Zeitschriften » Context XXI » Print » EKG & ZAM » EuropaKardioGramm » Jahrgang 1995 » EKG 5-6/1995
Rezension

Der vergessene Archipel

Wie sein sowjetisches Gegenstück ist der chinesische Gulag ein immenser und ungleichförmiger politischer Raum, dicht bevölkert, in die Wirtschaft eingebunden, im Sozialgefüge verankert und dabei straff organisiert. Er gemahnt an eine isolierte Inselwelt, die den Winden und Strömungen der totalitären Politik schutzlos preisgegeben ist. Aus diesem Grund haben wir zu seiner Charakterisierung das von Solschenizyn geprägte Wort Archipel gewählt.

(Domenach)

Jean-Luc Domenach, Politikwissenschafter und Soziologe, lehrt am Pariser „Institut d’Etudes et de Recherches Internationales“ und bietet mit dem vorliegenden Buch einen umfassenden Einblick in den Repressionsapparat des chinesischen Kommunismus. Eine Analyse des Gefängnissystems kann zu einem besseren Verständnis der ideologischen Absichten und auch der Grenzen eines Regimes beitragen, und „selbst in nichttotalitären Staatsformen gibt es keinen ideologischeren Ort als das Gefängnis“. (Domenach)

Wenn Hannah Arendt im Nationalsozialismus und Stalinismus eine Parallele dahingehend sieht, daß beide Regime vergleichbare Bemühungen unternahmen, die Wirklichkeit vollkommen zu beherrschen, d.h. die „Totalisierung“ der Wirklichkeit, dann läßt sich auch das Ausmaß und die Wichtigkeit des Repressionsapparates eines politischen Systems erklären.

Zentral für den chinesischen Kommunismus war die Umformung des Menschen, es sollte ein neuer, ein besserer Mensch geformt werden, der sich dem System vollkommen zu unterwerfen hatte. Repression kann „nur durch den Sinn existieren, der ihr unterlegt ist: den Aufbau des Neuen. (...) Die Geschichte des Archipels — vom Terror bis hin zur Zersetzung — wirft Fragen nach den Entwicklungsmechanismen eines totalitären Systems auf, nach den Umständen, die sein Überleben oder seinen Niedergang bedingen.“ (Domenach)

Das Buch bietet einen umfassenden Zugang zum chinesischen Haft- und Lagersystem und gibt auch der politischen Entwicklung einen breiten Raum, wodurch das Ausmaß dieses Unterdrückungs- und Herrschaftsapparates überhaupt erfaßbar wird: Ausgehend von der Periode des Aufbaus (1949-1957) über die Periode der „politischen Stürme“ (1958-1971) bis zur „Zeit der Zersetzung“ (1971-1989) wird in der Folge auf die Mechanismen des Wandels näher eingangen. Daß das „Projekt Archipel“ gescheitert ist, wird in den abschließenden Kapiteln dargelegt: wirtschaftlicher und politischer Mißerfolg der Zwangsarbeit, Versagen der sogenannten Gedankenreform.

Das Schweigen über den chinesischen Archipel zu brechen, den die wenigsten Menschen in dieser Dimension bisher wahrge‚nommen haben, ist eine Intention des Autors. Interessant ist dieses Buch zudem zu lesen, weil es einen anderen Zugang zur chinesischen Geschichte zwischen 1949 und 1991 bietet, der diese facettenreicher und aufschlußreicher darstellt, ohne dabei in Plattheiten zu verfallen.

Jean-Luc Domenach: Der vergessene Archipel. Gefängnisse und Lager in der Volksrepublik China. Hamburg: Hamburger Edition 1995, 637 S., öS 530,—

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1995
EKG 5-6/1995, Seite 35
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