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Markus Wilhelm

Die Gleichschaltung

Eine Offensive ist ein Angriff. Was ist eine PR-Offensive? Eine Kampagne ist ein Feldzug. Was ist eine PR-Kampagne? Eine Strategie ist ein Kriegsplan. Was ist eine PR-Strategie? Ein Agent ist ein Spion in staatlichem Auftrag. Was ist ein PR-Agent? - Könnte man die Arbeit der Public Relations-Agenturen treffender beschreiben, als sie es mit ihren eigenen Worten tun? „Wenn er bezahlt“, so sagte einmal ein Vertreter der amerikanischen PR-Firma Hill and Knowlton Inc., „würden wir auch für den Satan arbeiten.“ Aber das gehört nicht ganz hierher. Wir sind in Östereich. Ende 1991 beauftragte die Bundesregierung, um die Volksabstimmung gegen das Volk zu gewinnen, die größte PR-Agentur des Landes, Publico, mit PR-Kriegsplan, PR-Feldzug und PR-Angriff. Daß man die ganze Zeit über von der Firma selbst (die nebenher u.a. für McDonalds, Swarovski, Nestle, MediaMarkt arbeitet) nie etwas hören darf, damit steht und fällt die gesamte Wirkung ihrer Arbeit. Im folgenden werfen wir einen Blick in die zum Teil „streng vertraulichen“ Unterlagen der Publico, die das ganze richtig generalstabsmäßig anging. Als erstes wurden persönliche Gespräche mit Österreichs „wichtigsten 50 Journalisten“ geführt, die dann „zu EG-Experten aufgebaut“ und von „eigenen Journalistenbetreuern“ in der Firma „speziell behandelt“ wurden.

Als nächstes bereisten die Agenten die Bundesländer, vor allem um die EG-Gegner auszukundschaften. Im „vertraulichen Bericht“ darüber ist da u.a. von „lokalen Bürgerinitiativen“, von „jungen katholischen Bewegungen“, vom „Lager der Hausfrauen“, von „umweltbewußten Gruppen“, von der „problematischen Gruppe der Lehrer“ und von den „Landwirtschaftskammerfunktionären der zweiten und dritten Ebene“ die Rede. Später ließ sich die Agentur auf diesem Gebiet zuarbeiten: „Von der Meinungsforschung bekamen wir jedes Vierteljahr ein Briefing (= Lagebericht), in dem kritische Zielgruppen herausgefiltert wurden“, wie Publico-Geschäftsführer Christian Lenhardt heute sagt, der über ÖVP-Pressedienst, Industriellenvereinigung und Kurier zum zweiten Agentur-Chef aufgestiegen ist. Auf diesen Grundlagen konnten die entsprechenden Schlachtpläne, „Positionspapiere für die PR-Strategie“ genannt, ausgearbeitet werden, jeweils speziell für die verschiedenen Frontabschnitte, d.h. die Problembereiche Verkehr, Landwirtschaft, Arbeit und Soziales, Umwelt oder Lebensmittel. Ein Blick in den „PR-Plan“ zu letzterem zeigt, wie komplott der Angriff vorbereitet wurde: Als „Kooperationspartner“ suchte man sich neben Fach- und Lokaljournalisten für die „Informationslancierung“ hier „Lebensmittelhandel, Nahrungsmittelhersteller, Konsumentenvereinigung“. Der EG-Staatssekretärin, dem Landwirtschaftsminister, dem Gesundheitsminister, der Familienministerin und dem Wirtschaftsminister wurden Presse-Aussendungen zu Spezialthemen diktiert oder, wie auch dem Chef des Vereins für Konsumenteninformation, eine Pressekonferenz auferlegt. Die „PR-Maßnahmen“ umfassen neben einem „Aufsatzwettbewerb“, einem „Gipfeltreffen von Europas Gourmetkritikern in Wien“ und einer großen „Meinungsumfrage in Österreichs Haushalten“ vor allem „Medienkooperationen“ zum Thema „EG-Lebensmittel“ - mit „ö3-Freizeichen (TED-Umfrage)“ und dem „Club 2“ bzw. über eine „Serie in der Kronenzeitung“ und eine „Serie in ‘WIR’(TV)“. Die „PR-Strategie“ zum Thema Verkehr stellte auf „Kooperationspartner“ wie das „Kuratorium für Verkehrssicherheit“, „AUA, Lauda Air“, „ARBÖ und ÖAMTC“ ab, gab u.a. der EG-Staatssekretärin, dem Finanzminister und dem BWK-Präsidenten Order zur Abhaltung von Pressekonferenzen und nahm ORF-Sendungen wie „Autofahrer unterwegs“, „X-Large“ und „Ö3-Freizeichen“ in den Dienst. In einer Art Zwischenbilanz der „PR-Aktivitäten von Publico“ ein Jahr vor der Volksabstimmung liest man Sätze wie diese: „In folgenden Medien konnte die Agentur eine Europa-Serie initiieren bzw. unterstützen: Kleine Zeitung, Standard, Profil, Kurier, Kronenzeitung, Wirtschaftswoche, TV-Schilling, Ö3-Freizeichen, WIR, Trend etc.“ - Die Anzahl der Journalisten, an die die Presseaussendungen gesendet werden, ist auf rund 650 gestiegen. Allein mit den aufgrund der Presseaussendungen erschienenen Artikeln konnte ein Leser-, Hörer- und Seherkreis von rund 430 Millionen Personen erreicht werden." Ich weiß nicht, wie es unter Ceausescu in Rumänien war, aber eine Ahnung davon könnte man hier bekommen.

Nur als Beispiel: Am 17.6.1992 sandte Publico den Pressetext „EG-Blutschokolade gibt es nicht“ aus. In den folgenden Tagen erschien der entsprechende Artikel flächendeckend in ganz Österreich, immer im haargenau gleichen Wortlaut. Zeitungsvielfalt hat rein gar nichts mit Meinungsvielfalt zu tun. Viele Zeitungen zu haben, heißt nur, viele Male beschissen zu werden:
Zillertaler Heimatstimme — Kitzbüheler Nachrichten — Tiroler Bauernzeitung

Publico hat auch einen „EG-Umwelt-Infotag“ erfunden und am 4.9.93 in allen Landeshauptstädten in Szene gesetzt, natürlich mit einem Gewinnspiel, bei dem „je Bundesland 2 Reisen nach Brüssel“ vergeben wurden. Publico hat auch die Aktion „Hallo, Herr Minister!“ organisiert und die Regierungsmitglieder der Reihe nach ans Europa-Telefon geschickt. Publico hat auch neben dem „Betriebsrätekoffer“ den „Bürgermeisterkoffer“ gemacht, „an die fünf Kilo geballter Information über die Vorteile des EG-Beitritts, die jeder Bürgermeister lesen und dann unters Gemeindevolk bringen soll“ (SN, 31.8.93). Publico hat die Bürgermeister auch weiterhin speziell betreut und für sie sogar einen Musterbrief ausgearbeitet, den sie drei Tage vor der Volksabstimmung an ihre jeweiligen „lieben Gemeindebürger!“ verschicken sollten. Die Bürgermeisterkoffer brauchten nur mehr den Namen ihrer Gemeinde und ihren eigenen einfügen. Mir liegen zwei solcher Schreiben aus Tirol und eines aus Oberösterreich vor, die sich nicht nur in der allgemeinen Argumentation, sondern zum Teil bis in spezielle Formulierungen hinein decken. Die „Volksentscheidung, deren Tragweite“ des einen Bürgermeisters (St. Martin i.M.) wird beim zweiten zur „Entscheidung ähnlicher Tragweite“ (Oetz) und beim dritten zur „Entscheidung von ähnlicher Tragweite“ (Sölden), wobei gehofft wird, „daß die Beteiligung an dieser Volksabstimmung für jeden außer Frage steht“ (Sölden) bzw. „daß die Beteiligung an der Volksabstimmung für jeden außer Frage steht“ (Oetz), trotz „Informations-, Werbe- und Propagandaschlacht der letzten Wochen“ (Oetz), oder, anders gesagt der „Informations-, Werbe- und Propagandaschlacht der letzten Wochen“ (Sölden), wo von „minderwertigen Lebensmitteln“ (Sölden), „minderwertigen Lebensmittelprodukten“ (Oetz) und von „minderwertigen Lebensmitteln“ (St. Martin i.M.) die Rede war. „Dafür haben wir Anteil an den ungleich größeren Vorteilen der gemeinsamen Sicherheit, des gemeinsamen Marktes und einer europaweiten Umweltpolitik“ (Sölden), das heißt, „dafür haben wir Anteil an den ungleich größeren Vorteilen der gemeinsamen Sicherheit, des gemeinsamen Marktes und einer europaweiten Umweltpolitik“ (Oetz). „Als Bürgermeister der Gemeinde St. Martin lade ich Sie ein, an dieser Volksabstimmung unbedingt teilzunehmen.“ „Ich lade Sie daher herzlich ein, an der Volksabstimmung des kommenden Sonntags teilzunehmen“ (Oetz).

Publico hat unter anderem auch einen „Europa-Informationstag in Oberösterreich“ durchgeführt, wobei das „Ablaufkonzept für die Diskussionsveranstaltung ‘Wie ist das mit der EG in OÖ’“ bis ins Detail im Agenturbüro festgelegt wurde. Sie besetzte das Podium, sie gab Reihenfolge, Dauer und Inhalt der Referate von Staatssekretärin Ederer, LH Ratzenböck und LR Leitl genau vor. Landeshauptmann und Staatssekretärin hatten in einem persönlichen Schreiben sämtliche Bürgermeister und fast fünftausend weitere Persönlichkeiten des Landes einzuladen. Die Bevölkerung wurde über Beilagen in den Tageszeitungen aufgefordert, „ihre dringlichste EG-Frage an die Landesregierung zu senden“. Publico oblag die „gesamte Koordination und Organisation inklusive des gesamten Coaching der Referenten sowie Fragenausarbeitung für die Veranstaltung (ca. 35-40)“, die vom ORF-Landesstudio OÖ live übertragen wurde.

Für Publico war es wichtig, „in die Wohnzimmer der Österreicher zu kommen“, was damit gelang, daß die Agentur, wie Geschäftsführer Lenhardt es ausdrückt, „eine große Funktion beim ORF hatte“. Auch „die ‘Europa-Foren’ wurden von uns initiiert.“ Und „daß zu den Verhandlungen soviele Journalisten in Brüssel waren, wurde von Publico entriert“ (= veranlaßt). Im Rahmen mehrerer österreichweiter „PR-Regionalmedien-Kampagnen“ erschienen im letzten halben Jahr vor der Abstimmung in zig Lokalblättern (von der Weststeirischen Volkszeitung bis zur Oberländer Rundschau) Serien von Propaganda-Breitseiten (Doppelseiten), überschrieben mit „Umweltstandards gesichert“ oder „Hilfe für die Bergbauern“. Darin, daß sie natürlich nicht als PR-Geschichten ausgewiesen waren, lag ihr besonderer propagandistischer Nutzwert. Bei dieser Gleichschaltung durften die Zeitungen, vom Innsbrucker „Stadtblatt“ angefangen, über den „Ennstaler“ bis zur „Oberösterreichischen Rundschau“, ein „Interview mit Europastaatssekretärin Mag. Brigitte Ederer“ zum besten geben, das Publico mit den erforderlichen kleinen regionalen Abänderungen bereits für alle vorfabriziert hatte. Agenturintern ist hier immer ohne Beschönigung von „Schaltung“ die Rede, wobei für einen „Durchgang“ bei den Regionalmedien „ca. 3,5 Mio. Schilling“ budgetiert werden. Das heißt, die Zeitungen sind für den Abdruck bezahlt worden? „Ja, natürlich!“, sagt der Publico-Geschäftsführer.

Es ist buchstäblich alles gefälscht, alles nur zum Schein gefertigt. Das EG-Verkehrssymposium ist gar kein EG-Verkehrssymposium und der EG-Infotag gar kein EG-Infotag. Alles Talmi, die Landeshauptmann-Rede und die wöchentliche EG-Seite alles Attrappe. Hinter der Fernsehsendung steckt gar keine Fernsehsendung und hinter dem Bürgermeister-Brief gar kein Bürgermeister.

Zehn Tage vor Abschluß der „Beitritts-Verhandlungen“ legt Publico seinen Plan für den „EU-Informations-Countdown“ vor. Darin ist wörtlich der „Erstschlag“ in Form von „ganzseitigen Inseraten in sämtlichen Tageszeitungen“ am Tag nach Abschluß der Verhandlungen ebenso vorgesehen wie die sofortige Herausgabe von Einzelfoldern zu den „besonders heißen Themen“ unter dem vorausschauenden Titel „Erfolgsbilanz“. Neben vielem anderen, wie „Aktivierungs-Initiativen“ da und „Motivierungs-Interventionen“ dort, sind hier die „JA-Mailings“ konzipiert und die „Problemzielgruppen-Offensiven“. Und: „Die PR vermittelt den EU-Befürwortern unter den Testimonials (= Prominenten-Empfehlungen) redaktionelle Auftritte in den Massenmedien.“ Usw. usw. usw. - - - Was die PR-Agenten vielleicht nicht gemacht haben? Schwer zu sagen. Wie? Den Brief des Bundeskanzlers und des Vizekanzlers an alle Österreicherinnen und Österreicher knapp vor dem 12. Juni? Falsch! Richtig, den hat auch die Publico gemacht! Und die beiden passenden Unterschriften hineinkopiert. Noch Fragen?

Wo alle EU-Argumente nur Schein-Argumente waren, wo die ganze Volksabstimmung nur der Mißbrauch einer Volksabstimmung war, warum sollten da ausgerechnet die höchsten Repräsentanten genau dieses Systems keine Attrappen sein?

Alles lernen! Nichts vergessen!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1997
Heft 23+24, Seite 77
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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