FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1981 » No. 331/332
Michael Siegert

Die Gelbe Liste

Aus der Geheimgeschichte des Antisemitismus der 1. Republik

Die Professoren trafen sich in aller Heimlichkeit. Der spätere Unterrichtsminister und letzte Obmann der Christlichsozialen Partei, Emmerich Czermak, führte das Protokoll. [1] Man diskutierte, wie der Kollege von der juridischen Fakultät, der Strafrechtler Stephan Brassloff, „auf immer“ von der Wiener Universität zu „amovieren“ (wegzuschaffen) sei. Czermak notierte: „Brassloff hat jahrelang, über römisches Recht lesend, die unerhörtesten Witze gemacht. Studentenführer Kolbe wollte Krawall machen, Spann hatte geraten, er solle nur notieren. Körber rollte das ganze nochmals auf und ging etappenweise schärfer vor. Jetzt denkt man an eine zweisemestrige Suspendierung. Kelsen hat sich zur Verteidigung gemeldet; er ist sehr geschickt und daher gefährlich. Körber griff wieder in der Presse an (,Wenn der Bettauerist [2] Kelsen den Bettaueristen Brassloff verteidigt, wird sich ein Rothstock [3] finden...‘), darauf legte K[elsen] die Verteidigung nieder. Man muß jetzt gut nachhelfen! Alles aufbieten, um Br[assloff] ganz zu amovieren. Alles stimmt bei!“

Diese Sitzung der „Fachgruppe Hochschulwesen“ des angemeldeten Vereins „Deutsche Gemeinschaft” [4] fand am 4. Dezember 1925 unter Vorsitz des Professors Othmar Spann statt. Schon im November 1925 hatte das Organ der österreichischen NSDAP, die Deutsche Arbeiter-Presse, geschrieben: „Sollte der Asiate Kelsen es durch die Schlappheit der Behörden erreichen, daß der Asiate Brassloff an der deutschen Kulturstätte weiterhin seine schweinischen Kabarettwitze vortragen kann, dann wird sich in Wien etwas tun, was Wien noch nicht gesehen hat! Wir warnen die Behörden, die es in der Hand haben, verbrecherische Wüstensöhne zu beseitigen!“

Das Zusammenspiel von Nazis, intrigierenden Professoren und studentischen Prügelgarden hatte Erfolg: Brassloff wurde zu einer dreisemestrigen Vorlesungspause gezwungen. 1942 deportierte ihn die SS ins KZ Theresienstadt, wo er bald darauf starb.

„Rassesieg in Wien“ hieß ein Buch, das Brassloffs Verfolger, der Nazistudentenführer Robert Körber 1939 in Wien erscheinen ließ. Körber, der auch Vizeobmann des Wiener Antisemitenbundes war, tauchte nach dem Krieg in Bünde/Westfalen wieder auf und wurde 1965 Präsident des „Deutschen Kulturwerks europäischen Geistes“, mit Sitz in München, das auch Zweigstellen in Österreich unterhält, wo Körber noch in den sechziger Jahren unbehelligt vortragen durfte.

Im Vordergrund der antisemitischen Krawalle auf den österreichischen Hochschulen der Zwischenkriegszeit agierten die rechtsradikalen Studenten. Mit dem Ruf „Juden hinaus!“ überfielen sie Hörsäle, bildeten auf Gängen, Stiegen und der Universitätsrampe „Prügelgassen“ für jüdische und linke Hörer; wenn sie nachher zurückkamen, fanden sie im Hörsaal oft ihre Mäntel nicht mehr vor. Liberale und links eingestellte Professoren wurden bedroht und terrorisiert, so daß sie in der Regel Österreich verließen.

Beim Doyen des Austromarxlsmus, Carl Grünberg, gelang dies der rechten Allianz schon 1924: er ging nach Frankfurt und gründete dort das „Institut für Sozialforschung“, also die Frankfurter Schule (Marcuse, Horkheimer, Adorno). Den Schöpfer der Österreichischen Verfassung und Freund Karl Renners, den Rechtspositivisten Hans Kelsen, „schafften“ sie erst 1930: er ging nach Köln, später in die USA. Sigmund Freud, der es an der Wiener Universität sein Leben lang nur bis zum Titularordinarius brachte, durfte nach dem Anschluß 1938 gerade noch nach England emigrieren.

Der in der „Deutschen Gemeinschaft“ organisierte rechte Professoren- und Politikerklüngel, der die Prügelgarden dirigierte, amüsierte sich klammheimlich, wenn irgendeine verklemmte Randfigur zur Waffe griff, wie 1925 gegen Bettauer oder 1936 gegen Schlick („Wird sich ein Rothstock finden ...“). Die „Deutsche Gemeinschaft” bestand als eingetragener Verein 1919 bis 1930 und war im Kern ein Bündnis von rechten Christlichsozialen mit Deutschnationalen, die sich zusammentaten, um die Liberalen aus Staatsämtern und Hochschulen zu vertreiben. In der Praxis eine Stellenvermittlung für CVer und Burschenschafter. Das Bündnis zerbrach 1930, als die CVer die Oberhand gewannen und die Burschenschafter sich zurückzogen. Wenn man sich die Mitgliederlisten ansieht (1925 waren es 441 Personen), hat man förmlich eine Geheimgeschichte der ersten Republik vor sich: da findet man zwei Bundeskanzler (Dollfuß und Seyß-Inquart), einen Vizekanzler (Dinghofer), mindestens vier Minister (Czermak, Menghin, Odehnal, Schönburg-Hartenstein) und eine Menge hoher Staatsbeamter.

Antisemitismus aus Alt-Österreich:
Der Name des Kandidaten Josef Wünsch wurde bei der Gemeinderatswahl 1888 mit „Jud“ überklebt (oben); Antisemitismus der Ersten Republik (unten): Wahlpropaganda der Großdeutschen Partei (Fotos Institut für Zeitgeschichte, Univ. Wien/Österreichische Nationalbibliothek)

Wenn man weiß, daß Dollfuß und Seyß-Inquart jahrelang als Sekretäre und Büroleiter der „Deutschen Gemeinschaft“ in der Wiener Elisabethstraße 9 die Stellenvermittlung der Rechten betrieben, versteht man auch, warum sie — getragen von den „Brüdern“ im Apparat des Staates, der Verbände und der Parteien — an Wendepunkten der Geschichte Österreichs zu Regierungschefs berufen wurden: Engelbert Dollfuß besorgte 1933/34 die Liquidierung der parlamentarischen Demokratie (bis ihn seine früheren Verbündeten umbrachten), Arthur Seyß-Inquart erledigte 1938/39 in Hitlers Auftrag die Selbständigkeit Österreichs.

Ideologischer Treibstoff dieses Antiliberalismus war der Antisemitismus, der sich in der „Deutschen Gemeinschaft“ zu einem abenteuerlichen Geheimritual steigerte. Benno Imendörffer, „Alter Herr“ der schlagenden Verbindung Markomannia und Leiter einer Gruppe von Burschenschaftern in der „Deutschen Gemeinschaft“, schlug als Programm vor:

Es handelt sich darum, alle Menschen besserer Blutmischung und höheren Geistes zu sammeln in einem Bunde, der ähnlich organisiert und ähnlich geführt wird wie die Weltfreimaurerschaft, mit dieser im Kampfe um die Weltherrschaft zu ringen berufen wäre ... In der Überwindung dieser liberalen Hypnose und falsch angewandten Humanität der sogenannten politischen Freiheit wird für mein Gefühl eine Hauptaufgabe des künftigen Wiederaufbaus liegen müssen. [5]

Die „Deutsche Gemeinschaft“ gliederte sich demgemäß in Gruppen, die Freimaurerlogen nachgebildet waren, und die Mitglieder wurden in eine Hierarchie von fünf Graden eingereiht, vom einfachen „Burgbruder“ über den „Gruppenleiter“ bis zur „Obersten Leitung“, die anonym blieb und sich den Mitgliedern nicht zu erkennen gab. Die Aufnahme erfolgte in einer den Freimaurern abgeschauten Zeremonie. Die Feinde wurden als die „Ungeraden“ (abgekürzt „ug“) bezeichnet, während man sich selber als „Gerade“ sah. In den geheimen Statuten, die der Vereinspolizei nicht vorgelegt wurden, wird die Anlegung von „Gelben Listen“ der Juden gefordert: „Kenntnis der Gelben, die als Vorläufer des Ugtums [also des Ungeradentums] bekämpft werden.“

In der „Fachgruppe Hochschulwesen“ wurde eine solche gelbe Liste von Professoren erstellt. In dieser Liste sind, so notierte der spätere Unterrichtsminister Czermak als Protokollant der Sitzung vom 4. März 1926, „sämtliche Professoren der beiden theologischen, der juridischen und medizinischen Fakultät unter dem Gesichtspunkt der Geradheit qualifiziert. In der offiziellen ‚Übersicht über die akademischen Behörden, Professoren und Privatdozenten der Universität Wien‘ erhält jeder Name einen entsprechenden Vermerk, aus dem sich ergibt, ob der Betreffende ug., ug. Abstammung, mit einer Ug. verheiratet, verläßlicher Gerader oder fraglicher Abstammung ist. Die Qualifikation der Professoren der philos. Fakultät wird auf Grund der bereits vorliegenden Arbeit des Br[uder] Cz[ermak] ... erfolgen.“

Diese Liste „der Professoren jüdischer Rasse oder jüdischer Abstammung“ wurde von den Nazistudenten in den zwanziger und dreißiger Jahren meist bei Semesterbeginn als Flugblatt [6] verteilt („Deutsche Studenten! Ihr wißt, was ihr anläßlich der Einschreibung zu tun habt!“). Unter den Dutzenden Namen las man „Freud Siegm.“‚ „Adler M. (Marxist)“‚ „Kelsen (Marx.)“, „Schlick“, „Menger“, „Feigl“ Als Kommentar stand darunter: „Fast 40 Prozent der Lehrkanzeln an den höchsten deutschen Kulturstätten wurden durch den Geist des fluchbeladenen Liberalismus von einem rassens- und wesensfremden Volk erobert, das kaum zehn Prozent des bodenständigen deutschen Volkes erreicht! Immer wieder gebot uns die vaterländische Pflicht und das völkische Verantwortungsbewußtsein, an der Befreiung unserer höchsten Kulturstätten vom fremdrassigen Judentume mitzuarbeiten!“

Volksquote‚ Numerus clausus — das waren die Schlagworte, mit denen der Antisemitismus noch vor den diversen „Machtergreifungen“ sein Programm an den Hochschulen vorexerzierte, als Generalprobe für die Nürnberger Rassengesetze. Der deutschnationale Jurist Gleispach versuchte als Rektor 1930 eine „Studentenordnung“ an der Wiener Universität einzuführen, nach der die Hörer „deutscher Abstammung“ und diejenigen „gemischter Abstammung“ in zwei verschiedene „Studentennationen“ eingeteilt worden wären. Die Juden hätten natürlich als „Gemischte“ gegolten und ihre Anzahl wäre auf die „Volksquote“ heruntergedrückt worden, also auf die angekündigten zehn Prozent. Der Verfassungsgerichtshof hob diese Studentenordnung aber 1931 auf. Unterrichtsminister Emmerich Czermak versuchte sie 1932 als „Studentenrecht“ im Parlament beschließen zu lassen; das Gesetz wurde in erster Lesung zwar angenommen, aber der Druck internationaler Bankkreise zwang Dollfuß, seinen Freund Czermak [7] fallenzulassen: Österreich steckte tief in der Wirtschaftskrise und brauchte dringend die Lausanner Anleihe.

[1Veröffentlicht im FORVM Jänner/Februar 1974 (die Originaldokumente befinden sich bei den Seyß-lnquart-Papieren im Bundesarchiv in Koblenz)

[2Hugo Bettauer, Herausgeber der erotisch-progressiven Wochenschrift Er und Sie, wurde im März 1925 von einem Nationalsozialisten ermordet. Bettauers Verdienst lag vor allem in der Popularisierung der Gedanken Freuds. — Murray G. Hall: Der Fall Bettauer, Wien 1980 (Löcker Verlag)

[3Otto Rothstock war der Mörder Bettauers

[4Zur Geschichte der „Deutschen Gemeinschaft“ siehe Wolfgang Rosar: Deutsche Gemeinschaft. Seyß-lnquart und der Anschluß, Wien 1971, S. 29 ff.

[5Rosar, a.a.O.

[6Ein Exemplar des Flugblatts befindet sich im Tagblatt-Archiv der Wiener Arbeiterkammer

[7Die unveröffentlichten Aufzeichnungen Emmerich Czermaks befinden sich im Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1981
No. 331/332, Seite 22
Autor/inn/en:

Michael Siegert: Michael Siegert war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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