Zeitschriften » FŒHN » Heft 23+24
Markus Wilhelm

Die Jubelfirma

Wer erinnert sich nicht an die hüpfende, kreischende, geschniegelte, fähnchenschwingende, grinsende „Jugend für Europa“, die, mit blauen Kapperln und blauen Luftballons und Spruch-Tafeln ausgestattet, in den Wochen vor der Volksabstimmung immer dann, wenn ein Mock, Busek, Vranitzky oder Klestil ins Fernseh-Bild kam, im Hintergrund rauschende Begeisterung gespielt hat? Dabei, uns zu zeigen, wie wir stumm dem zusehen sollten, was da vor uns abläuft und dann noch Beifall zu dreschen, waren sie ja wirklich geschickt. Aber von wem?

Um genau das zu verhüllen, läßt die „Jugend für Europa“ sich in einer kleinen, noblen Werbeschrift vom Wiener Bürgermeister Zilk voller Unschuld für „das vorbildliche Engagement“ loben und von der offenbar ganz erstaunten Ministerin Rauch-Kallat sagen, wie „faszinierend und überaus erfreulich es ist, daß sich junge Menschen so aktiv für das gemeinsame Europa engagieren“. Und Alois Mock, hinter dem die paar in feinstes Tuch gehüllten Buberln und Mäderln pausenlos herumhopsen und ihre Plakat-Deckel („Danke dem Team“, „Bravo Dr. Alois Mock“, „Brüssel: Wieder Gold für Österreich“) in jeden Kameraausschnitt zwängen, hält „die Initiative ‚Jugend für Europa‘ für einen wertvollen Beitrag, um das Engagement der Jugend für diese hochwichtige Frage zu signalisieren.“ Er hofft, daß diese, wie er es nennt, „Überzeugung auf viele junge Menschen überspringen wird.“

Die Einklatscher der Nation gingen hervor aus dem Verein „Aktion Politische Initiative“, einer Vorfeldorganisation der ÖVP. In der Vergangenheit hatte sie unter wechselnden Bezeichnungen die „Jugend für Mock“, die „Jugend für Waldheim“ und die „Jugend für Klestil“ zum besten gegeben. Bevor die nun in „Jugend für Europa“ weiterbenannte Gruppe zur ersten Aktion schritt, schritt sie zur Industriellenvereinigung. Die war dann, wie uns der „Präsident“ der Truppe voller Überschwang mitteilt, „unser erster Sponsor, der nur darauf wartete, daß sich eine engagierte Gruppe etwas einfallen läßt.“ Nun wurde ein Komitee gebildet und zu dessen Ehrenpräsidenten, ein zarter Hinweis auf den nächsten Finanzier, der Generalsekretär des Österr. Raiffeisenverbandes, Ferdinand Maier, ernannt. Neben einem Europafest in der Wiener Innenstadt, eine Weiterentwicklung von Buseks Stadtfesten, wollte man vor allem mit einem Action-Team in Erscheinung treten, denn „Diskussionsabende können aufgrund der peinlich niedrigen Teilnehmerzahlen nicht mehr organisiert werden“.

Daher entschied man sich, in Absprache mit den Geldgebern, dafür, ganz auf Jubel-Partie zu machen: Grinsen für Europa. Nach dem Vorbild amerikanischer „cheerleaders“, zu deutsch: Anführer beim Beifallklatschen, sollte die Gruppe immer wieder einen Begeisterungstaumel um die österreichischen Regierungspolitiker herum in Szene setzen. Auf daß dieser dann in den Medien als Begeisterungstaumel um die erfolgreichen österreichischen Verhandler in Brüssel medial abgefeiert werden könnte. Wenn man auf allen Bildern immer dieselben fünf bis sieben Jugendlichen sieht, so waren es doch genug, um im Fernsehen oder auf dem Zeitungsfoto eine ganze Masse fanatischer Jugendlicher vorzugaukeln. Trotzdem mußten ahnungslose Schüler und Studenten gekeilt und „mit Hilfe einer ‚Best of-Liste‘ motiviert werden, auch möglichst oft mitzuarbeiten“. Für die Abwicklung der einzelnen Einsätze traf es sich ganz gut, daß im Vorstand der „Jugend für Europa“ Stephan Blahut und Johannes Theiss das Sagen hatten, die zwei Herren von der „Blahut & Theiss Consulting & EventmarketinggesmbH“. Der Schulmeister-Sproß Philipp mit seinen Kontakten zu den Medien war für PR, Andreas Tarbuk von der Tarbuk Autohaus AG für Marketing & Sponsoring zuständig. Fixe Finanzierungszusagen gab es vorneweg bereits von der Industriellenvereinigung und der Gesellschaft für Europapolitik, der Wirtschaftskammer Österreich und der Börsekammer Wien, der Raiffeisenzentralbank und der Tarbuk AG.

Der erste tolle Erfolg war der Empfang der österreichischen Verhandlungsdelegation am 2. März um vier Uhr Früh auf dem Flugfeld in Schwechat „und schon waren wir am nächsten Tag auf allen Titelseiten“. Im Büro der „Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik“, über die ein Großteil des Volksabstimmungskomplotts finanziell abgewickelt wurde, hängt heute noch — einer teuren Trophäe gleich — ein Riesenfoto der Jubeltruppe als Erinnerung an diesen gerissensten Coup. Beim nächsten Einsatz anläßlich eines Sonderministerrates über den EU-Beitritt „begrüßte eine Handvoll Jugendlicher der überparteilichen Plattform ‚Jugend für Europa‘ vor dem Kanzleramt in Wien die eintreffenden Mitglieder der Bundesregierung mit Plakaten, blauen Fahnen und einem gelben Stern in Kostümform“ (Standard, 16.4.94). Als eine Woche vor der Volksabstimmung in der Wiener Innenstadt das Europafest arrangiert wurde zur „positiven Beeinflussung noch schwankender Wählergruppen“, mit Politikern vom Bundespräsidenten abwärts, mit Rockkonzerten und einem Autogewinnspiel, trat offiziell auch diese Tarnorganisation des großen Geldes als Veranstalter auf. Allein für diesen Zauber standen 3,5 Millionen Schilling zur Verfügung (Standard, 28.5.94), nach eigenen Angaben vor allem von der „Vereinigung Österreichischer Industrieller, der Wirtschaftskammer Österreich sowie der Gesellschaft für Europapolitik“. Letztere freut sich in einer Werbeschrift für Sponsoren, sie habe „in der ‚Jugend für Europa‘ einen sehr aktiven und verläßlichen Partner gefunden“, und W. Wolfsberger (da ist er wieder) als EU-Kampagnenführer der Industriellenvereinigung schätzt dort deren „überzeugten Einsatz“ gegen „Politikverdrossenheit und Pessimismus“.

Die engagierten Jugendlichen, nämlich zu diesem Zwecke engagierten Jungendlichen, sollten ein Griß um Mock und Co. aufziehen, dessen Sogwirkung auf viele Schwankende leicht auszurechnen war. Den letzten großen Auftritt hatten die Vorjubler der Nation beim dick aufgetragenen 60. Geburtstag des Außenministers, zwei Tage vor der Abstimmung. Nocheinmal wurden sieben Millionen Österreicherinnen und Österreicher mit Bildern der offenbar von der EU hingerissenen österreichischen Jugend zugeschüttet, für die in Wahrheit nur sieben jugendliche Schauspieler mit Spruchtafeln posiert hatten: „Dr. Mock unser Held aus Euratsfeld“, „Mock mag man eben“, „Alles Gute zum 60.“ und „Mit Dr. Alois Mock nach Europa“. „Vor allem ältere Menschen haben“, wie die Location Managerin der „Jugend für Europa“, U. Rauch, nach der erfolgreich gedrehten Volksabstimmung schrieb, „von dieser Begeisterung angesteckt, die Notwendigkeit eines Ja am 12. Juni, wenn schon nicht für sich selbst, dann zumindest für die Jugend erkannt.“ (Europa-Kurier, Juli 1994).

Das Schlußwort soll der Präsident der „Jugend für Europa“ haben (Brief vom 18.7.96): „Die Krönung unserer fast einjährigen Arbeit und die Belohnung dafür war zweifellos der 12. Juni als Tag des Triumphs. (...) Als wir im Büro feierten und feststellten, daß sich in der Stadt noch keine Feiern entwickelt hatten, schnappten wir unsere Fahnen, Transparente, Sternchenkostüme etc. und stellten uns auf den Ballhausplatz. Zu den Klängen von ‚We are the Champions‘ feierten wir dort weiter und binnen kürzester Zeit war der Ballhausplatz ein feierndes Tollhaus.“ Und: „Als wir nach dem Ballhausplatz natürlich gemäß unserer persönlichen Überzeugung Busek auf den Schultern aus dem Haus der ÖVP hinausgetragen haben, ohne ihn zu fragen, bescherte ihm das unzählige Titelseitenfotos nicht nur in Österreich.“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1997
Heft 23+24, Seite 14
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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