Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2003 » Heft 8/2003 — 1/2004
Florian Markl

Der Weg nach Auschwitz

Christopher Browning unternimmt den Ver­such, die Ergebnisse der historischen Forschung zur national­sozialistischen Ver­nichtungspolitik zu­sammenzufassen.

Die Untersuchung des Historikers Christopher Browning über die Entfesse­lung der „Endlösung“, die von namhaften Historikern so­gleich zum neuen Standard­werk erkoren wurde, bein­haltet eine detaillierte Be­schreibung der entscheiden­den Phasen der nationalso­zialistischen Judenverfolgung. Mit dem Kriegsbeginn im September 1939 wurde eine neue Stufe antisemitischer Politik erreicht: In den fol­genden zweieinhalb Jahren bis zum Frühling 1942 wur­den all jene Entscheidungen getroffen, die im systemati­schen Massenmord endeten. Die schnellen Erfolge der Wehrmacht hatten nicht bloß zur Folge, dass die Regierung Hitlers sich einer beinahe uneingeschränkten Unterstüt­zung im Deutschen Reich sicher sein konnte. Mit jedem neuen Gebietsgewinn der Wehrmacht erhöhte sich auch die Zahl der im deut­schen Einflussbereich leben­den Juden. Allein mit der Er­oberung Polens fielen den zuständigen deutschen Stel­len rund 2 Millionen Men­schen in die Hände, die in die immer monströser und mörderischer werdenden Pla­nungen über eine „Endlö­sung der Judenfrage“ einbe­zogen werden mussten. Die besetzten Teile Polens wur­den zu einem „Laboratorium der Rassenpolitik“. Unter der Leitung Himmlers in dessen Funktion als „Reichskom­missar für die Festigung deutschen Volkstums“ be­gann die Neuordnung Ost­europas unter völkischen Ge­sichtspunkten. Im Mittel­punkt stand dabei zunächst die Vertreibung hunderttau­sender Polen, um Platz für die Ansiedlung so genannter „Volksdeutscher“ aus der So­wjetunion zu machen. Die zwangsweise „Umsiedlung“ der Juden aus dem Reich so­wie dem Protektorat Böhmen und Mähren hatte zu warten. Das unter Adolf Eichmann bereits angelaufene Projekt ihrer Konzentration musste nach wenigen Deportati­onstransporten (darunter auch zwei Züge aus Wien) abgebrochen werden. In ra­scher Abfolge entwarfen deutsche Stellen verschiedene Pläne zu einer „territorialen Endlösung der Judenfrage“ und mussten alsbald erken­nen, dass keines dieser Pro­jekte verwirklicht werden konnte. Statt der schnellen Abschiebung der Juden etwa nach Madagaskar entstanden überall in Polen Ghettos, in denen die völlig mittellosen Juden unter schrecklichen Bedingungen interniert wur­den. Erst mit dem Beginn des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion schienen sich „realistische“ Perspekti­ven zu eröffnen. Der Begriff der „Endlösung“ wurde zu­sehends gleichbedeutend mit der physischen Vernichtung mehrerer Millionen Men­schen. Die zusammen mit der Wehrmacht im „Unterneh­men Barbarossa“ vorrücken­den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD gingen im Spätsommer 1941 dazu über, die jüdischen Ge­meinden ganzer Dörfer und Städte zu ermorden. Im Herbst wurden schließlich alle Weichen zum systemati­schen Massenmord aller eu­ropäischen Juden gestellt. Es begannen die Arbeiten zur Errichtung mehrerer Todes­fabriken, deren einziger Zweck die restlose Vernich­tung war.

Browning beschreibt aus­führlich jede Phase der sich verschärfenden Vernichtungspolitik und arbeitet je­ne Punkte heraus, über die in der historischen Forschung weitgehend Einigkeit besteht. Erstens gab es kein einzelnes Ereignis, das, einem Urknall gleich, als Ursprung des Ho­locaust verstanden werden kann. „Vielmehr geht man all­gemein davon aus, dass es ei­nen langwierigen, schrittwei­sen Entscheidungsprozess gab.“ Entgegen einer lange Zeit vorherrschenden These gab es keinen geraden, direk­ten Weg nach Auschwitz. Zweitens wird jedoch der Entscheidungsprozess, der zur Herausbildung der „End­lösung“ führte, zunehmend unter dem Gesichtspunkt der Kontinuität betrachtet. Be­reits die deutsche Vertreibungspolitik der ersten Kriegsmonate implizierte ei­ne massive Dezimierung der jüdischen Bevölkerung. „In den Monaten nach dem An­griff auf die Sowjetunion im Juni 1941 entwickelten sich diese vagen Visionen eines in die Zukunft verlegten impli­zierten Genozids, für den we­der der Zeitplan noch die an­zuwendenden Mittel feststanden, schrittweise zu dem, was die Nationalsozialisten die ,Endlösung der Judenfra­ge“ nannten — einem Pro­gramm des systematischen und totalen Massenmords an allen im deutschen Herr­schaftsgebiet lebenden Juden, ob Mann, Frau oder Kind.“ Drittens lässt sich dieser Pro­zess nicht nach dem Muster Entscheidung — Befehl — Durchführung verstehen. Der Massenmord war vielmehr das Resultat einer Entwick­lung, an der viele Stellen im Zentrum wie in der Periphe­rie des Regimes beteiligt wa­ren — einer Entwicklung so­mit, in der Ermunterung, Legitimierung und Unterstüt­zung durch die eine Seite mit Initiative, Experimentierfreude und Gehorsam der an­deren Seite korrespondierte. Viertens lässt sich die Ge­schichte des Holocaust nicht durch den reduzierten Blick auf Hitler, Himmler und die SS beschreiben. Buchstäblich alle Bereiche der deutschen Gesellschaft, Wehrmacht wie Zivilverwaltungen, Ministerialbürokratien wie Wirtschaftsplaner, gewöhnliche Deutsche wie örtliche Kolla­borateure in den besetzten Teilen Europas müssen be­trachtet werden, um der Komplexität der Entwicklung gerecht zu werden. Fünftens schließlich besteht heute weit­gehend Einigkeit darüber, dass es vor dem Angriff auf die Sowjetunion noch keinen allgemeinen Befehl zum Ju­denmord gab. „Vielmehr setz­ten die Vorbereitungen auf das ‚Unternehmen Barbaros­sa‘ eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang, und der mörderische ‚Vernich­tungskrieg‘ führte dann rasch zum systematischen Massen­mord, zuerst an den sowjeti­schen und bald darauf auch an den anderen europäischen Juden.“ Im September und Oktober 1941 fielen wegweisende Entscheidungen: Die Ausreise von Juden aus dem Deutschen Reich wurde end­gültig verboten und eine all­gemeine Kennzeichnungs­pflicht erlassen; nun ver­sprach Hitler dem Propagan­daminister und Gauleiter von Berlin, Goebbels, dass die Deportation der Berliner Juden nach der Beendigung des „Ostfeldzuges“ beginnen werde, nachdem er sie bis dato immer auf die Zeit nach dem Endsieg verschoben hat­te; nun begann die Planung und Errichtung der Vernich­tungslager, in denen der Mas­senmord auf „sauberere“ und „effizientere“ Art möglich war, als er von den Exeku­tionskommandos in der Sowjetunion bereits prakti­ziert wurde.

Umstritten ist hingegen nach wie vor, welche Rolle Hitler selbst im Entscheidungsprozess zur „Endlö­sung“ gespielt hat. Ein schriftlicher Mordbefehl wurde bislang nicht gefunden, darüber hinaus gibt es keinen Hinweis darauf, dass es einen derart förmlichen Befehl überhaupt gegeben hat. Der „Führer“ pflegte in grundsätzlichen Fragen keine Ent­scheidungen zu befehlen. Statt dessen lieferte er seinen Untergebenen in seinen oft stundenlangen Monologen Hinweise darauf, wie er sich die Umrisse eines weiteren Vorgehens vorstellte und er­munterte sie dazu, selbst die Initiative zu ergreifen und Vorschläge auszuarbeiten, die er dann gegebenenfalls ab­segnen konnte. Der Histori­ker Ian Kershaw zitiert in sei­ner Hitler-Biografie zur Illustration dieses Mechanis­mus die Aussagen eines Nazis aus dem Jahre 1934: „Sehr oft und an vielen Stellen ist es so gewesen, dass schon in den vergangenen Jahren Ein­zelne immer nur auf Befehle und Anordnungen gewartet haben. Leider wird das in Zukunft wohl auch so sein; demgegenüber ist es die Pflicht eines jeden, zu versu­chen, im Sinne des Führers ihm entgegenzuarbeiten.“ Wer dabei Fehler mache, werde es früh genug merken; wer jedoch das Richtige tue, werde „eines Tages plötzlich die legale Bestätigung seiner Arbeit“ bekommen. Brow­ning bestätigt diese Sichtwei­se mit einem Zitat Hitlers vom Oktober 1941: „Wohin käme ich, wenn ich nicht Leute meines Vertrauens fän­de zur Erledigung der Arbei­ten, die ich nicht selbst leiten kann, harte Leute, von denen ich weiß, sie greifen durch, wie ich das tun würde. Der beste Mann ist für mich der, welcher mich am wenigsten bemüht, indem er 95 von 100 Entscheidungen auf sich nimmt.“

Unklar bleibt bei Brow­ning der Stellenwert des An­tisemitismus für die deutsche Vernichtungspolitik. Im ein­leitenden Kapitel gibt er einen kurzen Überblick über die Geschichte des Juden­hasses bis zum Vorabend des Dritten Reiches und kommt zu der Einschätzung: „Im Vergleich zu Westeuropa könnte man sagen, dass in Deutschland die politische Rechte antisemitischer, die Mitte schwächer, die Linke stärker, der Liberalismus blasser und die politische Kultur autoritärer war.“ Die deutsche Bevölkerung rea­gierte in den Jahren nach 1933 auf gewalttätige, pogromartige Ausschreitungen gegen Juden negativ, hatte gegen eine geordnet ablau­fende, gesetzliche Diskrimi­nierung aber nichts einzuwenden. Erneut spielte der Beginn des Krieges eine ent­scheidende Rolle: Der „ras­sische Imperialismus“ bot den Deutschen die Möglich­keit, sich als „Herrenmen­schen“ zu fühlen und die als minderwertig betrachtete Be­völkerung Osteuropas zu un­terwerfen. Der Antisemitismus scheint für Browning hierbei keine herausragende Rolle gespielt zu haben, son­dern wird der „rassenimpe­rialistischen Perspektive“ un­tergeordnet. Grenzt sich Browning damit deutlich von Autoren wie Daniel Goldha­gen ab, so bemerkt er auf der anderen Seite, dass die Deut­schen bei all ihren Verfol­gungsmaßnahmen einem Muster treu blieben, das er letztlich nicht ausreichend er­klären kann: „Bei Massenex­ekutionen waren unter den Opfern immer unverhältnis­mäßig viele Juden gewesen; wo immer Lebensmittel fehl­ten, verhungerten als Erste Juden; und wo immer Men­schen deportiert wurden, konnten sich die Deutschen nicht vorstellen, dass auch nur ein Jude zurückblieb.“

Christopher Browning: Die Ent­fesselung der „Endlösung“. Na­tionalsozialistische Judenpolitik 1939-1941. Mit einem Beitrag von Jürgen Matthäus. Propyläen-Verlag, München 2003,900 Seiten, EUR 35,—

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
2003
Heft 8/2003 — 1/2004, Seite 14
Autor/inn/en:

Florian Markl:

Politikwissenschafter, arbeitet für den Allgemeinen Entschädigungsfonds.

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