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Gerhard Scheit

Die Abstraktion auf der Anklagebank und die Ontologie als Entlastungszeugin

Eine kleine Replik auf die Replik von Karl Reitter

In seiner Kritik an einem Artikel von Alex Gruber über „Totale Vergleichbarkeit“ (Streifzüge 2/1998), formuliert Karl Reitter in den letzten Streifzügen (3/1998) einige Essentials, die für den Umgang mit der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie nicht untypisch sind und darum ihrerseits eine Replik verdienen. Es handelt sich um Essentials im emphatischen Sinn, denn Reitter sucht zuletzt sein Heil in der Ontologisierung des Gesellschaftlichen: „Wie wär’s, wenn wir endlich die heilige Kuh des klassenlosen Paradieses schlachten würden, und uns darauf besinnen, daß in jeder bisherigen und zukünftigen Gesellschaft Haß, Neid, Konkurrenz und Machtsucht existieren und existieren werden.“ Hier wird nicht vorgeschlagen, eine heilige Kuh zu schlachten, sondern eine zu füttern: die alte heilige Kuh des Ewig-Allgemeinmenschlichen, dem Haß, Neid, Konkurrenz und Machtsucht eigen sind wie dem wirklichen Menschen Arme, Beine, Herz und Lunge.

Diese Kuh jedenfalls hat Marx eigenhändig geschlachtet. Seine Kritik ist vom Gedanken einer negativen Anthropologie getrieben, der ungefähr lauten könnte: Was der Mensch ist — oder sein könnte, läßt sich nicht sagen, dafür aber, was Menschen unter bestimmten Bedingungen waren und sind. Hinter jedem behaupteten ewigen Sein entdeckt er gewordene und veränderte und veränderbare gesellschaftliche Verhältnisse, hinter jedem Resultat ein Gewordensein, das selbst auf keinen Urknall, sondern wiederum etwas Gewordenes zurückgeht. Das ist die Bewegung seines Denkens, die sich nur manchmal bei irgendeiner kleinen Ontologisierung (wie bei jenem „naturwüchsigen Gemeinwesen“, das Reitter zu Recht moniert!) oder auch einer größeren (die Arbeit!) Ruhe gönnt. Denn es ist nicht unbedingt eine angenehme Aufgabe, diese Negativität zu entgrenzen, statt sie — wie Hegel — als Beamten beim preußischen Staat unterzubringen. Wo bleibt das Positive Herr Marx? — fragten darum auch die Leninisten und Sozialdemokraten.

Es handelt sich aber um eine Art marxistische Schuldumkehr, wenn man Marx anlastet, was Leninisten, Sozialdemokraten oder gar Pol Pot ihm angetan haben. „Die Aufhebung der Entzweiung in Citoyen und Bourgeois“, so Reitter, führe Marx „letztlich zur Konzeption einer Gesellschaft ohne Institutionen, zu einer institutionslosen Gesellschaft, die er in grausige Formeln wie die ‚freie Assoziation freier Individuen‘ kleidet.“ Ob Marx’ Forderung, die Trennung von Citoyen/Bourgeois aufzuheben, zu einer „institutionslosen Gesellschaft“ führt, wäre erst zu klären, wenn geklärt ist, was „Institutionen“ sind. Und zunächst einmal wirft die Kritik, soweit sie Marx tatsächlich vom Standpunkt der Abschaffung übt, die Frage auf, was der Staat und das Kapital ist, und was in diesem Zusammenhang Institutionen sind — und er läßt durchaus offen, was Institutionen in anderem Zusammenhang vielleicht sein können. Wird Marx nicht als Ingenieur eines imaginären Staats, sondern als Kritiker des realen Staats verstanden, wäre vermutlich wirklich eine Vermittlung mit der politischen Theorie Hannah Arendts, die Reitter gegen Marx mobilisiert, möglich und sinnvoll. In jedem Fall aber wäre es sinnvoller und den Vorzügen der Marxschen Methode adäquater, in der Marxschen Kritik nicht fertige Antworten und politische Programmatik, sondern Problem- und Fragestellungen zu suchen.

Denn wenn die staatliche Assoziation verstaatlichter Individuen, die Marx als Legitimationsideologie verwendet hat, etwas zeigen konnte, dann, daß die Erkenntnisse von Marx zur Ontologisierung nicht viel taugen — und die Ontologie ist so etwas wie der Stellvertreter des Staats in der Philosophie. Reitter versucht in seinem Artikel eigentlich noch immer in guter alter marxistischer Tradition die Marxsche Kritik in eine Ontologie für Philosophen und in ein Programm für einen Staat zu verwandeln und wundert sich hernach, daß dabei nur „Unsinn“ herauskommt (wie etwa die „Gesellschaft ohne jede vermittelnde Instanz“, die „Abschaffung der Sprache“, die Reitter Marx unterstellt, um sie zu perhorreszieren).

Grausig ist umgekehrt die Gleichheitsformel, die Reitter in aller Abstraktheit und Unschuld der Suggestivfrage formuliert: „Gleichheit, in welcher Hinsicht auch immer zu proklamieren, bedeutet zwingend die Abstraktion von den Besonderheiten. Was soll daran repressiv sein?“ Gleichheit, in welcher Hinsicht auch immer zu proklamieren? In welcher Hinsicht auch immer? Gegen solche Barbarei der Gleichheit, mag sie nun unbewußt — hinter dem Rücken der Beteiligten — sich durchsetzen wie in der freien Welt des Kapitals oder bewußt und stümperhaft herbeimanipuliert werden wie einstmals im Staatskommunismus, wäre auf einen Begriff des Kommunismus zu rekurrieren, wie ihn etwa Walter Benjamin eher beiläufig formuliert hat (und vermutlich nur beiläufig läßt sich über Kommunismus ernsthaft etwas sagen) — er setzt allerdings die Abschaffung des Werts wie auch des Staats voraus, ohne daraus irgendetwas anderes zu folgern, als die Chance, das Unerträgliche zu beenden. Zu einem, der den Kommunismus als „Menschheitslösung“ begriff und darum nicht annehmen wollte, sagt er: „Aber es handelt sich ja eben darum, durch die praktikablen Erkenntnisse desselben (des Kommunismus) die unfruchtbare Prätention auf Menschheitslösungen abzustellen, ja überhaupt die unbescheidene Perspektive auf ‚totale‘ Systeme aufzugeben, und den Versuch zumindest zu unternehmen, den Lebenstag der Menschheit ebenso locker aufzubauen, wie ein gutausgeschlafener, vernünftiger Mensch seinen Tag antritt.“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1998
Heft 4/1998, Seite 14
Autor/inn/en:

Gerhard Scheit:

Geboren 1959, Musikstudium, Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik, dissertierte über „Theater zwischen Moderne und Faschismus (Bronnen, Brecht)“, arbeitet als freier Autor und Lehrbeauftragter in Wien.

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