Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2002 » Heft 5-6/2002
Mary Kreutzer

Der linke Beitrag zum Faschismus

Nach der Entstehung der faschistischen Ideologie (1999) ist nun erstmals Zeev Sternhells Faschistische Ideologie (im Original: Fascist Ideology) in ihrer deutschen Übersetzung erschienen.

Sternhell beschäftigt sich dabei bewusst nur mit der Ideologie des Faschismus und nicht mit dem Faschismus als Herrschaftssystem. Auch der deutsche und österreichische Nationalsozialismus wird nur am Rande gestreift, da Sternhell diesen für eine Sonderform des Faschismus hält, die nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ etwas eigenes darstellt.

Sternhell beschäftigt sich in seiner Studie vor allem mit dem italienischen und französischen Faschismus, sowie den Beiträgen (ehemaliger) Linker zur Entstehung der faschistischen Ideologie.

Er beschreibt die Rolle von (ehemaligen) Radikalen Sozialisten und Anarchosyndikalisten wie Georges Sorel oder Roberto Michels, die ohne Umweg über die „politische Mitte“ von der radikalen Linken zur radikalen Rechten wanderten. Ohne den Beitrag dieser aus der radikalen Linken stammenden Ideologen wäre der Faschismus als neuartige Bewegung nicht möglich gewesen.

Der „revolutionäre“ Faschismus übernahm viele Denkmuster des Marxismus und Anarchismus, sah das revolutionäre Subjekt aber nicht mehr im Proletariat, sondern in der Nation, sah die Welt in einem globalen Kampf zwischen „proletarischen Nationen“ und „bourgeoisen Nationen“ und sah in der Expansion Italiens einen „Kolonialismus einer proletarischen Nation“. Von der anarchistischen und marxistischen Rebellion blieb nur noch die Gewalt. Den ehemals anarchistischen, anarchosyndikalistischen und marxistischen Faschisten blieb der Wunsch zur Revolte erhalten, eine Revolte, die sich in ihren Zielen aber änderte. Propagierten diese späteren Proponenten des Faschismus erst einen sehr praktizistischen aktionistischen Kampf gegen die Bourgeausie, so richtete sich dieses Feindbild schnell gegen andere Personengruppen. Nirgendwo waren sich Protest und Pogrom näher als hier und nirgendwo in der Geschichte zeigte sich die Gefährlichkeit verkürzter Kapitalismuskritik deutlicher als im nahtlosen Wechsel antibürgerlicher, antiliberaler und antiparlamentarischer Linker zu antibürgerlichen, antiliberalen und antiparlamentarischen Faschisten in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg.

Nach 1945 war es lange Zeit unmöglich, in der Linken den Faschismus nicht nach der Dimitroffschen Le/e/h/rformel zu analysieren, sondern als eigenständiges Phänomen zu verstehen. Noch unmöglicher war es, den aus der Linken stammenden Anteil an Ideologie, verkürzter Kapitalismuskritik und männlicher Militanzverherrlichung zu thematisieren, der den historischen Faschismus mitprägte. Auf diese Aspekte der faschistischen Ideengeschichte hingewiesen zu haben bleibt vielleicht der wichtigste Aspekt dieser schon vor einem Viertel Jahrhundert auf Englisch erschienenen Arbeit.

Es ist erschreckend, wie kurz dieser Weg von der radikalen Linken zum Faschismus war und auch heute noch ist. Was Sternhell für den historischen Faschismus herausarbeitet, hat durchaus auch seine Entsprechungen im Zusammenwachsen der nationalrevolutionären und nationalbolschewistischen Szene nach 1945, wodurch „Faschistische Ideologie“ nicht nur zum historisch interessanten Werk wird, sondern auch eine nicht zu unterschätzende Aktualität besitzt.

Insbesondere für die Debatte über den Antisemitismus in der Linken, die verkürzte Kapitalismuskritik der Antiglobalisierungsbewegung oder den völkisch gewandelten Antiimperialismus à la AIK oder RKL ist die Beschäftigung mit den linken Anteilen an der Entstehung des historischen Faschismus unumgänglich.

Faschistische Ideologie. Eine Einführung.
Berlin, 2002. 128 S.
Verbrecher Verlag
Politisches Buch
ISBN-Nr. 3-935843-02-X
Preis: EUR 12,30

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
2002
Heft 5-6/2002, Seite 37
Autor/inn/en:

Mary Kreutzer:

Politikwissenschafterin und Publizistin, Trägerin des Eduard-Ploier-Radio-Preises der Österreichischen Volksbildung, des Concordia Publizistikpreises (Kategorie Menschenrechte), des European Award for Excellence in Journalism, des Elfriede-Grünberg Preises, von Juni 2000 bis 2006 Redaktionsmitglied von Context XXI.

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