Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 2001 - 2010 » Jahrgang 2004 » Heft 32
Roger Behrens
Rückkopplungen

„Die neue deutsche Mentalität“

Nimmt man Pop ernst, dann gilt auch hier der Grundsatz materialistischer Ästhetik vom Zeitkern der Wahrheit; gerade wenn Pop nur durch die Verwertungslogik vermittelt ist, bleibt der Abdruck von Wahrheit, der sich etwa in einem Musikstück zeigt, an seine fetischistische Form gebunden: die Mode. Wo Kunst Gesetzen der Mode folgt, gilt es die Spuren der Wahrheit zu rekonstruieren und eben nicht blank das ästhetische Phänomen zu verabsolutieren: Dabei käme Kitsch heraus, höchstens die Bestätigung dessen, was eh zu hören ist. Das hieße etwa zu sagen, dass eine Band „politisch“ wegen ihrer „politischen“ Texte sei. Das funktioniert bemerkenswerterweise nur dann, wenn mit Textkitsch nur Musikkitsch verborgen werden soll, wenn es reaktionär wird, wie es derzeit im Umfeld einer neuen deutschen und darauf besonders stolzen Berliner Musikszene zu beobachten ist: Im modischen Sog eines musikalisch kaum inspirierten Retrorevivals der Achtziger und aufgesetzter, abgeschmackter Riot-Girl-Attitüde bekennt sich die Band Mia und ihre Frontfrau Mieze zum neonationalistischen Pangermanismus, populistisch gefiltert ausgerechnet mit Erich Fried-Gedichtbrocken („Es ist was es ist sagt die Liebe …“); in entstaubter Vaterlandsliebe erstrahlen Schwarz Rot Gold jetzt als Kaffee, Lippen und Sonne: der Militarismus der Neuen Mitte heißt Friedenseinsatz. Von den Second-Hand-Parkas entfernt kaum noch jemand die Deutschlandfahne. Die Band liefert konsequent den Soundtrack zum sozialdemokratischen Krisenmanagement. Es ist kein Soundtrack zum Untergang, sondern zum „Anfangen“, wie sie sagen. „Deutschland erwache“, hieß es früher. Vorbereitet wurde das mit Kompilationen, auf denen sich durchweg aus dem ehedem poplinken Lager bekannte Bands finden (oft ohne deren Wissen, wie etwa im Fall von Tocotronic, die sich von solchen Vereinnahmungen distanzierten): Vom „jungen neuen Deutschland“ ist da die Rede, und die Platten heißen ,Heimatkult‘, ,Neue Heimat‘ oder ,German Liedgut‘. Mia kann mit Rückhalt rechnen; Kritik prallt ab: intellektuell, politisch, ästhetisch. Überhaupt tat sich Popkultur schon immer mit Kritik schwer, zumal die deutsche, deutschsprachige. Wahrscheinlich sind das noch Reste des nationalsozialistischen Verdikts über Kunstkritik, die Verpflichtung der Popkameraden auf nationale Befindlichkeitsästhetik, die es ausdrücklich bei der bloßen Kunstbetrachtung belässt. – Tatsächlich sollten Mia und andere Bands nicht zu erst genommen werden; ernst ist das, was sie zum Ausdruck bringen: Sie sind ja nicht der Underground, der sie gerne sein wollen, sondern das übliche Plagiat, der tote Fisch, der im Mainstream schwimmt.

Was den neuen nationalen Aufbruch der deutschen Popmusik prekär macht, ist die aberwitzige Idee, dass gerade ein deutscher Nationalismus mit Mitteln des Pop gerechtfertigt werden könnte. Marcuse sprach vor über fünfzig Jahren schon von der „neuen deutschen Mentalität“: Kennzeichen der deutsch-nationalen Kulturgemeinschaft war schon damals, dass die Massen an die Kultur gewöhnt werden, im selben Maße, wie die Kunst an die bestehenden Verhältnisse angepasst wird (vgl. Marcuse, Feindanalysen. Über die Deutschen, Lüneburg 1998). Das Kokettieren mit dem neuen Deutschland, dem poppig herausgemachten Nationalismus, ist so politisch reaktionär, sowenig es ästhetisch ein Skandal ist. Es gibt keinen Skandal mehr, auch nicht im Pop. Das Geschäft verbietet es, obwohl die skandalträchtige Geste selbst noch für Surplus sorgt: sie ist allerdings bloße Form, sinnlos und inhaltsleer, die Revolte als Accessoire einer auf Harmlosigkeit gebürsteten Jugend. Und damit hat der Neokonservatismus seine erste Mode. Oder anders gesagt: Die Ästhetisierung der Politik ist in der Popkultur angekommen (also: es ist kein politischer Nationalismus, sondern ein ästhetischer; eine Frage von Style, nicht von Stil). – Nur noch die Provokation vermag an den Skandal zu erinnern: etwa, insofern der Punk wenigstens versuchte, die Ästhetisierung der Politik umzukippen, zu pervertieren. Seit über 25 Jahren ist dieses Konzept mit dem Namen Mark E. Smith beziehungsweise The Fall verbunden: Untergrund, Antipop – dieses Vierteljahrhundert ist Thema der Kompilation ,Perverted by Mark E. A Tribute to The Fall‘. Zusammengestellt von der ebenfalls vertretenen Band Woog Riots ist auf zwei CDs ein Lieblingstape entstanden, mit allerhand Coverversionen, Imitationen, Spielereien und ironischen Surrealismen. Punk und Postpunk – es ist nicht alles gut und, wie so oft, bleibt das meiste Geschmackssache (außer freilich Boy Division, außer S. Y. P. H, außer I, Ludicrous etc.). Und Klaus Walter erzählt die Geschichte von sich und seinem Bruder Alfred E. Smith, die beide schlechte Zähne haben und deshalb Josef Neckermann entführen. Es geht nur um ,Neue Zähne für meinen Bruder und mich‘ (Superpunk); es geht aber auch um die Arisierung der Textilfirma des Juden Karl Amson Joël 1937 durch die Nazis und Neckermann, dem Mitglied der Reiter-SA. Es geht um das Wirtschaftswunder, für das dann der Neckermannversand zum Symbol wurde, es geht auch um die Genealogie der (deutschen) Popkultur. Der Text verhüllt nicht, sondern kommentiert. Als ginge es darum, kraft der Musik den Sinn der gegenwärtigen Popkultur auszuhebeln. Das ist das Prinzip von The Fall, sogar das Messianische, das anarchistische Fans bei Mark E. Smith entdecken. „Am Ende hat er mir erzählt, wie man Platten macht“, heißt es in Tocotronics ,Ich habe geträumt, ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith‘. Wie die Welt verrückt werden kann, werden wir in einem Schnellimbiss erfahren, nicht am Festbuffet der bürgerlichen Gesellschaft. (Various Artists, ,Perverted by Mark E. A Tribute to The Fall‘, ZickZack/WSFA 2004)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2004
Heft 32, Seite 35
Autor/inn/en:

Roger Behrens:

Geboren 1967. Lebt in Hamburg, Weimar und Belo Horizonte. Philosoph und Sozialwissenschafter. An mehreren Universitäten, bei testcard und Zeitschrift für kritische Theorie tätig. Buchautor, zuletzt: Verstummen. Über Adorno (2004).

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