Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2005 » Heft 5-6/2005
Thomas Schmidinger

„Die Glaubwürdigkeit des Friedensprozesses wurde damit sicher nicht grösser“

Interview mit Kamilla Ibrahim Kuku Kura

Kamilla Ibrahim Kuku Kura ist eine der Gründerinnen des „Nuba Mountains Wo­men Comitee“, einer Basisorganisation von Frauen aus den Nuba-Bergen, die als intern vertriebene Bevölkerung in den Armenvierteln der Hauptstadt Khar­toum leben. Seit dem Friedens­schluss in den Nuba-Bergen können sie auch dort ihre Ak­tivitäten entfalten.

Context XXI: Wie kam es zur Gründung des Nuba Mountains Women Comitee und welche Ziele verfolgt es?

Kamilla Ibrahim Kuku Kura: Wir haben uns 1997 ei­gentlich aus einer Bibelrunde unserer Kirche heraus entwickelt als wir noch vor dem Waffenstillstand in den Nuba-Bergen zum Schluss gekommen sind, dass wir nicht nur die Bibel besprechen sollten, sondern auch etwas für uns selbst unternehmen sollten.

Damals gab es unter den intern Vertriebenen aus den Nuba-Bergen keinerlei grundlegende Leistungen des Staates. Insbesondere unter den Frauen konnte kaum jemand Lesen und Schreiben. So kamen wir auf die Idee uns selbst Alphabetisierungskurse zu organi­sieren. Dann beschäftigten wir uns auch mit der Situ­ation unserer Kinder. Sie dürfen nicht vergessen, dass unsere Frauen und Männer meist früh am Tag auf Arbeitssuche gehen. Wir bekommen ja keine regelmäßige Arbeit, sondern überleben als TagelöhnerInnen. In so einer Situation kann sich niemand um seine Kinder kümmern, die den ganzen Tag sich selbst überlassen in der heißen Sonne herumspringen. Deshalb kamen wir auf die Idee einen Kindergarten zu organisieren. Mitt­lerweile haben wir in der Region Khar­toum vier Kindergärten und zehn Bildungskurse für Frauen. Dabei wollen wir jedoch nicht nur die Alphabetisie­rung vorantreiben, sondern auch ver­schiedene frauen­relevante Themen diskutieren und den Frauen eine Bildungsmöglich­keit bieten.

Sie sagten vorher, dass Ihre Frauengruppe im Rahmen der Kirche entstanden ist. Nun gibt es in den Nuba-Bergen aber auch islamisierte Bevölkerungsgruppen und Personen, die eigenen Religionen angehören, die weder christlich noch islamisch sind. Sind nun auch nichtchristliche Frauen im Nuba Mountains Women Comitee aktiv?

Wir sind zwar aus einer christlichen Kirche entstan­den, aber unser Angebot ist grundsätzlich offen für alle Frauen. Heute sind rund 500 Frauen bei uns aktiv. Di­ese sind fast alle christlich. Unser Service ist jedoch für alle da. Wir verzichten in unseren Bildungsangeboten zum Beispiel absichtlich auf Religionsunterricht um auch Muslimen die Teilnahme zu ermöglichen.

Sie hatten oben bereits angesprochen, dass die Arbeit, die intern Vertriebene aus den Nuba-Bergen bekommen können, meist extrem prekär ist. Tatsächlich können vertriebene Frauen in Khartoum meist nur als Teever­käuferinnen oder noch schlimmer als illegale Alkohol­verkäuferinnen ihr Leben fristen. Gerade für jene, die als Alkoholherstellerinnen und -verkäuferinnen leben, bedeutet dies nicht nur eine schlechte Arbeit und soziale Stigmatisierung sondern auch staatliche Repression. Seid ihr hier auch im Bereich der Unterstützung dieser Arbei­terinnen aktiv?

Ja, das ist eines der Ziele unserer Organisation. Wir legen einen starken Fokus auf die Umschulung und die Ermunterung der Frauen auch andere Erwerbsmög­lichkeiten zu suchen. Das ist leider nicht gerade einfach, da unsere Frauen einfach am untersten Ende der so­zialen Hierarchie in Khartoum stehen. Gerade für die Alkoholverkäuferinnen ist die herrschende Sharia-Gesetzgebung jedoch ein so großes Problem, dass wir uns immer wieder damit auseinandersetzen müssen.

Was geschieht mit den Frauen, die als Alkoholhändle­rinnen verhaftet werden?

Sie wandern einige Monate oder sogar über ein Jahr ins Gefängnis. Wenn sie oder ihre Verwandten niemanden bestechen können, sitzen sie sehr lange in Haft. Dabei dürfen sie nicht vergessen, dass die Haft­bedingungen im Sudan nicht mit denen in Europa zu vergleichen sind.

Im heuer ausgehandelten Friedensvertrag zwischen SPLM und Regierung wird jedoch die Gültigkeit der Sharia im Norden des Landes nicht in Frage gestellt. Lediglich der Süden soll davon ausgenommen werden. Die intern vertriebenen Frauen aus den Nuba-Bergen werden davon also wenig profitieren.

Leider teilt der Friedensvertrag das Land so auf, dass in der Hauptstadt weiterhin die Sharia gelten wird. Zwar wird uns zugleich versprochen, dass Nichtmuslime in Zukunft anders behandelt werden sollen, allerdings gibt es bis jetzt keinerlei Anzeichen, dass dieses Versprechen ein­gehalten werden soll. Wir werden immer noch für Alkoholverkauf verhaftet, die Teefrauen haben Probleme und selbst die normalen Verkäufer werden ständig drang­saliert. Vielleicht hat es sich für einige gut organisierte Verkäufer etwas verbessert, etwa jene die ein eigenes kleines Geschäft besitzen. Für jene Frauen, die unter freiem Himmel ihre Waren anbieten müssen, hat sich aber überhaupt nichts zum Besseren gewendet.

Wurden die intern Vertriebenen in Khar­toum oder die „arabischen“ Oppositionellen im Friedensprozess vergessen?

Der Friedensvertrag wurde erst vor kurzem unterzeichnet. Als der SPLA-Führer John Garang dann nach Khartoum kam um neuer Vizepräsident des Sudan zu werden, waren damit schon auch für uns Hoffnungen verbunden. Nicht nur Leute aus den Nuba-Bergen, sondern der ganze Sudan setzte große Hoffnungen in diesen Schritt. Allerdings war die Enttäuschung umso bitterer, als die Leute drei Wochen später vom Tod John Garangs hörten. Das war ein wirklicher Schock für das ganze Land und viele fürchten nun wieder die Zukunft. Die NGOs und Basisorganisa­tionen versuchen zwar weiter ihren Bei­trag zum Friedensprozess zu leisten, aber der Schock sitzt immer noch tief.

Nach dem Tod John Garangs kam es ja gerade in der Hauptstadt zu Unruhen in deren Folge mehrere hundert Personen — vor allem intern Vertriebene aus den Armenvierteln — verhaftet wurden. Sind diese mittlerweile wieder frei? Wie ist die derzeitige Situation Khartoum?

Die Leute wussten schon von BBC und anderen ausländischen Medien, dass John Garang etwas geschehen war. Die Regierung ging jedoch nicht mit der Nachricht an die Öffentlichkeit. Dieser Umgang mit dem Thema führte zu einer sehr großen Verunsicherung in der Be­völkerung.

Viele glaubten ja auch, dass John Garang ermordet wurde.

Ja, es kamen ja in der Vergangenheit auch schon andere Regimegegner auf ähnliche Weise ums Leben. Da gab es öfters schon „Unfälle“ und so dachten die Leute, dass es diesmal ähnlich wäre. Es hatten ja viele schon vorher gedacht, dass Garang in Khartoum nicht sicher sein würde. Jedenfalls glaubten deshalb tausende intern Vertriebene, dass die Regierung hinter dem Tod Garangs ste­hen würde. Deshalb kam es zu diesem Aufstand und den Plünderungen. Die SPLA versuchte die Leute jedoch zu be­ruhigen, während die Regierung letztlich vom Aufstand profitierte. Die Regierung nutzte das Chaos nämlich um Leute von zu Hause abzuholen und verschwinden zu lassen. Viele SüdsudanesInnen und Leute aus den Nuba-Bergen wurden will­kürlich verhaftet oder erschossen. Auch viele Frauen, sogar schwangere wurde mitgenommen. Die Glaubwürdigkeit des Friedensprozesses wurde damit sicher nicht größer.

Sie nahmen vor kurzem an einer von „Nil-Donau“ organisierten Konferenz sudanesischer Frauen in Wien teil und sind dabei auch einigen europäischen Feministinnen begegnet. Können europäische Frauenbe­wegungen etwas für sudanesische Frauen­bewegungen tun?

Wir benötigen die Unterstützung von Frauengruppen, aber auch demokra­tischen Männern aus Europa. Wenn in Europa eine Sensibilität für unsere Pro­bleme entsteht, übt dies auch Druck auf die sudanesischen Verhältnisse aus.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2005
Heft 5-6/2005, Seite 22
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

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