Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 1996 - 2000 » Jahrgang 1996 » Heft 2/1996
Franz Schandl

Der Wert

Smith, Ricardo, Marx

Überarbeitetes Referat im Kritischen Kreis.

Im folgenden Überblick sollen einige Grundla­gen der politischen Ökonomie, der Marxschen Weiterentwicklung und Kritik daran herausge­arbeitet werden.

1. Adam Smith

Die klassische Arbeitswertlehre stammt von den beiden britischen Ökonomen Adam Smith und David Ricardo. In seinem Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ schreibt Smith: „Die Arbeitsteilung, die so viele Vorteile mit sich bringt, ist in ihrem Ursprung nicht etwa das Ergebnis menschlicher Erkenntnis, welche den allgemeinen Wohlstand, zu dem erstere führt, voraussieht und anstrebt. Sie entsteht vielmehr zwangsläufig, wenn auch langsam und schritt­weise, aus einer natürlichen Neigung des Men­schen, zu handeln und Dinge gegeneinander aus­zutauschen.“ [1]

Smith ontologisiert hier den Tausch als natürliche Veranstaltung. Tausch muß aber anders als bei Smith nicht als „natürliche Nei­gung“ verstanden werden, sondern als kultu­reller Zwang bisheriger Menschwerdung. Der Tausch setzt jedenfalls ein Mehrprodukt vor­aus, gleichzeitig aber auch die Begrenztheit die­ses Mehrprodukts. Er ist in unterschiedlicher Ausprägung kennzeichnend für die gesamte menschliche Vorgeschichte, aber keine ewige Bedingung. Tausch und Markt sind zivilisato­rische Errungenschaften der zweiten gegenüber der ersten Natur, historische Größen, keine Konstanten der Ewigkeit.

Über die Kategorie des Werts schreibt Smith: „Man sollte zunächst bedenken, daß das Wort Wert zwei voneinander abweichende Bedeutun­gen hat. Es drückt manchmal die Nützlichkeit einer Sache aus, manchmal die Fähigkeit, mit Hilfe eines solchen Gegenstandes andere Güter im Tausch zu erwerben, eine Fähigkeit, die sein Besitz verleiht. Den einen kann man „Gebrauchs­wert“, den anderen „Tauschwert“ nennen.“ [2]

Wie wir zeigen werden, weicht diese Begrifflichkeit deutlich von der von Marx verwendeten ab. Zusammengefaßt enthält diese (weiter unten näher erläuterte) Differenz zwei fundamentale Aspekte:

  • der Gebrauchswert ist kein Wert;
  • ein Wert muß schon vor dem Tauschwert da sein.

Die zentralen Aussagen Smith’s über die Arbeitswertlehre lesen sich so: „Deshalb ist der Wert einer Ware für seinen Besitzer, der sie nicht selbst nutzen oder konsumieren, sondern gegen andere tauschen möchte, gleich der Menge Arbeit, die ihm ermöglicht, sie zu kaufen oder darüber zu verfügen. Arbeit ist demnach das wahre oder tatsächliche Maß für den Tauschwert aller Güter. Der wirkliche oder reale Preis aller Dinge, also das, was sie einem Menschen, der sie haben möchte, in Wahrheit kosten, sind die Anstrengung und Mühe, die er zu ihrem Erwerb aufwenden muß. (...) Auch wenn die Arbeit das wirkliche Maß für den Tauschwert aller Waren ist, so wird doch ihr Wert gewöhnlich nicht mit ihrer Hilfe geschätzt. Oft fällt es nämlich schwer, das Verhältnis zweier verschiedener Arbeits­mengen zueinander zu ermitteln. So kann die Zeit allein, die auf zwei verschiedene Arten von Arbeit verwendet wird, nicht immer dieses Ver­hältnis ausdrücken. Man müß auch die Unterschiede der aufgewandten Mühe und geistigen Anstrengung auf gleiche Weise berücksichtigen. So kann in einer anstrengenden Tätigkeit von einer Stunde mehr Arbeit stecken als in einer leichten Beschäftigung von zwei Stunden oder in

einer einstündigen Ausübung eines Berufes, der zehn Jahre Ausbildung voraussetzt, mehr als in einer leichten Beschäftigung in einem ganzen Monat.‘‘ [3]

„Arbeit ist demnach ganz offensichtlich das einzige allgemeingültige und auch das einzig exakte Wertmaß oder der alleinige Maßstab, nach dem man Werte der verschiedenen Waren immer und überall miteinander vergleichen kann.“ [4] Arbeit ist also das alle Waren stofflich Verbindende. Arbeit geht in alle Waren ein.

Der Wert bestimmt auch den Preis, wenn­gleich es vorkommt, daß der natürliche Preis (Wert) und der Marktpreis voneinander abwei­chen: „Den tatsächlichen Preis, zu dem eine Ware gewöhnlich verkauft wird, nennt man ihren Marktpreis. Er kann entweder höher oder nied­riger als der natürliche Preis oder ihm genau gleich sein. Der Marktpreis eines jeden Gutes hängt von dem Verhältnis der am Markt tatsäch­lich angebotenen Menge und der Nachfrage ab.“ [5] Angebot und Nachfrage fluktuieren aber bloß um den natürlichen Preis, den Wert. Er ist die konstituierende Konstante.

2. David Ricardo

David Ricardo treibt Smith’s Analyse weiter und verfeinert sie: „Der Wert einer Ware oder die Quantität einer anderen Ware, gegen die sie aus­getauscht wird, hängt ab von der verhältnis­mäßigen Menge an Arbeit, die zu ihrer Produk­tion notwendig ist, nicht aber von dem höheren oder geringeren Entgelt, das für diese Arbeit gezahlt wird.“ [6] „Nicht nur die auf Waren unmit­telbar angewandte Arbeit beeinflußt den Waren­wert, sondern auch die Arbeit, die auf Geräte, Werkzeuge und Gebäude verwendet worden ist, welche die unmittelbar verausgabte Arbeit unter­stützen.“ [7]

„Zum Beispiel werden wir bei der Schätzung des Tauschwerts von Strümpfen finden, daß ihr Wert im Vergleich mit anderen Dingen von der Gesamtmenge der Arbeit abhängt, die nötig ist, um sie zu erzeugen und zum Markt zu bringen. Da ist erstens die Arbeit, die zur Bebauung des Bodens erforderlich ist, auf dem die Rohbaum­wolle gezogen wird; zweitens die Arbeit beim Transport der Baumwolle nach jenem Land, in dem die Strümpfe hergestellt werden sollen, die einen Teil der auf den Bau des transportierenden Schiffes verwendete Arbeit einschließt und in der Fracht der Waren angerechnet wird; drittens die Arbeit des Spinners und des Webers; viertens ein Teil der Arbeit des Maschinenbauers, des Schmie­des und des Zimmermanns, die jene Gebäude und Maschinen bauten, mit deren Hilfe die Strümpfe hergestellt werden; fünftens die Arbeit des Einzelhändlers sowie vieler anderer, deren Aufzählung im einzelnen überflüssig ist. Die Gesamtsumme dieser verschiedenen Arten von Arbeit bestimmt die Menge anderer Gegen­stände, gegen die die Strümpfe getauscht werden, während dieselbe Berechnung der verschiedenen Mengen an Arbeit, die auf diese anderen Dinge verwendet wurden, gleicherweise die Menge bestimmt, die man von diesen Dingen für die Strümpfe hingibt.“ [8]

Hier ist bereits die bei Marx gebräuchliche Unterscheidung in konstantes und variables Kapital, c + v; in tote (Produktions- und Arbeits­mittel) und lebendige Arbeit (Arbeitskraft) angelegt. Ebenso die Verminderung des Werts einer Ware durch das Voranschreiten der Produktiv­kraft (Marx sollte daraus den tendenziellen Fall der Durchschnittsprofitrate entwickeln): „Öko­nomie bei der Anwendung von Arbeit bewirkt immer die Verminderung des relativen Wertes einer Ware, gleichgültig, ob die Ersparnis bei der zur Erzeugung der Ware unmittelbar erforderli­chen Arbeit eintritt oder bei jener, die zur Bildung des Kapitals notwendig ist, mit dessen Hilfe sie produziert wird.“ [9]

Gleich Smith vor ihm und Marx nach ihm erklärt Ricardo die Differenz von Marktpreis und Wert so: „Der Marktpreis der Arbeit ist der für sie aufgrund des natürlichen Wirkens des Ver­hältnisse von Angebot und Nachfrage tatsächlich bezahlte Preis. Die Arbeit ist teuer, wenn sie knapp ist, und billig, wenn sie reichlich vorhan­den ist. Wie sehr auch der Marktpreis der Arbeit von ihrem natürlichen Preis abweichen mag, gleich den Waren hat er die Tendenz, sich ihm anzugleichen.“ [10]

3. Karl Marx

Gegenstand des Marxschen Hauptwerkes, „Das Kapital“, ist die kapitalistische Produktions­weise, nicht die kapitalistische Gesellschaftsfor­mation. Das Kapitalverhältnis sollte dort in rei­ner Form dargestellt und entwickelt werden. „Das Kapital“ ist nur nachgeordnet eine empiri­sche Studie. Das gilt es auch bei diversen empiri­schen Detaileinwänden zu beachten. Neben dem „Kapital “ waren übrigens noch umfassende Stu­dien zu Lohnarbeit, Staat, Grundeigentum und Welthandel geplant.

3.1 Die Ware

Die Marxsche Analyse beginnt mit einem schein­bar kruden Ding, der Ware. Sie ist der Gegen­stand irgendeiner Bedürfnisbefriedigung. Für Marx ist sie die Elementarform des kapitalisti­schen Reichtums. „Als Gebrauchswerte sind die Waren vor allem verschiedner Qualität, als Tauschwerte können sie nur verschiedner Quantität sein, enthalten also kein Atom Gebrauchs­wert.“ [11] Gleich der klassischen politischen Ökonomie unterscheidet er zwischen Gebrauchs­wert (= Gut) und Tauschwert. Doch sollte Marx — wie sich in Folge zeigen wird — bei diesem ein­fachen Muster nicht stehenbleiben. Der Reihe nach.

Der Gebrauchswert verwirklicht sich in der Konsumtion, der Tauschwert realisiert sich am Markt, d.h. in der Zirkulationsspähre. Die Ware wird verstanden als die konkrete Einheit von Gebrauchswert und Tauschwert. Und doch sind die beiden Bestimmungen in ihrer Konsequenz unterschiedlich aufzufassen. Verschwindet der Tauschwert (resp. der Wert), dann verliert das Produkt zwar seinen Warencharakter, bleibt aber stofflich aufrecht. Verschwindet hingegen der Gebrauchswert (z.B. durch Konsumtion, Ver­derbnis, Diebstahl), dann geht mit ihm auch der Wert unter. Der Gebrauchswert ist eine Bedin­gung des Tauschwerts, der Tauschwert keine Bedinung des Gebrauchswerts.

Der Tauschwert ist an den Gebrauchswert geknüpft, das Gut kann auch anders vorgestellt und hergestellt werden. D.h. Tauschwert resp. Wert sind nicht natürlich aneinander gebunden, sondern nur unter besonderen historischen Bedingungen zur Ware verschmolzen. Als Ware ist die Ware ein gesellschaftliches Verhältnis, kein bloßer Gegenstand. Was aber auch weiter heißt: Das charakteristische Spezifikum der Ware ist der Wert, nicht der Gebrauchswert. Jener ist der Punkt, um den sich in der bürgerlichen Produk­tion alles dreht. Der Gebrauchswert (oder bes­ser noch: der Gebrauch) ist ein soziales Apriori der Menschwerdung, Wert ein besonderes Verhältnis der Warenwirtschaft. Produkt und Ware sind nicht identisch, sondern ledigich historisch analogisiert.

3.2 Wert und Tauschwert

Wodurch erhält nun ein Gut einen Wert? „Ein Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm verge­genständlicht oder materialisiert ist. Wie nun die Größe des Werts messen? Durch das Quantum der in ihm enthaltenen „‚wertbildenden Sub­stanz‘“, der Arbeit“, [12] schreibt Marx.

Gemeint ist selbstverständlich immer die gesellschaftlich notwendige Durchschnittsarbeit, die den Wert eines Produktes bestimmt, nicht die individuelle, die in das jeweilige Pro­dukt eingehen mag. Allgemein gilt: „Je größer die Produktivkraft der Arbeit, desto kleiner die zur Herstellung eines Artikels erheischte Arbeits­zeit, desto kleiner die in ihm erheischte Arbeits­masse, desto kleiner sein Wert. Umgekehrt, je kleiner die Produktivkraft der Arbeit, desto größer die zur Herstellung eines Artikels not­wendige Arbeitszeit, desto größer sein Wert. Die Wertgröße einer Ware wechselt also direkt wie das Quantum und umgekehrt wie die Produktiv­kraft der sich in ihr verwirklichenden Arbeit.“ [13] Was auch heißen muß, daß der Tendenz nach die Werte der Produkte durch Produktivkraftent­wicklung und Kostpreissenkung im Kapitalis­mus verfallen.

Die Ware hat also Wert, weil sie Kristallisa­tion abstrakter gesellschaftlicher Arbeit ist. Der Wert ist das abstrakt Menschliche in den Dingen und somit der Dinge. In diesen Vergegenständ­lichungen schafft der Mensch sich eine Welt in Form von Waren. Als Werte sind die Waren unterschiedslos Gallerten allgemeiner abstrakter Arbeit. Durch den Wert können die Produkte also nicht an sich, für sich und daher einfach für uns bestehen, sondern müssen gemessen und bewertet werden an der sie hervorbringenden Substanz, der Arbeit. Die Dinge kommen so nur vermittelt zu uns, eben über den Wert, nicht unvermittelt durch ihren stofflichen Charakter als Gut.

Der Wert erscheint als das ökonomische a pri­ori, er ist allen Waren gemein, ihr Nenner. Er ist uns, den bürgerlichen Individuen, das Selbstver­ständliche, gerade deshalb so schwer verständ­lich, so schwer zu erklären und begreifbar zu machen. Produkte denkt der Mensch nicht in Gütern, sondern in Werten. Nicht unmittelbar, sondern vermittelt. Denken und Handeln auf der Ebene des Werts ist dem bürgerlichen Menschen so geläufig wie das Gehen dem homo sapiens. Er denkt sich nichts dabei, läßt das Wesentliche, das ihn bewegt, unreflektiert: „Der Wert ist kein kru­des ‚wirtschaftliches Ding‘, sondern totale gesellschaftliche Form, also auch Subjekt- und Denkform.“ [14] Sich etwas anderes auch nur vor­zustellen, übersteigt das Vorstellungsvermögen bei weitem.

Wert ist eine Kategorie der Produktion. Erst dessen in den meisten Fällen obligate Transfor­mierung in die Zirkulation macht ihn zum Tauschwert. „Der Austauschprozeß gibt der Ware, die er in Geld verwandelt, nicht ihren Wert, sondern ihre spezifische Wertform.“ [15] Die Wert­form des Werts ist der Tauschwert. Der Wert erscheint als Tauschwert beim Kauf resp. Verkauf einer Ware. Die beiden Begriffe werden oft syno­nym verwendet, [16] sind es aber nicht. Marx wollte jedenfalls beweisen, „daß die Wertform oder der Wertausdruck der Ware aus der Natur des Warenwerts entspringt, nicht umgekehrt Wert und Wertgröße aus ihrer Ausdrucksweise als Tauschwert.“ [17]

Die Differenzierung Tauschwert-Wert ist aber wichtig, denn ohne Wert wäre der Tauschwert lediglich Ausdruck des Warenverkehrs, somit der Zirkulationsverhältnisse. Marx sagt jedoch: „Das Gemeinsame, was sich im Austauschver­hältnis oder Tauschwert der Ware darstellt, ist also ihr Wert. Der Fortgang der Untersuchung wird uns zurückführen zum Tauschwert als der notwendigen Ausdrucksweise oder Erschei­nungsform des Werts, welcher zunächst jedoch unabhängig von dieser Form zu betrachten ist.“ [18]

Wert und Wertform (= Tauschwert) sind daher zu unterscheiden: „Der Wert einer Ware ist selbständig ausgedrückt durch seine Darstellung als ‚Tauschwert‘. Wenn es im Eingang dieses Kapitels in der gang und gäbe Manier hieß: Die Ware ist Gebrauchswert und Tauschwert, so war dies, genau gesprochen, falsch. Die Ware ist Gebrauchswert oder Gebrauchsgegenstand und „Wert“. Sie stellt sich dar als dies Doppelte, was sie ist, sobald ihr Wert eine eigne, von ihrer Natu­ralform verschiedene Erscheinungsform besitzt, die des Tauschwerts, und sie besitzt diese Form niemals isoliert betrachtet, sondern stets nur im Wert- und Austauschverhältnis zu einer zweiten, verschiedenartigen Ware.“ [19]

Der Wert ist das essentielle, nicht aber das existentielle Ergebnis abstrakter Arbeit. Der Tauschwert ist die Form des Wertes auf der Zir­kulationsebene. Abstrakte Arbeit ist nicht Wert, sie schafft Wert. Der Tauschwert realisiert den Wert. Wert ist also Resultat lebendiger Arbeit als toter (= vergegenständlichter) im Produkt. Wert steckt im Produkt, nachdem abstrakte Arbeit im Produktionsprozeß hineingesteckt wurde. Wert ist das Phantomas der abstrakten Arbeit, sie ist drinnen, und auch nicht. Sie ist da, obwohl sie schon fort (vorübergegangen) ist. Der Wert ist die Hinterlassenschaft abstrakter Arbeit. Wert ist die Setzung der Arbeit im Pro­dukt, Tauschwert die Beziehung der zugesetzten Arbeiten in den Vergegenständlichungen zuein­ander.

Exkurs zur Terminologie: Wert ist a priori weder eine negative, noch eine positive Katego­rie. Historisch betrachtet war die Durchsetzung des Werts sinnvoll und zivilisatorisch, erst heute offenbart er eine überbordende zerstörerische Potenz. Der Begriff des Werts diffundierte sehr spät aus dem ökonomischen Bereich in das zivile Leben. Unser Ansatz wendet sich daher ent­schieden gegen die Inflationierung des Wertbe­griffs, aber auch gegen eine allgemeine Theorie der Werte. Es gilt den Terminus vom Vokabular (z.B. von Wörtern wie „Wertschätzung“, „Wert­schöpfung“, „wertvoll“, „bewerten“ etc.) der Betriebswirtschaftslehre und des gesunden Menschenverstandes abzuheben.

3.3 Abstrakte Arbeit

Gleich der Doppelbestimmung der Ware trägt die Arbeit im Kapitalismus einen Doppelcharak­ter. Marx unterscheidet diesbezüglich zwischen konkreter und abstrakter Arbeit: „Der Körper der Ware, die zum Äquivalent dient, gilt stets als Verkörperung abstrakt menschlicher Arbeit und ist stets das Produkt einer bestimmten nützlichen, konkreten Arbeit. Diese konkrete Arbeit wird also zum Ausdruck abstrakt menschlicher Arbeit. Gilt der Rock z.B. als bloße Verwirklichung, so die Schneiderei, die sich tatsächlich in ihm ver­wirklicht, als bloße Verwirklichungsform menschlicher Arbeit.“ [20] Konkrete und abstrakte Arbeit verhalten sich wie der Gebrauchswert zum Wert/Tauschwert.

Konkrete Arbeit (work): Sie ist die Bildnerin von Gebrauchswerten durch Nähen, Tischlern, Schaufeln etc. Sie ist die stoffbezogene Veraus­gabung von Muskel, Nerv und Hirn. Das Gut ist somit nichts anderes als die verwirklichte Ver­bindung von Stoff (Naturstoff oder Kunststoff) und Tätigkeit.

Abstrakte Arbeit (labour): Sie ist die Bildne­rin von Tauschwert resp. Wert. Abstrakte Arbeit meint, es wird abstrahiert von den konkreten Inhalten und Zielen, von Produktionsprozeß und Produkt. Betont wird das allgemeine Gleiche, das hier einfließt: Arbeit. Denn alle Waren haben nur eines gemeinsam, das in jeder von ihnen steckt: unbestimmte Arbeit. Eben Arbeit als Abstrak­tum, nicht als konkrete vielfältige Tätigkeit, son­dern als stoffunbezogene Verausgabung. Sie sollte dahingehend aber auf keinen Fall mit ent­fremdeter Arbeit verwechselt werden. Dieser Begriff verweist auf eine völlig andere (hier nicht zur Debatte stehende) Dimension.

„Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiedenen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“ [21] Das, was allen Waren gemeinsam ist, ist, daß in ihnen Arbeit, korrek­ter: abstrakte Arbeit steckt, daß sie weiters in Geld ausgedrückt werden können. Das Maß des Geldes und das Maß der Arbeit müssen folglich Zusammenhängen. Das Maß der Arbeit ist die Arbeitszeit. Arbeit ist die tätige Entäußerung der Arbeitskraft in der Produktion, somit in den Produkten. Der Wert ist die Folge der Produktion, Resultat abstrakter Arbeit. Der Tauschwert ist die in der Zirkulation verwirklichte Form des Werts. Wert ist eine Kategorie der Produktion, Tauschwert ist eine Kategorie der Zirkulation. Geld ist die kulturelle Form des Tauschwerts, also eine Form der Form, Preis ist das Maß des Gel­des.

Marx an anderer Stelle: „Als gleichgültig gegen den besonderen Stoff der Gebrauchswerte ist die Tauschwert setzende Arbeit daher gleich­gültig gegen die besondere Form der Arbeit selbst. Die verschiedenen Gebrauchswerte sind ferner Produkte der Tätigkeit verschiedener Indi­viduen, also Resultat individuell verschiedener Arbeiten. Als Tauschwerte stellen sie aber glei­che, unterschiedslose Arbeit dar, d.h. Arbeit, worin die Individualität der Arbeitenden aus­gelöscht ist. Tauschwert setzende Arbeit ist daher abstrakt allgemeine Arbeit.“ [22] Und weiter: „Als Tauschwert sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit.“ [23]

„Die Arbeit, die sich im Tauschwert darstellt, ist vorausgesetzt als Arbeit des vereinzelten Ein­zelnen. Gesellschaftlich wird sie dadurch, daß sie die Form ihres unmittelbaren Gegenteils, die Form der abstrakten Allgemeinheit annimmt.“ [24] Und: „Während die Tauschwert setzende Arbeit abstrakt allgemeine und gleiche Arbeit, ist die Gebrauchswert setzende Arbeit konkrete und besondere Arbeit, die sich der Form und dem Stoff nach in unendlich verschie­dene Arbeitsweisen zerspaltet.“ [25] Die dahinge­hend differenzierte Arbeit im Kapitalismus schafft somit Waren als Gebrauchswerte und Tauschwerte. Sie ist sowohl abstrakt als kon­kret, privat wie gesellschaftlich, besonders wie allgemein. So arbeitet der Arbeiter dem Tausch­wert nach für sich, dem Gebrauchswert nach für die Gesellschaft. Konkret ist die Arbeit, weil sie sich in einem Gebrauchsgegenstand vergegen­ständlicht, abstrakt ist sie, weil sie für einen gesellschaftlichen Markt arbeitet. Das Abstrakte ist somit eine zusätzliche Kompo­nente, nur der Warenwirtschaft entsprechend, während das Konkrete eine Wesensbedingung menschlicher Reproduktion ist. Konkrete und abstrakte Arbeit schließen so einander nicht aus; sehr wohl aber ist konkrete Arbeit (Tätigkeit, Produktion) in verschiedenen Formen ohne abstrakte Arbeit machbar und denkbar, während das umgekehrt nie der Fall ist.

Was an und in den Waren gleich ist und sich daher vergleichen läßt, ohne in der Konkretion je gleich sein zu können, nennt man abstrakte Arbeit. Jedes menschliche Produkt läßt sich abstraktifizieren auf ein bestimmtes Quantum Arbeit. Sein Wert ist das durchschnittlich not­wendige Quantum derselben. Als Tauschwert ist die Ware nichts anderes, so konkret und sinnlich seine tatsächliche Existenz auch sein mag. Was in allen Waren steckt, ist Arbeit. Nur sie macht die Produkte vergleichbar, weil sie das Gleiche in ihnen ist. Diese Arbeit bemißt sich jedoch nicht in ihrem konkreten Tun (wie sollte sie auch — dieses ist qualitativ, nicht quantita­tiv!), sondern in dem, was in sie schon alles hin­eingesteckt wurde (oder besser: durchschnitt­lich in sie hineingesteckt werden muß, um zu dieser oder jener Konkretion zu finden). Die Zeit ist also Maßstab in doppelter Relation, nämlich bezogen nach außen und bezogen nach innen: sowohl was seine Handlung ausmacht, als auch alles, was diese Handlung erst ermög­lichte. Der Wert schleppt seine ganze Gewordenheit und Werdung mit sich herum.

Wir abstrahieren die Arbeit ständig von ihren konkreten Inhalten und Setzungen, löschen ihre Sinnlichkeit aus im übersinnlichen Wert. Denn vergesssen wir nicht: Abstrakte Arbeit und Wert treten nicht als Tatsächlichkeit in Erscheinung, nichtsdestotrotz verwirklichen sie sich in der Produktion und im Produkt. Abstrakte Arbeit ist das durch Schaffen sich Verwirklichende, der Wert ist das Verwirk­lichte, der Tauschwert die das Verwirklichte umsetzende Realisierungsform.

Abstrakte Arbeit verdeutlicht auch, daß alle Arbeiten, unabhängig von ihrer Qualität, quan­titativ in einem Anderen (Wert, Tauschwert, Geld) gemessen werden können. Das Geld ist ja nur ein Schlußpunkt der Kette, die da lautet: Abstrakte Arbeit — Wert — Tauschwert — Geld. [26] „Die einfache Warenform ist daher der Keim der Geldform.“ [27] Die angesprochene Kette drückt natürlich aus, daß Produktion und Konsumtion in keinem direkten Bezug stehen, sondern durch indirekte Bezüge (Markt, Geld, Preis) vermittelt werden.

3.4 Ausleitende Anmerkungen

Wenn der Wert aus der abstrakten Arbeit resul­tiert, dann stellt sich in Folge die Frage, wie er unterteilt werden kann. Die Marxsche Formel (Wertgesetz) dazu lautet:

C = c+v+m (konstantes Kapital+variables Kapital+Mehrwert). Diese Wert- oder Kapital­größe (C) bestimmt das Austauschverhältnis, nicht umgekehrt. Waren werden zu ihrem Wert verkauft: „Um daher die allgemeine Natur des Profits zu erklären, müßt ihr von dem Grundsatz ausgehn, daß im Durchschnitt Waren zu ihren wirklichen Werten verkauft werden und daß Pro­fite sich herleiten aus dem Verkauf der Waren zu ihren Werten, d.h. im Verhältnis zu dem in ihnen vergegenständlichten Arbeitsquantum. Könnt ihr den Profit nicht unter dieser Voraussetzung erklären, so könnt ihr ihn überhaupt nicht erklären. Dies scheint paradox und der alltägli­chen Beobachtung widersprechend. Es ist ebenso paradox, daß die Erde um die Sonne kreist und daß Wasser aus zwei äußerst leicht entflammen­den Gasen besteht. Wissenschaftliche Wahrheit ist immer paradox vom Standpunkt der alltägli­chen Erfahrung, die nur den täuschenden Schein der Dinge wahrnimmt.“ [28] Kurzum: „Profit wird gemacht durch Verkauf einer Ware zu ihrem Wert.“ [29]

Die Formel drückt freilich auch aus, daß die Arbeiterklasse (das variable Kapital) immanen­ter Bestandteil des Kapitalverhältnisses ist, als Klasse nicht über es hinausweisen kann. Im Klas­senkampf handelt es sich primär um einen Kampf um die Mehrwertrate (m:v). Es war die Arbei­terbewegung, die die Kritik an der Lohnarbeit zu einer Kritik des Mehrwerts verflacht hat. Marx darf aber nicht bloß verstanden werden als Theo­retiker des Werts, sondern auch als Wertkritiker.

Der Mehrwert wiederum ist nur aus dem Wert zu verstehen, eben als Wert heckender Wert durch Ankauf und Verwendung der Ware Arbeitskraft. Aus der Diskrepanz zwischen dem Wert der Arbeitskraft und dem Wert der vergegenständlichten Arbeit entspringt ja der Mehr­wert, somit die Akkumulation von Kapital. Das Kapitalverhältnis ist nichts anderes als ein ent­wickeltes Warenverhältnis. Wer ja sagt zu Ware und Wert, sagt ja zum Kapital. Wenn der Sozia­lismus als Gegensatz zum Kapitalismus einen Sinn machen soll, dann bloß als Gesellschaft ohne Markt und Kapital, Ware und Tausch.

[1Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen (1775/76 bzw. 1783), München 1978, S. 16.

[2Ebenda, S. 27.

[3Ebenda, S. 28-29.

[4Ebenda, S. 33.

[5Ebenda, S. 49.

[6David Ricardo, Über die Grundsätze der Poli­tischen Ökonomie und der Besteuerung (1817), Marburg 1994, S. 5.

[7Ebenda, S. 15.

[8Ebenda, S. 17-18.

[9Ebenda, S. 18.

[10Ebenda, S. 80.

[11Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politi­schen Ökonomie. Erster Band: Der Produk­tionsprozeß des Kapitals (1867), MEW, Bd. 23, S. 52.

[12Ebenda, S. S3.

[13Ebenda, S. 55.

[14Robert Kurz, Die Intelligenz nach dem Klassenkampf. Von der Entbegrifflichung zur Entakademisierung der Theorie, Widerspruch. Münchner Zeitschrift für Philosophie, 12. Jg. (1992), Nr. 22, S. 19.

[15Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 105.

[16So auch von Karl Marx, der in einer seiner populären Schriften folgendes schreibt: „(...) und wo ich vom Wert spreche, ist immer vom Tauschwert die Rede (...)“. (Karl Marx, Lohn, Preis und Profit (1865), MEW, Bd. 16, S. 120.) Nach einer intensiven Kapital-Studie ist dieses Urteil freilich nicht aufrechtzuhalten, Marx hat diese Differenzierung zuwenig herausgearbeitet. Von den Epigonen wurde sie meist schlichtweg überhaupt nicht beachtet.

[17Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 75.

[18Ebenda, S. 53.

[19Ebenda, S. 75.

[20Ebenda, S. 72.

[21Ebenda, S. 88.

[22Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Öko­nomie (1859), MEW, Bd. 13, S. 17.Vgl. in diesem Zusammenhang auch Friedrich Engels’ Fuß­note im Marxschen Kapital, wo er sich darüber beklagt, daß die deutsche Sprache für diese ver­schiedenen Arbeiten nur einen undifferenzierten Begriff kennt, während etwa das Englische dies­bezüglich zwei aufzuweisen hat: „Die Arbeit, die Gebrauchswerte schafft und qualitativ bestimmt ist, heißt work, im Gegensatz zu labour; die Arbeit, die Wert schafft und nur quantitativ gemessen wird, heißt labour, im Gegensatz zu work.“ (Friedrich Engels in: Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 62.)

[23Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Öko­nomie, S. 18.

[24Ebenda, S. 21.

[25Ebenda, S. 23

[26Robert Kurz, Abstrakte Arbeit und Sozia­lismus, Marxistische Kritik, Nr. 4, Dezember 1987, S. 79.

[27Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 85.

[28Karl Marx, Lohn, Preis und Profit (1865), MEW,Bd. 16, S. 129.

[29Ebenda, S. 135.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1996
Heft 2/1996, Seite 1
Autor/inn/en:

Franz Schandl:

Geboren 1960 in Eberweis/Niederösterreich. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien. Lebt dortselbst als Historiker und Publizist und verdient seine Brötchen als Journalist wider Willen. Redakteur der Zeitschrift Streifzüge. Diverse Veröffentlichungen, gem. mit Gerhard Schattauer Verfasser der Studie „Die Grünen in Österreich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft“, Wien 1996. Aktuell: Nikolaus Dimmel/Karl A. Immervoll/Franz Schandl (Hg.), „Sinnvoll tätig sein, Wirkungen eines Grundeinkommens“, Wien 2019.

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