FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1984 » No. 364/365
Friedrich Heer

Der notwendige Konflikt: Europa — Amerika

In amerikanischen Kaufhäusern waren 1982 Kinderspiele zu kaufen, die War-Games, die Kriegs-Spiele der Großen imitierten. Da wurden also auf Karton-Karten Kriegsziele angegeben, die amerikanische Bomber und Raketen anvisieren: in Europa. Kriegsziele dieser Art waren: Hamburg, Köln, München und andere. In nackter Unschuld wird hier demonstriert: der ganze Westen, vorzüglich Mittel-Europa, wobei als Strahlungs-Räume auch österreichische Gebiete eingeschlossen sind, wird da als Kriegsschauplatz vorgestellt.

Pubertäre wahnsinnige Äußerungen — so nennen es selbst republikanische Rüstungskenner aus dem Team von Reagan-Politikern — haben es längst ausgesprochen: Europa als Kriegsspielplatz bedeutet konkret, daß bei amerikanischen Planungen als Einsatzraum zunächst, dann als Zielraum zur Abschirmung Amerikas, gerade auch Westeuropa anvisiert wird, wobei eine alte Vorstellung und Wirklichkeit aus den beiden Weltkriegen einen Dritten Weltkrieg verhindern soll: wenn nämlich Amerika vorzüglich auf europäischen und anderen außeramerikanischen Kriegsschauplätzen zu kämpfen hat und, solange es möglich ist, den eigenen Kontinent von den Schlägen des angenommenen Feindes freihält.

Der hier sichtbare Gegensatz zwischen amerikanischen und europäischen Vorstellungen in diesem schmalen Essay wird sehr verkürzend als Europa, als West- und Ost-Zentral-Europa, ohne die Tiefen des sowjetischen Imperiums verstanden. Er lenkt unser Augenmerk auf den großen, notwendigen Konflikt zwischen Europa und Amerika: ein notwendiger Konflikt, der mit Vernunft, Helle, Besonnenheit auszutragen ist.

Um ihn ins Gesicht zu kommen, ist einiges zu erinnern, wobei gerade in unseren Ländern diese Vorbemerkung nottut: Keinem Anti-Amerikanismus und schon gar keiner Amerika-Feindschaft soll hier das Wort geredet werden, sondern schlicht und nüchtern der große Gegensatz mit einigen seiner Spitzen-Kontroversen besprochen werden, wobei folgendes nicht übersehen wird:

Die Mehrheit der Amerikaner hat von Europa keine Ahnung!

Die Vereinigten Staaten, diese Schöpfung von Europäern, die USA als eine große Tochter Europas, sind keine Klischees, sondern wie alle großen Lebewesen ein mit reichen Widersprüchen beseeltes Gebilde. Die 26 Prozent Nordamerikaner, die Reagan zum Präsidenten wählten, die große Mehrheit der Nordamerikaner, die sich gar nicht für Europa interessieren, wie ein Blick in die Zeitungen zeigt, die sie täglich lesen: Weltbekannte Zeitungen wie die „New York Times“ und der „Christian Science Monitor“, eines der honorigsten Presse-Organe der Welt, werden von ihnen nicht gelesen.

So wie New York, dieses wunderschöne Super-Europa — ich bekenne mich gerne als ein Liebhaber New Yorks — von vielen Millionen Amerikanern als ein Fremdkörper, als ein Sündenbabel, angesehen wird; so wie die hochkultivierten Familien Neu-Englands, die Harvard-Princeton und die Columbia-University, die Intellektuellen der Ostküste, die alten Familien des Südens, stolz auf ihre französischen Ahnen sind; so wie das Amerika oben und das Amerika unten, die exklusive Welt einer upperupper class, die Luxus, Bildung, sehr europäische Bildung verkörpern kann; so wie die breiten Mittelschichten, die täglich in der Angst leben, to be fired, aus ihren Stellungen gefeuert zu werden; so wie die Heere der Schwarzen, der Arbeitslosen, sodann der Jugendlichen beider Rassen-Welt:

Der große Kontinent birgt eine Fülle von Gegensätzen: er wird von Menschen bewohnt, deren allergrößter Teil von Europa keine Ahnung hat.

So wenig Ahnung wie einige von Präsident Reagan erlesene, für außerordentlich wichtige Stellungen erwählte Personen, die bei den Hearings, bei den Befragungen durch die Senatoren, sich als bar jeder Kenntnisse außer-amerikanischer Verhältnisse erwiesen. So wenig wie der blutjunge Alderman, um den der Streit zwischen dem Präsidenten und hochangesehenen Politikern und Fachleuten um seine Berufung einige Wellen schlug, die jedoch die Massen der Amerikaner nicht sonderlich bewegte.

Eine Fülle von Konflikten im Inneren lenkt den Blick nach außen ab. Da erscheint es immer noch für die breiteste Mehrheit von Amerikanern passend, sich eben durch Klischee-Vorstellungen über die Bolschewiken‚ über die Europäer zu entlasten. Wahrlich, sie haben andere Sorgen als diese immer unzuverlässigen Europäer, die, wie durchaus erinnert wird, Wilson düpierten, aufs Glatteis führten und den Rückzug Amerikas aus europäischer Politik nach dem ersten Weltkrieg provozierten.

Mit dem Rückzug der Amerikaner aus Europa nach Versailles, wo die französischen Politiker den amerikanischen Präsidenten glatt überspielten, beginnt ein Prozeß, der sich, mit einigen Unterbrechungen, seither auszufalten begann; ein Prozeß, der von uns Europäern lange Zeit viel zu wenig in seiner Tragweite auch für uns beachtet wurde.

Der Prozeß um die Wiedergewinnung amerikanischer Identität, die seit zweihundert Jahren, wie es schien massiv, unverletzt, den Aufstieg der Vereinigten Staaten, die Bildung der großen Konföderation trug und ein erstes Mal mit Folgen, mit Verwundungen, die heute noch nicht ausgeheilt sind, im großen Bürgerkrieg der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Kluft zwischen dem Süden und den Jankees — hier als der von den Südstaatlern verhaßt Scheltname der militärisch-siegreichen Nordstaatler — aufzeigte.

Dieser große historische Identitäts-Konflikt steht heute übrigens im Hintergrund der aggressiven Kalifornier, die mit Reagan auszogen, um die hochmütigen Leute der Ostküste, der Neu-England-Staaten zu bekämpfen. Wobei auch dies zu erinnern ist: Kalifornien ist Neuland für die Vereinigten Staaten. Es wurde Mexiko abgenommen. Selbst die Amerikaner sagen: geraubt — und ist in seiner ganzen Mentalität den Jankees entgegengesetzt.

Verhängnisvolle Verbergung der inneren Identitäts-Krise Amerikas vor sich selbst

Um endlich der Gegenwart des großen, notwendigen Konflikts Europa — Amerika näher zu rücken: Während Europa in einem zunächst dreißigjährigen Bürgerkrieg versank, der von 1914 bis 1944 in sehr verschiedenen Formen schwelte und ausbrach und sich seither zu einem Weltbürgerkrieg ausfaltete, in den alle Kontinente verwickelt sind, zog sich Amerika ab 1919 aus Europa zurück und geriet in eine Kettenreaktion von Identitäts-Krisen.

Diese wurden zuerst von den sensibelsten Antennen Amerikas erkundet, von seinen großen Romanciers in den zwanziger und dreißiger Jahren. Die große amerikanische Literatur der ersten Jahrhunderthälfte ist in ihren Romanen, in ihren Dramen der erste warnende Ausdruck einer Identitäts-Krise, die sich der Öffentlichkeit erst bewußt machte, als der Vietnam-Krieg, zuvor der Korea-Krieg, als der „Kalte Krieg“ in seinen ersten Phasen das apokalyptische Ungeheuer der Sowjetunion an die Hand malte — beredter Ausdruck von Ängsten in den überdeckten Tiefenschichten von Amerikanern, die mit ihrem Oberbewußtsein krampfhaft am Glauben an eine „heilige amerikanische Welt“ festhielten, in der sie sich heute wieder einwurzeln wollen.

Diese Identitäts—Krise wird heute noch von sehr vielen Amerikanern vor sich selbst verborgen, obwohl die Kämpfe um eine endliche Integration der schwarzen Amerikaner, die Bürgerrechts-Bewegung, die Studenten-Bewegung der sechziger Jahre, zuvor die Scharen von outdrops und outcasts, von Aussteigern und die Zunahme der Verseuchung durch Drogen und Kriminalität anzeigten: „Es ist es etwas faul im Staate Dänemark“, um mit Shakespeare zu sprechen. Der ungeheure Koloß, ein Potential vielfach unerschlossener Menschenkräfte, großer Begabungen und von arbeitswilligen Menschen besiedelt, erbebt in Tiefenschichten!

Abschirmung durch popanzhafte Klischee-Bildungen: Der „Oberteufel Rußland“ und das unverläßliche Westeuropa

Da die große Identitäts-Krise, die schonungslos von kritischen Köpfen angesprochen wurde, in diesen letzten Jahrzehnten von einer überwältigenden Mehrheit von Amerikanern nicht zur Kenntnis genommen wird, bedurfte es Abschirmungen nach außen: eben durch die fatalen Klischee-Bildungen, die zunächst den Popanz, den Superteufel: „Die Russen“ an die Wände der engen Heime, Hirne, Herzen malte. Zündstoff zur Abreaktion innerer Konflikte in der Verkörperung durch den Weltkonflikt, in dem lange Zeit China neben Rußland als Erzfeind Nummer 1, dann Nummer 2, diese Abschirmungs-Funktion erfüllten. Wobei seit Jahren ein neuer, umschwiegener Feind immer offener anvisiert wird: Westeuropa.

Ein beleidigtes amerikanisches, schwer innerlich-gefährdetes Selbstbewußtsein, das nicht mehr durch den Puritanismus gehalten wurde, lehnte sich empört auf gegen diese‚ wie es schien, hochmütigen Westeuropäer, die unter Führung der Franzosen immer mehr „nervten“: auf die Nerven gingen.

Der Konflikt de Gaulles, der in einer launigen Stunde von Präsident Roosevelt als eine Vermählung von Robespierre mit der Jungfrau von Orleans angesprochen wurde — nicht direkt natürlich in sein Gesicht — kann als Beginn der amerikanisch-europäischen Konflikte im Heute ersehen werden De Gaulle fühlte sich in Amerika zutiefst unbehaglich, verabscheute die Arroganz, die Unbildung, die Anmaßung, die Herrschsucht Washingtons, wie er es als Flüchtling erlebte. De Gaulle war bereits von der Überzeugung beseelt, daß diesen Amerikanern‚ so wie er sie im Ausklang des Zweiten Weltkrieges kennenlernte, buchstäblich alles zuzutrauen war als unreifen und imbezillen Kindern, die mit dem Feuer spielen. Niemals sollte sein geliebtes Frankreich, ja sollte Europa diesen Spielern in die Hände fallen. Deshalb also eine eigene französische Rüstung, eine eigene französische Atomwaffe, eine offensive Wirtschaftspolitik, mit sehr ehrgeizigen Plänen, die einen französisch-deutschen Industriepool den Amerikanern und Japanern entgegensetzen soll. Französisches, ja europäisches Selbstbewußtsein von hohen Graden, glänzend formuliert, hat vor kurzem der rote Malraux, wie er genannt wird, der hochbegabte und erfindungsreiche französische Kulturminister Lang, in seiner weithin Aufsehen erregenden Rede in Mexiko bekundet: Diese Rede ist nicht anti-amerikanisch, wie ihr nachgesagt wurde, zeigt aber scharf, klar, pointiert den Gegensatz eines französischen, ja, wie Lang es selbst versteht und sagt: europäischen Kulturbewußtseins gegenüber allen „Amerikanismen“ auf.

Anti-Amerikanische Abwehr-Reaktionen in Europa

Europa vor Amerika! Konservative besorgte Beobachter meinten, daß Europa nach dem Zweiten Weltkrieg in „Amerikanismen“ ertrinken würde: Wellen amerikanischer Subkultur, der Slang, die Songs, die Kleider-Moden, die Jeans, eine exaltierte Jugend, Wellen des amerikanischen Show-Geschäfts, die Uberflutung der Kinos und dann der Fernseh-Medien durch amerikanische Filme, der Drang amerikanischer Industrien, schon vor der Bildung der Superwerke, der Multis, die überwältigende Überlegenheit amerikanischer Technologien und naturwissenschaftlicher Forschungen, vielfach von europäischen Exilanten geschaffen: erlag nicht Europa diesen „Amerikanismen“‚ unfähig, sich gegen die amerikanische Herausforderung zu behaupten? Dies der Titel eines Erfolgsbuches von Servan-Schreiber.

Besetzten die Amerikaner nicht systematisch Ableger ihrer Industriewerke in Europa mit Amerikanern? Bestückten sie nicht Westeuropa außer Frankreich — von Griechenland über Italien bis zur Bundesrepublik — mit Truppen, Waffen, Raketen? Wurde nicht dies Westeuropa eine Beute habgieriger Amerikaner? Wobei zum Entsetzen der Moskowiter sich die Jugend in Osteuropa, von Prag und Budapest über Warschau bis Leningrad und Moskau sich „amerikanisch“ zu gewanden, zu singen und zu tanzen begann und ihrer griesgrämigen grauen Herren nicht achtete?!

Im Kalten Krieg begann Moskau, sekundiert von seinen Satellitenstaaten — als solche wurden sehr zu Unrecht vom Westen Polen, Ungarn angesehen — seine Wellen von antiamerikanischer Propaganda auszusenden. Propaganda-Wellen, die ihre Wirkung auf Intellektuelle und Jugendliche in den westeuropäischen Staaten nicht verfehlten und durch viele Kanäle eben auch die sogenannten „Fellow-Traveller“ erreichten: Nichtkommunisten, die sich bereits von Haus aus kritisch dem amerikanischen Koloß gegenüber verhielten.

Dieser Supermacht gegenüber, die nun ein erschreckendes Schauspiel, ihre Ohnmacht, ihre Schwächen in bürgerkriegsnahen inneren Kämpfen mit den Schwarzen und außenpolitisch in schier zahllosen Unschicklichkeiten, Taktlosigkeiten offenbarte! „Amerika“ also als ein Scheltwort, ein Schmutzwort, als Merkmal des leibhaftigen Teufels, der die ganze Weit, Asien, Afrika, Südamerika und eben Europa verschlucken will ...

Neben diesem linken Anti-Amerikanismus begann sich, zunächst verdeckt, seit Jahren immer offenkundiger‚ auch ein rechter, rechtsradikaler Anti-Amerikanismus bemerkbar zu machen. So in der Bundesrepublik und in Frankreich. Diese vieldiskutierten Phänomene des Kalten Krieges, moskowitischer anti-amerikanischer Propaganda, ließen viele gute Leute gerade in Österreich und der Bundesrepublik übersehen, daß es neben ihr eine sehr berechtigte eigene Kritik an Amerika gab und gibt:

Keinen Pauschal—Antiamerikanismus, nicht einfach ein Klischee der Verteufelung, sondern eine Kritik an Amerika, konkret an seiner Politik nach Außen und Innen. Wobei durchaus unterschieden wird zwischen den beiden Amerika, die sich in Amerika als two nations, als zwei Nationen, gegenüberstehen.

Friedrich Engels, dann Disraeli hatten die Bildung dieser Zerklüftung in England gesehen. In Frankreich, in Spanien bilden die beiden Nationen seit Jahrhunderten konstante Mächte: das hugenottische, das ketzerische, das revolutionäre Frankreich, die Republik und das rechte, rechtsstehende Frankreich, das grandios von de Gaulle im Algerien-Konflikt überspielt wurde; Frankreich, wie im 16., 17. und 18. Jahrhundert am Rande eines Bürgerkrieges stehend.

Die so verschiedenen Anti-Amerikanismen in Westeuropa bezeugten zugleich, wie sehr jede Haltung in Europa Amerika gegenüber mit spezifisch-innenpolitischen Problemen, wechselnd von Land zu Land, Staat zu Staat verbunden ist. Ein westdeutscher, ein italienischer, ein griechischer, ein französischer Anti-Amerikanismus sind durchaus nicht auf einen Nenner zu bringen, da sie, durch spezifisch-innenpolitische Momente bestimmt, geprägt sind.

Etwas verkürzend ließe sich sagen: Europäische Rechte‚ weit rechts stehende Kreise, aber auch sogenannte „Konservative“ stellten pauschal Amerika als antibolschewistische Supermacht, als Schild gegen den Kommunismus, gegen subversive Umtriebe, als die Ordnungsmcht auch für Europa heraus.

Die NATO verband schließlich eine Reihe europäischer Staaten besonders intim‚ nämlich militärisch, mit den Vereinigten Staaten. Wobei sich jedoch bald zeigte, daß selbst in ihrem Schoß die europäischen Nationen durchaus ihre Eigenständigkeiten behaupten wollten. Nun kam es in Westdeutschland zu einem Phänomen wie sonst nirgends in Europa: begonnen durch Adenauer und bis zum Heute versuchten und verstehen sich Regierungen der Bundesrepublik als Erfüllungs—Gehilfen amerikanischer Politik und Militär-Pläne.

Wobei die Gegenwart zeigt, wie diese Anklebung an den amerikanischen Schild, die amerikanischen Waffen, Superwaffen ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit geraten ist und zu etlichen Verunsicherungen in allen politischen Lagern geführt hat.

Nun sollte dies nie vergessen werden: der Marshall-Plan hatte zunächst Westeuropa vor dem wirtschaftlichen und politischen Chaos gerettet. Er sollte dankbar nie vergessen werden. Gerade auch in Österreich nicht. Es war eine folgenschwere Entscheidung, bestimmend für die Trennung des sowjetisch-überherrschten Osteuropa von Westeuropa:

  1. daß unter dem Druck Moskaus Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien sich nicht an den ihnen angebotenen Marshallplan-Hilfen beteiligen konnten; daß die UdSSR gerade auch wirtschaftlich die europäischen Oststaaten unter sein hartes Korsett einzwang und
  2. damit Bindungen und Verpflichtungen schuf, unter denen heute noch diese Staaten, aber auch die Regierung der Sowjetunion leiden, die, selbst tief verschuldet gegenüber dem Westen, außerstande ist, in vielen Bezügen den Oststaaten genügende Hilfe, wirtschaftlich, zukommen zu lassen.

Vor der Begrüßung Europas und Amerikas?

Europa und Amerika? Wie soll es weitergehen, mitten in den Friktionen, in den lauten und schleichenden permanenten Auseinandersetzungen mit Washington. Heute mit Reagan, morgen mit seinen Nachfolgern? Friktionen, Reibungen, die auch Österreich betreffen, wo man sie gern lange Zeit in der Öffentlichkeit überschwiegen hat.

Dies ist zu sehen: Europa, Westeuropa wurde, allen gegenteiligen Befürchtungen zum Trotz keineswegs „amerikanisiert“. Selbst die von amerikanischen Moden und von amerikanischen Shows faszinierten jungen Europäer legen sehr schnell, wenn sie aus dem Teenager—Alter kommen, ihre amerikanischen Gewänder ab, die von den anderen lebenden Generationen nie angezogen wurden.

Man kratze einen Europäer an der Haut, verletzte ihn nicht unter der Haut, sein Fleisch bezeugt, daß er Glied von scharf akzentuierten regionalen und nationalen Körpern ist, die blutwarm, ja heiß und gar nicht anämisch bezeugen: Hier ist ein Ire, ein Walliser, ein Engländer, ein Wallone, ein Flame, ein Bretone, ein Baske, ein Katalane, ein Sardinier, ein Friauler, ein Sizilianer, ein Romagnole, ein Kroate, ein Slowene‚ ein Serbe, ein Montenegriner, ein Schwabe, ein Berliner‚ ein Franke, ein Bayer beheimatet.

Dieses so vielschichtige, farbenbunte Europa bezeugt gleichzeitig, daß mit fortschreitendem „Untergang des Abendlandes“ eine Fülle junger neuer Wachstümer ansetzen, die zum Teil in Bewegungen der „Grünen“ zu Wort kommen.

The greening of Amerika: ein Ergrünen Amerikas! Das war die Hoffnung einer amerikanischen Studentenbewegung in den sechziger Jahren, die den großen amerikanischen Traum, die Visionen des großen Jefferson und der Väter im Heute verwirklichen wollten. Ein Ergrünen Europas: es beginnt in einem von Umwelt- und Inwelt-Verschmutzung verseuchten Europa, in dem die Überschuldung aller Staaten, die Millionen—Heere der Arbeitslosen, Jugendkriminalität. Drogenflut das Ende einer Zivilisation anzeigen, die seit langem dahinsiechte. Untergänge und Aufgänge, letztere oft nur in Spuren-Elementen sichtbar, falten sich gegeneinander, nebeneinander, untereinander aus. Sie bezeugen zusammen, daß dieses Europa ein — wie immer — vielschichtiger Prozeß, hochkomplex, voll von Gegensätzen, Widersprüchen, Konflikten ist!

Amerikas gefährlichste Versuchung zur Supermacht im Overkill

Europa: ein Konflikts—, ein Unfriedens-Raum. Europa, Mutter aller Revolutionen des 18. bis 20. Jahrhunderts, Mutter einer technisch-industriellen Weltrevolution. Europa, Mutter Rußlands und Amerikas, sieht sich inmitten seiner inneren Konflikte, Miseren, Schwierigkeiten konfrontiert mit einem Amerika, mit den Vereinigten Staaten, die ihrerseits in Prozesse der Wandlung geraden sind, von denen leider, leider, leider etliche führende Männer in Washington nichts Gutes wissen wollen ...

Beide, Europa und Amerika, sehen sich vielen Versuchungen ausgesetzt: Versuchungen nicht zuletzt, in eine „vorgeblich heile Welt“ zurückzuflüchten, ja diese glorios wiederzugewinnen. Die gefährlichste Versuchung für Amerika, lebensgefährlich auch für uns alle in Europa, ist die Versuchung, die Machtstellung wieder zu gewinnen, die sie als erste und einzige Atommacht vor den Sowjets kurzfristig zu behaupten wähnte.

Diese Versuchung ist ungeheuer. Sie arbeitet in den amerikanischen Politikern und Militärs‚ die, koste es, was es wolle, Amerikas Primat wiederherstellen wollen, konkret eine Rüstungs-Überlegenheit‚ eine Supermacht im Overkill‚ im Übertöten der Sowjetunion.

Gegen diese Versuchung kämpfen heute die besten, die intelligentesten, die geistig wachsten Menschen in Amerika an, erstmalig in der Geschichte Amerikas auch von den Kirchenführungen unterstützt, die noch vor wenigen Jahren eine Atombomben-Theologie und härtesten amerikanischen Chauvinismus vertraten.

Notwendige Wandlung zur Neubesinnung in Amerika und in Europa

Auch in Europa bestehen in nicht wenigen Staaten die Versuchungen, eine „heile Welt“ wieder zu finden, so in der Bundesrepublik, so in Frankreich, so in England. Die tiefe Zerrissenheit in den sozialistischen Lagern zeigt an, daß die oft an die Wand gemalte Gefahr eines „Roten Europas“, Westeuropas, ein Popanz ist.

Weder ein rechts-orientiertes‚ konservativistisches, also pseudo-konservatives Europa, noch ein links-linkes Europa wird eine gute Zukunft gewinnen.

Was auch bedeutet: Die notwendigen Auseinandersetzungen, Konfrontationen Westeuropas mit nordamerikanischen Regierungen im Ringen um Selbstbehauptung, um nicht der Spielplatz des amerikanischen Kriegstheaters zu werden, sind zu entflechten, von parteipolitischen Engpässen und Verkrampfungen, Animositäten und Sehnsüchten zu befreien und auf den Boden nüchterner Wirklichkeit zu führen.

Europa und Amerika haben sich gerade in besonnenen, langmütig geführten Konfrontationen mehr zu sagen, mehr zu geben, als unglückliche, kurzatmige Politiker und Demagogen hüben und drüben sehen, einsehen wollen.

Mitten in den heute, Gott sei Dank, in einiger Öffentlichkeit ausgetragenen Auseinandersetzungen beginnen fruchtbare, ernste, also immer auch schwierige neue Begegnungen zwischen den beiden sich selbst Unbekannten: Amerika und Europa!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1984
No. 364/365, Seite 57
Autor/inn/en:

Friedrich Heer: Geboren 1916 Wien, gestorben 1983 ebenda, Kulturpublizist, Historiker, Kulturkritiker, Professor der Universität Wien, Dramaturg des Burgtheaters.

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