Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1989 » Nummer 47
Christian Feichtinger
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Die grünen Sansculotten

Ich träumte mich gerade durch Fotografien von Franz Antoine, die den damaligen Wintergarten im Burggarten zeigten.

Während „die grüne Welt der Habsburger“ schon eine Sonderausstellung wert war, scheint der gartenbauliche Aspekt bei den 200-Jahr-Feiern der Französischen Revolution ziemlich vernachlässigt zu sein. Wie gingen eigentlich die Franzosen mit der neueroberten Botanik um?

Entwurf des Architekten Dutour für einen heiligen Berg mit Freiheitstempel. 1794
aus: Die Versöhnung mit der Natur. Rowohlt Verlag

Die Gärten der Revolution beruhen auf der Utopie von in der Natur begründeten Menschenrechten, niemand möge einen anderen Herrn über sich haben als die Natur, kein Mittler (Priester) solle zwischen dem Menschen und einem höheren Wesen stehen. Gott wurde nicht abgeschafft, sondern als Natur ausgegeben, die gewünschte Harmonie im ganzen Universum sollte in Form eines Gleichgewichts zwischen Natur und Kultur wiederhergestellt werden. Soziale Harmonie war die intensivste Triebfeder dieser gesellschaftlichen Träumerei. Die Geschichte würde den als Natur bezeichneten göttlichen Willen vollziehen, aus dieser vorgegebenen Objektivität könne das bürgerliche Individuum zur Autonomie auf Erden und in der Gesellschaft gelangen. Die Feste und Feiern zu Ehren einer ewigen Natur verwischten die Grenzen zwischen Sozialem und Natur, deklarierten die gesellschaftliche Ordnung selbst zur Natur und setzten die Geschichte mit einem Naturzyklus gleich.

Der heilige Berg auf dem Marsfeld in Paris

Freiheitsbäume und heilige Berge

Kultgegenstand größter Verehrung waren Freiheitsbäume, vor denen Zeremonien und Feiern stattfanden. Beschädigungen, Anschläge wurden mit mehrjährigen Freiheitsstrafen geahndet, Zäune sollten Konterrevolutionäre fernhalten. Aber bevor es soweit war, gab’s andere Probleme: um möglichst große, eindrucksvolle Bäume aufstellen zu können, fällte man sie nach Sitte der Maibäume, in der Hoffnung, der Baumstamm mit Krone werde schon wieder Wurzeln schlagen. Oder man grub sie samt Wurzelstock aus und stellte sie so auf den Plätzen auf. Aufforderungen zur Differenzierung zwischen ‚echten‘ Freiheitsbäumen (also mit unbeschädigtem Wurzelwerk) und maibaumähnlichen, nicht überlebensfähigen Pseudo-Bäumen mußten erlassen werden. Schließlich sollten diese großen Pflanzen die Rückkehr der Natur in die Städte symbolisieren oder als Zeichen einer moralischen, tugendstärkenden Ökologie stehen. Bevorzugt wurden Eichen, Pappeln und Ulmen, wobei die Pappeln durch ihren schnellen, geradlinigen Wuchs optisch den eher knorrigen Eichen (diese wiederum aber setzten in idealer Weise die Zuordnungen Kraft und Widerstandsfähigkeit um) vorgezogen wurden. Auch Platanen wurden im Sinne des utopischen Rückblicks auf antike Ideale erwählt, Aristoteles habe doch unter jenen gelehrt. Die Vereinigung der republikanischen Künstler setzte schließlich eine Akazie als grünes Wahrzeichen ihres Versammlungsortes.

Nicht unähnlich den vielen unsachgemäß gehandhabten Bäumen, die meisten gingen natürlich ein, verlief das Projekt der ‚heiligen‘ Berge. Gedanklich eine Nachahmung des Olymp oder Parnaß, strotzten die (gelungenen) Versionen von allegorischen Statuen. Grotten wurden eingerichtet und alte Architekturzitate hingebaut. Nicht nur unter freiem Himmel, sogar in Kirchen wurden derartige Berge aufgeschüttet, eine Extremaktion der revolutionären Ästhetik, eine offensichtliche Ablöse durch Formgebung des Funktionellen. Gigantische Entwürfe versuchten, sich gegenseitig zu übertreffen, die Darstellung des Negativen war eingeplant (Sümpfe als das ‚Böse‘ in der Natur etwa), dennoch gefährdeten ganz natürliche Erscheinungen wie Trockenheit oder Regen diese Erdaufschüttungen. Die Massen rutschten ab, viele sahen in kürzester Zeit wie schlammige Baustellenhaufen aus. Teilweise salzte man mit Theaterdekorationstricks nach: sowohl bei den Stelen und Büsten als auch bei der Unterkonstruktion. Oftmals aus einem Holzgerüst und einem darübergespannten Tuch als Träger für die echte Erde bestehend. 1795 wurden alle heiligen Berge als Monumente des Terrors definiert und beseitigt, da ein vor dem „Hôtel des Invalides“ errichteter Berg zu besonders kontrastreichen Interpretationen Anlaß gab. Dieser Meinungskonflikt wurde wiederum symbolisch dem Berg an sich unterschoben, er sei ja der Gegenstand dieser Streitereien gewesen, und werde von nun an als Zeichen der ewigen Auflehnung gegen die gewünschte Gleichheit betrachtet.

Nationalgarden pflanzen einen Freiheitsbaum

In den Gärten der Revolution

Die Gartenprojekte dieser Zeit spiegeln die wichtigsten Anliegen wider, nämlich klassizistischen Rationalismus, moralpolitische Prinzipien, den Versuch, die Existenzbedingungen des Volkes zu verbessern, und den ‚Messianismus‘ dieser Revolution. Alles stand unter dem Hoffnungsschimmer, dem Menschen seinen angestammten Platz in der ewigen, natürlichen Ordnung einzuräumen.

Die Ideen Rousseaus standen Pate für die Bestrebungen, ein versöhnliches Gleichgewicht wiederherzustellen, die Versuche erstreckten sich von Nutzgärten, Anlagen des Unterrichts und der Belehrung bis zu den Erholungsparks und Kultstätten. Klare Trennungen zwischen Nutz- und Kunstgärten sind kaum zu ziehen, da die wirtschaftlich konzipierten Anlagen immer einen ästhetischen Aspekt einschließen, die Kunstgärten wiederum, ökonomisch operierend, sorgten für eine geographische Anlage der Bildung. Bestimmte Pflanzensorten verkörperten u.a. die verschiedenen Lebensphasen. Rousseau wollte das Artifizielle, die Spuren der Unterdrückung aus der Ideallandschaft der Natur verbannen, erstrebenswert war ihm die Darstellung der natürlichen Vielfalt, die vollendete Form eines „abgerundeten Ganzen“.

Zunächst ging man daran, die Luxusgärten der Adeligen sogar in Äcker für den Kartoffelanbau umzuwandeln, da an dieses Gemüse hohe Erwartungen geknüpft waren, um den Wucher, verursacht durch den Hunger, für immer aus der Welt zu schaffen. Einige Sansculotten lehnten dies ab, da die Kartoffel auch Tieren als Nahrung diene und sie durch die Verwischung der Grenzen eine „„Entmenschlichung“ befürchteten. Als Symbol des Königshauses waren Lilien beliebte Angriffspunkte. Zierpflanzen sollten ausgerissen werden, da sie ohne Nutzen wären. Ebenso verfuhr die Revolution mit den Orangerien und anderen aristokratischen Einrichtungen. Dafür wurden Mustergüter geplant, wo sich Stadtbewohner als Freizeitbauern betätigen sollten, die heranwachsende Jugend ein Lehrbeispiel vorfinden könnte ebenso wie in den botanischen Gärten, deren Hauptfunktion eine wirtschaftliche Bildung mit Überleitung auf allgemeine kulturelle Information war.

Paradiesische Gärten zur Erziehung der Jugend wurden als pädagogische Entwürfe eingereicht, der Unterricht unter freiem Himmel forciert. Andere Vorschläge spielten mit der Idee, die Erziehung gänzlich in die Hände der Familie zurückzugeben, allerdings sollte niemand mehr in der Stadt leben, sondern ausschließlich friedlich auf dem Lande. Realistischer waren denn die Projekte, die jeder Schule ein Stück Land zwecks landwirtschaftlichen Unterweisungen zuordnen wollten. Auch die Kinder sollten demokratisch die Formen des Schulalltags und Zusammenlebens selbstbestimmen. Geplant waren zusätzlich eine Menagerie, eine Reitschule und Anlagen für körperliche Ertüchtigung.

Die Verwüstung der Tuilerien gab Anlaß zu Überlegungen bezüglich gartenarchitektonischer Erneuerungen ehemals adeliger Besitztümer. Die Fürsten und Priester hätten diese Kunst lediglich zum Verderben des Volkes betrieben, nun müßte unter revolutionärer Moral und Politik die Umwandlung zu Gärten der politischen Selbstdarstellung vollzogen werden. Tempel des „Öffentlichen Glücks“ oder der „Gleichheit“ wurden entworfen, Realisationen begonnen, durch weitere Unruhen zum Erliegen gebracht. Immerhin gelang es in den Tuilerien, für Rousseau eine Insel mit einem Tempelchen inmitten eines künstlichen Sees anzulegen.

Schnitt durch einen heiligen Berg. Projekt des Architekten Dutour, 1794

Die Befreiung der Tiere

Der Begriff „règne“ (Reich) in der Systematik der Naturwissenschaften sollte abgeschafft werden, dem Löwen z.B. wurde der Titel „König der Tiere“ abgesprochen. Weiters sollten die Tiere der zoologischen Gärten ihrer Würde entsprechend in die Natur zurückversetzt und, falls dies nicht möglich wäre, mit größerem Bewegungsspielraum versehen werden. Diese ‚sanftere‘ Haltung ging ideologisch auch bei Pflanzen soweit, daß etwa Orangenbäume aus den ‚Gefängnissen‘ ihrer Kübel befreit und frei gepflanzt werden sollten. Man stellte Zuchtversuche in Hinblick auf Akklimatisierung an, Versuche mit Futtermitteln wurden durchgeführt, Kreuzungen riskiert. Kurios ebenfalls die moralische Zuschreibung bei Tieren. Der Elefant, damals das wohl attraktivste Schauobjekt, sollte seiner größten Tugend entsprechen, d.h. seiner ‚Schamhaftigkeit‘ wegen nicht länger in Gefangenschaft vegetieren. Schließlich löste er das Wappentier der Könige, den Löwen, als Symbol der Republik ab. Im Naturgeschichtsmuseum wurde erstmals eine für Menschen sichtbare Kopulation zweier Elefanten in Szene gesetzt. Ein Orchester sollte die beiden Tiere in Stimmung versetzen, angeblich wirkte das Revolutionslied „Ça ira“ besonders stimulierend, der Direktoriumshit „Ο ma tendre musette“ ließ die Dickhäuter in zärtlichsten Taumel verfallen, bis ein nicht genau erwähntes Werk von Gluck den Versuch in Verwirrung auflöste. Ansonsten fristeten die Zootiere ein weiterhin tristes Dasein in zu kleinen Räumen und Käfigen, die neuentworfene Menagerie ließ noch lange auf sich warten.

Ansicht der 1796 von Giraud entworfenen Grabanlage

Triumph des Todes

Sogar der Tod sollte republikanisiert werden. Unterschiedliche Begräbnisse wurden abgeschafft, die christlichen Schreckensbilder vom Tod durch freundlichere, vom Leben gezeichnete abgelöst und der Ort des Friedhofs in ein duftendes Elysium, das zum Lustwandeln einlud, verändert. Anstelle des Leichentuches sollte obligatorisch die Trikolore Verwendung finden, der Tod sollte so natürlich wie der Vorgang der Geburt empfunden und alle Trauermonumente beseitigt werden. Die neue Sachlichkeit forderte in ihrem Pragmatismus teilweise Verwertungsmethoden, die viel später grausamst durch den Nationalsozialismus eingelöst wurden: Ölgewinnung, Basiselemente für Seife und Knochenleim als optimale Nutzung von Leichen.

Um ein leichteres Verwesen zu garantieren, wurden die Toten nicht mehr so tief, dafür aus ideellen Gründen (keine Vermischung individueller Körpersäfte z.B.) distanzierter nebeneinander begraben. Der Misere der vielen Krankheitserreger durch Friedhöfe in der Stadt, im direkten Wohnbereich, entging man nun durch die Verlegung des letzten Ruheortes vor die Tore der Städte, zugleich verwies man so die kirchliche Präsenz außerhalb des alltäglichen Sichtbereiches. Trauermusik wurde zwar weiterhin gespielt, am Friedhof selbst erklangen dann himmlische, positiv tröstende Hymnen und Gesänge. Betörend duftende Pflanzen sollten gesetzt werden, zuviel Pflanzen aber würden einander die Sonne nehmen. Bestimmte Pflanzen wären besser geeignet, die Leichenausdünstungen zu transformieren und für gute Luft zu sorgen. Für erste Enttäuschung sorgten dann die realisierten Revolutionsfriedhöfe durch ihren tristen, gleichförmigen Anblick, da es bei der Grabesausstattung keine Unterschiede und vor allem keinen Aufwand mehr gab. Bei Regen verwandelten sich diese Flächen in unbegehbare Dreckhaufen und Schlammfelder. Ehemalige Friedhofterrains, die an Privatpersonen verkauft wurden, sorgten für Aufregung, da die neuen Besitzer sie brutal umgegraben und Leichenteile im Verfallsprozeß einfach zerstreut liegengelassen hatten. Auch genügte vielen die Fahne nicht als letzter Schmuck, und Meinungen wurden laut, daß eine derartige Optik den Lebenden keine moralische Leitschiene zu einer tugendhaften Existenz auf Erden gäbe. Eine ‚höhere‘ moralische Instanz konnte sich wie einst unter der finsteren Kirche etablieren, die Morgenröte einer neuen Vernunft scheiterte an der Nichteroberung des Todes. Die Utopie von sanften Harmonien, auch im Bereich des Todes, war unvereinbar mit dem gigantischen Blutzoll und den neuen Repressalien, die die ehemals für ein angstfreies, gleichberechtigtes Miteinander revoltierenden Bürger notwendig erachteten, um diesen Bruch mit der Geschichte in den Griff zu kriegen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1989
Nummer 47, Seite 45
Autor/inn/en:

Christian Feichtinger:

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