Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1990 » Nummer 49
Marc Ries

Die große bürgerliche Hochzeit

Über die Verwandlung der realsozialistischen Anti-Natur in die bürgerliche Pseudo-Natur. Ein Essay.

Die sich überstürzenden Ereignisse im Osten, die Öffnung der Grenzen und die ersten Kontakte der ‚Blockmenschen‘ miteinander haben gleichviel Sich-Überstürzendes in der westlichen Wirtschaft und Politik hervorgerufen. Nachdem der Real-Sozialismus scheinbar an seinem bitterbösen Ende angelangt ist, wird in den Management-Etagen des Westens in großräumiger und großzügiger Planung, in bestem kolonialem Denkstil, die ‚Verbonnung und Amerikanisierung‘ der zweiten Welthälfte vorbereitet.

Vor diesem Ereignis, das die Re-Aktualisierung eines ‚Verlusts‘ sichtbar macht, der in unseren ‚spätkapitalistischen Gesellschaften‘ kaum noch wahrgenommen wird, scheint ein Denken angebracht, das dem ‚Selben im Anderen‘ gegenwärtig zu sein versucht. Ein Denken also vom Verlust aus, von dem, der den Menschen im Osten bevorsteht, und dem, der bei uns längst Gewohnheit ist. Man sollte eigens zu diesem Zwecke kurzfristig die Schulpläne ändern und einen Grundkurs in politischer Ökonomie mit den vor Transparenz und Eindeutigkeit überströmenden Beispielen aus der Ost-/West-Kommunikation anbieten. Über dieses ‚Lehrstück in Logistik und Kinetik des Kapitals‘, das ein getreuer Spiegel unseres eigenen Ursprungs ist, darüber soll, vor allem am Beispiel der DDR, folgender Text einige Überlegungen anbieten.

Die große Familie

Verfolgt man die ausführliche Radio- und Fernsehberichterstattung oder die überlangen Zeitungsartikel zur Agonie des Ostblocks, zum kläglichen Zusammenbruch eines ‚Experiments‘, so stellt sich immer wieder das Gefühl ein, hier und heute passiert endlich das Hereinholen oder die reuevolle Wiederkehr eines Teils der Weltbevölkerung in die ‚große Familie‘ der einzig wahren Menschheit, der bürgerlichen.

Die Mauer fällt, die Stacheldrahtzäune werden niedergerissen und der Verkehr beginnt zu fließen. In eine Richtung. Der universalen Mobilmachung des Kapitals steht nun nichts mehr im Wege.

Endlich können sich die zu Zwangs- und Sonderstatus verdonnerten Ostler ihrer Besonderheit entledigen und in die ‚Normalität‘ des bürgerlichen Alltags eingehen. Lange genug waren sie Zielscheibe der Kritik ihrer westlichen Brüder, wurde ihnen ihr Anders-sein-Wollen, ihre politische Kompromißlosigkeit vorgeworfen. Bei uns hat selbstverständlich von Anfang an niemand an den Erfolg dieser ‚Diktatur des Proletariats‘ geglaubt, an die Solidarität der Arbeiterklasse, an die konkurrenzlose, zentrale Planwirtschaft und an die Bauarbeiten am ‚Reich der Freiheit‘.

Ent-Nennung

Ein und dieselbe Technik, die seit jeher alle Unterschiede, alle Verschiedenheiten der Ausdrucksformen, der Bedürfnisse und Vorstellungen in der bürgerlichen Gesellschaft vereinnahmt und gleichschaltet, gewährleistet nun den Synkretismus von Ost und West. Es ist die Technik der ‚Ent-Nennung‘, das hergestellte Namen-Lose, eine Operation, mit der sich die Bourgeoisie als die soziale Klasse definierte, die nicht benannt werden will und diesen Vorgang auf alle ihr unterlegenen Gruppen anwendet. „Die Bourgeoisie hat beim Übergang vom Realen zu seiner Repräsentierung, vom Ökonomischen zum Geistigen ihren Namen ausgelöscht ... ‚Bürger‘, ‚Kleinbürger‘, ‚Kapitalismus‘, ‚Proletariat‘ sind Orte eines unablässigen Ausfließens: ihnen entfließt der Sinn, bis der Name nutzlos wird“ (Barthes).

Mit der Namenlosigkeit korreliert die ‚universalisierende‘ Anstrengung der verschiedenen Codes, der Sprachen, deren sich das Bürgertum bedient, um die heterogenen Vorstellungen, die Lebens- und Arbeitsbeziehungen unter ihre ewigen Analogien zu subsumieren und eine einzige menschliche ‚Natur‘ zu entwerfen, die sich im Konkurrenzsystem, in der Kleinfamilie und im Konsumverhalten verdichtet.

Sind die Lebensverhältnisse im Osten durch die permanente Konfrontation mit realpolitischen Widersprüchen charakterisiert, mit der zynischen Realität der Differenz von Name — Sozialismus — und sozialer Wirklichkeit, die ein beständiges Wieder-Nennen verlangt, und zwar des politischen Widerstandes, in dessen Namen aufbegehrt wird und Veränderungen herbeigeführt werden, so lernt der Ost-Besucher bei uns die gigantische Leistung der Gleichsetzung des Verschiedenen im (sich selbst aufhebenden) Namen der Universalität der bürgerlichen Natur kennen.

Im Verlauf der Unterwerfung des Ostens unter die monotheistische Ordnung des Kapitals wird aus dem ‚Arbeiter‘ der DDR der ‚Mensch‘ des wiedervereinigten Deutschlands. Und da alle ‚Menschen‘ dieselben Bedürfnisse haben und der Westen in der Befriedigung dieser Bedürfnisse große Erfahrung hat, steht auch dem Glück der zur großen Familie dazugestoßenen Ost-Menschen nichts mehr im Wege ...

Die Grußbotschaft

Die offizielle bundesrepublikanische Geste der Begrüßung zeigt sehr anschaulich, was unter einem neuen innerdeutschen Verhältnis seitens der BRD zu verstehen ist: das ‚allgemeine Äquivalent‘ ist nicht ethischer oder kultureller Natur, sondern beruht auf dem Tauschwert der westlichen Währungen. Das Begrüßungsgeld führte den ‚Nachbarn‘ auf spielerische Weise in seine zukünftige Identität als Tausch- und Kaufkraft ein.

Denn was soll der ‚Ossie‘ auch im Westen, wenn ihm das Wesentlichste abgeht, was hier zum Überleben notwendig ist: der Besitz von Kapitalwerten, mit denen allein er sowohl kaufkräftig als auch als Ware ‚Arbeitskraft‘ konkurrenzfähig ist.

Und eigentlich hat sich das Kapital mit diesem ersten Tauschakt selbst beschenkt. Denn das Begrüßungsgeld fließt ja innerhalb weniger Stunden in die eigene Wirtschaft zurück. Damit ist eine Initialzündung für diejenige Sprache der Bedürfnisse gegeben, die im Westen gesprochen wird. Wenn man die Warenform als zentrale Instanz der Vergesellschaftung im Kapitalismus ansieht (und die fortlaufenden Ost-/West-Beziehungen bestätigen das einmal mehr), dann hat die Grußbotschaft eine adäquate Propädeutik geleistet.

Ohne Geschichte

In vielen Interviews, die mit Menschen aus der DDR geführt wurden, konzentrierten sich die Aussagen auf den Vorbildcharakter des Westens als Topos für die grenzenlose Erfüllung aller nur erdenklichen Wünsche. Leitcharakter: „Alles kaufen können, was ich will.“

Natürlich wird nur das unmittelbare Sichtbare, das Widerspruchslose, die glückliche Klarheit der Dinge gekauft. Genauso, wie wir die Fähigkeit verlernt haben, über die Dinge als historisch und gesellschaftlich entleerte Waren zu sprechen, so verlieren dieselben Dinge auch für den ostdeutschen Käufer die Erinnerung an ihre (kapitalistische) Herstellung. Über die Werbung, die Verpackung und die Verkaufsstrategien werden die Waren zeichenlos, scheinen nur noch die mystische Sprache der Bedürfnisse, des ‚reinen‘ Gebrauchs zu sprechen. Damit läßt sich natürlich bestens argumentieren, und McDonalds wird keine Schwierigkeiten haben, den ganzen Osten bedürfnisbefriedigend zu vernetzen.

Die massenhafte Besichtigung von Sex-Shops zeigt einen weiteren Akt des spiegelbildlichen Lehrstücks: Im Anblick der in bunteste Waren-Formen gepreßten Genitalität scheint vielen Ostbesuchern die Berührung mit den entfremdeten Lebensverhältnissen im Westen vielleicht zum ersten Mal anschaulich zu werden. Oder aber es wird zum ersten Mal die Sicht auf das unmerklich ausbalancierte Pendeln menschlicher Bedürfnisbefriedigung von den Surrogaten der Sublimation zu den Exzeßformen des Überschusses möglich ...

Der Mythos des Konsums reinigt die Dinge von ihrer Geschichte, gründet sie als Natur und Ewigkeit. Mit dieser EntNennung der Dinge korreliert eine massive Ent-Politisierung aller Lebensverhältnisse. ‚Leben können‘ und ein ‚freier Mensch‘ sein sind ausreichende Motive für die Zukunft. Kurzfristig gestillte Bedürfnisse, Unverantwortlichkeit, kapitale Sicherheiten — alles Annehmlichkeiten, die uns ja auch wohlvertraut sind.

Anti-Natur und Pseudo-Natur

Sehr bezeichnend ist der immer wiederkehrende Verweis, daß allein der Name ‚Sozialismus‘ in der DDR-Bevölkerung Wut und Aggression hervorruft. Begriffe wie ‚Arbeiterklasse‘ und Solidarität sind a priori diskreditiert. Mitte Dezember hatte die neue politische Führung der DDR einige semantische Schwierigkeiten mit der ‚Umbenennung‘ der alten SED. Abgesehen von mühsam zusammengeflickten ‚Zusatzbeschreibungen‘ dürfte sich im Bewußtsein vieler Politiker die Ambivalenz einer Namensgebung angesichts einer latenten Namenlosigkeit verstärkt haben ...

Das politische Vakuum, das viele Menschen empfinden, führt einerseits zur Bildung sog. ‚nationaler Bewegungen‘, ‚nationaler Parteien‘, die, vor allem in der UdSSR, immer zahlreicher und stärker auftreten. Daß dieser ‚nominale Synkretismus‘ sozial unterschiedliche Interessen in dem nichtssagenden, vaterländischen Motiv der ‚Nation‘ aufzuheben versucht, ist ebenfalls ein Beleg für das Sprachlos-Werden einer Kultur.

Andererseits vollzieht sich mit dem Einbruch der großen Wirtschaftskonzerne in den Osten (McDonalds und Coca Cola sind nur die lautesten) die erste Phase der ‚großen bürgerlichen Hochzeit‘, die, wie in der Frühzeit des Kapitalismus, aus einem Klassenritus hervorgeht: dem Zurschaustellen und dem Verbrauch von Reichtümern. Dieser Ritus hat noch keinerlei Beziehung zu dem wirtschaftlichen Status des DDR-Arbeiters, aber durch die Medien, die Werbung und durch die gesamte Aufbruchssituation wird das Ritual allmählich die Norm selbst — wenn nicht die gelebte, so doch die erträumte — des kleinbürgerlichen Paares.

Die ‚Anti-Natur‘ der Ostblock-Staaten — die Ideologie der kommunistischen Parteien war immer schon ein offen deklarierter Aufklärungsrationalismus — wird zur ‚Pseudo-Natur‘ des bürgerlichen Demokratie- und Lebensverständnisses.

Ein zweiter Verlust

Proportional zur Angleichung der östlichen Wirtschaftsverhältnisee an die ökonomischen Strukturen des Kapitalismus muß dieser seine Position als unnachahmliche Waren- und Profitwirtschaft relativieren und die für sein Selbstverständnis notwendige Differenz zur Austerität der Planwirtschaft aufgeben.

Mit dem Verfließen der wirtschaftlichen Identität des Westens korrespondiert in Konsequenz ein In-Frage-Stellen der bürgerlichen Identität des einzelnen. Hat sich doch die Qualität und Definition dessen, was das Bürgerliche als das Besondere kennzeichnet, vor allem seit Beginn des Kalten Krieges aus der Negation zum sozialistischen Menschentyp in oft aggressiver Selbstdarstellung zu behaupten versucht. Mit gutem Erfolg. Wenn auch selten direkt ausgesprochen, so initiierte die Eigenwerbung der Konsumgesellschaft doch kontinuierlich eine Strategie der Distanzierung zu jenem Bewußtseins- und Körperbild des Menschens, wie es vom orthodoxen Kommunismus postuliert wurde. Kein Produkt, keine Leistung, keine Innovation, die nicht latent die Drohung enthielt: Dies ist ein Zeichen der Freiheit. Kauft es, und ihr werdet reicher und zufriedener als die ‚drüben‘.

Nun ist es passiert. Der ‚freie Mensch‘ des Westens sieht sich dem ‚freien Menschen‘ der DDR, Ungarns, Polens, der UdSSR und CSSR gegenüber. Im Fernsehen und auf der Mariahilferstraße Wie kann dieser Status quo noch seine Identität gewährleisten, wo doch nun alle dieselben Möglichkeiten, Freiheiten und Rechte besitzen?

Die Entnennung der politischen Identität des Ostblocks und das Hereinholen in die große bürgerliche Familie, die nun allerdings nur mehr ‚die große Familie des unidentifizierbaren Menschen‘ sein wird, dieser Prozeß wird ‚uns‘ möglicherweise mehr Probleme bereiten als den Ost-Menschen der Verlust ihrer politisch-gesellschaftlichen Tradition und Identität. Denn dieser Verlust wird ja mit entsprechenden Substitutionsformen ‚belohnt‘, mit einer Schein-Welt voller Surrogate.

Als Antwort auf die ‚soziale Promiskuität‘ scheint sich derzeit ein ‚inzestuöser Rassismus‘ durchzusetzen: gegen die ‚eigene‘ Schwester, den ‚eigenen‘ Bruder eine letzte verzweifelte Selbstbehauptungsgeste setzen. Ein Kampfakt, der unseren eigenen, ersten Verlust umso deutlicher markiert. Jenes Aufgeben von politischer Verantwortung, von hinterfragendem Handeln und jener zivilisatorischen Zwangskostümierung, die einmal notwendig gewesen waren, um ‚dazu zu gehören‘ ...

Grals-Suche

Während im Westen alternative Projekte, Grüne Politik und Bürgerbewegungen einen Teil des ursprünglichen Verlustes zurückerkämpfen, müssen die Oststaaten scheinbar zuerst eine Global-Verwestlichung durchmachen. Zwischen Veränderung und Verewigung scheint paradoxerweise dem Osten zuerst einmal die Verewigung der bürgerlichen Natur ins Haus zu stehen ...

Vielleicht bietet sich aber für uns die Möglichkeit, gemeinsam mit den neuen ‚citoyens‘ des Ostens die Suche nach dem Gral, einer humanen Gesellschaftsordnung, wie sie Christoph Hein in seinem im Dezember im Burgtheater aufgeführten Stück „Die Ritter der Tafelrunde“ thematisierte, wieder aufzunehmen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1990
Nummer 49, Seite 56
Autor/inn/en:

Marc Ries: Autor und Lektor in Sachen Mediengesellschaft, lebt in Wien.

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