Zeitschriften » Wurzelwerk » Jahrgang 1982 » Wurzelwerk 9
Hubert Maierwieser

Die Dichotomie der Moderne

Edward Goldsmith ist Chefredakteur des Londoner Ecologist. Seine Schriften zählen zu den Meilensteinen in der ausufernden Diskussion über Umweltschutz, Arbeitsplätze, Lebensgestaltung, ja, über Leben eben im weitesten Begriff, fantasievoll und doch grundsätzlich, mit Tiefgang. Hubert Maierwieser hat versucht, Essenzen zu ziehen, publizistisch, versteht sich. Reichhaltig, daher in Serie.

konkret

Ich glaube, nein — ich bin mir sicher, sagen zu können, daß in absehbarer Zeit, unter Anbetracht verschiedener Kriterien und Komponenten, auf diesem ziemlich heiklen Sektor unserer Gesellschaft zielführende Maßnahmen in größtmöglichem Umfang Raum greifen werden. Jeder Versuch, die Möglichkeit einer entscheidenden Verbesserung der Situation zu torpedieren, ist meiner Ansicht nach derzeit als unverantwortbar abzulehnen. Ich möchte noch einmal mit aller gebotenen Deutlichkeit klarstellen, daß negative Rückschlüsse, welcher Art auch immer, einfach unzulässig sind.

Die Enttäuschungen über die Leistungen unserer modernen Industriegesellschaft sind beträchtlich, man muß erkennen, daß die anfallenden Probleme, von der Umweltverschmutzung bis zur Arbeitsplatzsicherung, nicht mit Mitteln herkömmlicher Politik überwunden werden können. In diesem allgemeinen Dilemma bietet sich als zugkräftiger zukünftiger Ausweg eine Ökologische Sozialphilosophie an. Denn rechte und linke Bewegungen bieten nur verschiedene Rezepte an, wie man den industriellen Kuchen backen sollte und wie man seine Scheiben am besten verteilt. Die ökologische Sozialphilosophie ist, so meine ich, am besten in der Lage, die großen Aufgaben unserer Zeit, Rohstoff- und Energiefrage, Arbeitsplatzsicherung, Umweltschutz, Wiederherstellung intakter Sozialstrukturen, die konfliktfreies und sozial befriedigendes Leben gewährleisten, Entbürokratisierung, usw. zu bewältigen. Das Ziel der kommenden Serie ist es, die grundsätzlichen Fehler unserer konventionellen Politik aufzuzeigen und Verständnis für grundlegende Prinzipien einer Ökologischen Sozialphilosophie zu entwickeln.

In einer Gesellschaft, die sich durch wachsende bürokratische Bevormundung und einen Abbau demokratischer Prozesse auszeichnet, könnte eine einfache Lebensweise sich als eine wirksame Gegenkraft erweisen.

Ein gravierender Irrtum unserer Wirtschaftsordnung und den allgemeinen Vorstellungen von einer fortschrittlichen Entwicklung liegt in der Ansicht, daß man Lebensstandard und damit Lebensqualität mit Geld messen kann. Gesteigertes Bruttonationalprodukt gilt als objektiver Maßstab für Erfolg und Entwicklung einer Volkswirtschaft. Daß dem nicht so ist, ist leicht zu erklären. Zu diesem Zweck möchte ich aber zwei Begriffe einführen, die zum besseren Verständnis sicher beitragen. Es gilt, grundsätzlich zwischen Surrogatwelt und realen Welten zu unterscheiden. Die Surrogatwelt ist die Welt der materiellen Güter, der technischen Erfindungen. Die reale Welt ist die Biosphäre, sie stellt die Rohstoffe zur Industrialisierung zu Verfügung. Der Fehler unserer wirtschaftlichen Wachstumsideologie liegt nun darin, daß man mit Geld nur die Vorteile der Surrogatwelt messen kann. Einen Wert erhalten die Dinge nur dadurch, daß sie in das ökonomische System einbezogen werden. Reines Wasser, gute Luft oder auch Menschlichkeit am Arbeitsplatz sind zwar für jeden von eminenter Wichtigkeit, doch derlei Aspekte sind für unsere Politiker und Wirtschaftsfachleute, die alles an Produktionssteigerungen und am Ausmaß der Geldzirkulation messen, von nur wenig Relevanz. — Ein weiteres Beispiel: Ein urwüchsiges Augebiet vor der Stadt hat zweifelsohne einen ungeheuren Wert.

Die Geschäftemacher kennen nur den Preis einer Sache, nicht aber deren Wert.

Die Au ist Feuchtbiotop für viele Tiere, sie ist Klimaregler, sie ist Erholungs- und Erlebnisraum für die Kinder, die dort Formbares und Lebendiges vorfinden. So liegen die Kinder im Gras am Bach und beobachten die Fische. Doch die Fische im Bach lassen keine Kassa klingeln, darum muß die Au einer Fabrik weichen, die Plastikfische als Spielzeug herstellt. Diese Industrieanlage mag vielleicht volkswirtschaftlich gesehen ein Erfolg sein, doch die grüne Lunge ist verschwunden und den Kindern wurde die Spielmöglichkeit genommen, die Fabrik ist somit gleichzeitig ein Bestandteil eines allgemeinen biologischen und sozialen Zerstörungs- und Verfalls-Prozesses.

Bau mir ein Blockhaus in Utah nehme mit eine Frau, habe Kinder, die mich Pa nennen — fange Regenbogenforellen im Fluß — that must be what is all about!

Der einzige Ausweg, der ein Überleben morgen gewährleistet, ist, einen guten Teil der Konsumgüter einfach vom Markt zurückzuziehen oder zumindest eine Ausweitung des Marktes zu verhindern. Denn Konsumgüter kommen als Luxusgüter auf den Markt und nehmen dann allmählich den Charakter von Notwendigkeiten an. Ein Leben ohne große Autos, elektrischer Zahnbürste, Video-Recorder und ohne Foto mit Tonspur wäre sicher nicht ein Weg zurück zur Steinzeit.

Kaufkraft ist nicht gleich Lebensglück.

Im nächsten WURZELWERK: Beiträge zur ökologischen Arbeitsplatz-Diskussion.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1982
Wurzelwerk 9, Seite 10
Autor/inn/en:

Hubert Maierwieser:

Lizenz dieses Beitrags:
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