Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1990 » Nummer 52
Lisbeth N. Trallori
Gentechnologie:

Der Tanz um das goldene Kalb

Seit dem Beginn der Gentechnologie wird gezielt an Erbsubstanz lebender Organismen manipuliert. Ungehindert ausbeutbar sind nun die genetischen Ressourcen dieser Welt. Den evolutionären Prozeß setzen Wissenschaftler im Labor willkürlich außer Kraft — zugunsten kurzfristiger Marktinteressen. Die Industrie erwartet sich Millionengewinne. Dem Fetisch Wirtschaftswachstum, Wettbewerb und ‚Fortschritt‘ opfert man den Ausverkauf der Natur. Ein bitterer Beigeschmack der Risiko-Technologie.

Auszählen von genetisch behandelten Bakterienkulturen

Als im März des Vorjahres erstmals in Europa ein Patent auf zwei Pflanzen-Ordnungen, die Leguminosen und Compositen, erteilt wurde, konnte der Antragsteller, der US-Saatgutkonzern Lubrizol zufrieden sein. Mit diesem gelungenen Schachzug erwarb er automatisch das Exklusiv-Verwertungsrecht über 28.000 Pflanzen von enormer Bedeutung für die Landwirtschaft, darunter Sonnenblume, Sojabohne und Luzernsorten. Gegen die Entscheidung des Europäischen Patentamtes in München protestierte das Gen-ethische Netzwerk. Noch ist der Ausgang ungewiß. Doch wenn diese Entscheidung Schule machen sollte, steht einer Monopolisierung des Gen-Reservoirs der Welt durch die Industrie nichts mehr im Wege. Wer das gentechnologische Know-how besitzt, besitzt das Faustrecht über die Natur.

Unverhohlen zeigt sich der Zugriff auf Flora und Fauna, die einmal der Allgemeinheit frei zu Züchtungszwecken verfügbar standen. Wissenschaftler und Industrie reklamieren nun das geistige Eigentum über Arten für sich, deren Gene sie im Labor manipulieren. Nicht nur die Patentierung gentechnologischer Verfahren steht auf dem Plan. Angesagt ist die kommerzielle Verwertung aller Laborprodukte — von den Mikroorganismen zu den höheren Lebewesen. Den Anfang machten die USA. Dort gibt es sowohl für gentechnisch veränderte Pflanzen (wie Mais) als auch für transgene Tiere (wie die Krebsmaus) Patentschutz. Ohne die Vergabe gewinnträchtiger Lizenzen bliebe der Bio-Boom eine Seifenblase.

Über hundert Anträge der Gen-Stylisten warten im Europäischen Patentamt auf Erledigung. Darunter Tierkombinationen mit artfremden Genen. Proteste hagelt es auch seitens der Tierschutzorganisationen, die sich gegen den Umbau von Nutztieren zu ‚Bioreaktoren‘ verwahren. Derzeit versucht man an der Wiener Veterinärmedizin, durch Gen-Einschleusung das Erbgut von Rindern zu manipulieren, so daß sie mit der Milch zugleich Medikamente herstellen. Und in den Niederlanden ‚konstruiert‘ man eine transgene Kuh, die Muttermilch für Menschenbabies liefert.

Die Gentechnik macht’s möglich. Sie erlaubt den Transfer genetischen Materials über die Artschranken hinweg. Gearbeitet wird auch mit pathogenen, d.h. krankmachenden Viren oder Bakterien. Doch wer garantiert, daß die Krankheitserreger sich nicht in anderen Organismen oder im Menschen festsetzen? Von diesen Fragen läßt sich die produktionsorientierte Forschung keineswegs behelligen. Während noch 1974 eine Reihe prominenter Molekularbiologen ein vorläufiges Moratorium ihrer eigenen Forschung diskutierte, stehen heute Geschäftsinteressen und Spekulationen im Vordergrund. Mit dem Verweis auf ein minimales „Restrisiko“, an das sich unsere Gesellschaft ohnehin zu gewöhnen hat, wird das Problem ad acta gelegt.

Hauptsache, der Dollar rollt

Eine Vorahnung vom anbrechenden goldenen Zeitalter vermitteln die EG-Richtlinien über den rechtlichen Schutz biotechnologischer Erfindungen. Denenzufolge ist die „Harmonisierung“ nationaler Gesetze der Mitgliedsstaaten anzupeilen, um faktisch Gentechnologen, Handel und Unternehmen zu favorisieren. Den Investoren soll einheitlicher Rechtsschutz geboten werden, damit sie eine „angemessene Rentabilität“ erzielen. Man will den Bio-Technologie-Markt — veranschlagt auf 20 Milliarden US-Dollar — anheizen, ohne sich um die Auswirkungen gentechnologischer Produkte auf Menschen und Umwelt zu kümmern. Unter dem Druck der Konzerne fallen rasch die letzten Hürden: Auch „lebendes Material“ erlangt Patentfähigkeit.

Absehbar sind die verheerenden Folgen auf die Landwirtschaft. Würden die EG-Richtlinien Gesetzeskraft erlangen, bräche das internationale Sortenschutzrecht zusammen. Die Gewinner sind jedenfalls die im Agrarbereich tätigen Chemiegiganten. Rechtzeitig haben sie — wie „Hoechst“, „Shell“, „Sandoz“ oder „Ciba-Geigy“ — mit dem Aufkauf kleiner Saatgutfirmen begonnen. Mit der wirtschaftlichen Vormachtstellung kontrollieren sie den Gen-Pool für Saatgut. Zur Kasse gebeten werden die Bauern. Sie geraten in immer größere Abhängigkeit zur Industrie, die ihnen mit dem gentechnisch hergestellten Saatgut zugleich das passende Totalherbizid mitliefert. Beunruhigend für die Verbraucher ist das toxikologische Potential, das in die Nahrungskette eindringt.

Nicht zuletzt bildet sich eine Front seitens der „Dritte-Welt“-Länder, die zurecht den Raubbau ihrer pflanzlichen Gen-Reserven befürchten. Bereits die „Grüne Revolution“ zeitigte katastrophale Auswirkungen. Die Einführung westlicher Agrartechnik zerstörte die Grundlage einer autonomen Landwirtschaft, führte millionenfach in die Armut. Der genetische Beutezug in die Forschungszentren der Industriestaaten würde das bestehende Nord-Süd-Gefälle zusätzlich verstärken. Auch das Argument, Gentechnik brächte den „Dritte-Welt“-Ländern, wo 400 bis 500 Millionen Menschen hungern, die Lösung der Ernährungsprobleme, entbehrt jeglicher Realität. Die Technik hinkt hinter ihren Versprechungen zurück. Und selbst wenn es einmal gelänge, Nutzpflanzen im Labor zu kreieren, die auf verkarsteten, versalzenen Böden noch wachsen, die gegen Kälte und Dürre resistent sind, sind die Probleme nicht gelöst. Ernst Ulrich von Weizäcker: „Welches Gentechnik-Labor wird erst Millionen investieren, um nachher das Produkt zu verschenken?“ Vielmehr steht zu befürchten, daß die Patentkosten für die armen Länder zu hoch sind und es zu einer Verschärfung der Nahrungsdefizite kommt.

Wurden ursprünglich Patentsysteme geschaffen, um Erfindungen im Bereich der unbelebten Natur zu schützen, so sollte sich dies seit dem Einbruch der Gentechnik ändern. Lebewesen werden wie Molekülmaschinen behandelt, vernutzbar im Produktionsprozeß. In den EG-Richtlinien argumentiert man: „Alle erfinderische Tätigkeit bedeutet ein Eingreifen des Menschen in die Abläufe der Natur und ihre Produkte; es gibt daher keinen Grund, erfinderische Arbeit an lebender Materie vom Rechtsschutz auszuschließen — abgesehen vom menschlichen Bereich.“ Dieser Zusatz entpuppt sich jedoch als Beschwörungsformel. Denn seit das „Human-Genome“-Programm absolute Priorität besitzt, ist die Frage nach dem Verfügungsrecht über menschliche Gene keine bloß hypothetische.

Kein Blick für die politischen Konsequenzen in den Forschungslabors

Der patentierte Mensch?

Immerhin ist das Vorhaben zur Gen-Kartierung der Regierung in den USA drei Milliarden Dollar wert. Lückenlos soll die Lage des menschlichen Genoms und ihre Wirkung erfaßt werden. Auch die EG will nachziehen. Das derzeit (noch) auf Eis gelegte 30-Millionen-Mark Projekt „Prädiktive Medizin“ soll der Kostenminimierung im Gesundheitswesen dienen. Es geht dabei um die Erforschung genetischer Dispositionen für Erb-, aber auch Zivilisationskrankheiten, um eine Identifizierung betroffener Personen durch Massentests durchzuführen. „In Westeuropa“, heißt es erläuternd, „mit einer Bevölkerung mit zunehmendem Durchschnittsalter und einem damit verbundenen stetigen Kostenanstieg im Gesundheitswesen, sind die Aussichten sowohl auf billigere Tests als auch auf frühzeitiges Eingreifen, wodurch eine Abnahme der Erkrankungshäufigkeit möglich wird, äußerst attraktiv.“ Attraktiv ist allenfalls der europäische Markt für DNS-Sonden; er wird auf ein bis zwei Milliarden ECU (Europäische Rechnungseinheit; ca. 15 öS) für dieses Jahrzehnt geschätzt. Zweifellos wird man danach trachten, das technologische Wissen und Verfahren durch Patente zu schützen.

Die Erforschung und Kartierung aller genetischen Informationen des Menschen erfordert jedoch ungeheure technische Kapazitäten. Nur mit Hilfe eigens dafür konstruierter Analysemaschinen und speziellen Computerprogrammen ist die Entschlüsselung der über 3 Milliarden Basenpaare machbar, aus denen die DNS besteht. Dauerte es 1970 noch ein Jahr, um 100 Basenpaare zu entziffern, so leisten inzwischen die schnellen Sequenzierautomaten täglich das Hundertfache. Kaum bewältigbar ist die anfallende Datenflut. Im einstigen Mekka der Atomforschung, Los Alamos, wo Wissenschaftler die erste Bombe bauten, speichert man die Sequenzen auf einer Genbank; vergleichbare Zentren sind das EMPL in Heidelberg und die japanische DNS-Datenbank.

Tatsächlich aber ist das Mammutvorhaben zur Gen-Kartierung abstrus. Dies zeigt sich daran, daß nur etwa 2 Prozent der DNS aus Genen besteht. Der Rest ist ungewiß. Auch wenn 20 Jahre lang Sequenziermaschinen bei Tag und Nacht die Abfolge der Basen heruntertuckern, bleibt der Funktionszusammenhang im Dunklen. Problematisch erscheint die Überbewertung der DNS als „das Molekül des Lebens“. In dieser reduktionistischen Definition sind soziales Milieu und Umweltfaktoren herausgefiltert. Der Mensch verkommt zum biochemischen Kürzel. Joshua Lederberg, Molekularbiologe und Nobelpreisträger, formulierte: „Genotypisch besteht er jedenfalls aus einer 180 Zentimeter langen, bestimmten molekularen Folge von Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Sauerstoff- und Phosphoratomen — das ist die Länge der DNS, die im Kern des Ursprungseies und im Kern jeder reifen Zelle zu einer dichten Spirale gedreht ist, die fünf Milliarden gepaarte Nukleotide lang ist.“

Weltweit haben sich Forscher zur internationalen Vernetzung des Genom-Projekts zusammengeschlossen. Sie argumentieren mit dem medizinischen Fortschritt, mit der Entwicklung von Gen-Diagnosen und -therapien.

Gefahren und politische Konsequenzen geraten aus dem Blickfeld, wenn krankhafter Ehrgeiz und Wirtschaftsoptimierung überwiegen. Von der sich anbahnenden Ära molekularbiologischer Eugenik profitieren vorerst die Pharmakonzerne. Durch die sprunghafte Ausweitung der Humandiagnostik sichern sie ihre Renditen. Mit Screenings an Neugeborenen, an Kranken oder in der Arbeitswelt, mit Aids- bzw. Krebstests wollen sie Millionen verdienen. Zugleich verhindert der Gen-Rausch sinnvolle Ansätze zu einer Alternativ-Forschung. Noch steht die Gentechnik am Beginn ihrer industriellen Nutzung. Die enormen Erwartungen in die ‚Segnungen‘ bio-technologischer Innovationen schüren vor allem die Konzerne selbst.

Ins Kreuzfeuer der Kritik geraten zunehmend die Geschäfte mit dem Leben. Für die Ethikerin Erika Hickel wird die Gentechnik „unter dem gegenwärtigen Verwertungsinteresse zum Kulminationspunkt einer wildwüchsigen und gewalttätigen zerstörerischen Naturforschung, die es zu verhindern gilt.“

Handlungsbedarf erscheint angezeigt, wenn die Zukunft nicht den Kommerzialisierungs- und Gen-Strategen überlassen werden soll. Die Abkehr vom goldenen Kalb ist ein notwendiger Schritt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1990
Nummer 52, Seite 57
Autor/inn/en:

Lisbeth N. Trallori:

Soziologin, lebt in Wien.

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