Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 5
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Asger Jorn • Hanna Mittelstädt (Übersetzung)

Die offene Schöpfung und ihre Feinde

1.

Viele Leute wären nie berühmt geworden, hätten vortreffliche Feinde sie nicht erwähnt. Es gibt keine größere Rache als das Vergessen, da es eigentlich bedeutet, jene Leute unter dem Staub ihrer Nichtigkeit zu begraben.

Baltasar Gracian, Der Hofmann.

„Die S.I. habe ich immer für einen dieser geistigen Irrtümer gehalten, die der Zeit preisgegeben werden sollen, die ihre eigenen Leichen schließlich doch abwirft und verstreut. Mir graute es immer vor denen, die aus den Entdeckungen der anderen Nutzen ziehen und ihre einzige Rechtfertigung in den von ihnen gebildeten Synthesen finden. Mit Recht halte ich die Situationisten für Untermarxisten der 20. Kategorie, die voll von antikulturellen Höhlenmenschenformeln stecken. Dem Ex-Maler der „Kobra“-Bewegung, dessen Grundsätze zu nichts geführt haben (ich selbst werde hier gemeint, Asger Jorn); der nur lyrische Abstraktion vierter Kategorie oder fünfter Klasse reproduziert und sich erst nach diesem Krieg — 1948 — auf kohärente Art betätigte, bei der Gründung der von Bjerke-Petersen inspirierten „Kobra“-Bewegung, den Richardt Martensen, Egler Bille und Egill Jacobsen vor ihm schon unterstützt hatten; dessen Beitrag sogar in seinem eigenen Land ohne wirkliche Bedeutung blieb (denn es gibt Künstler, die anderswo erfundene Schöpfungen in einem nationalen Rahmen anwenden, auch wenn sie auf internationaler Ebene nichts entwickeln) — dem rate ich, bei der Malerei zu bleiben, nicht deswegen, weil ich seine Bilder schätze, sondern weil ich seine „philosophischen“ Werke gelesen habe. Die abstrakte Kunst, besonders die eines Herstellers, für den Jacques Prévert, der Paul Géraldy des Surrealismus, das Vorwort schreibt, verkauft sich bestimmt gut und begeistert alle Midinetten. Mein Konzept der Kultur und meine Schöpfung gebieten mir, in meinen Schriften genau zu sein. Ich empfinde schon genügend Schwierigkeiten, nur meine eigenen Schriften zu verantworten, in denen es keinen einzigen falschen Satz, kein einziges Urteil gibt, an dem etwas auszusetzen wäre.“ Aus allen diesen dargelegten Gründen kann ich es gut verstehen, dass der Lettrist Maurice Lemaitre es einem Lohnschreiber überlassen hat, 136 Seiten der Nummer 13 seiner Zeitschrift Poésie Nouvelle mit einer Untersuchung über die S.I. in kleiner, sehr dichter Druckschrift auszufüllen.

Das einzige Außergewöhnliche an diesem Werk ist sein riesiger Umfang, was sich leicht erklären lässt. Weder kann eine Bemühung um Erfindung und Einsicht stundenweise bezahlt, wie ich es in meiner Abhandlung über den Wert gezeigt zu haben glaube, noch folglich mit Geld objektiv gemessen werden. Natürlich sind die Gewohnheiten des Industrielohnempfängers in gewisse Schichten an der Grenze des intellektuellen Lebens eingedrungen — so wird z.B. der Routinejournalismus pro Zeile bezahlt. Es ist aber offensichtlich, dass diese Art Arbeiter daran interessiert ist, Schnelligkeit und Quantität ihrer Produktion zum Nachteil der Qualität zu erhöhen. Was besonders an der Armut der Informationen sichtbar wird, da sie in einer Zeit eingeholt werden müssen, die nicht bezahlt wird; sowie beim Niveau einer solchen Arbeit, die voraussetzt, dass die so billig zufriedengestellten Geldgeber eine niedrige und leicht zu beglückende Intelligenz haben. Die von Lemaitre angegebenen „strategischen Gründe“, die ihn gezwungen haben, unvorsichtig zu handeln, bleiben unklar. Hätte er, wie er sagt, „es sich aus dem Sinn geschlagen“, sich selbst „über die S.I. auszulassen“, so wäre es besser gewesen, wenn er einfach dieses Thema hätte fallen lassen oder die Arbeit einem Kulturmenschen anvertraut hätte. Da Lemaitre als Unternehmer für die Arbeit seines Akkordarbeiters durchaus verantwortlich ist.

In der Nummer 4 der Situationistischen Internationale habe ich Lemaitres System und ideologische Grammatik enthüllt, indem ich klarstellte, dass es sich um eine subjektive Perspektive Lemaitres bei von ihm selbst aufgestellten Positionen handelt, und nicht um ein objektives System. Lemaitre gibt selbst sein Unwissen und seinen Mangel an wissenschaftlicher Kreativität zu (vgl. S.74). Wieso kann er dann meine Feststellung für eine Beschimpfung halten? Unbestreitbar ist meine Kritik des Marxschen Wertbegriffs streng wissenschaftlich und übrigens auch die erste vollständige Kritik dieses Begriffs, die je gemacht wurde. Lemaitre nennt sie „unterster Untermarxismus“ — warum nicht? Es ist trotzdem zu bemerken, dass Lemaitre die wissenschaftlichen Aspekte der S.I.-Experimentaltätigkeit erkannt und ins rechte Licht gerückt hat, da er dieses Thema auf 136 Seiten behandeln konnte, ohne dass er auch nur einen einzigen Namen eines Beteiligten an diesem Experiment nennen zu müssen glaubte. Das ist reine Objektivität. Lemaitre hat mit dem Gesetz der großen Zahlen gespielt. Die vielen Zitate, die er unterschiedslos demjenigen zuschreibt, den er „den Situationisten“ nennt, entnimmt er den Schriften von genau zehn unserer Genossen (hier sind die kollektiven S.I.-Erklärungen nicht gemeint; diese Zahl bezieht sich nur auf die von ihren Autoren individuell unterzeichneten Texte).

Lemaitre ist in die Falle zwischen dem Absoluten und dem Maßsystem der klassischen euklidischen Geometrie geraten — wie der Marxismus damals. Er treibt es nur bis zu unabsichtlichen Possen, wie z.B. wenn er unter Ewigkeitsstufen unterscheiden will. So behauptet er (S. 56), er sei fähiger als alle anderen, sich einen „ewigeren“ Sieg zu sichern!

Immerhin — Lemaitre lesen bringt sehr viel Spaß. Am Ausgangspunkt der in mehreren dicken Büchern von Lemaitre ausgearbeiteten Erotologie ist z.B. der nachmarxistische Charakter deutlich sichtbar, der die Organisation der für die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage kämpfenden Arbeiter zum Vorbild nimmt.

Die so dargelegte Bemühung, eine Gigologewerkschaft zu organisieren, den Kampf für die Erhöhung ihrer Löhne systematisch zu führen und ihre Technik zur Befriedigung der Leidenschaften — selbst der dramatischsten — ihrer Kundinnen beträchtlich zu verbessern, stellt ein aufrichtiges reformistisches Unternehmen dar zur Verteidigung des Lebensstandards in bestehenden Beschäftigungen des aktuellen wirtschaftlichen Rahmens. Früher hatte Lemaitre zugegeben, dass diese Erziehung auf der situationistischen Ebene des Wunderkindes ohnmächtig sein würde, er könne aber keinen Nutzen aus dieser Intuition ziehen. Wenn der Mann sich wirklich anstrengt, kann er natürlich als Produzent und die Frau als Konsument im erotischen Prozess betrachtet werden, falls deren Beziehungen ohne Konsequenz bleiben. Sollte die Geburtenzahl der Jungen gegenüber der der Mädchen beträchtlich abnehmen, so könnten dadurch Aussichten entstehen, die es wert wären, von einem ökonomischen Standpunkt aus betrachtet zu werden. Es ist aber unmöglich, die Jugend für stärker produzierend als konsumierend zu halten, so wie es gänzlich gegen ihre Interessen ist, ihren Konsum auf kultureller Ebene durch die von Lemaitre verlangte Verkürzung der Schulzeit zu verringern, damit sie schneller in die Produktion geschleust wird, auch wenn das für die Industrie interessant sein könnte. Marx’ Kampf auf diesem Gebiet wird immer einen aufregenden Wert behalten und es ist unser Ziel, das Recht nicht nur für die Jugend, sondern auch für jedes einzelne Individuum zu bestätigen, sich in autonomer Schöpfung und Konsum seinen freien Wünschen gemäß zu verwirklichen. Die Stätte einer solchen Entwicklung kann zunächst die UNESCO sein, sobald die S.I. dort schaltet und waltet; Volksuniversitäten neuen Typs, die vom passiven Konsum der alten Kultur losgelöst sind; schließlich noch zu errichtende utopische Zentren, die gegenüber gewissen gegenwärtigen Einrichtungen des sozialen Freizeitraums vom herrschenden alltäglichen Leben vollkommen befreit werden und gleichzeitig als Brückenköpfe zur Invasion in dieses alltägliche Leben fungieren sollen, anstatt sich von ihm trennen zu wollen.

Als ein literarisches Werk und eine Farce a la Rabelais wäre Lemaitres ökonomische Theorie mit ihrer Betrachtungsweise der Revolte der Jugend als einer Karrikatur des revolutionären und sozialistischen Denkens im XX. Jahrhundert ein vortreffliches Buch. Aber von dem Augenblick an, wo Lemaitre zeigt, dass er sie ernst meint, ist er ein Demagoge. Einer der klassischen Tricks der Demagogen ist es, die Leute gegen die Gefahren aufzuhetzen, die sie alle kennen und die sie aufregen, die aber harmlos sind. Seit Kriegsende ist es üblich geworden, sich über den Faschismus drauflos zu beklagen, während man neue soziokulturelle Konditionierungen vorbereitet und die neuen ideologischen Gefahren harmlos zu sein scheinen — zunächst aber die moralische Wiederbewaffnung durch jede Spielart des neo-religiösen Fanatismus. Weit davon entfernt, „die Macht seiner Methode zu verkennen“, wie Lemaitre sagt, erkenne und denunziere ich sie, erkläre ich ihr den Krieg.

Ich ziehe die entgegengesetzte Methode vor. Und Lemaitre selbst, seinem Schreiberling sowie denjenigen, die sich diesem Denksystem anschließen oder, viel wahrscheinlicher, es übernehmen und ohne sie benutzen könnten, kann ich nur dadurch Beachtung schenken, dass ich diese Sätze hier zitiere, denen ich absolut entgegenstehe. So ist in dieser 13. Nummer von Poésie Nouvelle u.a. folgendes zu lesen:

Meine Wertskala, die sich auf die das Wesen des Menschen verbessernden Werke bzw. Handlungen gründet, setzt an ihre unterste Stufe die gebräuchliche provisorische Praxis. Meines Erachtens ist auf der alltäglichen Ebene das von gewissen existentialistischen Philosophen formulierte „Nicht-Sein“ wahr: Wir bilden nur eine Masse von Abfällen, die über erworbene und begrenzte Auswahlmöglichkeiten verfügt. Mein System unterscheidet sich aber gerade dadurch, dass die einzige und zwar geringe Freiheit für mich in der winzigen Erfindung bzw. Entdeckung irgendeines hervorragenden Menschen besteht, der „der Erneuerer“ genannt wird und dem die anderen menschlichen Wesen in das Gebiet seiner Offenbarung nur folgen können, genau wie sie bisher dem „weniger Guten“, dem Minderwertigen gefolgt sind. (S. 116).

Ich habe mit Recht oder Unrecht immer wieder geglaubt, ich könne ab und zu die Energien meiner Mitmenschen besser als sie selbst benutzen. (S. 44)

Sie sollten mir Vertrauen schenken und mir folgen, anstatt für immer hintanzustehen. (S. 29)

Die religiösen Juden dürfen zwar behaupten, keiner sei weiter als sie gegangen, solange der Messias nicht angekommen ist. Die Christen behaupten mit Recht, sie seien nicht überboten worden, solange ihre Mitmenschen nicht von ihrem Elend errettet worden sind und sie der Wiederauferstehung der Toten nicht beigewohnt haben … auf solcher allgemeinen Ebene gebe ich diesen Gruppierungen recht, die gewisse wesentliche Werte verteidigen und die ich ehrlich zu überbieten hoffe, indem ich ihnen das anbiete, was sie suchen — den Messias, das menschliche Heil, die Wiederauferstehung der Toten, die Gnosis. (S. 28)

Als Höhlenmenschen wollen die Situationisten nichts mehr aufrechterhalten … sie werfen nicht nur die Zukunft der Kulturdisziplinen, sondern auch die Vergangenheit und die Gegenwart weg im Namen eines pseudo-utopischen, rückgratlosen, infantilen und rückständigen Geschwätzes … letzten Endes wird die Suche nach den Wissensdisziplinen unsere unwissenden Reaktionäre wegwerfen und bestrafen, wie sie schon andere in der Vergangenheit weggeworfen und bestraft hat. (S. 63)

Ich glaube, diese Auszüge aus Lemaitres „Mein Kampf“ genügen, um dessen Haupttendenz gegenüber der entarteten Kunst zu beleuchten. Was die Drohung betrifft, sind diejenigen, die sich der Gefahr aussetzen, sie zu gebrauchen, nicht immer auch diejenigen, die über die umfangreichsten Bestrafungsmöglichkeiten verfügen. Nicht im allergeringsten sind wir mutlos vor diesem zu konstruierenden „provisorischen“ Leben, weil ein gewisser Lemaitre uns zugesteht, er „habe tiefen Abscheu vor seiner eigenen lebendigen Person“ (S.123). Das ist wohl sein Problem! Es sagt auch, er ziehe Malraux den Situationisten vor (wird es ihm aber gelingen, es sich vergelten zu lassen?). Auf jeden Fall überlasse ich ihm Malraux. Und sogar unentgeltlich.

2.

Ich bin sehr traurig, aber trotz all meiner Bemühungen will M. Mesens „PIN“ nicht veröffentlichen. Sogar als ich ihm sagte, wir wollten kein Geld dafür, lachte er nur und sagte, wir müssten ihm Geld geben, falls er es veröffentlichte — das habe er aber nicht vor. Er hat es aufmerksam gelesen, gefallen hat es ihm nicht. Er sagt, es wäre vor 25 Jahren aktueller gewesen, wir würden aber jetzt nicht viel Verständnis dafür finden …

Es gibt noch was: es gibt Imitatoren — die Pariser Lettristen z.B., die die „Ursonate“ von Hausmann und mir kopieren, sogar ohne uns dabei zu erwähnen, uns, die wir sie 25 Jahre vor ihnen und aus besseren Gründen gemacht haben.

Kurt Schwitters, Brief vom 29.3.47 in Courrier Dada.

Welche Waffen will Lemaitre anwenden? Hier versumpft er in der psychiatrischen Theorie eines kleinen Schweizers namens Karl Jaspers, der in seiner Perspektive eine ähnliche „Größe“ wie Moses und Plato erreicht (S. 66 und 80). In Lemaitres Perspektive ist dieser Jaspers deswegen so riesig geworden, weil er ihm in Zeit und Gedanken näher steht. Jaspers gewaltige Größe — der es verdient hat, als einer der berühmtesten Schwachköpfe unseres Jahrhunderts betrachtet zu werden — besteht darin, zusammen mit der ganzen Autorität der nichtwissenschaftlichen Psychiatrie vorausgesetzt zu haben, dass jedes Individuum, das kein Schwachkopf wie er ist, ein Geisteskranker ist und damit eine öffentliche Gefahr darstellt, so dass die Gesellschaft es sich erlauben darf, diesen einzusperren und zu behandeln. Lemaitre hat dieser Idee eine Weltdimension gegeben: alle wären also krank, eine Integraltherapeutik wäre nötig und vollkommen berechtigt und der Therapeut wäre er (Zitat S. 55: „… der einzige, der eine integrale Therapeutik vorgeschlagen hat, die imstande ist, die ständige Krankheit der Jugend und der Weltgeschichte zu heilen.“)

Was ist aber eine ständige Krankheit der Weltgeschichte? Ihre Jugend und nichts anderes. In der Jugendphase besitze jeder Einzelne bzw. jede Gruppe einen phantastischen Willen, der in Beziehung mit minimalen Fähigkeiten und keinem Wissen stehe. Das Erwachsenenalter besitze eine wirkliche Macht, die kräftiger als sein der Routine der Handlungen unterworfener Wille sei. Die Müdigkeit des Alterns werde durch die Erfahrung und das Wissen ausgeglichen, die Macht und Willen beherrsche. Indem er die Gnosis für die Rettung der Jugend vorschlägt, schlägt Lemaitre nur eine Methode zum schnellen Altwerden vor, so wie er der Jugend vorschlägt, ihren Willen so schnell wie möglich für den in dem bestehenden Rahmen gefangenen Willen zur sozialen Macht einzusetzen.

Eben wirft Lemaitre den Situationisten vor, seinen Spielregeln nicht zu folgen: „so viele mythische und mystifizierende Formeln, die ihre Einstufung und Einverleibung in das Gebiet des Wissens verbieten und gleichfalls die Herstellung der notwenigen historischen Beziehungen zwischen Überholt-Überholendem und Überholend-Überholtem verbinden“. Tatsächlich. Ganz überzeugt von seiner linearen Aufeinanderfolge, seiner kleinen Hierarchie usw. und blind für alles übrige, schimpft Lemaitre, die Situationisten hätten ihn nicht überholt und sie müssten viel niedriger als er eingestuft werden. Na und? Mein Freund, der dänische Dichter Jens August Schade sagte eines Tages zu mir: „Man kann ja so tief nach unten fallen, dass der Fall zu einem Aufstieg wird.“ Es gibt nichts Mystifizierendes in unserem Verhalten. Nie habe ich Lust dazu verspürt, sie zu überholen, die Herren Lemaitre und Compagnie. Wir sind einander begegnet und werden uns jetzt mit der gleichen Bewegung voneinander entfernen, mit der wir uns näher gekommen sind, ohne dass diese Begegnung die geringste Bedeutung gehabt hätte.

Ebenso schlecht gewählt ist das leninistische Beispiel der Höhlenmenschen. Lenins Konflikt mit den russischen Futuristen ist nur ein Beispiel in einer allgemeinen Krise und eine Entwendung der Revolution, zu der Lenin durch seinen allzu eiligen und oberflächlichen Angriff gegen den Linksradikalismus beigetragen hat, den er für eine „Kinderkrankheit“ und nicht für die Krankheit der Kindheit und der Hoffnung hielt. Ich bin übrigens alt genug, um mich an die Zeit zu erinnern, als Lenin selbst von allen für einen Höhlenmenschen gehalten wurde. Eines Tages nach meinem Tod werde ich wahrscheinlich als Anti-Höhlenmensch gegen jemanden gebraucht werden.

Lemaitre wird nervös bei dem Gedanken, die Zeit könne die veralteten kulturellen Referenzen abschaffen, die er gefunden bzw. von seinem Fachschreiberling in den öffentlichen Bibliotheken hat aufschreiben lassen. Bekanntlich aber ist die Kultur als lebendige Wirklichkeit das, was bleibt, wenn man einmal alles Gelernte vergessen hat. Es gibt nichts Schlimmeres als die mit einem stichhaltigen Gedächtnis verbundene Dummheit. Dies sei gesagt, ohne die geringste Qualität, die Lücken und den Bluff in dem Enzyklopädismusdigest von Lemaitres brain trust diskutieren zu wollen.

Lemaitre scheint den experimentellen Wert geringzuschätzen, den wir der lettristischen Bewegung um 1950 in zwei oder drei Sektoren der Kultur zugestanden haben. Er sagt, der experimentelle Aspekt sei im Lettrismus zwar effektiv, aber gegenüber seinem wesentlichen Wert sei er als Schöpfungssystem belanglos gewesen. Damit spuckt er unvorsichtig auf seinen eigenen Teller, da wir das, was er seine Schöpfung nennt, für absolut null und nichtig halten — und die Geschichte wird uns wohl bestätigen. Da Lemaitre glaubt, dass sein solipsistischer Schöpfungstraum als der einzige historische Wert anerkannt werden muss, wundert er sich z.B., dass wir die Bedeutung der lettristischen Dichtung nicht anerkennen. Doch ist diese Dichtung als Kunstschöpfung nur hinsichtlich Lemaitres willkürlicher und nicht übertragbarer „kreatistischer“ Systematisierung von Bedeutung. Obwohl die gesamte lettristische Bewegung eine Zeitlang die Rolle einer echten Avantgarde in einer gegebenen Periode gespielt hat, hatte ihre erste Äußerungsform, die onomatopoetische (klangnachahmende) Dichtung mehr als zwanzig Jahre nach Kurt Schwitters selbstverständlich nichts Experimentelles an sich.

Der lettristische Fall ist übrigens kein Unikum — außer in Paris. Lemaitre ist jedoch geographisch so beschränkt, dass er im Ernst den Einfluss der S.I. und etlicher Grüppchen vergleicht und abmisst, die auf dem linken Seine-Ufer sechs Monate lang zur Erscheinung gekommen sind und über die er quasi als einziger auf der ganzen Welt noch etwas zu berichten hat; und er misst sie nach den „Artikeln auf der Seite eins“, die die Pariser Zeitungen ihnen widmen können, wenn sie geschickt darum ersucht werden, oder gar danach, dass sie „Plakate mit ihrem Namen über ganz Paris verbreiten“ (S. 41). Derselbe Lemaitre, der zu allen Zugeständnissen bereit ist, um seine Entdeckungen bekannt zu machen, die, wie wir oben gesehen haben, an alle christlichen oder sonstigen im Amt stehenden Mystifizierer zu verkaufen sind, behauptet, er habe es nicht eilig, verstanden zu werden und stellt sich keine Fragen über die Gründe dieser totalen Verständnislosigkeit und dieser allgemeinen Ablehnung seiner phantastischen Schöpfungen: Der Lettrismus ist vor 15 Jahren aufgetaucht, er hat sich keine Feinde in der Gesellschaft ausgewählt und wollte alle bekehren. Unermüdlich hat er die (unter-kartesianische) Beweisführung seiner Dogmen durch ungefähr zwanzig Bücher hindurch vorgelegt. Trotzdem ist er äußerst wenig bekannt geblieben. Und Lemaitre will nicht zugeben, dass der Surrealismus bzw. der Symbolismus, um seine Beispiele wiederaufzunehmen, sich 15 Jahre nach ihrer Erscheinung in der Kultur weithin durchgesetzt hatten; während sich diese Bewegungen zu Epochen entwickelten, die viel weniger gierig auf Neuheiten in jedem Gebiet waren als die unsere, während viel weniger aufgelöste Kulturideologien als die heutigen sie im Namen der Aufrechterhaltung einer vergangenen Ordnung bekämpften. Der deutsche Parallelfall dieses anekdotischen „lettristischen Denkens“ — und zwar ein gleichfalls systematischer, paradialektischer und zu Tode langweiliger — heißt Max Bense. Beide sind für die Epoche gleich typisch. Es ist nun einmal so: beide sind als Klassifizierungsmittel der Werte sehr nützlich. Aber von Werten ohne Aktualität. Mit Werten der amerikanisierten Kultur: sie sind die gadgets der Heimgestaltung des Geistes.

3.

Man braucht sehr wenig Zeit, um fehlendes Material herzustellen — viel mehr aber, um Personal heranzubilden. Ist ein Irrtum bei der Produktion des Materials begangen worden, so wird er wieder gutgemacht, notfalls, indem man die unnütze Maschine zerstört und sie auf das Verlust- und Gewinnkonto setzt. Ein Mensch dagegen zerstört sich nicht, wenn er einmal da ist; er ist vierzig Jahre lang dazu bereit, die erlernte Tätigkeit auszuüben …

Alfred Sauvy, Von Malthus zu Mao TseTung.

Die chinesische Perspektive ist nicht die chinesische Kultur. Sie ist aber eine gültige und wichtige Perspektive. Zu jeder Zeit umfasst die lebendige, wirkliche Menschheit sozusagen zwei Jahrhunderte, da der älteste Mensch ungefähr 100 Jahre alt ist und einige der Neugeborenen bestimmt sind, genau so lange in der Zukunft zu leben. Damit besteht eine ewige Spannung zwischen diesen beiden äußersten Zeitpunkten der Menschheit. Der Zyklus dieses Lebensrades, diese ewige Rückkehr, ist eine permanente Revolution, über die Tausende von Überlegungen seit den Sumerern, den Buddhisten, Plato, Schopenhauer und Nietzsche angestellt wurden — was allerdings weitergehen kann. Dieser Weg des Denkens läuft mit Zoroasters Lehre auf den Gedanken eines einzigen orientierten Kreises des Ablaufs der Geschichte hinaus, von einem einmaligen Anfang bis zu einem endgültigen und nicht umkehrbaren Ende. Diese dualistische Perspektive und einseitige Orientierung hat sie dem Judentum, dem Christentum und dem Islam zu gleicher Zeit übermittelt, als sie zum Mithraismus, zum Manichäismus und zum Gnostizismus überging. Nach Lemaitres gnostischen Bekenntnissen leuchtet es ein, dass er unfähig ist, die dialektische Dynamik des Buddhismus zu verstehen, dass er aber dem Dualismus folgen wird; dass sein Aufruf an die Jugend eine bloße klassische und traditionell westliche Verführung von Minderjährigen ist. So bedaure ich, dass ich glauben konnte, die Möglichkeiten eines neuen Systems entdeckt zu haben — und eines in dem Sinne relativ schöpferischen, dass die Anwendung der chinesischen Perspektive auf die Zeitdimension und noch dazu im Westen zu einigen ziemlich unvoraussehbaren Ergebnissen geführt hätte. Dieses macht Lemaitres System noch einfacher: es ist nichts anderes als Neo-Sorel. Ich hatte eigentlich weiter gesucht. Daraus, dass Lemaitre oft Lenin für seine Argumente anführt und den Ursprung dieser Perspektiven Fichte zuschreibt, anstatt zuzugeben, Sorel — von dem er übrigens bekennt, ihn gelesen zu haben — habe sie erfunden, wird ersichtlich, dass er mehr aus dieser Quelle entnommen hat, als er öffentlich zugestehen will. Lemaitres chinesische Perspektive wird bis zur Sorel’schen Ideologie herabgesetzt, deren Nachkommenschaft bekannt ist.

Sorels Trick bestand darin, die Formel des psychologischen Einflusses des Christentums studiert und den Glauben an den Nullpunkt der Zukunft (das Ende der Welt und die Öffnung zum unbekannten Paradies) auf ein rein technisches System übertragen zu haben. Dadurch ist man imstande, das christliche Ende der Welt durch irgendetwas zu ersetzen — durch den Generalstreik, die sozialistische Revolution oder auch, was modern ist, durch den den Knopf für Atomraketen bedienenden Menschen. Auch dadurch sorgt man für die Bestrafung all derer, die den geraden Weg dieser Perspektive nicht gehen, indem man die Schlüsselformel für alle historischen Ereignisse in unserem Jahrhundert einsetzt: die Beschuldigung des Verrats (Verrat woran? Am System!) Benjamin Pérets mythologischen Forderungen — der jetzt von Lemaitre so geschätzt wird — habe ich mich damals in „Das Glücksrad“ entgegengesetzt, weil jede Kunst für mich eine unendliche Vielheit mythischer Schöpfungen ist und weil ich der Rückkehr zum Glauben an einen einzigen, aufgezwungenen Mythos bzw. Mythensystem die freie Kreativität entgegensetze. Hier setze ich ebenfalls die Idee der vielfachen Paradiese gegen die von Lemaitre teuer gehaltene Idee des einzigen Paradieses, des noch einmal ausgegrabenen ideologischen Aases. Ich glaube nicht, dass Pérets Haltung auf diesem Gebiet je einer solchen Dummheit wie der Lemaitres gleichkommen konnte, ich sah aber schon die Gefahr herannahen; und jetzt kann Péret nicht mehr protestieren, wo Lemaitre, der ihn 1952 wegen „Mangel an Schöpfung“ dämlich beschimpfte, sich auf ihn beruft.

« Les aventures de Superman-le-situationniste ». Comics de SPUR nᵒ 2.

Auf jeden Fall kann keiner der situationistischen Bewegung ein größeres Kompliment machen als folgende Bestätigung Lemaitres: „Ich habe keinen kennengelernt, der an die ‚situationistischen Grüppchen‘ glaubt. Die Situationisten selbst sind keine Situationisten, wie sie es mehrmals geschrieben haben. Wer von einem nicht vorhandenen Ensemble spricht, zieht die Anklage auf sich, es erfunden zu haben.“ Es ist aber gerade unser einziges Ziel, es zu erfinden. Bisher haben wir alles erfunden und es bleibt uns immer noch, fast alles zu erfinden: unser Gebiet ist so reich, dass es fast noch nicht existiert.

Wir sind dabei, die situationistische Aktivität selbst zu erfinden. Und ihre Definition. Lemaitre, der plump genug ist, um eine nicht unbeträchtliche Anzahl von vollkommen sinnlosen Vorschlägen, Annäherungsversuchen und Augenzwinkern in sein Pamphlet einzuschieben, behauptet: „Die Situationisten und meine Gruppe können sich auf dem Gebiet der ‚Situation‘ vielleicht doch einig werden, insofern meine Kritiker meinem ethischen Konzept eines Elementschöpfers — der dem produktiven Konstrukteur von Lebensmomenten überlegen ist — und der Anschauung der integralen Kultur (und nicht nur der Spielsituationen) als Endergebnis der Kreatik zustimmen.“ Ich habe schon gezeigt, dass unsere Ziele den seinen genau entgegengesetzt sind. Alle Optionen von Lemaitre sind zurückzuweisen.

In einer Fußnote (S. 80), in der er uns über Einsteins Bedeutung belehrt, scheut sich Lemaitre nicht hinzuzufügen, dass „die Zeit ein der Situation äußerlicher Begriff ist“. Wir dagegen meinen, je weiter wir die situationistischen Gegebenheiten erforschen, dass sich die Frage stellt, über die aktuellen topologischen Kenntnisse hinaus eine Situlogie, eine Situgraphie und vielleicht sogar eine Situmetrie zu erfinden.

Lemaitre ist höchst verwundert darüber, dass es eine skandinavische, vom klassischen Westen unterschiedliche Kultur gibt. Die skandinavische Kultur ist vor allem die des Vergessens, eine vergessene Kultur ohne Geschichte, die seit der Steinzeit ununterbrochen, sogar älter und bewegungsloser als die chinesische Kultur ist. Was kann ich bei einer so drückenden „Vergessenheitserbschaft“ von meinen Ahnen sagen?

Ich bin der Mann ohne Verdienste. Gleichzeitig bin ich aber ziemlich schlau. Die Journalisten und sonstige zu Diensten der herrschenden Ordnung stehenden Berufstotschläger nennen uns eine „niedergeschlagene Generation“ und wundern sich, wenn wir durch ihre Schläge, ihre Verachtung und ihre absolute Weigerung, uns Gelegenheit zu geben, auch nur so schlecht wie ein ungelernter Arbeitsloser zu essen, so hart gemacht worden sind, dass wir uns weigern, den Niederknüpplern in dem Moment entgegenzujubeln, in dem sie anfangen, uns interessant zu finden. Ich erinnere mich an die Epoche der „Kobra“-Bewegung, als C.O. Götz feststellte, dass unsere deutschen Genossen mit einem Zehntel von dem auskommen mussten, was irgendein Gefangener der BRD kostete. Ich kenne die mehr als unwürdigen Verhältnisse, in denen die lettristische Bewegung die ausgezeichneten Werke ihrer schöpferischen Epoche durchführen musste. Und so geht es weiter. Vor zwei Jahren noch hatte ein deutscher Künstler, aus dem sein Land bestimmt den größten Ruhm herausschlagen wird, keinen anderen Wohnsitz als die leeren Eisenbahnwagen im Münchner Bahnhof. Auch ich hatte, als ich systematische Strukturen in der situationistischen Tendenz entdeckte, eingesehen, dass es darin eine Methode gab, die uns, wenn wir sie heimlich auswerten würden, eine große, direkte soziale Macht verleihen und Muße dazu lassen könnte, viele Beschimpfungen zu rächen. Ich zögerte nicht einmal, diese Perspektive Guy Debord zu erklären, der es deutlich ablehnte, sie zu berücksichtigen, was mich dazu zwang, meine Bemerkungen öffentlich bekanntzugeben. Dann sagte er mir, man solle diese Methoden solchen Leuten wie Pauwels und Bergier und den mystischen alten Jungfern überlassen, die sich für das einfache okkulte Wissen begeistern. Nichts sei all diesen Leuten so lieb, wie einen Hauch davon begüterten Jüngern weiterzuverkaufen, wie Gurdjieff es machte. Nachdem ich darüber nachgedacht habe, weiß ich, dass ich genau zur selben Haltung gekommen wäre, die mit meinem ganzen bisherigen Verhalten übereinstimmt und übrigens der Grund unserer Mitarbeit in der S.I. ist.

Nun, „man könnte mein Bedenken bei der Vorstellung verstehen, das Geheimnis der Geheimnisse, die Schöpfung der Schöpfungen der gedankenlosen Menge auszuplaudern“, schreibt Lemaitre (S. 7), der sein Recht auf Geheimnis um so mehr verteidigt, als es sich um das der Organisation seines „kreatischen“ Nichts handelt. Er rechtfertigt sich u.a. mit dem Beispiel des Atomgeheimnisses. Eigentlich macht das Geheimnis der Methoden aus der Kunst ein Handwerk, ausschließliche Techniken zur Reproduktion von Normen, die von weiter her kommen. Lemaitre ist ein bewusster Anhänger des Fortbestands dieser Handwerkszunft. Man hat dadurch zu ihr Zugang, dass man ein denkwürdiges Meisterwerk anerkennen lässt. So hat Lemaitre nur deswegen eine Schwäche für Debords ersten Film entwickelt, weil er ihn nicht verstanden hat. Gelassen setzt er ihn „in die Liste der zehn besten Werke der Filmgeschichte“ ein (von Lemaitre unterstrichen, S. 25).

Lemaitre wirft mir auch vor, ich hätte gesagt, er habe ausgespielt. Er behauptet, dass er lebt. Es stimmt, ich habe auch nicht gesagt, er sei tot. Ich habe gesagt, er sei bewusstlos (in seinem eigenen System). Dieser Zustand wird wahrscheinlich genauso lange wie er selbst andauern. Durch die geduldige Aneignung von Geheimnissen der Meisterschaft — besonders dann, wenn es sich um eine von einem einzelnen Individuum willkürlich beschlossene Meisterschaft handelt — wird einem selbstverständlich garantiert, dass er imstande ist, eine sehr eigenartige Ware nach diesen Normen zu produzieren. Keineswegs aber, dass irgend jemand dieser Produktion durch sein Begehren je einen Wert verleiht.

Wie Lemaitre bin ich der Meinung, dass derjenige, „der das Abstrakte eingebracht und definiert hat“, Vassili Kandinsky ist (S. 111). Im Gegensatz zu ihm meine ich aber weder, dass dieser ein „Bahnbrecher in der Kunst“ wurde, noch dass ich ein abstrakter Maler bin. Ich habe immer wieder nur anti-abstrakte Bilder gemalt, wobei ich einer Strömung folgte, die mit Hans Arp und Max Ernst anfing und dann von Mondrian und Marcel Duchamp fortgesetzt wurde. In seinem Buch „Vom Punkt über die Linie zur Fläche“ hatte Kandinsky die moderne Kunst nach der Perspektive der euklidischen Geometrie ausgerichtet, während die eben genannten Neuerer sich einer umgekehrten Geometrie annäherten, indem sie vom multidimensionalen Kosmos zur Fläche und von der Linie zum Punkt gingen. Die Technik des dripping painting offenbart die Unsinnigkeit der Haltung Kandinskys. Arbeitet man ganz nah am Bild, so bilden die verfließenden Farben Flächen und Flecken; gibt es aber eine gewisse Entfernung zwischen der Leinwand und der Quelle des Ausfließens, so zieht die Farbe Linien. Wird die Entfernung noch größer, so bildet die Farbe kleine Tröpfchen, die nur Punkte bilden. Genau das gleiche passiert mit den Elementen in der Perspektive: sie fangen wie Massen an und verschwinden wie Punkte am Horizont. Kandinsky fing am Horizont, im Abstrakten, an — und wohin gelangte er? Ich habe in der unmittelbaren Gegenwart angefangen — und wohin gelange ich?

4.

Hier sind Gedanken und Beobachtungen ganz neu; Zitate sind noch nicht gemacht worden; das Thema ist äußerst wichtig und mit unendlich viel Ordnung und Klarheit behandelt worden. Es hat mich viel Zeit gekostet und ich bitte Sie, es als die größte Bemühung meines Geistes anzunehmen und zu betrachten.

Jonathan Swift, Unwiderlegbare Abhandlung über die Fähigkeiten der Seele.

Wäre die Zeit ein der Situation äußerlicher Begriff, wie Lemaitre es behauptet, so wäre die Situlogie als Studie des Einzigen, der Form, mit der Morphologie identisch. Man kann aber mit Recht sagen, dass die Situlogie eine Morphologie der Zeit ist, da alle darüber einig sind, die Topologie als Studie der Kontinuität zu definieren, die die Nicht-Teilung in der Ausdehnung (Raum) und die Nicht-Unterbrechung in der Dauer ist. Der morphologische Aspekt der Situlogie — das, was sich auf die wesentlichen Eigenschaften der Figuren ohne Beziehung zu ihrer Umgebung bezieht — ist in dieser Definition mit einbegriffen.

Die Abschaffung jedes Stillstands und jeder Unterbrechung, die Intensitätskonstanz und die eine Richtung der Ausbreitung der Verfahren, die eine Situation kennzeichnen, schließen auch die von Lemaitre als möglich betrachtete Teilung in mehrere Zeiten ein. Die Gedankenkonfusion ist bei einem Analphabeten wie Lemaitre viel eher zu entschuldigen, als die unter den Berufstopologen herrschende, die uns dazu zwingt, uns vom rein topologischen Gebiet zu entfernen, um eine einfachere Situlogie zu erfinden.

Diese Konfusion wird gerade in die Formel der Orientierbarkeit hineingebracht, die eigentlich nur die Anpassung an die Zeitdimension ist. E.M. Patterson erklärt, dass „der Orientierbarkeitsbegriff von der physischen Idee abgeleitet wird, dass eine Fläche eine oder zwei Seiten haben kann. Nehmen wir an, dass man um jeden Punkt einer Fläche herum (mit Ausnahme der möglichen Randpunkte — ‚boundary‘) eine kleine geschlossene Kurve zeichnet, in einer definierten, mit diesem Punkt verknüpften Richtung — im Uhrzeigersinn oder in umgekehrter Richtung. Die Fläche wird dann ‚orientierbar‘ genannt, wenn es möglich ist, die Richtung dieser Kurven so zu wählen, dass sie für alle benachbarten Punkte gleich ist. Sonst wird die Fläche ‚nicht orientierbar‘ genannt. Alle einseitigen Flächen sind nicht orientierbar“.

Diese Mischung aus Geometrie und Physik ist total unzulässig. Es ist leicht zu beweisen, dass eine Kugel eine einzige Fläche hat, sowie auch ein Ring; dass der Kegel dagegen zwei, der Zylinder drei Flächen hat usw., aber logischerweise kann eine Fläche nur eine Seite haben.

Auf jeden Fall ist eine zweiseitige Fläche untopologisch, da es einen Bruch in der Dauer gibt. Der Grund aber, weshalb man auf die falsche Spur der doppelten Fläche mit zwei Seiten kam, liegt auf der Hand: dadurch wird es möglich, die Topologie mit der allgemeinen Tendenz der Geometrie zu verbinden — und zwar mit der Suche nach den Gleichheiten bzw. den Äquivalenzen. Man sagt, dass zwei Figuren topologisch äquivalent oder ‚homöomorph‘ sind, wenn jede durch eine stetige Deformierung in die andere umgewandelt werden kann. Was eigentlich bloß bedeutet, dass es nur eine sich umwandelnde Form gibt: Die Situlogie ist die das Einzige umwandelnde Morphologie.

Der schwerste Irrtum bei der Anpassung der klassischen Perspektive der Geometrie an die Topologie ist gerade die Anpassung an die klassischen Unterscheidungen der Geometrie je nach der Koordinatenzahl zwischen linearer Topologie, Flächen- und Volumentopologie. Was zugleich unmöglich und lächerlich ist, wenn man das Elementare in der Situlogie erfassen will, da Punkt, Linie, Fläche und Volumen für die Topologie gerade gleichwertig, während sie für die Geometrie absolut verschieden sind. Diese Konfusion spiegelt sich bei den Überlegungen über das Möbiussche Band wider, von dem gesagt wird, es habe „zwei nicht homöomorphe Flächen“ bzw. es stelle „Flächen mit einer einzigen Seite“ ohne Vorder- und Hinterseite, ohne Äußeres und Inneres dar. Durch dieses Phänomen wird man sogar dazu verleitet zu denken, das Möbiussche Band habe eine einzige Dimension, was vollkommen absurd ist, da aus einem Strick und noch weniger aus einer Linie kein Möbiussches Band zu machen ist. Das Interessanteste beim Möbiusschen Band ist eben das Verhältnis zwischen den beiden Linien der parallelen Ränder.

Es ist möglich, geometrische Äquivalenzen, Konvergenzen und Ähnlichkeiten eines Möbiusschen Band zu studieren, wenn man sich über folgende deutliche Tatsache klar ist: Das Verhältnis aus Länge und Breite eines Möbiusschen Bandes kann unendlich groß sein, aber nicht kleiner als ein bestimmter, berechenbarer Wert. Den Mathematikern kommt es zu, dieses Möbiussche Band mit den minimalen Dimensionen zu errechnen und herzustellen. Wenn es einmal konstruiert worden ist, wird man entdecken, dass man es mit einem Gegenstand zu tun hat, bei dem die Linie, die die Breite des Möbiusschen Bandes bei einem beliebig gewählten Punkt festsetzt, genau einen rechten Winkel mit derselben, auf dem entgegengesetzten Teil des Bandes gezogenen Linie bildet, während die beiden selben Linien parallel laufen, wenn das Band zu einem Zylinder verbunden wird. Dieselbe, an einem Punkt die Horizontale darstellende Linie stellt an einem anderen Punkt die Vertikale dar. Es gibt also drei Raumdimensionen, ohne dass Raum vorhanden ist, wenn das Möbiussche Band nicht flachgedrückt ist. Das ist das Seltsame beim Möbiusschen Band. Zwei Möbiussche Bänder dieser Art können also jederzeit zur Ähnlichkeit und bei gleicher Bandbreite zur Kongruenz gebracht werden.

Es sieht so aus, als ob bisher niemand das seltsame Verhalten all der topologischen Figuren und Formen in ihrem Zusammenhang mit dem System der räumlichen Koordination (Vertikale, Horizontale und Tiefe) bemerkt hat, in dem sie spielen und das sie entstehen, verschwinden und sich von der einen in die andere verwandeln lässt. Für die euklidische Geometrie stellt das Koordinatensystem die gegebene Grundlage dar. Nicht aber für die Situlogie, da sie die Koordinaten beliebig schafft und abschafft. So musste die euklidische Geometrie über alle situlogischen Betrachtungen hinausgehen, um das rechtwinklige Koordinatensystem als Bezugspunkt zu nehmen, nach dem Prinzip des Gesetzes des geringsten Widerstandes. In seinem Werk „Kunst und Mensch“ zeigt René Huygues, dass die Teilung in zwei Stile, den von Hallstadt und den von La Tene (die keine andere als die in das geometrische und das situlogische Denken ist) mit der Entwicklung der Metallindustrie nach der Agrarepoche der Jungsteinzeit stattfindet. Mit den Dorern fasste das geometrische Denken in Griechenland Wurzel, wobei es das rationalistische Denken hervorbrachte. Die entgegengesetzte Tendenz hat ihr Ende in Irland und Skandinavien gefunden.

In seinem Buch über „Anschauliche Topologie“ bemerkt Walter Lietzmann: „In der Kunst, z.B. zur Zeit der Wikinger, wurde zur Verzierung gern Geflecht benutzt. Vor mir liegt ein Bild von Shakespeares ‚Knotengarten‘ in Stratford-on-Avon, in dem kleine Blumenmuster in der Form von Knoten präsentiert werden … Was hat Shakespeare mit Knoten zu tun? Ich kann es nicht sagen. Vielleicht handelt es sich um einen Irrtum oder eher um eine absichtliche Verwechslung mit dem Thema des Labyrinths. Bei ihm kommt es zweimal vor: im ‚Sommernachtstraum‘ (Akt II, Szene 1) und in ‚The Tempest‘ (Akt 111, Szene 3)“.

Es ist kein Irrtum möglich. Indem James Joyce den absurden Satz „No sturm, no drang“ in Finnegans Wake aussprach, hatte er den alten Streit zwischen Klassik und Romantik überwunden und eine Bahn zur Versöhnung zwischen Leidenschaft und Logik gebrochen. Was heute fehlt, sind ein Denken, eine Philosophie und eine Kunst, die sich nach dem gestalten, was in der Topologie als Projekt vorliegt, was nur unter der Bedingung verwirklicht werden kann, dass dieser Zweig der modernen Wissenschaft auf seine eigene, ursprüngliche Bahn zurückgebracht wird — die „analysis situs“ bzw. Situlogie. In seinem „Shamanentum“ weist Hans Findeisen darauf hin, dass der heute noch bei den Lappen fortlebende Schamanismus seinen Ursprung im Geist der Höhlenmaler zur Zwischeneiszeit hat und es ist bezeichnend genug, dass die die Anwesenheit der Lappen kennzeichnende Verzierung das einfache Geflecht ist. Das Wissen um die topologischen Geheimnisse wurde immer durch Knoten-, Strick-, Geflecht- und Labyrinthzeichen angedeutet. Seit dem Altertum haben seltsamerweise auch die Weber eine revolutionäre Lehre in mehr oder weniger sonderbaren, mystifizierenden und versteckten Formen übermittelt. Eine Geschichte, die allzu bekannt ist, um ernsthaft erforscht worden zu sein. Darin wird die Verkehrung — und nicht die Umkehrung bemerkt.

Das durch Max Brods Schriften festgestellte Verhältnis zwischen Kafka und dem dänischen Astronom Tycho Brahé ist genauso tief wie das zwischen Shakespeare und Hamlet. Deren Anwesenheit in der Stadt Prag, die seit La Tenes Epoche das topologische Denken ausstrahlt und der es sogar gelingt, über den Barock hinaus zur Topologie fortzuschreiten, ist genau so selbstverständlich wie die erstaunlichen Resultate, zu denen Kegler aus Tycho Brahés Berechnungen kommen konnte, indem er sie den Methoden der klassischen Geometrie und Mathematik angepasst hat, was für Tycho Brahé selbst unmöglich war. Dies zeigt wieder, dass die Topologie die Wurzel der Geometrie bleibt und dass der umgekehrte Prozess eine Sache der Unmöglichkeit ist. Es weist auch auf die Unmöglichkeit hin, Kierkegaards Philosophie als die Nachfolgerin der Hegelschen Philosophie zu deuten. Das skandinavische Denken übt in der europäischen Kultur einen Einfluss ohne Zusammenhang und permanente Folge aus — wie der Gedanke des Absurden selbst. So dass man darüber nicht staunen kann, dass es immer noch ein Geheimnis ist, dass es eine skandinavische philosophische Tradition gibt, die sich vom englischen Pragmatismus, vom deutschen Idealismus und vom französischen Rationalimus vollkommen unterscheidet und die Struktur der Tendenz von Ole Roemer, H.C. Oersted, Carl von Linne und allen anderen hat. Da die Skandinavier selbst nichts von der Grundlogik dieses tiefen und versteckten Zusammenhangs wissen, bleibt sie den anderen um so mehr unbekannt. Ich halte all die Ideen über die Wohltaten des Wissens für recht verachtungswürdig, es scheint mir trotzdem, dass das Unwissen auf diesem Gebiet bei der heutigen Lage in Europa eine Gefahr sein kann. So meine ich z.B., dass Swedenborgs und Novalis’ Beruf des Bergbauingenieurs wichtiger als die gefährlichen Postulate eines Jaspers ist, die es möglich machen, ihnen Schizophrenie aufzuhalsen. Nicht deshalb, weil das eine Tatsache ist, die wissenschaftlich begründet werden kann, sondern weil es wie der Weberberuf ein auf topologischem Denken beruhender Beruf ist, was uns zu wertvollen Beobachtungen für die Erstellung einer Situlogie führen kann.

Das alles wird aber nur als eine mögliche Technik dargestellt, die von der Arbeit der S.I. abhängt, deren Verbündete und Feinde leicht erkennbar sind. Als Bergier und Pauwels mit ihrem Buch „Der Morgen der Zauberer“ vorschlagen, ein Forschungsinstitut der geheimen Techniken zu organisieren und eine herrschende geheime Gesellschaft zu bilden, die für diejenigen reserviert ist, die heute imstande sind, die verschiedenen Konditionierungsmittel ihrer Zeitgenossen handzuhaben, stellen sich die Situationisten höchst feindlich gegen diesen Vorschlag. Auf keinen Fall können wir an einem solchen Unternehmen mitwirken und wir wünschen keineswegs bei der Finanzierung zu helfen.

„Es ist völlig klar, dass die Gleichheit die Basis der metrischen Geometrie ist“, schreibt Gaston Bachelard in „Der neue Geist der Wissenschaft“ und er lehrt uns weiter: „Nachdem Poincaré die logische Äquivalenz der verschiedenen Geometrien bewiesen hatte, behauptete er, die euklidische würde die handlichere bleiben; im Falle eines Konflikts zwischen dieser Geometrie und der physikalischen Erfahrung würde man immer wieder lieber die physikalische Theorie modifizieren, als die Elementargeometrie verändern. So hatte z.B. Gauss in Anspruch genommen, mit einem Theorem der nicht-euklidischen Geometrie auf astronomische Weise zu experimentieren: er fragt sich, ob ein durch Sterne festgelegtes Dreieck, das folglich eine riesige Fläche hätte, die von Lobatchewskys Geometrie angekündigte Flächenverringerung zur Erscheinung bringen würde. Poincaré lehnte den entscheidenden Charakter dieses Experiments ab.“

Als Ausgangspunkt einer Situgraphie bzw. einer plastischen Geometrie soll die von Poincaré entwickelte und als Topologie in die egalitäre Richtung weitergeführte analysis situs gelten. Man kann aber selbstverständlich nichts über Gleichheiten sagen, wenn es nicht wenigstens zwei gleichzusetzende Elemente gibt. So kann uns die Äquivalenz nichts über das Einzige — und auch nichts über dessen Mehrwertigkeit —, das eigentlich das wesentliche Gebiet der analysis situs bzw. der Topologie ist, sagen. Unser Ziel ist es, der egalitären, euklidischen Geometrie eine plastische und elementare Geometrie entgegenzusetzen und uns dann beider zu bedienen, um zu einer Geometrie der Variablen, einer Spiel- und Differentialgeometrie zu gelangen. Die ersten situationistischen Berührungspunkte mit diesem Problem stellt für uns der Apparat von Galton dar, der die Gauss-Kurve experimentell zur Erscheinung bringt (vgl. das Bild in Situationistische Internationale No. 1). Auch wenn meine intuitive Art, die Geometrie zu behandeln, deutlich unorthodox ist, so glaube ich doch, einen Weg gebahnt und eine Brücke über die Kluft geschlagen zu haben, die zwischen Poincaré und Gauss über die Möglichkeit bestand, die Geometrie mit der Physik zu verbinden, ohne auf die Autonomie der einen oder der anderen zu verzichten.

Alle Axiome sind Verschließungen gegenüber nicht erwünschten Möglichkeiten und enthalten damit einen unlogischen, vorsätzlichen Entschluss. Das uns interessierende Unlogische am Ausgangspunkt der euklidischen Geometrie wird in den beiden folgenden Axiomen eingeschlossen: „Was sich zur Deckung bringen lässt, ist gleich“ und „Das Ganze ist größer als das Teil“. Diese Absurdität wird z.B. in dem Augenblick sichtbar, wo wir die Definition der Linie, eine Länge ohne Breite, anzuwenden beginnen.

Bringt man zwei Linien zur Deckung, von denen die eine der anderen gleich ist, entstehen notwendigerweise daraus entweder zwei parallele Linien (was zeigt, dass die Gleichheit oder aber das zur Deckung Bringen nicht vollkommen und absolut ist) oder die Vereinigung der beiden Linien zu einer einzigen. Wenn diese Linie aber länger ist als eine der Linien allein, oder wenn sie etwas breiter geworden ist, so heißt das, dass die Linien nicht gleich waren. Sind die Linien absolut gleich, so ist das Ganze nicht größer als der Teil. Das ist logisch unbestreitbar; stimmt es aber, so stecken wir im Absurden, da die metrische Geometrie sich gerade auf dem Axiom gründet, das Ganze sei größer als der Teil.

In der metrischen Geometrie rechnet man mit der Idee, dass zwei gleiche Größen identisch seien. Zwei Sachen können aber nie identisch sein, weil das bedeuten würde, dass sie eine einzige Sache wären. Wenn ein Verbrecher vor dem Richter identifiziert werden soll, genügt es nicht, dass es ein genau gleiches Individuum ist, das das Verbrechen begangen hat — sogar sein Zwillingsbruder kann ihn bei dieser Gelegenheit nicht ersetzen. Man kann sicher sein, dass es keine Gleichen, keine Wiederholungen wie beim Experiment mit den Königsberger Brücken gibt. In der Geometrie schließt eine Größen- und Stellungsgleichheit jede quantitative Betrachtung aus. Wie ist es aber möglich, eine unendliche Zahl von gleich großen Linien auf eine einzige Linie, die nicht größer als eine dieser Linien allein ist, durch zur Deckung Bringen zu reduzieren? Während es undenkbar ist, eine Linie in zwei zu teilen, die beide der geteilten Linie gleich wären?

Wenn man eine Linie verschiebt, indem man sie dabei in der gleichen Position lässt, erzeugt man nicht zwei Linien, sondern eine Fläche. Das zur Deckung Bringen — wodurch bewiesen wird, dass zwei Linien gleich sind — kann nicht geschehen, ohne dass das Doppelte verschwindet: das Gleichsetzen ist nicht mehr möglich. Eine einzige Linie ist mit nichts gleich. Was beweist, dass der absolute Idealismus der Formel des Nicht-Vorhandenseins der Breite in der euklidischen Linie keine Wirklichkeit hat.

Modernisiert man das Verfahren, indem man die Formel der Kongruenz bzw. einer Größen- und Formidentität anwendet und die Position im Raum ausschließt, wird der Beweis durch zur Deckung Bringen unmöglich.

Durch das zur Deckung Bringen können tausend Punkte auf einen einzigen Punkt reduziert werden und dieser Punkt ist einem der tausend gleich. Man kann aber nicht einen Punkt multiplizieren, indem man ihn an seiner Stelle lässt und ihn gleichzeitig von seiner Stelle verschiebt. Daraus würde eine Linie entstehen. Und mit dem Volumen? Zwei identische Volumen können nur imaginär zur Deckung gebracht werden. Es ist nur mit zwei schemenhaften Volumen ohne wirklichen Rauminhalt möglich. Dieser abstrakte Charakter macht zugleich Kraft und Schwäche der euklidischen Geometrie aus. Der Mangel an Abstraktheit in der Topologie ist nur eine Schwäche.

Tausendmal Null ist nur Null und aus Null kann man nichts extrahieren. In diesem Sinne ist die Anwendung der euklidischen Geometrie einseitig und nicht umkehrbar — sie ist orientiert. Und jede Geometrie außer einer Situgraphie ist es ebenfalls. Die Orientierung ist ein linearer Begriff und eine orientierte Gerade heißt auch ein Strahl, weil sie eine Strecke bedeutet, und die gewählte Richtung wird die positive genannt. Der irgendwo auf der Linie gewählte Nullpunkt wird als Anfangspunkt festgesetzt. So ist eine orientierte Gerade keine Linie an sich, sondern die Verbindung einer Linie und eines Punktes. Eine orientierte Fläche ist eine Fläche, bei der eine „direkt“ genannte Drehrichtung gewählt wird; diese Fläche wird auch mit einem Punkt — dem Drehpunkt — verbunden, der die Errichtung einer Drehachse ermöglichen könnte, die mit der sich drehenden Fläche einen rechten Winkel bilden würde.

Der Raum wird orientiert, wenn eine „direkte Raumrichtung“ genannte Drehrichtung mit jeder Raumachse verknüpft wird. Diese Konstruktion macht all das möglich, was „messen“ genannt wird. Worin besteht aber dieses Messen? Das ist das Seltsamste an der ganzen Sache. Alle Messungen von gleichen Einheiten — der Länge, der Breite, der Höhe, der Masse, der Zeit oder irgendeiner von diesen Grundbegriffen abgeleiteten Einheit — bestehen in der Angabe ihrer Ausdehnung aus einem Strahl — einer halben Raumdimension, die in gleiche, von einem Nullpunkt zum Unendlichen hin orientierte Abstände geteilt ist. Dieser Strahl scheint nicht gerade sein zu müssen, er kann aber auf einem Kreisumfang aufgetragen werden. Wenn er sich über mehrere Kreise ausdehnt, werden diese zu den Abständen einer größeren Ausdehnung — Linie oder Kreis. Das ist also das Prinzip, auf das sich jedes Messen letzten Endes zurückführen lässt. Keine Messung kann irgendetwas jenseits der Grenze der Entwicklung zu einem Strahl erklären.

Die klassische Entwicklung der euklidischen und analytischen Geometrie geht nach der Orientierung an einem Strahl vor. Angefangen wurde mit dem Punkt ohne räumliche Dimension — er wird verschoben und damit wird eine Linie gezogen. Die Linie wird in einer zu ihrer Ausdehnung senkrecht stehenden Richtung verschoben — daraus ergibt sich eine Fläche, mit der ebenso verfahren wird, um das Volumen herzustellen. Diese orientierte Bewegung aber, die aus einem Punkt eine Linie, eine Fläche und ein Volumen macht, diese Bewegung an sich spielt in den geometrischen Betrachtungen keine Rolle, was ihre Verhältnisse mit den räumlichen Dimensionen betrifft. Das Unlogische liegt auf der Hand. Auch das zur Deckung Bringen ist ohne die Bewegung unmöglich, von dem Augenblick an aber, wo alle zur Herstellung der klassischen Geometrie nötigen Bewegungen bezweifelt werden, kann man nicht mehr von rein räumlichen Phänomenen sprechen, und trotzdem ist die Bewegung von Anfang an da.

Man kann sich fragen, ob die Zeit eine einzige Dimension hat, oder ob man in der Zukunft nicht gezwungen wird, mindestens drei Dimensionen auf die Zeit zu beziehen, um zu einheitlichen Erklärungen dessen, was passiert, kommen zu können. Das wird sich erweisen. Eins ist aber sicher: die Zeit kann auf eine halbe Dimension bzw. auf eine orientierte Länge, aus der sich ein Messinstrument ergibt, reduziert werden. Es ist eine andere Frage zu wissen, ob das, was wir in der wissenschaftlichen Definition als Maßstab der Dauer „Zeit“ nennen, — dies ist die Form, in der die Zeit in die Relativitätstheorie eingeht — nicht genau die Grundlage für den Begriff der Orientierung oder den Strahl bildet.

Wegen ihrer Orientierung kann die orientierte Geometrie die ihrem System innewohnenden Zeitbegriffe ignorieren. Wir aber sind gezwungen, um uns der Rolle der Zeit und ihrer wirklichen Rolle in Zusammenhang mit den drei räumlichen Dimensionen bewusst zu werden, den Weg der Orientierung des Strahls aufzugeben und eine unitäre Homöomorphie zu gründen.

Wenn wir den Ausdruck Dimension anwenden wollen, stehen wir sofort vor dem Problem seiner genauen Deutung und Definition. Eine Dimension kann logisch als eine Ausdehnung ohne Anfang, Ende, Richtung und Orientierung definiert werden — ein Unendliches also — und das gleiche gilt fürs Unendliche in der Zeitdimension. Es ist die Ewigkeit. Die Ausdehnung einer der drei räumlichen Dimensionen stellt eine Fläche, eine Ausdehnung ohne Anfang und Ende dar. Kann ein System des linearen Messens nur den Strahl messen, so kann das Maßsystem mit den beiden rechtwinkligen Koordinaten das räumliche Maß nur für die in einem Viertel einer Fläche aufgetragenen Figuren angeben und die Angaben des tridimensionalen Maßes sind noch dürftiger, da sie in dem Achtel einer Kugel, vom 900-Messwinkel der drei in dieselbe Richtung orientierten Koordinaten ab aufgetragen sind. Um diese ewige Reduzierung der Kenntnisse zu vermeiden, wollen wir umgekehrt verfahren.

Für den Zeugen des Verbrechens heißt identifizieren, den Verdächtigen als den einzig Möglichen zu definieren. Die Homöomorphie stellt uns aber verschiedene Probleme, die auf einfache Weise wie folgt bildlich dargestellt werden können: es handelt sich jetzt nicht mehr darum, den Verbrecher, sondern sein armes Opfer zu identifizieren, das der brutale Mensch mit seinem Wagen mehrmals absichtlich überfahren hat. Er sieht jetzt auf tragische Weise anders aus als der Typ, den man kannte, solange er lebte. Es ist immer noch alles da — aber stark verändert. Er ist nicht mehr derselbe, und dennoch ist er es. Sogar in seiner Verwesung kann man ihn identifizieren. Kein Zweifel: hier ist das Betätigungsfeld für homöomorphe Experimente, hier ist die Veränderbarkeit einer Einheit.

An diesem Punkt teilt sich das situlogische Experimentierfeld in zwei entgegengesetzte Tendenzen — in die des Spiels und die der Analyse; die Tendenz der Kunst, des Spins und des Spiels und die der Wissenschaft und ihrer Technik; die Schaffung der Veränderbarkeit in einer Einheit und die Suche nach der Einheit der Variablen. Es ist klar, dass unser Verbrecher den ersten Weg gewählt hat, während die Identifizierer den letzteren wählen müssen, der das Gebiet auf die analysis situs oder die Topologie beschränkt. In ihrer Entwicklung wird die Situlogie den beiden Tendenzen den entscheidenden Anstoß geben. Noch einmal kann das durch Galtons Vorrichtung repräsentierte Netz als Beispiel herangezogen werden. Als Spielautomat steht diese „tiltende“ Maschine in den meisten Pariser Kneipen und als eine Möglichkeit der berechneten Veränderbarkeit ist sie das Modell für alle Telefonnetze.

Die schöpferische Seite geht aber in der allgemeinen und elementaren Situlogie voran: Die Situationisten werden diejenigen sein, die alle bestehenden Verhältnisse überfahren. Wir wollen also unsere Beweisführung wieder von vorn anfangen, indem wir die Methode unseres Verbrechers wiederaufnehmen. Um aber zu vermeiden, aus diesem Verfahren ein blutiges Drama zu machen, versetzen wir es in eine vollkommen imaginäre und abstrakte Welt — wie Euklid.

Wir fangen damit an, einem Gegenstand eine vollkommene Homöomorphie zuzuschreiben — eine absolute und praktisch nicht vorhandene Qualität, wie der dem Punkt von Euklid zugeschriebene Mangel an räumlicher Ausdehnung. Wir messen einer vollkommenen Kugelgestalt mit einem bestimmten Durchmesser eine absolute Plastizität bei. Sie kann auf jede Weise deformiert werden, ohne je zerbrochen oder durchlöchert zu werden. Was wir mit diesem Gegenstand einer vollkommenen dreidimensionalen Symmetrie vorhaben, ist klar. Wir wollen ihn ganz flach machen, um ihn in eine zweidimensionale Fläche zu verwandeln und die Zahl ihrer homöomorphen Äquivalenzen zu finden. Wir wollen die Höhe dieser Kugel durch zehn gleiche Reduktionen bis auf Null verkleinern und die Vergrößerungsskala der beiden registrierten Verkleinerungen des dritten entsprechenden Durchmessers errechnen, je mehr die Kugel zur Fläche wird. Die letzte Zahl kann aus den neun vorhergehenden abgeleitet werden. Es ist offensichtlich, dass man nicht zum Unendlichen gelangen kann, da das gleiche Verfahren mit einer fünfmal größeren Kugel eine mindestens fünfmal größere Fläche ergeben muss und zwei Unendliche mit einem messbaren Größenunterschied gehen weit über die Logik hinaus (außer der von Lemaitre, wenn er von der Ewigkeit spricht). Die praktische, mit diesem Experiment verbundene Berechnungsarbeit überlassen wir den Mathematikern — falls sie nichts besseres zu tun haben.

Wir sind noch nicht am Ende. Wir ziehen eine Diagonale in diesem riesigen Pfannkuchen ohne Dicke und fangen damit an, die Fläche genauso wie beim vorigen Experiment zu verlängern, bis wir eine Linie ohne Dicke bekommen, wobei wir alles wie oben berechnen. So bekommen wir die in Zahlen ausgedrückte homöomorphe Äquivalenz zwischen einem Gegenstand mit drei, zwei und einer einzigen Dimension und jeder kann mit dem Protest beginnen. Die klügsten werden sich gedulden, indem sie sagen, dass Euklid mit einem Punkt angefangen hat. Wie ist diese riesige Linie auf einen einzigen Punkt zu reduzieren? Ich kann nur zur Kugel zurückkehren. Das wäre richtig, wenn die Situlogie ein bloßes Phänomen des Raumes und der Position wäre.

Einstein hat erklärt, dass eine Linie, wenn sie Lichtgeschwindigkeit erreichen könnte, immer kürzer würde, bis sie als Länge in der Richtung des Weges überhaupt verschwindet, während eine Uhr bei dieser Geschwindigkeit ganz und gar stillstehen würde. Gerade das wollen wir jetzt tun, damit die ganze Sache dann erledigt ist. Der einzige — geringere — Nachteil dieses spektakulären Verfahrens ist unsichtbar: ich kann meinen durch den Kosmos schießenden Punkt nicht mehr zurückbekommen. Wenn ich diese Bewegung durch den Raum in eine Drehung auf der Stelle verwandeln könnte, so wäre ich wieder mehr oder weniger Herr über meinen Punkt.

Einstein erklärt, dass „Raum und Zeit, wenn sie als getrennt verstanden werden, zu nichtigen Schatten geworden sind — nur zusammen drücken sie eine Wirklichkeit aus“. Von dieser Bemerkung ausgehend habe ich anderswo festgesetzt, dass Euklids Punkt, da er keine räumliche Dimension hat und doch irgendeine Dimension darstellen muss — da er sich im Raum befindet — zumindest die Dimension der in den Raum eingeführten Zeit darstellt. Dies um so mehr, als es unmöglich ist, einen Punkt ohne Dauer im Raum festzusetzen. Ohne Dauer gibt es keine Position.

Damit dieser Punkt die Qualität der Zeit besitzen kann, muss er die der Bewegung besitzen und, da der geometrische Punkt sich unmöglich im Raum bewegen kann, ohne eine Linie zu ziehen, muss diese Bewegung eine Drehung sein — d.h. eine Bewegung um sich selbst. Obwohl diese Bewegung ununterbrochen sein muss, kann sie doch weder eine Achse noch eine räumliche Richtung haben; dazu kommt noch, dass dieser Wirbel nicht den geringsten Raum einnehmen kann. Ist diese Definition des Punktes reicher und positiver als die Euklids, so bleibt sie trotzdem nicht weniger abstrakt. Seit ich aber erfahren habe, dass es einen griechischen Geometer namens Heron gegeben hat, der Gauss zu einer Definition der Geraden als einer Linie veranlasste, die sich um sich selbst als Achse dreht, ohne dass die sie bildenden Punkte sich irgendwie von der Stelle bewegen, dass manche Leute einräumen, dass es sich dabei um das einzig Positive handelt, das je über die Gerade gesagt wurde, fühle ich mich auf dem richtigen Weg.

« Le vulgaire voit dans une marchandise une marchandise, au lieu d’y voir un moment de la lutte de classe cristallisé ; il voit dans les défauts des marchandises des défauts, au lieu d’y voir la résultante d’un conflit d l’ouvrier avec lui-même, de l’ouvrier avec l’exploitation. »
Pierre Chaulieu, « Sur le contenu du socialisme » (Socialisme ou barbarie, nᵒ 22).

Eine Achse kann sich aber nur in eine Richtung drehen. Sie muss zuerst gestoppt werden, damit sie sich in die umgekehrte Richtung drehen lässt, während ein sich drehender Punkt durch eine stetige Veränderung seiner rotierenden Achse zu einer Drehung in die umgekehrte Richtung, sogar in irgendeine Richtung gebracht werden kann. So dass die Gerade wie folgt erklärt werden kann: wenn man zwei beliebig rotierende Punkte verbindet, sind sie gezwungen, ihre Drehung in derselben Richtung und mit derselben Geschwindigkeit zu vollziehen, wobei der schnelle gebremst und der langsamere beschleunigt wird.

Damit haben alle Linienpunkte eine Anwesenheit in einer räumlichen Dimension erworben, die so viel wie ein Verlust der Bewegungsfreiheit bedeutet, da die Bewegung im Raum orientiert ist.

Wollen wir uns mit dieser orientierten und positiven Definition der Linie nicht weiter belasten, so müssen wir schnell eine plastische Definition erfinden. Um diese zu verstehen, ist es notwendig, sich gut ins Gedächtnis einzuprägen, dass die plastische Geometrie nicht den unendlichen Charakter der Dimensionen betont, sondern vielmehr deren Charakter als einer Anwesenheit in einer allgemeinen Raum-Zeit-Einheit, die endlich oder unendlich sein können, aber im Verhältnis zu all den Gegenständen primär sind, die man nach ihrer Ausdehnung prüfen will. Jedes Volumen, jede Fläche, jedes Liniensegment bzw. jede Zeitspanne ist Bestandteil der allgemeinen Fülle der allumfassenden Raum-Zeit bzw. wird daraus extrahiert. Bei der Analyse eines Liniensegments z.B. in Euklids egalitärer Geometrie sieht man von diesem „unendlichen“ Charakter der Linie ab. Es wird ein Stück herausgeschnitten und das Übrige vergessen. Das ist in der unitären Geometrie nicht möglich. Eine Linie ist keine ununterbrochene Folge von Punkten, da diese etwas verlieren mussten, um eine Linie darstellen zu können. In einem Linienabschnitt gibt es nur zwei Punkte, die an den beiden Linienenden beobachtet werden können. Wie lässt sich aber erklären, dass es auf einem Liniensegment zwei Nullpunkte gibt — und nicht nur einen wie beim Strahl? Die einzig mögliche Erklärung ist, dass ein Liniensegment mit zwei Nullenden aus zwei zur Deckung gebrachten Strahlen mit gekreuzten, sich in entgegengesetzten Richtungen bewegenden Nullpunkten befinden muss. Ein Liniensegment ist also eine Linie mit doppelter Strecke, hin und zurück, und mit einer Länge, die doppelt so lang ist wie die Entfernung zwischen den beiden polarisierten bzw. entgegengestellten Endpunkten. Dieses ist eine Grundlage für die plastische oder dialektische Geometrie. Nach dieser Perspektive ist jedes bestimmte Volumen ein Volumen, das durch eine Fläche aus dem allgemeinen Volumen bzw. dem allumfassenden Weltall zum Teilvolumen gemacht wurde; jede bestimmte Fläche ist gleichfalls ein durch Linien abgesondertes Teil aus der Universalfläche, jeder Linienabschnitt ein durch Punkte bestimmtes lineares Teil und jeder Punkt ein durch seine Dauer bestimmter Moment in der Zeit.

Die ein Volumen bestimmende spezifische Fläche — die Volumenfläche — wird Gefäß, Form usw. genannt. In ihrer Funktion als Trennung zwischen zwei Volumina hat sie den Charakter eines Gegensatzes zwischen Innerem und Äußerem, genauso wie das Vorne dem Hinten durch die Trennung einer Flächenlinie entgegengesetzt und die positive Streckenrichtung von der negativen durch den Punkt auf der Linie unterschieden wird. Diese Angaben haben also nur im Zusammenhang zwischen zweidimensionalen Systemen innerhalb derselben Koordinatenzusammensetzung einen Sinn. Das Problem wird komplizierter, wenn man mit mehreren, miteinander zusammenhängenden Koordinationssystemen zu spielen beginnt — was man die projektive Geometrie nennt, deren bekanntestes Beispiel die Zentralperspektive ist.

Um nicht nur das System der Projektionen, sondern auch das der Objektivierung im allgemeinen gut verstehen zu können, muss man erkennen, wie man Koordinatensysteme halbiert und welches das Initialsystem, das primäre, ist. Das jeder Beobachtung vorangehende Koordinationssystem ist das dem Beobachter selbst innewohnende: dessen subjektive Koordinaten. Üblicherweise wird diese elementare Vorbedingung jeder Beobachtung ignoriert. Die Koordinaten des Individuums heißen vorn, hinten, oben, unten, links, rechts und sie spielen eine sehr große Rolle nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch wesentlich in der Ethik und der gesellschaftlichen Orientierung, in der das Individuum nach links und dann nach rechts gezogen, durch den Fortschritt nach vorne und immer wieder nach vorne gestoßen, nach hinten zurückgeschoben und zum Aufstieg durch Karriere befördert wird, um schließlich unter die Erde gebracht zu werden. Die Richtung nach rechts ist die des geringeren Widerstands, der Geraden, die richtig oder rationell genannt wird; umgekehrt ist von Natur aus die nach links die anarchische Richtung des Spiels, des SPIN und der größeren Anstrengung. Jedesmal aber, wenn die politische Linke den Weg des geringeren Widerstands geht und zur Richtung einer Einrichtung der Gerechtigkeit wird, fehlt es diesem Gegensatz an Spannung. Da die Richtung des geringeren Widerstandes aber in unserer Perspektive der Gegensätze die Linie des Falls zeigt, soll die Richtung nach links, die des Spiels, den Aufstieg darstellen. Ich habe versucht, das durch die Umkehrung der Dialektik zu beweisen. Das Wort „rechts“ (engl. „right“) gibt in den skandinavischen Sprachen („hogre“) den Aufstieg an, der anderswo durch die linke Richtung versinnbildlicht wird. Die Verwirrung in der gesellschaftlichen Orientierung in Europa und in dessen Wortschatz wird dabei noch reicher und widersprüchlicher. Das sind rein objektive Beobachtungen ohne irgendeine programmatische Folge, die aber selbst die elementarsten religiösen Konzepte (wie z.B. Himmel und Hölle) beeinflusst haben.

Die metrischen Abstandfolgen eines Koordinatensystems machen es möglich, ein Netz von parallelen und in gleichen Abständen laufenden Koordinatenlinien herzustellen. Durch diese Einordnung in Vierecke kann man den Nullpunkt und die positiven Richtungen im System auswählen und verändern, wo und wie man es will. Das gleiche gilt für die Linie und das System mit drei Koordinaten.

Manchmal wird die Projektion dadurch notwendig gemacht, dass das Koordinatensystem des beobachteten Gegenstandes gegenüber dem verschoben ist, das als Grundlage für den Beobachter und das Messen gebraucht wird. So gibt die projektive Geometrie die Regeln der Beziehungen zwischen zwei bzw. mehreren Koordinationssystemen an, als ob es zwei bzw. mehrere Räume gäbe. So dass man durch Projektion denselben Raum in mehrere vervielfachen kann. Das lässt sich aber nur durch die Zeitdimension rechtfertigen.

Die positive Geometrie, die mit dem Strahl, dem Flächenviertel und dem Volumenachtel arbeitet, ermöglicht ein anderes, rein räumliches Spiel. Man kann den durch die beiden negativen Strahlen einer zweidimensionalen Koordination gebildeten rechten Winkel verschieben und so zum Beispiel ein Viereck bilden, indem man ihn dem positiven Winkel gegenüberstellt. Durch diese Operation lässt sich erklären, warum die Erklärung des Vierecks im Verhältnis zwischen dem Umfang und der Diagonale des Kreises zu finden ist, während man den Kreis nicht durch eines seiner Bestandteile — nämlich das Viereck — definieren kann. Diese Definition des Vierecks durch Nebeneinanderstellung trifft sich mit unserer dialektischen Definition der Linie und zeigt, wie die Situlogie unmittelbarer als die Geometrie ist, die mit dem Problem der Quadratur des Kreises zusammenstößt.

Wir haben hier einige Folgen der Umwälzungen skizzenhaft entworfen, die durch die Situlogie in das geometrische Denken eingeführt werden könnten, es ist aber für jeden Kenner dieses Fachs einleuchtend, dass sie nicht wenige schwerwiegende Folgen auf unsere physischen und mechanischen Begriffe haben würde. Einsteins Definition ließ uns schon erkennen, dass unser Konzept vom Licht sich für keine räumliche Dimension eignet. Es wäre jedoch falsch, das Licht als etwas Immaterielles zu betrachten. Man kann sogar den alten mystischen Begriff der vier Elemente nochmals in Erwägung ziehen. Wir wissen, dass sie als absolute Phänomene nicht vorhanden sind, es ist trotzdem befremdend, dass sich die moderne Wissenschaft geweigert hat, eine so deutliche Unterscheidung zwischen den Zuständen der Materie wie zwischen den festen Körpern, dem Flüssigen, der Luft — oder dem Gas — und dem Licht zu betrachten. Aus der Beobachtung eines Eiswürfels, der plötzlich schmilzt und sich auf der Tischfläche ausbreitet, könnte man folgern, dass der Zustand einer Flüssigkeit den Verlust einer der räumlichen Dimensionen bedeutet, die durch das Freilassen des Ausfließenden ersetzt wird. Und die Konstanz der Spannung einer Wasserhaut scheint in der Physik so wichtig wie die Konstante der Schnelligkeit des Lichtes zu sein. Was zur Berücksichtigung des logischen Schlusses führen könnte, dass die Gase nur eine räumliche Dimension haben, die durch das Spiel ihrer Bewegung ausgeglichen wird. Muss man endlich nach einem Beispiel für etwas mit noch weniger Dimensionen suchen, so sollte man an Maurice Lemaitre und seine Freunde denken.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1976
Numéro 5, Seite 29
Autor/inn/en:

Asger Jorn:

Geboren 1914 in Vejrum (Jütland), gestorben 1973 in Aarhus. Maler, Bildhauer, Keramiker. Gründungsmitglied der Gruppe CoBrA und der Situationistischen Internationale. Er beginnt als Porträt- und Landschaftsmaler und wendet sich ab 1934 der abstrakten Malerei zu. Jorn nennt seine Kunst auch „Forschungsmethode“ zur Erkundung des mythischen Kerns der menschlichen Wirklichkeit, den er in seiner Interpretation darstellt.

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

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