Zeitschriften » Wurzelwerk » Jahrgang 1982 » Wurzelwerk 16
Aldor Ertl

Die neue Gesellschaft

In vielen Teilen der Welt sind „Arbeiterregierungen“ zur Macht gelangt oder haben steigende Gewinne bei Wahlen erzielt. Und links als politischer Begriff wird gleichgesetzt mit Sozialismus. Wenn also die Idee so unwiderstehlich im Vormarsch ist, wenn die verschiedenen „Arbeiterparteien“ nicht müde werden, ihr Lied vom Sozialismus zu singen, können wir darauf verzichten, von der neuen Gesellschaft, einer alternativen Gesellschaft, vom SOZIALISMUS ein Bild zu entwerfen?

Wir antworten: NEIN! Was wir Tag für Tag in den Medien hören und lesen, ist nicht eine Sache für oder gegen Sozialismus, sondern für oder gegen eine neue Ausbeutergesellschaft, die sich zudem noch marxistisch nennt. Marx würde sich den Bart ausreißen, wäre derartiges möglich. Der Begriff Sozialismus hat durch Mißbrauch seine Bedeutung verloren. Alles, angefangen von einer Kohlenmine, die von der Regierung verwaltet wird, bis zu dem in den Ostblock-Staaten herrschenden Ausbeutersystem, wird fälschlich als Sozialismus bezeichnet.

Wir wollen versuchen, diesen Fälschungen entgegenzutreten und zu zeigen, was es mit dem Kapitalismus und dem Sozialismus auf sich hat. Als Konsequenz soll die Erkenntnis gewonnen werden, daß nur die Entscheidung für den Sozialismus eine wirksame Abhilfe gegen Krieg, Hunger, ökologische Schäden, Existenzunsicherheit und all die Anliegen, die in der Alternativbewegung viel deutlicher, und das ist das Erfreuliche, in Frage gestellt werden, als es jemals von Marxisten getan wurde, darstellen kann. Wir wollen aber ganz deutlich sagen: es gibt unserer Meinung nach keine Möglichkeit, den Kapitalismus, seine unsere Welt zerstörende Wirtschaft, seine Gewaltherrschaft, seine Brutalität, die Korruption, die in diesem System steckt, zu reformieren.

Die Unterprivilegierten, also wir, die Lohnarbeiterschaft, um ein Wort von Brigitte, Maria und Rainer zu verwenden, haben das Geschick dieser Erde in unseren Händen. Was werden wir tun? Werden wir uns wie bisher hinsetzen und uns von „Führern“ sagen lassen, was gut für uns ist? Werden wir uns mit Armut mitten im Überfluß abfinden, bis der nächste Krieg kommt, und: wir wieder zur Schlachtbank geführt werden?

Oder werden wir endlich erwachen und selbst herausfinden, was am gegenwärtigen System falsch ist? Werden wir uns in einer alternativen Bewegung vereinigen, um der Ausbeutung, dem Krieg, dem Rüstungswahnsinn, dem Streben nach Privilegien usw. ein Ende zu setzen?

Es erscheint alles so natürlich. Wir gehen arbeiten in eine Fabrik oder Büro. Der das ermöglicht, den nennen wir „Arbeitgeber“. Wir verwenden Geld, wenn wir einkaufen gehen und ziehen in den Krieg gegen Länder, über die wir wenig oder gar nichts wissen. Dennoch ist das gegenwärtige Wirtschaftssystem — Kapitalismus genannt — nicht sehr alt. Verglichen mit vorangegangenen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen stellt der Kapitalismus nur eine Episode dar.

Die Menschen haben schon in verschiedenen Gesellschaftssystemen gelebt und gearbeitet. Jahrtausende lebten sie unter primitivem Kommunismus, dann in Sklavengesellschaften. Später in feudalen Verhältnissen und zuletzt im Kapitalismus. Was wir aufzeigen wollen ist, daß unsere Gesellschaft sich entwickelt und verändert. Auch unsere heutige Ordnung ist keine feststehende, etwas aus dem „Wesen der menschlichen Natur“ erklärbares.

In diesem Rahmen können wir weder die Entwicklung des Kapitalismus beschreiben noch sie gründlich analysieren. Wir behandeln nur die Grundlagen des Kapatalismus. Die Grundlagen sind die gleichen auf der ganzen Welt, die besondere Form, die sie in dem einen oder anderen Lande annehmen, wird von vielen Faktoren bestimmt, zum Beispiel durch die besondere Entwicklung eines Landes, seine geographische Lage oder durch die permanenten Klassenkämpfe.

Das erste, was uns in die Augen springt, ist die Tatsache, daß Waren nur erzeugt werden, solange damit Profit erzielt werden kann. Betriebe werden einfach eingestellt, wenn kein oder nicht genügend Gewinn erzielt wird, wobei unerheblich ist, ob diese Erzeugnisse jemand braucht. Ein Beispiel möge dies erläutern: Ohne Zweifel gibt es in Österreich viele Tausende Haushalte und landwirtschaftliche Betriebe, die Kohle noch und noch gebrauchen könnten. Dennoch werden Bergbaubetriebe aufgelassen, weil die geförderte Kohle nicht mit Profit abgesetzt werden konnte. Die Tatsache gilt für alle Waren. Brotfabriken backen Brot nicht in erster Linie deshalb, weil Menschen hungrig sind, sondern weil mit dieser Ware Profit erzielt werden kann. Wenn aber das wesentliche Motiv der Produktion nicht die Bedarfsdeckung ist, sondern der Profit, ist es für den Fabrikanten auch unerheblich, ob die erzeugten Artikel irgendwelchen effektiven Nutzen für den Käufer haben. Das heißt: wenn es dem Fabrikanten gelingt, Käufer davon zu überzeugen, daß einige Tropfen Öl mit Wasser gemischt ein vollkommenes Heilmittel für alle Krankheiten sind, und wenn dieses Gebräu unseren Fabrikanten Profite verspricht, so wird es erzeugt werden.

Dies erscheint ganz natürlich zu sein, es ist aber ein typisches Kennzeichen der kapitalistischen Gesellschaftsordung. Können wir uns von diesen negativen Erscheinungen, in Betrieben, die im kapitalistischen System, in Selbstverwaltung stehen, erfolgreich heraus halten? Nein, wir glauben es nicht. Wir möchten mit Bahro antworten:

Was diejenigen inneren Widersprüche des Kapitalismus, auf die der traditionelle Proletariatsbegriff bezogen ist, für sich allein bisher nicht erzwungen haben — die ökologische Krise wird es erzwingen: die ökologische Krise wird den Abschied vom Kapitalismus erzwingen. Denn die Realgefahr der Totalkatstrophe, die wir auf uns zukommen sehen, ist doch die Quintessenz dessen, was wir gewohnterweise die allgemeine Krise des Kapitalismus nennen. Sie hängt doch untrennbar mit der Konkurrenz um den Höchstprofit zusammen, die heute nicht von den vergleichsweise harmlosen Fabrikanten und Aktiengesellschaften des 19. Jahrhunderts, sondern von nationalen und internationalen Supermonopolen ausgetragen wird, die mit dem Schicksal ganzer Staaten und Völker spielen. Mit der Zerstörung der Naturgrundlage menschlicher Existenz überhaupt im Weltmaßstab stellt sich die alte Frage „Sozialismus oder Barbarei“ mit einer Schärfe, die sich die früheren Sozialisten bei aller Weitsicht noch nicht träumen ließen. Wir sollten uns primär nicht über Sozialismus streiten. Erinnern wir uns an das berühmte Wort von Marx, wonach Sozialismus kein vorgefaßtes Wunschbild ist, das wir vermitteln wollen, sondern die wirkliche Bewegung, die den bestehenden Zustand aufhebt.

In diesem Zusammenhang dürfen wir noch sagen: Was immer die Gegner einer sozialistischen Gesellschaft behaupten mögen, Sozialismus bedeutet keineswegs immer mehr und mehr materielle Güter, endlose Haufen von Blech und Kunststoff. Das Wesen des Sozialismus besteht in der Brechung der Herrschaft der Ware über den Menschen.

Die Forderungen der Alternativen Listen, werden sie konsequent verfolgt, müssen zwangsweise das Ende des Kapitalismus einleiten.

Damit dieser Prozeß in keine Sackgasse führt, scheint unerläßlich zu sein:

  1. § 8 der ALNÖ (Rotationsprinzip)
  2. § 11 Bezugsregelung
  3. Vor allem aber scheint uns der Brief an einen Kandidaten und die Kandidatenausschreibung der Alternativen Liste NÖ wichtig zu sein.

Wir beantragen diese wichtigen Punkte in allen A-Listen, ganz besonders in der ALÖ zu verankern.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1982
Wurzelwerk 16, Seite 28
Autor/inn/en:

Aldor Ertl: Hafnermeister mit Betrieb in Wien und Wohnsitz in Wimpassing. Gewitzter Marxist und radikaler Sozialist mit anarchischer Neigung; Aktivist unter dem Label Bund Demokratischer Sozialisten. Wir wissen nicht, wann und wie er zu diesem Label kam — es dürfte vermutlich mit seiner Kärntner Herkunft zusammenhängen, irgendwie. Ein zutiefst freundlicher Mensch, der den anarchischen Sozialismus auch leben wollte. Sein Haus in Wimpassing war direkt an der Südbahn gelegen und stets mit großen Transparenten zur Erbauung der Reisenden geschmückt.

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