle Mitglieder der Gesellschaft dazu zwingt, sich ganz den Regeln der politischen Absurdität des Staates zu unterwerfen.

Es muss aber gesagt werden, dass die Duldung einer pataphysischen Autorität, wie sie sich jetzt bildet, zur neuen, demagogischen Waffe gegen den pataphysischen Geist wird. Durch das pataphysische Programm selbst wird das Vorhandensein der pataphysischen Organisation verhindert und eine pataphysische Kirche unmöglich gemacht.

Die Unmöglichkeit, eine pataphysische Situation im gesellschaftlichen Leben zu schaffen, macht auch die Bildung einer Bewegung oder einer gesellschaftlichen Situation im Namen der Pataphysik unmöglich. Die Gründe dafür haben wir schon aufgezeigt. Die Äquivalenz bedeutet die vollständige Beseitigung jedes Begriffs einer Situation, eines Ereignisses.

Zu dieser Zeit, in der die Pataphysik sich doch von außen her in einer gewissen kulturellen Situation befindet, werden die unvermeidlichen Folgen dieser grundsätzlichen Definition zwangsläufig eine Spaltung unter den pataphysischen Gläubigen herbeiführen zwischen den reinen Anti-Situationisten und denen, die auf der pataphysischen Grundlage der Äquivalenz trotzdem für die Entwicklung der organisierten Absurditäten sind, die man Spiele nennt.

Das Spiel ist die pataphysische Öffnung zur Welt und die Verwirklichung solcher Spiele heißt die Schaffung von Situationen. So ist eine Krise entstanden, die durch das entscheidende, von jedem pataphysischen Anhänger empfundene Problem verursacht wird: entweder muss er die situlogische Methode anwenden, um in der Gesellschaft tätig zu werden, oder er muss jede Handlung in jeder Situation rundweg verweigern. Im letzteren Fall wird die Pataphysik schlechthin zu der Religion, die der modernen Gesellschaft des Spektakels genau angepasst ist: eine Religion der Passivität und der reinen Abwesenheit.

Ein zweites, genauso ernstes Problem verlangt, dass die Situationistische Internationale, die Organisation der Anti-Organisatoren, ihre Wahl trifft. Die S.I. ist fähig, das pataphysische Prinzip vollständig als anti-metaphysische Methode anzupassen: das wird unmittelbar durch die Einführung neuer Spiele geschehen. Die Absurdität der Überlegenheit und die absurde Überlegenheit sind genau die Schlüssel des Spiels und die Autorität ist dessen wesentlicher Zweck. Wenn man das Prinzip der Äquivalenz als Ausgangspunkt anwendet, so ist das Spiel frei, die Situation kann vollständig in einem reinen Schein der Überlegenheit und der Autorität aufgebaut werden. Sollte man dagegen eine metaphysische Grundlage wählen, welche auch immer, so würde die Situlogie automatisch auf die Ebene einer Methode zur autoritär dirigierten Volksunterhaltung zurückfallen. Einer Wiederaufnahme der klassischen Knechtungsformel: Brot und Spiele.

Nach einer langen Reifungszeit in von der Außenwelt unbekannten Kreisen treten jetzt Grundelemente eines neuen Spiels hervor. Ob sich ergänzende oder verfeindete Elemente — das wird die zukünftige Entwicklung zeigen.

Mit diesem Text sowie mit mehreren anderen Interventionen hatte sich Asger Jorn kurz vor seinem Austritt aus der S.I. darum bemüht, die Situationisten vor der religiösen Bedeutung der pataphysischen Ideologie zu warnen, die seit der Bekehrung der Evergreen-Redaktion in den Vereinigten Staaten massiv verbreitet wird.

Die pataphysische Ideologie, die sich auf einige veraltete Teilnehmer an verschiedenen Unternehmen der modernen Kunst stützt, stellt das Produkt des Altwerdens dieser „modernen Kunst“ der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts selbst dar. Sie konserviert kalt gewordene Grundsätze davon in einem statischen und äußerst unschöpferischen Scherz. Sie akzeptiert die Welt und führt damit die Reihe all der anderen religiösen Verzweiflungslehren weiter. „Hat der Pataphysiker“, erklärte B. Vian im Rundfunk (vgl. Heft No. 12 des Kollegiums), „wahrhaftig keinen Grund, sich moralisch zu verhalten, so hat er auch keinen, sich unmoralisch zu verhalten. Darum kann er als einziger ohne konformistische Verkommenheit ehrlich sein“.

Es versteht sich von selbst, dass die von Jorn ins Auge gefasste Eventualität eines Treffens nur mit der Perspektive einer Spaltung, der Abtrünnigkeit der am wenigsten geistlich gesinnten Pataphysiker in Betracht gezogen werden kann. Die S.I. meint, dass jede Religion genauso lächerlich wie eine andere ist und sorgt für eine gleichwertige Feindschaft mit allen Religionen, sogar mit denen der Science Fiction.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1976
Numéro 6, Seite 29
Autor/inn/en:

Asger Jorn:

Geboren 1914 in Vejrum (Jütland), gestorben 1973 in Aarhus. Maler, Bildhauer, Keramiker. Gründungsmitglied der Gruppe CoBrA und der Situationistischen Internationale. Er beginnt als Porträt- und Landschaftsmaler und wendet sich ab 1934 der abstrakten Malerei zu. Jorn nennt seine Kunst auch „Forschungsmethode“ zur Erkundung des mythischen Kerns der menschlichen Wirklichkeit, den er in seiner Interpretation darstellt.

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

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