Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2003 » Heft 2-3/2003
Thomas Schmidinger

Der Pamir zwischen Islam und Ethnisierung

Die Entwicklungen der letzten Jahre in Afgha­nistan werden auch Auswirkungen auf sei­ne Nachbarstaaten haben. Während sich dabei alle Augen auf die beiden Regional­mächte Iran und Paki­stan richten, scheint das kleine Tajikistan vorerst weiter in der Vergessenheit zu ver­schwinden.

Während die Sowjetuni­on 70 Jahre lang eine relativ dichte Grenze zum südlichen Nachbarn Afgha­nistan zog, werden seit dem Zusammenbruch der UdSSR wieder alte ethnische und re­ligiöse Gemeinsamkeiten bei­derseits der Grenze entschei­dend für das Verhältnis der beiden Nachbarstaaten. Die Tajiken bilden nicht nur die Staatsnation der Tajikischen Republik, sondern sie stellten auch innerhalb der Nordalli­anz, die seit dem Sturz der Taliban wieder eine wichtige Rolle in Afghanistan spielt, die stärkste und einflus­sreichste Gruppe. Shah Mas­sud, der kurz vor dem 11. September in Tschet­schenien ermordet wurde, galt während des afghani­schen Bürgerkriegs als mi­litärischer und politischer Kommandant der tajikischen Milizen, die am Höhepunkt der Macht der Taliban als ein­zige noch militärischen Wi­derstand gegen die interna­tional nie anerkannten Her­ren Afghanistans leisteten. Der an Afghanistan angren­zende Ostteil des jungen Nachfolgestaates der Sowjet­union, die Hochgebirgsregi­on Gorno-Badakhshan war historisch besonders eng mit der Entwicklung des gesam­ten Großraumes verbunden, in dem er sich befindet. Im Westen Gorno-Badakhshans leben wie im äußersten Nordosten Afghanistans überwiegend Angehörige pamirtajikischer ethno-linguistischer Gruppen, die sich nicht nur sprachlich und kul­turell von der tajikischen Staatsnation unterscheiden, sondern auch religiös. Die erst relativ spät islamisierten Pamirtajiken sind überwie­gend Angehörige der nizaritischen Richtung der ismailitischen Schia, während die Tajiken überwiegend der sun­nitischen Richtung des Islam angehören.

Da das unwirtliche und dünn besiedelte Berggebiet Gorno-Badakhshans auch schon vor der Aufteilung des Gebietes durch russische/so­wjetische bzw. britische Kolonialherren politischen und ökonomischen Abhängigkei­ten zentralasiatischer Stadt­kulturen ausgesetzt war und heute der „Nationswerdung“ Tajikistans ausgesetzt ist, ist es wichtig, die historische und politische Entwicklung Gorno-Badakhshans in einen Kontext mit der Staatswer­dung und Nationenbildung in Zentralasien zu setzen.

In diesem Zusammenhang gehe ich davon aus, daß Na­tionen keine naturgegebenen oder natürlich gewachsenen Einheiten darstellen, sondern gedachte Gemeinschaften, die erst durch den Nationalismus mehr oder weniger gewaltsam durchgesetzt wurden. „Es ist der Nationalismus der die Nationen hervorbringt, nicht umgekehrt.“ (GELLNER, 1995: 87) Mit jeder Nations­werdung ist ein Prozeß der nationalen Homogenisierung verbunden, der all jene Grup­pen an der Rand drängt, die eben nicht der sich zur Na­tion konstituierenden Herr­schaftsgruppe angehören. Nationswerdungsprozesse sind somit immer politische Pro­jekte, die oft auch gegen den Widerstand großer Bevölke­rungsgruppen durchgesetzt werden und in ihrer histori­schen Herausbildung recht jungen Datums sind.

Auch in Zentralasien wa­ren „staatliche Einheiten auf ethnisch homogener Basis [...] in der Geschichte [...] etwas Fremdes und Neuarti­ges, für das es auch kaum sprachliche Voraussetzungen gab.“ (GEISS, 1994: 102) Während die städtische Bevölkerung überwiegend ira­nische Sprachen, erst das Sogdische und später Persisch, als Handels- und All­tagssprache benutzte, be­nutzten die nomadischen Stämme überwiegend türki­sche Dialekte. Zweisprachig­keit war allerdings auf beiden Seiten eher die Regel als die Ausnahme. Eine Zugehörig­keit zu einer „Nation“ oder einem „Volk“ wurde bis in die Sowjetunion hinein nicht empfunden. Die Identität wurde für Städterinnen viel­mehr durch den Bezug auf ihre Stadt, für Stammesangehörige in Bezug auf den je­weiligen Stamm definiert.

Sowjetische Nationalitätenpolitik

Die zentralasiatischen Natio­nenkonstrukte wurden nicht durch einen „eigenen Staat“ der jeweiligen Nation eta­bliert, sondern unter sowjeti­scher Oberhoheit. Die leninsche, v. a. aber dann die sta­linistische Nationalitätenpo­litik schuf, kreierte die zen­tralasiatischen Nationen. In den postsowjetischen Natio­nalstaaten der Region sind weiter die unter Stalin defi­nierten nationalen Gesell­schaften maßgebend. Im Gegensatz zu den baltischen Staaten kam es in Zentral­asien nicht zu eigenständigen Nationalbewegungen.

Der Imperialismus des za­ristischen Russlands wurde im Zuge der Oktoberrevolu­tion modifiziert, in vielen Be­reichen jedoch auf die so­wjetische Großmachtpolitik übertragen. Wenn Lenin da­von ausging, daß es wie „zur Abschaffung der Klassen nur durch die Übergangsperiode der Diktatur der unter­drückten Klasse kommen kann [...] zur unvermeidli­chen Verschmelzung der Na­tionen nur durch die Über­gangsperiode der völligen Be­freiung, das heißt Abtren­nungsfreiheit aller unter­drückten Nationen kommen“ kann (LENIN, 1916: 173), geht er damit von einem Na­tionenkonzept aus, das in Zentralasien unbekannt war. Doch unterschied sich die Vorstellung Lenins bereits zu seinen Lebzeiten deutlich von der sowjetischen Realpolitik. Die Sowjetunion entließ zwar eine Reihe ehemaliger Kolo­nialgebiete in die Unabhängigkeit, brachte aber teilwei­se schon innerhalb weniger Jahre wieder unter ihre Kon­trolle. Die Sowjetrepubliken Zentralasiens unterlagen da­bei mehreren Grenzände­rungen; die heutigen Gren­zen wurden unter Stalin fest­gelegt.

Eine wichtige Rolle für die stalinsche Nationalitätenpo­litik spielten dabei die Spra­chen, die „Schaffung von Titularsprachen durch die se­lektive Förderung von loka­len Dialekten, die Einführung des lateinischen Alphabets und die Aufoktroyierung der kyrillischen Schrift als Beginn einer verstärkten Politik der Russifizierung.“ (GEISS, 1994: 107)

Die problematische Nationsbildung

Die zentralasiatischen Na­tionsbildungen waren mit all jenen Problemen verbunden, die die Schaffung von Natio­nen mit sich bringen. Zu je­der Nationswerdung gehört eine mehr oder weniger ge­waltsame Homogenisierung der Bevölkerung, die schließlich zur Auslöschung anderer kollektiver Identitäten und Minderheiten führt.

In Zentralasien kam es durch die „Durchmischung“ persischsprachiger und türkischsprachiger Bevölkerung schließlich zur Entstehung großer „Nationaler Minderheiten“. Diese bedingten Ri­valitäten zwischen den ein­zelnen sozialistischen Sowjetrepubliken. Insbesonde­re Tajikistan fühlte sich ge­genüber den anderen Republiken benachteiligt, da alle wichtigen urbanen Zentren persischer bzw. tajikischer Kultur der Usbekischen SSR zugeschlagen wurden. Die tajikische Hauptstadt Duschan­be war zum Zeitpunkt der Republiksgründung eine un­bedeutende Kleinstadt.

Das „große Spiel“

Die weitgehend zusammen­hängende Bergregion des Pa­mir wurde, wie bereits kurz angerissen, erst im Zuge des „großen Spiels“ der Kolo­nialmächte des 19. Jahrhunderts in verschiedene Natio­nalstaaten integriert, deren internationale Grenzen noch heute die Region teilen. Als weitere regionale Macht kam mit der Errichtung eines un­abhängigen Afghanistans un­ter Ahmed Schah Durrani (1747-1773) auch dieser von einer Paschtunenföderation beherrschte Nationalstaat mit ins Spiel, der allerdings schon bald unter britischen Einfluß geriet.

Im Nordteil des von Pamirtajiken besiedelten Land­striches wurde, spätestens mit der Grenzziehung von 1895, das alte Fürstentum Wakhan entlang des Pamir Darya in ein afghanisch und russisch beherrschtes Terri­torium geteilt. Bis zur Okto­berrevolution spielte jedoch lokale Feudalherren insbe­sondere der vom Amir von Buchara, vor Ort eine größe­re Rolle als die Zaren im fer­nen Petersburg. Die Region galt als wirtschaftlich rück­ständig und wurde von loka­len Khanen kontrolliert. In Abhängigkeit von Amir von Buchara regierten sie das Land mehr oder weniger de­spotisch.

Sowjetische Herrschaft

Für die meisten Bewohner des Pamir stellte die russische Revolution eine Befreiung von Ausbeutung und despo­tischer Herrschaft dar. Die UdSSR brachte dem isolier­ten Berggebiet einen gewal­tigen Modernisierungsschub. Khorog wurde Hauptstadt der Region. Die feudalen Strukturen in der Landwirt­schaft wurden grundlegend abgeschafft. Schon 1940 wur­de der große Pamir-Highway gebaut, der Khorog mit der Republikshauptstadt Du­schanbe verbindet, damit war Gorno-Badakhshan mit den kulturellen und politischen Zentren der Sowjetunion ver­bunden.

Die Sowjetunion baute in Go­rno-Badakhshan eine Ge­sundheitsversorgung und ein funktionierendes Bildungs­system auf. Bis in die Achtzi­gerjahre konnten 99% der Bevölkerung lesen und schrei­ben. Der Einfluss der Religi­onsgemeinschaften nahm auch in Gorno-Badakhshan, wie in der gesamten Sowjet­union ab. Der Kontakt der ismailitischen Muslime des Pa­mir zu ihrem religiösen Ober­haupt, dem Aga Khan riß während der sowjetischen Herrschaft ab und konnte erst nach der Unabhängigkeit Tajikistans wieder aufgebaut werden.

Einen wichtigen Ein­schnitt für die Bevölkerung Gorno-Badakhshans stellt die sowjetische Afghanistan­politik der Achtzigerjahre dar, als die von Pamiris be­wohnten Gebiete Afghanis­tans sich plötzlich unter so­wjetischer Herrschaft wiederfanden. Vor allem Teile der Wakhi-Bevölkerung im Süden Gorno-Badakhshans erhofften sich Anfangs eine „Wiedervereinigung“ des al­ten Wakhan, diesseits und jenseits der sowjetisch-af­ghanischen Grenze, als je­doch die ersten Särge so­wjetischer Soldaten aus dem Pamir zurückkehrten, wur­de auch im Pamir die Kritik am militärischen Abenteuer in Afghanistan immer lauter. Verbunden damit begannen auch die Ideen afghanischer Mujahedin langsam ihren Weg in die angrenzenden is­lamischen Republiken der Sowjetunion zu finden.

Tajikistan ist mit einer Fülle sich überlagernder und überschneidender Konflikte heute einer der instabilsten Nachfolgestaaten der So­wjetunion. Bereits die ersten Präsidentenwahlen im No­vember 1991 „endeten mit der Rückkehr der alten Ka­der: Rachmon Nabijew, 1982-1985, Erster Sekretär des ZK der KP der Tadschiki­schen SSR wurde mit 56,9% zum Präsidenten Tadschiki­stans gewählt“ (MANGOTT, 1996: 118). Sein Gegenkan­didat Dawlat Chudonasarow, ein Pamiri mit starker regio­naler Verankerung in Gorno-Badakhshan, erhielt trotz Un­terstützung durch die Islams­kaja Partija Wosroschdenija (Islamische Partei der Wie­dergeburt, IPW), der Nationalbewegung Rastochez und der Demokratischen Partei (DP) nur 30%.

Trotz formalem Mehrpar­teiensystem behielt die neue Regierung Nabijew allerdings einen sehr autoritären Kurs bei. „Die Verhaftung des der Opposition nahestehenden Bürgermeisters von Du­schanbe und die Entlassung des Innenministers, eines Pa­miri, im März 1992 lösten ei­ne Serie von Demonstratio­nen, Sitzstreiks und Blocka­den — zunächst in Duschan­be, dann auch in den Pro­vinzen — aus.“ (MANGOTT, 1996: 118) Nachdem sich diese Konflikte bis zu be­waffneten Auseinanderset­zungen verschärft hatten, bil­dete Rachmon Nabijew eine Koalitionsregierung mit der Opposition, die jedoch nur kurzfristig die Konflikte ent­schärfen konnte. Die Pro­vinzen Chudschand und Kuljab erkannten die neue Koalitionsregierung nicht an, da das auch regional ausgewogenere Kabinett als Be­drohung für die traditionel­le Vorherrschaft und Interessen dieser Regionen be­griffen wurde. Der Konflikt weitete sich so schnell zum Bürgerkrieg aus. Dabei or­ganisierte sich die Bevölke­rung der Provinzen Kuljab überwiegend in der aus Na­bijews Nationalgarde her­vorgegangenen „Volksfront Tajikistans“, welche in Kurgan-Tjube von Faizali Sai­dow geführt wurde.

„Die oppositionellen Kräfte, die sich in der ‚Front der Nationalen Rettung‘ (Nijat-i Milli) organisierten, re­krutierten sich vorrangig aus Pamiri und Garmesen, sowohl aus dem Garm-Tal als auch aus Kurgan-Tjube.“ (MANGOTT, 1996: 119) Die Nijat-i Milli wurde dabei von Davlat Usman (russisch: Us­manow) und Schodmon Jussuf (russ.: Jusupow) ange­führt. Trotz ideologischer Probleme zwischen den sunnitischen Integralistlnnen der IPW und den ismaelitischen Pamiris stellte dieser Glau­bensunterschied „kein Hin­dernis für eine Waffenbrü­derschaft [dar]; beide vereinte) eine extrem traditio­nalistische Lebensform.“ (MANGOTT, 1996: 119)

Präsident Nabijew wur­de im September 1992 vom Präsidium des Obersten So­wjet zum Rücktritt gezwun­gen und nachdem er sich nach Chudschand abgesetzt hatte vom Pamiri Akbarshah Iskandarow, militärisch un­terstützt durch die „Jugend Tajikistans“, ersetzt. Unter anderem durch die Unter­stützung Usbekistans an die alte Regierung und insbe­sondere an die usbekische Minderheit in der Provinz Chudschand gelang es der alten Regierung jedoch — nunmehr unter dem aus Kuljab stammenden Imomali Rachmonow — wieder die Führung an sich zu reißen. „Massenverhaftun­gen, Exekutionen und Säu­berungen durch die mi­litärischen Einheiten der siegreichen Chudschand-Kuljab-Fraktion verstärkten den ohnehin starken Flücht­lingsstrom in das angren­zende Afghanistan (ca. 90.000) oder in die unweg­samen Berge von Gorno-Badachschan (ca. 30.000); Schätzungen über den inner­tadschikischen Flüchtlingsstrom reichen bis zu einer Million Menschen.“ (MAN­GOTT. 1996: 120)

Die gesamten Opposi­tionsparteien wurden von der Regierung Rachmonow ver­boten, darunter auch die pamirische Autonomiebewe­gung La’l-i Badakhshan. Trotz massiver Repression und Un­terstützung von Seiten Russ­lands und Usbekistans war das Rachmonow-Regime aber nicht in der Lage den Bür­gerkrieg mit Gewalt zu beenden, weshalb „in 1994 his Russian allies and United Na­tions representatives pressured him into starting peace talks with the Opposition.“ (BROWN, 1996: 26)

Die folgenden jahrelangen Verhandlungen führten zwar zu einem Friedensabkommen, aber „die Umsetzung des am 27.6.1997 von Prä­sident Imomali Rachmanov und Said Abdullo Nuri, dem Führer der muslimischen Gruppierungen der Vereinig­ten Tadschikischen Opposi­tion (OTO), unterzeichneten Friedensabkommens [...] kommt weiterhin nur schlep­pend voran.“ (FISCHER, 1999: 770) Erst im Frühjahr 1999 zog Kirgistan seine im Bürgerkrieg eingesetzten Truppen zurück und am 3. August 1999 erklärten die be­waffneten Einheiten der Op­position ihre Auflösung.

Viele der dem Bürgerkrieg zugrundegelegenen Konflikte sind bis heute nicht gelöst. Dazu gehört neben dem Grad an Autonomie für Gorno-Badakhshans v.a. die Frage der usbekischen Minderheit im Norden Tajikistans, die laten­ten gegenseitigen Gebietsan­sprüche Tajikistans und Us­bekistans, die ebenso latenten Gebietsansprüche Kirgistans auf Teile Gorno-Badakhshans und die Frage nach dem isla­mischen oder säkularen Cha­rakter des Staates.

Die Schaffung einer Tajikischen Nation ist durch eine Reihe von Schwierigkeiten charakterisiert. Das unab­hängige Tajikistan kehrte zu seinem vorsowjetischen persischen Kulturerbe zurück, was sich ganz wesentlich in der Rückkehr zur persischen Sprache und Schrift äußerte. Dennoch stehen sich religiö­se, teilweise islamisch-integralistische Kräfte einerseits und postsowjetische Funk­tionäre andererseits gegen­über, die sich kaum auf eine gemeinsame „nationale Iden­tität“ des neuen „National­staates“ einigen können.

Diese Widersprüchlich­keit zeigt sich auch im Ver­hältnis des Nationalstaates gegenüber seinen ethno-linguistischen und religiösen Minderheiten. Während et­wa die Ablehnung eines tajikischen Nationalismus isla­mische Kräfte für viele Pamiris attraktiv macht, schreckt der sunnitische Integralismus die mehrheitlich ismailitischen Pamiris wie­derum vor einer Unterstüt­zung des sunnitischen Integralismus ab. Politische Iden­tität wird so im unabhängi­gen Tajikistan nicht primär über eine Ideologie erzeugt. „Affinitäten zu regionalistischen Parteien, die Konfessionalität, ethnische Her­kunft und Sprachgruppen­zugehörigkeit betonen, be­stimmen neben politischer Ausrichtung die Zugehörig­keit zu neuformierten, Eth­nizität betonenden Koalitio­nen.“ (KREUTZMANN. 1996: 183)

Ein guter Teil der Pamirtajiken unterstützte 1992 den Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei Davlat Khudanazar, da er ei­ner der bekanntesten ismailitischen Politiker aus Gorno-Badakhshan ist und somit als Vertreter der eigenen ethno-linguistischen Gruppe ge­sehen wurde. Die Regierung in Dushanbe vertrieb jedoch den prominenten Politiker, der ins Exil gehen musste. In der Folge riegelte die Regie­rung die Zufahrtswege nach Gorno-Badakhshan mit der Behauptung ab, „it was necessary to control the movement of the Opposition armed groups. The result was the near starvation of the people of GBAO“ (EMADI, 1998: 14), des Gorno-Badackshanischen Autonomen Oblast.

Tajikistan und Afghanistan

Neben diesen sich teilweise überschneidenden Konflik­ten, spielt auch die geographische Nähe zu Afghanistan in mehrfacher Hinsicht eine wichtige Rolle für den jun­gen Nationalstaat. Aus Af­ghanistan konnten leicht islamisch-integralistische Ideen zum nördlichen Nachbarn ex­portiert werden. Die politi­sche Entwicklung in Afgha­nistan, vor allem der Auf­stieg der Taliban, ging an Ta­jikistan nicht spurlos vorüber. Auch die vom Palästi­nenser Scheich Taqi ad-Din gegründete Hizb at-Tahrir, die die Wiedereinführung des Khalifats auf ihre Fah­nen geschrieben hat, verzeichnete die letzten Jahre in Tajikistan, wie in den ande­ren ex-sowjetischen Repu­bliken Zentralasiens, einen bedeutenden Zulauf. (RASHID, 2002: 151ff) Genauso relevant wie der reale Import integralistischer Ideen, ist aber die Angst der tajikischen Regierung vor einer so genannten „islamischen Ge­fahr“ die ihre autoritäre Po­litik international rechtferti­gen soll.

Tajikistan spielte für die Taliban in Afghanistan auch eine nicht zu unterschätzen­de Rolle als Drogentransit­land. Mangels anderer Ex­portgüter ist in den Jahr­zehnten des Bürgerkriegs der Mohnanbau und dessen Ver­wertung zu einem immer wichtigeren Wirtschaftszweig im südlichen Nachbarland Tajikistans geworden. „Ne­ben den religiös und macht­politisch bedingten Konflikt­feldern befindet sich Tad­schikistan zusätzlich in einem offenen Krieg gegen die Dro­genmafia.“ (MANUTSCHARJAN, 1998: 6)

Autonomiebestrebungen

In Gorno-Badakhshan gelang es weder den Anhängern der Regierung, noch der integralistischen Opposition den Großteil der Bevölkerung hinter sich zu bringen. Im August 1991 gründete sich in Gorno-Badakhshan die „autonomistische Bewegung ‚Ru­bin von Badachschan‘ (La’l-i Badachschan), deren Ziel die Stärkung der Autonomie Gorno-Badakhshans und damit der Pamiri ist.“ (MANGOTT, 1996: 117) Neben dieser Autonomiebewegung genießt die Demokratische Partei, und der aus dem Pa­mir stammende ehemalige Präsidentschaftskandidat Da­vlat Khudanazar eine Unter­stützung in Teilen der Bevöl­kerung.

Die Autonomiebewegung La’l-i Badakhshan wurde von Atobek Amirbek ge­gründet, der seither den wichtigsten ideologischen und politischen Kopf der Bewegung darstellt. La’l-i Badakhshan ist bisher nur für einen Ausbau der Auto­nomie Gorno-Badakhshans eingetreten. Auch wenn es an der Basis der Bewegung einige Aktivistinnen geben mag, die für die völlige Un­abhängigkeit Gorno-Badak­hshans eintreten, dürfte der politischen Führung der Au­tonomiebewegung klar sein, dass ein unabhängiges Gor­no-Badakhshan ein mit größten wirtschaftlichen Problemen kämpfender Kleinststaat wäre, der im We­sentlichen aus 90% unwirtli­chem Hochgebirge bestün­de und in einer solch poli­tisch sensiblen Region stän­dig mit dem Überleben zu kämpfen hätte.

Ob sich diese gemäßigte Haltung in der Autonomie­bewegung als dauerhaft er­weisen wird, wird nicht nur von der Autonomiebewe­gung selbst, sondern auch von der ökonomischen uns politischen Entwicklung des tajikischen Gesamtstaates und seiner Nachbarländer abhängen. Wenn es gelingt Gorno-Badakhshan eine po­sitive wirtschaftliche Ent­wicklung zu ermöglichen und die Autonomierechte der Minderheiten so weit auszubauen, dass sich die Pamirtajiken weder von einem tajikischen Nationalstaat noch vom sunnitischen Integralismus bedroht fühlen, sind die Grundlagen für ein gemein­sames politisches Gebilde von Tajiken und Pamirtajiken auch in Zukunft gelegt. Wenn nicht, könnte sich die labile politische Situation im Pamir aber schnell zu einem militärisch ausgetragenen Konflikt verändern, in dem der Gegensatz zwischen Ta­jikistan und pamirischen AutonomistInnen nur eine Frontlinie wäre.

Für die zukünftige Entwick­lung der schleichenden Kon­flikte Tajikistans wird nicht zuletzt die weitere Entwick­lung Afghanistans von Be­deutung sein. Insbesondere durch die Rückeroberung Afghanistans durch die Nordallianz im Windschatten des US-Angriffes auf Afghanistan spielen dort wieder Tajiken, Pamirtajiken und Usbeken eine bedeutendere Rolle als unter den weitgehend pasch­tunischen Taliban. Diese Entwicklungen können nicht spurlos am kleinen Nach­barn im Norden vorüberge­hen. Die weitere politische Entwicklung Gorno-Badakhshans wird aber auch sehr stark von der wirtschaftli­chen Entwicklung der ge­samten zentralasiatischen Re­gion, sowie von der Politik der Zentralregierung Tajiki­stans abhängen, der es zwar gelungen ist, die bisherigen bewaffneten Konflikte zu überleben, aber nicht die zu­grundeliegenden ökonomi­schen und politischen Pro­bleme zu lösen. Eine mögli­che Ethnisierung des Kon­fliktes wird v.a. vom Selbst­verständnis des neuen Na­tionalstaates abhängen. Sollte die Regierung einen Staat als einheitlichen National­staat mit einem völkischen Nationenbegiff aufbauen wollen, ist mit Widerstand der Bevölkerung des Pamir zu rechnen. Dasselbe gilt aber auch, wenn sich sunni­tische Integralisten durch­setzen sollten, die die schiiti­schen Bevölkerungen Gorno-Badakhshans als Ketzer betrachten und mit ihnen wohl ähnlich brutal verfah­ren würden wie die Taliban mit den schiitischen Hazara, die unter Massakern und ei­ner massiven Unterdrückung zu leiden hatten. Nur eine säkulare und nichtnationalisti­sche Politik, die die Interes­sen der gesamten Bevölke­rung berücksichtigt und ei­ne ökonomische Basis für die Region schaffen kann, wird eine Eskalation dieses Kon­fliktes in Zukunft verhindern können.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2003
Heft 2-3/2003, Seite 10
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

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