Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2006 » Heft 4-5/2006
Birgitt Wagner

Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen 1945 bis zur Gegenwart

Was in Besuchern und Besucherinnen der Gedenkstätte den Eindruck relativer Authentizität hervorruft, hat mit dem Lager, das die KZ-Häftlinge kannten, nicht mehr allzu viel zu tun — die politische und biographische Perspektive verschiedener AkteurInnen, Sachzwänge und die allgemeine politische Lage prägten Schicht um Schicht das Geschichtsbild, das heute am historischen Ort vermittelt wird.

Die in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen erhaltene Bausubstanz ist in jedem Sinn des Wortes ein „Überrest“ — sowohl im Sinne der Geschichtsschreibung, die darunter eine unabsichtliche Überlieferung versteht, als auch in der allgemeinsprachlichen Bedeutung des Wortes: verglichen mit der Ausdehnung des KZ Mauthausen bei der Befreiung durch die Alliierten blieb nur ein geringer Teil des Lagers erhalten (Dies gilt in noch größerem Maß für seine Nebenlager, die teilweise fast völlig „verschwunden“ und gerade noch durch eine kleine Gedenkstätte oder einen Gedenkstein markiert sind).

Bereits die ehemaligen Häftlinge, ohne deren Engagement vermutlich nie eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände entständen wäre, forderten keineswegs die Erhaltung des gesamten Komplexes; da sie den Erinnerungsschwerpunkt auf das Leiden der Häftlinge legten, spielten auch für sie die Orte der Täter — wie beispielsweise die Wohnhäuser und Baracken der SS — keine Rolle. Die Republik Österreich, der das Gelände 1947 von der sowjetischen Besatzungsmacht übergeben wurde, brachte immer wieder einen Komplettabriss inklusive Errichtung eines monumentalen Gedenksymbols in Form eines Kreuzes ins Spiel; sie zeigte nur in so weit Interesse an der Gedenkstätte Mauthausen, wie dies im Dienste internationaler Beziehungen für nötig erachtet wurde. Besonders in den 1950er und 60er Jahren war die finanzielle Ausstattung der Gedenkstätte so schlecht, dass Gebäude wegen ihrer Baufälligkeit abgerissen werden mussten. Andere Teile des Lagers wurden nicht einbezogen, da die Besitzverhältnisse der entsprechenden Grundstücke umstritten waren oder sie an die vorherigen Besitzer zurückgestellt wurden. Diebstahl, Verfall und Verwahrlosung während der ersten Jahre nach der Befreiung sowie der schlussendliche Verkauf fast aller Holzbaracken trugen ein Weiteres bei.

Bertrand Perz hält diese Grundsatzentscheidungen für fatal: „Die Nichteinbindung der genannten Orte und Objekte in die Gedenkstätte hatte für die Erinnerungskultur in Mauthausen gravierende Folgen: Sie verstärkte sowohl den Monumentcharakter des ehemaligen Lagers als auch den Charakter des Lagers als isolierten Ort der Häftlinge. Dass das Konzentrationslager aber auch ein — von der SS stolz präsentierter — Ort der Täter war, eingebunden in ein komplexes gesellschaftliches und ökonomisches Umfeld, war damit weitgehend ausgeblendet, das Lager somit entkontextualisiert.“ (S.101)

Die Funktion der Gedenkstätte unterlag einem kontinuierlichen Wandel. Bis Ende der 1960er Jahre war der Ort hauptsächlich ein „steinerner Zeuge, Friedhof und Denkmal“ (S. 235) und galt als Erinnerungsstätte der Überlebenden, denen ein „würdiges“ Gedenken ermöglicht werden sollte. Mit diesem Argument wurden historische Orte teilweise völlig neu gestaltet, so z.B. das so genannte „Russenlager“, an dessen Stelle sich heute ein Wäldchen befindet und an das nur ein Gedenkstein erinnert, oder sie wurden so unbekümmert um denkmalschützerische Normen restauriert, dass von historischer Genauigkeit nicht die Rede sein kann. Die Auswahl der Orte, die erhalten bzw. umgestaltet werden sollten, hing dabei eng mit dem Inhalt des Gedenkens zusammen: da vor allem politische Häftlinge aus Österreich und anderen Ländern Europas in den Organisationen der Überlebenden aktiv waren, war für sie der idealtypische Mauthausen-Häftling ein unerschrockener männlicher Widerstandskämpfer, der für ein freies Österreich oder ein Europa der Völkerfreundschaft sein Leben eingesetzt hatte. Entsprechend fanden besonders die Orte Eingang in das Gedenken, an denen die Häftlinge der ersten Stunden gelitten hatten. Von Anfang an orientierte sich das Gedenken an nationaler Zugehörigkeit und ordnete die Toten und Überlebenden entsprechend zu; andere Opfergruppen, die in diesem Schema schwer zuordenbar waren, fanden nur nach und nach Eingang in den Kanon des Gedenkens. Deutlich wird dies in der späten Errichtung von Monumenten für jüdische Häftlinge (die immerhin die größte Häftlingsgruppe gestellt hatten) oder für Sinti und Roma, die nun neben den vielen nationalen Denkmälern bestehen. Einen besonderen Fall stellt die Gruppe der so genannten „kriminellen Häftlinge“ dar, die im offiziellen Gedenken bis heute keine Rolle spielen: wenngleich national zuordenbar, so waren sie doch den politischen Häftlingen so peinlich und unangenehm, dass die Toten sogar aus den Opferzahlen herausgerechnet wurden.

Die hegemoniale Deutung des KZ Mauthausen als Ort des Widerstandes überschnitt sich mit dem Bedürfnis des offiziellen Österreich, sich als erstes Opfer des Nationalsozialismus zu präsentieren, das ansonsten die Konzentrationslager des Nationalsozialismus als „unösterreichisch“ betrachtete und damit zu Beginn auch gegen ihre Erhaltung argumentierte. Im Opferstatus Österreichs fanden die oftmals widerstreitenden Interpretationen kommunistisch dominierter Überlebendenorganisationen und sozialdemokratisch oder konservativ besetzter Institutionen (deren Vertreter teilweise ja auch selbst ehemalige Häftlinge waren) jedenfalls eine Schnittstelle. Für erstere war diese Übereinstimmung aus mehreren Gründen von großer Bedeutung: zum einen waren sie zur Finanzierung der Gedenkstätte auf eine Zusammenarbeit mit der Republik Österreich angewiesen, zum anderen wurde ihre offizielle Anerkennung als eigenständiges Ziel verfolgt, als Ausdruck gesellschaftlicher Würdigung ihres Schicksals.

Dieses Verständnis prägte auch die Konzeption der historischen Ausstellungen, vor allem (aber nicht nur) die Ausstellung „Österreicher in nationalsozialistischen Konzentrationslagern“ von 1982. Die Hauptausstellung war bereits zu den Befreiungsfeierlichkeiten 1970 eröffnet worden; sie informiert unter anderem über die Geschichte des KZ Mauthausen, den Lageralltag oder den Widerstand der Häftlinge. Den Planungen vorausgegangen war die Erkenntnis, dass sich die Überreste des Lagers keineswegs von selbst erklärten und einer Kommentierung bedurften, um interessierten BesucherInnen die historischen Ereignisse vermitteln zu können. Die Gedenkstätte Mauthausen wurde so explizit als Lernort gestaltet, dessen Besuch nun auch verstärkt Schulklassen empfohlen wurde.

Die erläuternden Tafeln an einzelnen Orten der Gedenkstätte zeigen gleichzeitig die Fragilität des Konzepts der „objektiven Wahrheit“. Die Beschriftung der Todesstiege im Steinbruch, ausgearbeitet von ehemaligen Häftlingen, ist historisch nicht exakt (sie wurde tatsächlich nicht erst nach der Befreiung reguliert, sondern war nur in der Anfangszeit des Lagers kaum passierbar mit „willkürlich aneinandergereihte[n] ungleich große[n] Felsbrocken der verschiedensten Formen“ als Stufen, S. 130). Ob nun das persönliche Erleben die Erinnerung überformt hatte oder, wie Perz vermutet, eine „auf Schockwirkung angelegte Pädagogik“ (S. 131) verantwortlich zu machen ist, sei dahingestellt.

In den 1980er und vor allem 1990er Jahren entwickelte sich die Gedenkstätte Mauthausen zum zentralen österreichischen Erinnerungsort für das Gedenken an den Nationalsozialismus. Für die Republik Österreich sind die jährlichen Befreiungsfeiern „ein Schaufenster, in dem [die geleisteten Aufarbeitungsschritte] gegenüber der internationalen Öffentlichkeit“ ausgestellt werden können (S. 30), Staatsgäste besuchen die Gedenkstätte, und das Bundesheer nutzte den Ort 1983 für die Angelobung von Grundwehrdienern. Die Besucherzahlen sind stetig gestiegen und bewegen sich heute auf dem Niveau der großen Wiener Museen; gleichzeitig wurde mit dem Konzert der Wiener Philharmoniker im Steinbruch 2001 ein Großereignis veranstaltet, das nur mehr eine vage Hommage an die Ermordeten (und, wie man vermuten könnte, eine gewisse Selbstdarstellung) zum Inhalt hatte. Die Zukunft wird zeigen, ob diese Richtung der Entwicklung beibehalten wird; auch die Anpassung des pädagogischen und museologischen Konzepts an das bald völlige Fehlen der Überlebendenorganisation ist noch im Flusse.

Das Buch von Betrand Perz kann sicherlich mit Fokus auf die Geschichte der Zweiten Republik gelesen werden, wie dies Eva Blimlinger in ihrer Rezension im Falter (32/2006) vorschlägt. Genauso hat es aber auch die Mechanismen von Erinnerung und Gedenken zum Thema und beleuchtet die Art und Weise, wie „objektive historische Wahrheit“ entsteht: notwendiger Weise ist sie immer von der Wahrnehmung, Interpretation und Schwerpunktsetzung derer bestimmt, die im Laufe der Zeit durch gesellschaftspolitisches Handeln, Forschung oder Kritik zu ihr beitragen.

Bertrand Perz, Die KZ- Gedenkstätte Mauthausen 1945 bis zur Gegenwart, Innsbruck 2006, ISBN: 3-7065-4025-8; Preis: EUR 37,90, SFR 69,40

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2006
Heft 4-5/2006, Seite 0
Autor/inn/en:

Birgitt Wagner:

Historikerin und Übersetzerin, von Mai 2005 bis 2006 Redaktionsmitglied von Context XXI.

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