Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2009 » Nummer 29
John Holloway • Lars Stubbe (Übersetzung)

Die andere Politik, die Politik der Wut der Würde

1.

Wut, Wut, Wut. Wut, wie die der jungen Menschen in Griechenland in den letzten Wochen. Wut über Polizeigewalt, Wut über niedrige Löhne und Mangel an Chancen.

Wut heute über das Massaker der israelischen Armee an den Palästinensern im Gazastreifen. Wut über die fünf Jahre Ermordung und Zerstörung im Irak. Wut, Wut hier, jeden Tag. Wut über die Repression in Atenco und die 112 Jahre Gefängnis für Ignacio del Valle. [1] Wut über die Vergewaltigung von Genossinnen, die für ein Leben der Würde kämpfen. Wut über die alltägliche Gewalt der Polizei. Wut über die Zerstörung der Wälder. Wut über den Rassismus, Wut über die obszöne Kluft zwischen den Einkommen der Reichen und dem Elend der Armen, Wut über die Arroganz der Mächtigen. Wut, weil sie ein schönes Land in ein verfaulendes Land verwandeln, ein Land, in dem man mit Angst lebt.

Wut, denn nicht nur Mexiko verfault, sondern die ganze Welt verfault, zerstört sich selbst. Wut, denn wir leben in einer Welt, die auf der Negation der Menschheit basiert, der Negation der Würde. Wut, denn wir können nur überleben, indem wir uns selbst verkaufen.

2.

Wut, Wut, Wut. Wut zerbricht. Wut zerbricht das Opfer. Vor der Explosion der Wut sind wir Opfer, Opfer des kapitalistischen Systems. Das einzige, was wir als Opfer machen können, ist zu leiden, um Veränderungen zu bitten, Forderungen vorzubringen. Als Opfer brauchen wir einen Anführer, eine Partei. Als Opfer hoffen wir auf Veränderung in der Zukunft, eine Revolution in der Zukunft.

Mit dem Schrei der Wut zerbrechen wir das, wir sagen: „Nein, wir sind keine Opfer, wir sind Menschen, es reicht, so zu leben, es reicht mit dem Leiden. Wir werden nicht länger irgendjemanden um etwas bitten, wir werden nicht länger Forderungen vorbringen, wir werden nicht länger auf die Revolution in der Zukunft hoffen, denn die Zukunft kommt niemals. Wir werden die Dinge hier und jetzt ändern.“

Wut, gerechte, gerechte Wut: Wut der Würde. Die antikapitalistische Wut ist eine Wut der Würde, denn sie bricht mit dem Zustand des Opfer-Seins, denn sie begehrt bereits etwas anderes, eine andere Welt, denn hinter den Schreien und den Barrikaden befindet sich etwas anderes, die Anlage neuer gesellschaftlicher Verhältnisse, die Erschaffung eines anderen Tuns, einer anderen Liebe.

3.

Die Wut ist die Schwelle der Würde. Bloße Wut reicht nicht aus, denn noch erschafft sie nicht die Grundlagen einer anderen Welt, sie erschafft noch nicht die Basis, um der Reintegration in den Kapitalismus Widerstand zu leisten. Sie öffnet die Tür für eine radikal andere Politik, ein radikal verschiedenes Tun, aber die vollständige Entwicklung der Wut der Würde bedeutet nicht nur den Schrei des „Nein, wir werden nicht gehorchen, wir werden nicht hinnehmen, wir werden uns nicht unterordnen.“ Dazu gehört auch: „Wir werden etwas anderes machen, wir werden auf eine Weise leben, die mit dem Kapital nicht vereinbar ist“. Nicht nur mit Demonstrationen und Steinen kämpfen wir gegen den Kapitalismus, sondern auch (und vielleicht sogar zuvörderst), indem wir etwas anderes aufbauen. Wir kämpfen gegen den Kapitalismus, indem wir die Welt leben, die wir erbauen wollen.

Es reicht! Es reicht mit diesem Leben, es reicht, jeden Tag ein System zu erschaffen, das uns ermordet. Aber hinter dem „Es reicht!“ der ZapatistInnen befindet sich etwas anderes, ohne das der Zapatismus nicht über die Kraft verfügen würde, die er hat. Hinter der Dringlichkeit der „¡Ya Basta!“ steht eine andere Zeitlichkeit, die Zeitlichkeit des „Wir gehen, wir rennen nicht, denn wir gehen sehr weit.“ Der Kern des Zapatismus besteht im geduldigen Aufbau einer anderen Welt, der Erschaffung anderer gesellschaftlicher Verhältnisse hier und jetzt. Die zapatistischen Gemeinschaften kämpfen gegen den Kapitalismus, indem sie die andere Welt leben, die sie (und wir) erschaffen wollen. Sie kämpfen gegen den Kapitalismus, indem sie über ihn hinausgehen. Dies ist die Wut der Würde.

Natürlich nicht nur die ZapatistInnen. Die Wut der Würde existiert an allen Orten und in jedem Moment, in dem Menschen sagen: „Nein, wir werden die Herrschaft des Kapitals oder des Geldes nicht hinnehmen, wir werden etwas anderes tun“. Manchmal wird das NEIN betont, manchmal der Aufbau von etwas anderem. Manchmal herrscht die Wut vor, manchmal die Würde, aber es ist wichtig, die Einheit anzuerkennen, die Kontinuitätslinien zwischen den zwei Formen des Kampfes. Deshalb müssen Solidarität und die Ablehnung des Sektierertums zentrale Bestandteile jeder Politik der Wut der Würde sein. Wir wollen die beiden Seiten zusammenbringen, die Wut und die Würde und die einzige Weise, dies zu tun, besteht in dem Respekt vor den verschiedenen Formen des Kampfes.

4.

Würde ist nicht die Würde von Opfern, sondern die von aktiven Subjekten. Die Politik der Wut der Würde, das heißt, die andere Politik, ist ein Gehen, das die Politik des Opfer-Seins, die Politik der Forderungen, die Politik der ständigen Anklagen, die Politik der Anführer und Parteien und Staaten hinter sich lässt. Die Wut der Würde stellt uns ins Zentrum. Wir erschaffen die Welt mit unserer Kreativität, unserer Aktivität. Wir sind es auch, die den Kapitalismus, der uns tötet, erschaffen: deshalb wissen wir, dass wir aufhören können, ihn zu erschaffen. Es sind wir, die die gegenwärtige Krise des Kapitalismus erschaffen, oder besser: wir sind die Krise des Kapitalismus.

Es ist wichtig, hierauf zu beharren, denn die Krise stellt eine ernsthafte Bedrohung für die andere Politik dar. Die Krise zieht uns, wirklich und theoretisch, zu der alten Politik der Linken zurück, zu der Politik des Opfers, der Politik der Forderungen.

Es gibt grundsätzlich zwei Formen, über die Krise zu sprechen. Es liegt auf der Hand, die Kapitalisten und den Kapitalismus dafür verantwortlich zu machen. Die Krise zeigt das Versagen des Kapitalismus. Wir brauchen eine Revolution. Wir müssen die Revolution auf die effizienteste Art machen, die möglich ist. Und in der Zwischenzeit müssen wir mehr Beschäftigung einfordern, mehr Sozialausgaben, Subventionen nicht für die Reichen, sondern für die Armen. Diese Auffassung der Krise als „ihre“ Krise führt uns zur Politik des Opfer-Seins, der Forderungen, der Revolution in der Zukunft zurück.

Der andere Weg besteht darin, zu sagen: „Nein, so ist es nicht: wir sind für die Krise verantwortlich und wir werden die Revolution nicht in der Zukunft machen müssen, da wir sie bereits machen und die Krise ist der sichtbare Ausdruck der Tatsache, dass wir sie bereits machen“. Der Kapitalismus ist ein System der Herrschaft, der Unterordnung. Die Existenz des Kapitals hängt von unserer Unterordnung ab. Mehr noch, es hängt von einer zunehmend vollständigeren Unterordnung des Lebens unter die entfremdete Arbeit ab. Wenn es ihm nicht gelingt, diese vollständige Unterordnung durchzusetzen, kommt es in die offene Krise.

Wir sind die Aufsässigen, wir sind die Krise des Kapitals. Die große Krise von 1929 war das Ergebnis einer Welle der Aufsässigkeit, die sich in der Russischen Revolution Ausdruck verschaffte. Die Krise von heute ist das Ergebnis der Wellen der Aufsässigkeit der letzten vierzig Jahre. In beiden Fällen ist die Krise eine aufgeschobene Krise, aufgeschoben durch die Ausweitung des Kredits, die die Verbindung zwischen der Aufsässigkeit und ihren Auswirkungen verdeckt und der Krise der Unterordnung das Erscheinungsbild einer finanziellen Krise gibt. Die Ausweitung des Kredits ist eine Art Wette, eine Wette auf die zukünftige Ausbeutung der Arbeit, das heißt, auf die zukünftige Unterordnung unserer Aktivität, eine Wette, die das Kapital gerade verliert. Wir sind die Aufsässigkeit, das heißt die Krise des Kapitals, und wir werden uns nicht unterordnen lassen.

Es ist besser, wenn wir unsere Verantwortung annehmen. Sie hilft uns, unsere Stärke zu verstehen. Wir sind nicht die ständigen Verlierer: unser Rebellischsein, unsere Aufsässigkeit, unsere Würde, erschüttern das System. Die Krise des Kapitals ist ein Ausdruck der Stärke unserer Würde. Wir sollten uns die Krise nicht als Zusammenbruch des Kapitalismus vorstellen, sondern als Durchbruch unserer Würde, als Geburt von etwas anderem, von anderen gesellschaftlichen Verhältnissen, gesellschaftlichen Verhältnissen, die auf der Würde der Wut basieren.

Die Herausforderung der anderen Politik besteht in der Stärkung dieses Prozesses, dieses Durchbrechens einer anderen Welt. Es kann nicht bloß eine Frage der Forderung nach mehr Beschäftigung, nach mehr Staat sein, denn diese bedeuten die Erneuerung der Unterordnung unter das Kapital. Wir bitten niemandem um etwas, vielmehr erschaffen wir hier und jetzt unsere kreative Aufsässigkeit, indem wir so weit wie möglich die Momente und Räume ausweiten, in denen wir sagen: „Nein, wir beugen uns nicht den Anforderungen des Kapitals, wir werden etwas anderes machen, wir werden die Selbsthilfe fördern, die Kooperation, die Erschaffung gegen das Kapital“. Es ist nicht leicht, es ist nicht offensichtlich, aber dies ist die Richtung, in die wir uns bewegen müssen, die wir erkunden müssen. Mit Wut, aber mit einer Wut, die andere Perspektiven eröffnet, die andere Dinge erschafft, eine Wut der Würde.

Fragend gehen wir voran …

[1Ignacio del Valle ist einer der Anführer der Bewegung gegen den Bau eines Flughafens im nahe Mexiko-Stadt gelegenen Atenco. Er wurde zu 112 Jahren Gefängnis verurteilt.

Beitrag während der Teilnahme am Runden Tisch „Los Otros Caminos: OTRA HISTORIA, OTRA POLÍTICA“ auf dem „Festival de la Digna Rabia“ in Mexiko-Stadt am 28.12.08. Weitere Redner waren: Felipe Echenique (México), Francisco Pineda (México, Raúl Zibechi (Uruguay), Olivier Besacenot (Francia), Mónica Baltodano (Nicaragua), Sergio Rodríguez Lascano (México).

Der Originaltitel lautet „The Other Politics, that of Dignified Rage“. Er deutet auf die „Andere Kampagne“ (kurz: La Otra) der Zapatisten hin. Es geht also schon um andere Politik, aber nicht im herkömmlichen Sinne verschiedener Parteipolitiken.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2009
Nummer 29, Seite 16
Autor/inn/en:

John Holloway:

1947 in Dublin geboren. Ist Professor am Instituto de Ciencias Sociales y Humanidades [Institut für Sozial- und Humanwissenschaften] der Benemérita Universidad Autónoma de Puebla in Mexiko. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Crack Capitalism (Pluto, 2010) [Kapitalismus aufbrechen, Dampfboot, 2010], Change the World Without Taking Power (Pluto, 2005) [Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen, Dampfboot, 2002), Zapatista! Reinventing Revolution in Mexico (Mithrsg., Pluto, 1998) und Global Capital, National State and the Politics of Money (Mithrsg., Palgrave Macmillan, 1994).

Lars Stubbe:

Geboren 1966. Krankenpfleger, studierte Politikwissenschaft und Lateinamerika-Studien in Hamburg und Mexiko-Stadt. Er übersetzt wissenschaftliche Arbeiten aus dem Englischen, Spanischen und Italienischen.

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