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Judith Goetz

Der Krieg gegen die Minderwertigen

Über ein halbes Jahrhundert hat es gebraucht, bis im April 2002 die Überreste von Hunderten von Kindern, die als „lebensunwertes Leben“ oder „minderwertige“ Menschen der Tötungsklinik „Am Spiegelgrund“ zum Opfer gefallen waren, begraben wurden. Das lange Ausbleiben dieses Begräbnisses und auch das einer intensiven Forschungsarbeit kann nicht zuletzt auf die gescheiterte Auseinandersetzung mit dem Thema zurück geführt werden. Eine Ausstellung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands am Spiegelgrund zeigt die Geschichte der NS-Medizinverbrechen in Wien.

Das heutige Sozialmedizinische Zentrum „Baumgartner Höhe — Otto Wagner-Spital“ ist niemandem mehr unbekannt, dennoch liegt die Vorstellung über die dort praktizierten Gräueltaten weit davon entfernt, im öffentlichen Diskurs aufgenommen zu werden. So benötigte es ebenfalls fast 60 Jahre, um die Geschichte der „Heil- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke Am Steinhof“ und späteren „Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund“, sowie deren Funktion und das Ausmaß der dort betriebenen nationalsozialistischen Verbrechen ausführlich zu recherchieren und wissenschaftlich zu verarbeiten.

Der Pavillon V, eine Gedenkstätte der einstigen „Kinderfachabteilung“, die der Erfassung und Vernichtung behinderter Kinder diente, ist seit 15. Mai 2002 Schauplatz einer umfassenden Exposition, die sich mit weit mehr als Euthanasie auseinandersetzt. Einfache, nicht besonders aufwendige Ausstellungstafeln mit wenigen Bildern und einigen Ausschnitten aus einstigem Propagandamaterial liefern eine äußerst informative Beschreibung von Themen wie beispielsweise die Entwicklung des Steinhofs hin zur Tötungsklinik, der vor Ort betriebenen Grausamkeiten wie Zwangssterilisation und Eheverboten oder der Aktion „T4“, einem Massenmord an psychisch Kranken und Behinderten, nicht zuletzt von der Amnestie der NS-Medizinerlnnen, aber auch dem Widerstand, den es gegen die NS-Euthanasie gegeben hat, und weiteren, nicht weniger interessanten Aspekten. Eine Collage von Portraitfotos der einstigen, teils minderjährigen PatientInnen, illustriert die Varietät dessen, was in einem der wichtigsten NS-medizinischen Zentren, als „für die Reinigung des Volkskörpers“ und die daraus folgende Einlieferung in die Tötungsklinik notwendig angesehen wurde und so für die Marterung oder Ermordung im Namen der Wissenschaft freigegeben wurde.

Der wahrscheinlich einzige Überlebende des Pavillons V, Friedrich Zawrel, welcher als 10-jähriger Schüler auf Grund dessen, dass sein Vater Kommunist und Alkoholiker gewesen war, in die Tötungsklinik eingewiesen wurde, schildert in einem Zeitzeugenbericht nicht nur seine Erlebnisse der betriebenen Bestialität zur besagten Zeit, sondern auch seine wiederkehrenden Zusammenkünfte nach 1945 mit den ÄrztInnen, die einst die „Ausmerzung“ von Behinderten, Geisteskranken, Angehörigen sozialer Randgruppen sowie jüdischen Kindern überhatten.

Dr. Heinrich Gross, ein Paradebeispiel der österreichischen NS-Medizin, dessen Karriere nach 1945 weiterging, veröffentlichte noch lange nach dem zweiten Weltkrieg zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, deren Grundlage abermals seine Forschungsarbeiten vom Spiegelgrund lieferten. Die Geschichte der NS-Medizinverbrechen ist lang, nicht nur weil sie noch so weit in die Gegenwart reicht, sondern gerade, weil ihre noch nicht stattgefundene Verarbeitung wieder aktuell geworden ist.

In einer Zeit, in der in Europa abermals die Entscheidung über lebenswertes und nicht lebenswertes Leben körperlich behinderter Personen, verpackt in den Namen der „aktiven Sterbehilfe“ und unter dem Vorwand der „Humanität“ in einem politischen Diskurs Platz findet, und beispielsweise in Holland sogar schon legalisiert wurde, besteht die absolute Notwendigkeit, sich mit dem Thema nicht nur in seinem historischen Kontext kritisch auseinanderzusetzen, sondern auch die Tendenzen moderner Medizin zu erkennen. Die Ausstellung liefert nicht nur einen äußerst wichtigen Beitrag in der öffentlichen Diskussion und Reflexion über Euthanasie, sondern bietet auch den Beginn einer längst fälligen Forschungsarbeit, die noch entfernt davon ist, an ein Ende gekommen zu sein.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
2002
Heft 7/2002, Seite 24
Autor/inn/en:

Judith Goetz:

Literaturwissenschafterin und Politikwissenschafterin, Mitglied der LICRA (Liga gegen Rassismus und Antisemitismus), von März 2004 bis 2006 Redaktionsmitglied von Context XXI.

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