FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1978 » No. 299/300
Rudi Dutschke

Die allergrößte Sauerei

Aarhus, den 15. Oktober 1978

Wie doch eine echt linkssozialistisch berührte,
allerdings sozialdemokratisch grundorientierte Zeitschrift
manipulieren kann bzw. muß.
In miserabelster „Status-quo“-Tradition
von West und Ost.
Die konkrete Wahrheit
steht da nicht
im Vordergrund.
Vor Jahren schon
mußte ich es direkt erfahren:
„NF“ Wien schrieb einfach
einen Text von mir,
nicht einmal von mir erhalten,
um
und der „Vorwärts“ der SPD
fiel auf dieser „geschaffenen Basis“
über mich her.
Solche Trickmethoden
haben beste Moskowiter Tradition,
ich wunderte mich damals bereits
über die Nähe
von „Sozialdemokratismus“ und „Stalinismus“.
Nun, das „NF“ entschuldigte sich,
im „Vorwärts“ wurde meine Replik abgedruckt,
wir haben halt dem entsprechende
Produktionsverhältnisse und Geschichte.
Die sozialdemokratischen Schwierigkeiten
beim Niederschreiben der konkreten Wahrheit
scheinen sich aber
nicht vermindert zu haben.
In der Niederschrift der Fernsehdiskussion
werden „Kleinigkeiten“ weggelassen
oder hinzugefügt.
Ihr habt nicht nur
meinen letzten Verweis auf die BRD
weggelassen.
Diese Methode wurde nun
in der September/Oktober-Nummer
strikt fortgeführt.
Man sieht erneut
was die Redaktion „NF“
für einen Begriff von
„vollständigem“ Abdruck
von Texten hat.
Es beginnt auf S. 5
mit dem Abdruck eines „Medium“-Artikels.
Da gibt es keine Punkte
um Weglassungen
bemerkbar zu machen.
Noch viel mehr,
diesmal wird der
in der Vornummer besonders betonte
Dany Cohn-Bendit einfach weggewischt,
während im zitierten „Medium“-Artikel
seine antiautoritäre Haltung
deutlich dargelegt wurde.
Hatte der „Frankfurter“
für Hessen
seine Schuldigkeit getan —
um den „Aarhuser“
brauchte man sich ja noch nicht
so „zu kümmern“?!
Beide schienen wir uns jedoch
unserer Benutzbarkeit
nicht bewußt gewesen zu sein.
Nun noch ein Wort
zu meinem Essay über H. Marcuse.
Ich flog nach Wien
um den Artikel
in Geburtstagsnähe
unterbringen zu lassen.
Ihr lügt einem direkt
ins Auge
und verschiebt den Artikel
auf die nächste Nummer.
Hätten ja manche Unklarheiten
des Fernsehgesprächs
durchschaubarer werden können,
halt zu früh,
zu vermittelt.
Die allergrößte Sauerei
sehe ich allerdings darin,
im Beitrag von mir direkt
erneut Wegwischerei zu betreiben.
Ich zitierte aus dem
noch nicht veröffentlichten Buch
„Ein junger Mann wird gejagt“
von Günter Berkhahn,
einem ehemaligen Spanienkämpfer,
der die Moskauer Namens-„Kommunisten“
wie die Sozialdemokraten hinter sich hat.
Offensichtlich wird er deswegen
weggewischt.
Es gehört wohl mit zur Jagd,
Namen tot zu schweigen
wenn es möglich ist.
Ich hatte xfach um die Fahnen gebeten,
der vielleicht am meisten linkssozialistisch berührte
Sozialdemokrat Nenning
versprach wieder einmal,
ich allerdings erhielt
allein die „vollendete“ Nummer.
Mit der Zeitschrift „konkret“
hatte ich einen
vielleicht nicht ganz unbekannten
Krach,
Ihr wollt den offensichtlich
desgleichen haben.
Die redaktionelle Alleinherrschaft,
dieser antidemokratische Panzer,
kann weder von
radikaldemokratischen Sozialdemokraten
noch von Linkssozialisten
akzeptiert werden.
Wie real ist denn bei Euch
die „öffentliche“ Redaktionssitzung ?

P. S.: Hoffentlich
seid ihr fähig
etwas vollständig abzudrucken!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1978
, Seite 4
Autor/inn/en:

Rudi Dutschke:

Rudi Dutschke ist Soziologe und gilt als Wortführer der Studentenbewegung. Als Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) engagiert er sich gegen den Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetze und ist Redner auf zahlreichen Demonstrationen und Kongressen. Bei einem Attentat aus rechtsextremen Kreisen wird Dutschke schwer verletzt und stirbt Jahre später an den Folgen.

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