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Robert Kurz

Die Illusion vom neuen Marshall-Plan

Auch wenn es die Hüter der herrschenden Weltordnung und ihre Ideologen nicht wahrhaben wollen: Immer mehr Länder werden im Zuge der kapitalistischen Globalisierung ruiniert und entzivilisiert, versinken in Bürgerkrieg und Plünderungsökonomie. Das offizielle Bewusstsein stellt dabei das Verhältnis von Ursache und Wirkung auf den Kopf: Während es das Versagen der Weltmarktwirtschaft ist, das Gemetzel, Warlords, Gotteskrieger usw. hervorbringt, tut man so, als wären es umgekehrt diese anscheinend aus den Abgründen der Geschichte aufgetauchten „Mächte des Bösen“, die ihrerseits die wunderbare Weltmarktwirtschaft an ihrem segensreichen Wirken hindern. Deshalb ist jedesmal, wenn der globale Sicherheitsimperialismus der demokratischen Weltpolizei unter Führung der USA eine Zusammenbruchsregion gewaltsam unter seine Kontrolle gebracht hat, vollmundig die Rede von „Wiederaufbau“, „Normalisierung“, „Wiedereingliederung in dieVölkergemeinschaft“ usw. Demnächst wird es im Irak wieder einmal so weit sein.

Jeder bessere Außenminister, Sonderbeauftragte, NGO-Häuptling und Medienkasper leiert dabei gewohnheitsmäßig die Billigversion eines neuen „Marshall-Plans“ ab. Von US- und noch mehr von EU-Politikern wurden „Marshall-Pläne“ für das Kosovo, für Bosnien, nach der Absetzung von Milosevic für Restjugoslawien, ja überhaupt für die ganze Balkan-Region versprochen; dasselbe Versprechen wurde ins Spiel gebracht für Afghanistan, nunmehr anlässlich des bevorstehenden Überfalls auf den Irak für den Nahen Osten und, weil man schon einmal dabei war, für den gesamten Elendskontinent Afrika.

Jene Wirtschafts- und Finanzhilfe, die von der aufsteigenden Supermacht USA nach dem Zweiten Weltkrieg dem zerstörten Westdeutschland zwecks Eingliederung in die neue Front des Kalten Krieges gewährt worden war, wird als leuchtendes Beispiel und ökonomisches Allzweck-Rezept ausgemalt, um für die angebliche Reintegration der ökonomisch verbrannten Zonen des Weltmarkts die Idee einer Art Starthilfe zu verbreiten und so zu tun, als handle es sich dabei um ein bewährtes, jederzeit wiederholbares Mittel der Hilfe für die „armen Verwandten“. Aber schon das Original war ein bloßer Mythos, der aus Gründen des Wohlverhaltens im Sinne einer Westbindung der BRD erfunden wurde. In Wahrheit kam dem Marshall-Plan kaum mehr als symbolische Bedeutung zu. Der selbsttragende Nachkriegsboom speiste sich aus den immanenten Potentialen der damals neuen Industrien („Automobilmachung“, elektrische Haushaltsgeräte, Radio- und Fernsehapparate usw.) zur erweiterten Vernutzung menschlicher Arbeitskraft. Der Marshall-Plan hatte damit gar nichts zu tun. Und nichts davon ist heute wiederholbar. Die Qualität der neuen mikroelektronischen Produktivkräfte besteht ja gerade darin, dass immer neue Massen von „Überflüssigen“ erzeugt werden und immer größere Gebiete aus der Weltmarktfähigkeit herausfallen.

Weil das kapitalistische Weltsystem weitaus mehr Arbeitskraft „freisetzt‘“, als es neu absorbieren kann, springt mangels Rentabilität kein Entwicklungsmotor mehr an, auch nicht mit noch so viel „Starthilfe“. Die ökonomischen Projekte in den oberflächlich militärisch „befriedeten“ NATO- und UNO-Protektoraten, soweit sie überhaupt real existieren, haben keinen Funken eigenes Leben in sich; es handelt sich um reine Zombie-Projekte, die nur durch monetäre Transfusion von außen zum Scheinleben gebracht werden. Die Bilder vor Ort sprechen Bände: Kein „Wiederaufbau“, nirgends. Da wachsen nicht einmal die zartesten marktwirtschaftlichen Pflänzchen nach, die aus sich heraus zur Weltmarktfähigkeit reifen könnten.

Es sind auch gar nicht die wenigen offiziellen Investitions-Projekte, von denen die Menschen dieser Zonen in der kapitalistischen Form elend weiterleben. Von diesen Investitionen könnten sie nicht einmal anständig sterben. In Wahrheit ist es die schlichte Anwesenheit der westlichen Militärkontingente und „Hilfsorganisationen“, aus denen sich (neben kümmerlichster agrarischer Subsistenzproduktion) die Schein-Ökonomien der westlichen Protektorate speisen. Nur dadurch, dass die zahlreichen ausländischen Militärs, Administratoren, „Helfer“ usw. einen Teil ihrer Gehälter vor Ort für ihren persönlichen Konsum ausgeben, konstituiert sich eine sekundäre Phantom-Ökonomie. Die Besatzungsmacht der Weltpolizei wird ebenso zum unmittelbaren ökonomischen Faktor wie der „humanitär-industrielle Komplex“, der in ihrem Schatten entsteht.

Die perverse „Hilfe“ dieses Komplexes ist alles andere als uneigennützig. Vielmehr handelt es sich um eine durchkommerzialisierte Angelegenheit von parasitären Organisationen, die hinter den Fronten der kapitalistischen Weltordnungskriege ihre Claims abstecken. Als Bestandteil der zunehmend „privatisierten“ globalen Krisenverwaltung werden sie zu den größten „Arbeitgebern“ in den Protektoraten, indem sie vorwiegend die einheimische restliche Intelligentsia zu Fahrern, Dolmetschern und Hilfskräften degradieren. Diese Art der Phantom-Ökonomie geht nahtlos in eine ebenso sekundäre sexuelle Gewalt- und Elendsökonomie über. Zur demokratischen Herrenmenschen-Mentalität gehört es, dass Frauen und Kinder beiderlei Geschlechts in den „Befriedungszonen“ von den „Beschützern“ und „Helfern“ zunehmend als sexuelles Freiwild betrachtet werden. Prostitution und Kinderprostitution sind im Kontext der „persönlichen Bedürfnisse“ des Besatzungsregimes zum ökonomischen Faktor Nr. 1 aufgestiegen.

Je mehr Anti-Korruptionskampagnen die „pragmatisch“ zum Geschäftszeig mutierten NGO führen, desto korrupter werden sie selbst. Das Regime der Pseudo-Hilfe bleibt notwendig kapitalistisch unproduktiv, finanziert aus den Fonds der Militärbürokratien, der Haushalte internationaler Institutionen, aus Spendensammlungen usw. So ekelhaft das Befriedungs- und „Hilfe“-Business auch sein mag, so ökonomisch haltlos ist es letzten Endes. Deshalb bleiben die anvisierten Marshall-Plan-Hilfen auch größtenteils bloße Absichtserklärungen, während real angesichts der voraussagbaren Misserfolge der dürre Geiz herrscht. Die Scheu der „Geber“, in ein Fass ohne Boden zu schöpfen, ist wohlbegründet; aber diese Gründe dürfen nicht laut ausgesprochen werden, weil sie das Systemversagen kenntlich machen und die gesamte „Wiederaufbau“-Propaganda des Westens und seiner jeweiligen lokalen Kreaturen dementieren würden. Was übrig bleibt, ist schlimmer als der vergangene Kolonialismus: Ein System von höchstens noch sexuell ausgebeuteten Elends-Protektoraten und KZ-ähnlichen Flüchtlingslagern, zur ewigen Schande von „Marktwirtschaft und Demokratie“.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2003
Autor/inn/en:

Robert Kurz:

Geboren 1943 in Nürnberg, gestorben 2012 ebenda. Studierte Philosophie, Geschichte und Pädagogik. Mitbegründer der Zeitschriften „Krisis“ und „EXIT!“, freier Autor und Journalist. Mitbegründer der „wertkritischen“ Kapitalismuskritik.

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