Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2005 » Heft 5-6/2005
Thomas Schmidinger

Die Kugeln prallten nicht ab

Der Maji-Maji-Krieg in „Deutsch-Ostafrika“

Ein Jahr nach dem hundertsten Jahres­tag des Völkermords an den Herero und Nama im damaligen „Deutsch-Süd­westafrika“ jährt sich heuer das zweite große deutsche Kolonialverbrechen auf afrikanischem Boden zum hundertsten Mal: Die blutige Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstandes in „Deutsch-Südostafrika“, dem heutigen Tansania.

Der Aufstand gegen die deutschen Ko­lonialherren, der sich v.a. gegen die erdrückende Steuerlast und die immer un­erträglicher werdende Zwangsarbeit in den Baumwollplantagen richtete, begann mit der Verbreitung einer religiös inspirierten Bot­schaft durch den Maji-Propheten Kinjikitile, der basierend auf lokalen Glaubensvorstel­lungen eine Medizin versprach, die nicht nur von diversen Krankheiten heilen, sondern ins­besondere gegen die Gewehre der Deutschen unverwundbar machen sollte. Kinjiktile war ein traditioneller Heiler, der jedoch durch die Verelendung großer Teile des südöst­lichen Teils „Deutsch-Ostafrikas“ mit seiner Botschaft politische Relevanz erreichte und dessen Ideen sich durch von ihm entsandte Maji-Botschafter seit der zweiten Hälfte des Jahres 1904 in rasender Geschwindigkeit bei den im Landesinneren lebenden Bevölke­rungsgruppen zwischen Nyasa-See und der islamischen Küstenbevölkerung ausbreiteten. Seine Botschaft verband sich jedoch auch mit einem inneren Reformprogramm, wonach die Maji-Medizin nur dann wirksam wäre, wenn sich die Konsumenten der Medizin an gewisse moralische Standards hielten, etwa bei Kämpfen keine Vergewaltigungen oder Plünderungen durchführen würden. Würden sich die Anhänger des Kultes jedoch nach der Ein­nahme der Medizin an diese moralischen Vor­schriften halten, würden die Gewehrkugeln der Deutschen wie Wasser an ihnen abprallen, so das Versprechen Kinjikitiles und seiner Botschafter.

Unter der Führung von Kinjikitile kon­zentrierte sich die Bewegung anfangs auf die Verbreitung ihrer Botschaft und das Schmieden interethnischer Allianzen. Auch wenn die dabei verbreitete Botschaft eindeu­tig die eines Kampfes gegen die weiße Kolonialherrschaft war, so schien vorerst die Zeit noch nicht reif für den offenen Krieg zu sein. Erst als Kinjikitile am 16. Juli als Auslöser ei­ner gewissen Unruhe in der Bevölkerung von den Deutschen verhaftet worden war, kam es vermutlich zu einem vorzeitigen Beginn der Kämpfe. Am 20. Juli trat im Dorf Nandete im Matumbi-Bergland eine von Maji-Maji-Heilern angeführte Gruppe von Dorfbewohnern vor den von der Kolonialmacht ernannten Kommunalschamben und begann die ver­hassten Baumwollpflanzungen — in denen sie bisher zur Zwangsarbeit gezwungen worden waren — auszureißen. Dieser Akt der Zerstö­rung der Pflanzungen der Kolonialmacht, war als Selbstermächtigung und Kriegserklärung der Maji-Maji-AnhängerInnen gegen die deut­sche Kolonialherrschaft zu verstehen. Sie zer­störten damit das Symbol des Kolonialismus, der Ausbeutung und der Unterdrückung. In den darauf folgenden Tagen wurden deutsche Kolonialbeamte bzw. ihre lokalen Vertreter, sowie indische Zwischenhändler in der Umge­bung angegriffen. Die Kämpfe breiteten sich rasch aus. Am 30. Juli wurde mit einem Plan­tagenbesitzer, der vor den heranrückenden Aufständischen geflohen war, der erste Deut­sche getötet.

Die deutsche Kolonialmacht, die anfangs überrumpelt worden war, begann nun jedoch umso härter zurückzuschlagen. Bald zeigte sich die hoffnungslose Unterlegenheit der Maji-Maji-Kämpfer in der offenen Feld­schlacht, ebenso wie die Wirkungslosigkeit ihrer Medizin. Allerdings dürfte es den gei­stigen Führern der Bewegung noch eine Zeit lang möglich gewesen sein, das Versagen der Medizin auf die Nichteinhaltung der strengen Gebote des Kults zurückzuführen. Der Auf­stand brach jedenfalls nicht sofort zusammen, als die Kugeln der Weißen nicht wie Wassertropfen auf der Haut der Kämpfer abprallten, sondern zigtausende Tote hinterließen. Die Bewegung änderte jedoch schließlich ihre Taktik und ging von der offenen Feldschlacht zum Guerillakrieg über. Die genaue Zahl der Toten dieses Krieges wurde nie ermittelt. Der tansanische Historiker Gilbert Gwassa schätzt jedoch, dass insgesamt zwischen 250.000 und 300.000 Menschen im Zuge der Kämpfe und der folgenden Massaker und der Politik der verbrannten Erde ums Leben gekommen sind. Als Guerillakämpfe dauerten die Kriegshand­lungen jedenfalls bis 1907 an. Die Bedin­gungen der Kapitulation waren extrem streng: Alle Anführer mussten ausgeliefert werden. Sie erwartete nichts anderes als der Strick. Alle Waffen mussten abgegeben und hohe Strafzahlungen, die von den deutschen Offizieren willkürlich festgesetzt wurden, berappt werden. Wo die Strafzahlungen nicht aufge­bracht werden konnten, wurden diese durch Zwangsarbeit ersetzt.
Angesichts dieser Situation flüchteten auch viele der Überlebenden ins benachbarte portugiesische Mozambique. Das ehemalige Aufstandsgebiet, in dem sich rasch Großwild ausbreitete, dem die Bevölkerung ohne Waf­fen schutzlos ausgeliefert war, wurde schließ­lich teilweise zum Wildreservat erklärt. Ökonomisch hat es sich bis heute nicht wieder erholt. Es ist heute eines der am schlechtesten entwickelten und am dünnsten besiedelten Gebiete Tansanias.

Im Zuge der antikolonialen Be­wegung Tansanias bezog sich die TANU (Tanganyika African Nati­onal Union) unter Julius Nyerere jedoch explizit auf die Maji-Maji-Bewegung als Vorläufer einer tan­sanischen Nationalbewegung. Ins­besondere auf dem internationalen Parkett bezog sich der zukünftige tansanische Präsident immer wie­der auf den Widerstand der Maji-Maji-Anhänger, um auf die lange Tradition einer tansanischen Na­tionalbewegung hinzuweisen. Tat­sächlich stellte die Maji-Maji-Bewegung ein Novum im antikolonialen Widerstand Afrikas dar. Als erste Gruppierung organisierten sich die Maji-Maji-Anhänger nicht entlang ethnischer Linien, sondern quer zu diesen. Sie organisierten einen Großteil der ethnischen Gruppen im südlichen Landesinneren „Deutsch-Südostafrikas“, wobei die Trennlinien zwischen Gruppen, die mit den Deutschen zusammen­arbeiteten und jenen, die sich am Widerstand beteiligten durchaus auch innerhalb ethnischer Grup­pen verliefen. Die Maji-Maji-Bewegung stellte deshalb, obwohl sie auf sehr alten religiösen Vorstellungen aufbaute, die erste moderne poli­tische Bewegung der Kolonialisierten Afrikas dar und kann deshalb durchaus mit einem gewissen Recht als Vorläuferin der späteren anti­kolonialen Befreiungsbewegungen gesehen werden.

Allerdings wurde auch in Tansa­nia aus der Erinnerung an die Maji-Maji-Bewegung kein Natio­nalmythos. Neben der Niederlage der Bewegung und dem Gefühl — was die Wirksamkeit der Medizin betrifft — von den eigenen Führern getäuscht geworden zu sein, trug dazu sicher auch die Zurückhaltung der BewohnerInnen des ehemaligen Aufstandsgebietes bei der Unter­stützung der TANU bei, zu groß waren selbst in den Fünfzigerjahren noch die Ängste, wieder eine ver­nichtende Niederlage zu erleiden. Die TANU musste deshalb gerade im Süden auch die Unterschiede zur Maji-Maji-Bewegung betonen, etwa, dass kein neuer Krieg geplant sei, sondern auf diplomatischem Wege die Unabhängigkeit erreicht werden solle.

Dazu kamen auch noch die Gegen­sätze zwischen der vom Islam und der Sprache Swahili dominierten Küste und den BewohnerInnen des Inlands. Viele Küstenbewohner be­trachteten die Inlandsbevölkerung als rückständig, ihre Niederlage als Ausdruck dieser Rückständigkeit. Die überlebenden Nachkommen der Maji-Maji-Kämpfer traten schließ­lich selbst — wie in der Stadt Liwale — zum Islam über, oder versuchten, wie die BewohnerInnen der Region östlich des Nyasa-Sees, durch die Konversion zum Christentum selbst von der nun durchgesetzten Macht zu profitieren. Allerdings blieben auch unter der neuen Zugehörig­keit zu einer der großen Weltreli­gionen Widerstände bestehen, wie etwa der so genannte „Mekka-Brief“ bezeugt, der im Juni 1908 die Gläu­bigen dazu aufforderte sich auf das Ende der Welt vorzubereiten und sich von einer Zusammenarbeit mit den Deutschen fernzuhalten.

In Deutschland fand der Maji-Maji-Krieg weit weniger Öffent­lichkeit als in Tansania. In der apologetischen Kolonialliteratur der Weimarer Republik und NS-Deutschlands fanden Heldenge­schichten aus dem Maji-Maji-Krieg nicht so viel Platz wie jene aus „Deutsch-Südwest“. Aber auch heute, nachdem erstmals in einem gewissen Rahmen eine kritische Beschäftigung mit dem deutschen Kolonialismus in Afrika stattfindet, wird den Ereignissen in „Deutsch-Ostafrika“ weniger Aufmerksam­keit geschenkt, als jenen im stärker als Siedlerkolonie ausgerichteten „Deutsch-Südwestafrika“.

Das zum hundertsten Jahres­tag des Kriegsbeginns erschienene Buch über den Maji-Maji-Krieg von Felicitas Becker und Jigal Beez, das u.a. auch Beiträge von Rein­hard Klein-Arendt, Ingrid Laurien, Isack Majura und Alfred F. Fuko enthält, leistet hier einen wichtigen Beitrag, diese blutigen Ereignisse der deutschen Kolonialgeschichte der Vergessenheit zu entreißen.

Die durchaus aus unterschied­licher Perspektive verfassten Beiträge erzählen nicht nur die Er­eignisse der Jahre 1905-1907 nach, sondern gehen auch den Nachwir­kungen des Krieges in Tansania und Deutschland nach. Auch wenn die Rezeptionsgeschichte des Krieges in Deutschland ruhig etwas aus­führlicher ausfallen hätte können und v.a. auch den gesellschaftlichen Mainstream stärker behandeln hät­te können, so ist doch der Beitrag von P. Werner Lange über die selbstkritischen Überlegungen des deutschen Offiziers Hans Paasches, der zum prominenten Kriegskriti­ker der frühen Weimarer Republik aufsteigen sollte, ehe er von Frei­corps — die wie er in Ostafrika ge­kämpft hatten — ermordet wurde, ebenso interessant, wie Inka Challs und Sonja Mezgers Analyse der ko­lonialen Presse. Was fehlt, ist eine Analyse anderer deutscher Quellen oder — sollte es diese nicht geben — zumindest eine Analyse, warum es diese Quellen nicht gibt, bzw. wa­rum der Krieg in „Deutsch-Ostafri­ka“ im Mutterland so viel weniger Aufmerksamkeit erregte als jener in „Deutsch-Südwest“ gegen die Herero und Nama. „Mehr“ könnte jedoch immer sein. Das größte Ver­dienst des Buches ist es, die blutigen Exzesse der deutschen Aufstands­bekämpfung und den Widerstand der Maji-Maji-Kämpfer überhaupt wieder für ein interessiertes Publi­kum aufzuarbeiten.

Felicitas Becker/Jigal Beez (Hg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905-1907 (Ch. Links Verlag, Berlin)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2005
Heft 5-6/2005, Seite 33
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

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