Zeitschriften » FŒHN » Heft 15
Markus Wilhelm

Der Kapitalismus ist die extremste Form menschlichen Zusammenlebens

Wenn man uns frägt, wie’s uns geht, sagen wir Danke, gut. Dir? Aber es geht uns schlecht, sauschlecht. Nicht den Löhnern an den Fließbändern, mein’ ich, den Sklavenarbeiterfamilien im Jugo-Ghetto, den zu Putzfrauen heruntergeheirateten Mädchen — uns! U, En, Es. Dir. Mir. Der Kapitalismus wird nicht an den armen anderen verbrochen — und wir Edelherzen retten diese —, unser Leben zerstört er!

Der erste Schritt (dazu), diese tonnenschwer auf uns lastende Gelddiktatur zu zerschlagen, ist, daß unser Bewußtsein von der Unterdrückung im Kapitalismus zum Bewußtsein von unserer eigenen Unterdrückung im Kapitalismus voranschreitet.

Wie soll man den Leuten im Nazifaschismus vorwerfen, sie hätten nicht wissen wollen, wie schlecht es anderen geht, wenn sie nicht einmal wissen wollten, wie schlecht es ihnen geht! Und wie kann man heute von einem verlangen, die Bürde eines anderen zu sehen, wo er seine eigene nicht sieht!

Z.B.: Der Grund für den Massentourismus hierzulande sind nicht unsere weiten Schigebiete. Gäbe es den niederstreckenden Kapitalismus in Deutschland nicht, der die Menschen so zurichtet, so gäbe es diesen Auswurf in Österreich nicht. Ihr Urlaub ist die schärfste Kritik, faktisch — nicht schriftstellerisch, an den Verhältnissen, die ihn hervorbringen. Hier sind sie auf Entschädigung aus, die Kapitalismus-Krüppel. Auf Teufel komm raus. Hier bricht es los aus ihnen, am Hang, in der Diskothek. Wohin mit der gequälten Sexualität? Die Kleingemachten lassen den Herrenmenschen heraus. Die Knappgehaltenen schmeißen hier demonstrativ (aber nur demonstrativ!) mit der DM herum. Ertränken ihr Duisburger Leben in Obstler, Jager-Tee. Die Stummen schreien um Mitternacht in den Straßen von Serfaus und Sölden. In der Abfahrt gefährden sie ihr eigenes Leben. Im Nachtlokal bricht mit Gewalt der ganze das Jahr über hinuntergewürgte Weh aus ihnen. Sie schlagen auf das Mobiliar ein, und meinen doch ihr eingesperrtes Leben. Protzen mit ihrer Alkoholsucht, mit ihrer sexuellen Not.

(Und auf der anderen Seite des Tresen: die Einheimischen, wie kaputt! Die Wampen, die Magengeschwüre, die Neurosen — wie von innen nach außen und von außen nach innen hin die Leute sind! Hunderte im kleinen Dorf, die an ihrem eigenen Leben erkrankt und im Alkohol gelandet sind. Ehen, die nicht gehn, Familien, die die Qual sind, Junge, die bereits leer sind, vor sie anfangen. Chemie fürn Schlaf, Chemie für die Beruhigung, Chemie fürn Schmerz. Der Sturz in eine zigtausender teure Fernreise. Der Fall in einen Pelzmantel. Das Zusammenschmelzen des Lebens auf einen Mercedes 300 SD. Der Neid, der an den Menschen nagt, die Habgier, die ihnen zusetzt, der Stolz, der sie entstellt.)

Unsere Ängste haben recht. Unsere Süchte haben recht. Aber wir graben unsere Unzufriedenheit ein. Dreihunderttausend Österreicher sind alkoholkrank, sechshundertfünfzigtausend gefährdet.

Die vor dem Geld kriechende Wissenschaft sagt, daß der Tod am öftesten „zivilisationsbedingt“ ist: Krebs, Herzinfarkt, Stoffwechselleiden, Leberzirrhose, Unfälle. Er ist kapitalismusbedingt. Jeder Österreicher, jede Österreicherin bekommt im Jahr elf Medikamentenpackungen verschrieben und schluckt durchschnittlich in diesem schönen Leben in Freiheit und Demokratie rund 30.000 Tabletten. Zwei Drittel der Bevölkerung haben ein Herz- oder Kreislaufleiden. Mehr als die Hälfte aller Menschen in unserem marktwirtschaftenden Staate sterben an sowas. Selbst die wildesten Einpeitscher dieser menschenfeindlichen Ordnung sagen „56 Prozent aller Herzinfarkte werden von Streß im Berufsleben ausgelöst“ (Kurier, 26.10.90). Das Gesundheitssystem ist nicht mehr finanzierbar, weil uns der Kapitalismus alle krank macht. Krankheit oft als letzte mögliche Reaktion auf die ausweglose Lage.

Schlafstörungen, Neurosen, in psychische Krankheiten umschlagende körperliche Krankheiten. Zigtausende haben schwere psychotische Depressionen, Hunderttausende haben neurotische, d.h. durch ihre Umgebung hervorgerufene Depressionen. Ja, ein Viertel der Österreicherinnen und Österreicher, leidet unter depressiven Symptomen (Profil, 5.11.90). Die menschliche Psyche ist nicht für den Kapitalismus gebaut.

Die dreihunderttausend psychisch Kranken in Österreich sind nicht verrückt. Die Zustände in Österreich sind verrückt.

Eine total zugrundegerichtete Belegschaft sind wir. Die Sechzig-, Siebzigjährigen sind total zu. Da geht nichts mehr hinein. Nein, schon die Vierzig­, Fünfzigjährigen! Die ganze Medizin ist auf Behandlung, nicht auf Beseitigung der menschenfeindlichen Zustände aus. Es geht ihr darum, die richtige chemische Mischung zu finden. „350.000 Österreicher würden auf Grund psychischer Leidenszustände und Verhaltensstärungen eine psychotherapeutische Betreuung benötigen“, schreibt der der Gelddiktatur verpflichtete Kurier (23.2.90). Sie würden die Befreiung von der Gelddiktatur brauchen. Schau länger hinein in ein Gesicht, ganz, das eigene vielleicht! Wir spüren etwas sich regen und decken es mit Kartoffel-Chips zu. Es tut uns etwas weh und wir knipsen den Fernseher an. Von innen her tritt ein irritierender Gedanke über unser Leben auf uns zu und wir schnappen nach einem Bierglas. Ein Mangel meldet sich und wir helfen uns mit einem Urlaubsprospekt darüber hinweg. Ein Drittel oder zwei Drittel oder drei Drittel der Bevölkerung leben psychisch am Existenzminimum. Wenn du schreist, hörst du weg, und wenn du blutest, stellst du dich blind.

Die häufigste Todesart von Männern zwischen 25 und 35 Jahren ist in Tirol der Selbstmord. (Statistik des Bundeskanzleramtes für 1988)

Im Durchschnitt gehört jedem Österreicher, jeder Österreicherin ein Stück Wald. Im Durchschnitt ist jeder Mensch dann und wann zufrieden. Im Durchschnitt. Aber: Vielen gehört kein Stück Wald. Aber: Oft sind wir unglücklich.

Wir haben Angst. Angst vor dem Krieg. Angst vor der Krise. Angst vor dem Krebs. Angst vor der Umweltkatastrophe. Die Angst beherrscht uns. Die Angst vor der Technik. Die Angst vor der Forschung. Die Angst vor der Inflation. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit. Die Angst vor dem Krankenhaus. Die Angst vor dem Altersheim. Die Angst vor dem Irrenhaus. Die Zukunftsangst. Die Existenzangst. Die Angst ist ein Hauptprodukt dieses Gesellschaftssystems. Und umgekehrt produziert sie wieder dieses Gesellschaftssystem mit. Wir haben Angst vor einem Unfall. Haben Angst vor einer Giftgas-Katastrophe. Angst vor Aids. Vor der Justiz. Der Polizei. Psychiatrie.

Es ist nicht nur das Leiden unter dem Herzinfarkt, sondern schon die Angst davor. Nicht nur das Leiden unter einem AKW-Unfall, sondern schon die Angst davor. Nicht nur das Leiden unter einem Krieg, sondern schon die Angst davor. Die Angst ist ein Herrschaftsinstrument, das uns klein macht. Vierzig Prozent der Österreicherinnen und Österreicher, sagt das Profil (8.12.82), leiden an Angstzuständen. Hundert Prozent, sag ich, hundert Prozent. Wir haben Angst, rundum Angst im Kapitalismus. Unsere Abscheu vor diesem System wird in viele kleine erlaubte Ängste heruntergeredet, in die vor dem Waldsterben, in die vor dem Ozonloch, die vor verstrahlten Lebensmitteln.

Das Geldsystem steht uns feindselig gegenüber. Es herrscht mit tausend Schrecken über uns. Diese Angst wird uns ausgetrieben und in die Angst vor dem Einbruch umgeleitet, der wir mit vier Wohnungstürschlössern begegnen. „Angstlösende Medikamente sind die am meisten verschriebenen Arzneimittel.“ (Brigitte, 21/90) Die uns umstellenden Sicherheitseinrichtungen da und dort sind Ausdruck unserer Angst und heizen sie gleichzeitig an. Es versetzen uns die Weltkriegsdrohungen des amerikanischen Weltkapitals in Angst. Immer wieder. So oft es will. Heute. Morgen nicht. Übermorgen wieder.

Wir haben diese Schreckensherrschaft des großen Geldes satt. Solange wir sie nicht politisch bezwungen haben, kann sie über unser Angstpotential nach Belieben verfügen, das heißt, indem sie es in Angst vor irgendeinem Terrorismus, in eine vor Ausländern, in eine vor ihren Krankheiten umlügt, uns unaufhörlich niederhalten .

Das was zählt — ist das etwa nicht das Glück?

Wir haben Angst vor unseren eigenen Wünschen! Angst davor, dieses zu tun. Angst davor, jenes nicht zu tun. Angst vor diesem, wenn wir in die Straßenbahn einsteigen, Angst vor jenem, wenn wir aus der Raiffeisenkassa heraustreten. 1000 Zwänge. Die Angst, den bürgerlich-kapitalistischen Normen nicht zu entsprechen, läßt uns nicht auf das hören, was sich unser Herz uns schon gar nicht mehr zu sagen traut. Wir trauen uns nicht einmal lautlos für uns zu denken, daß alles ganz anders sein könnte. Wir haben Angst, nicht zu entsprechen, nicht leistungsfähig genug, schnell genug, schön genug, gut genug, reich genug, angesehen genug zu sein. Alkohol, meterlange Regale im Supermarkt, fünf übereinander, gilt als „kurzfristig angstlösendes Mittel“. Eine Million Österreicherinnen und Österreicher weiß sich (noch) kein anderes.

Nebenbei: Schaut euch die österreichische Literatur an: Sie beschreibt nichts wie kaputt(gemacht)e Figuren. So weltfremd sind ihre Verfasser nicht, daß sie die nicht sähen. Nur so weltfremd, daß sie nicht sehen, woher das kommt.

Die Gewalt, mit der die Gelddiktatur zu Werke geht, schlägt sich nieder. Die Antwort der Vergewaltigten ist: Gewalt. 1500 Morde in der Metrople des freien Westens, in New York, 1989. 2000 Morde 1990 in New York. Eine Stadt, ein System voll aufgestauter Aggressionen, abgebauter. Auf unseren Autobahnen stranden die zu Tode Gehetzten. Die eingesteckte Gewalt wird ausgeteilt. Wie die mir, so ich dir. Die österreichischen Gefängnisse sind voll, der neue Justizminister will auch noch ein neues Gefängnis füllen (Kurier, 6.1.91). Die Gewalt entlädt sich am falschen Ort: in der Familie. Die Rebellion der Seele wird in Exzessen aller Art, von Brutalsport über Autorasen bis zur Waffennarrheit, abgeführt. Das Wochenende als Sturzraum der Arbeitswoche. Der ungeheure Überdruck, den der Kapitalismus in uns allen erzeugt, ist dienstbar zu machen auch als Rassismus, Nationalismus, Sexismus, Faschismus. Die Ausgenutzten gehen aufeinander und auf sich selber los, statt die Aggressionen gegen das zu richten, was diese nährt und ständig neu hervorbringt. Statt gegen die kapitalistische Ordnung.

Jeder Mensch ist jedes Menschen Konkurrent. Jeder Mensch ist jedes Menschen mögliches Opfer wie dessen möglicher Täter. Der Greisler ist in Konkurrenz zu seinem Kunden, in Konkurrenz zu seinem Konkurrenten, in Konkurrenz zu seinem Lieferanten, in Konkurrenz zu seinem Angestellten.

Schon im Kindergarten, schon in der Volksschule schlägt kapitale, kapitalistische Gewalt durch. Dressur auf Zweierreihigkeit. Welcher Terror, welche Folter! Hauptschüler werden gegen ihren Willen achtunddreißig Wochenstunden festgehalten und bearbeitet, mit Gewalt überschüttet. Wie nicht sollten aus liebenswürdigen Kindern unausstehliche Erwachsene werden?

Kein Massaker auf der Straße, keine Familientragödie, die aus der Zeitung trieft, kein Amoklauf ist Folge unmoralischen Handelns eines verkommenen Charakters, wie man uns weismachen möchte, sondern millionenfaches und noch millionenmal wiederkehrendes Ergebnis der brutalen, menschenfeindlichen Diktatur des Geldes. Jedes Ausrastern eines Menschen, das Statistiker in Statistiken teilnahmslos zusammenzählen, zeigt, in welch wahnwitzige Verfassung uns dieses Scheißsystem bringt.

Das alles braucht es in einer Gesellschaft, in der wir leben wollen, nicht zu geben.

Der Mensch leidet unter dem Kapitalismus. Im nach Geld stinkenden Westen Deutschlands ist jeder Zehnte und jede Zehnte arm. In Österreich lebt jede Siebte und jeder Siebte ein Leben in Armut. In der EG auch, das sind dort 51 Millionen Menschen. In Großbritannien sind es zwanzig Prozent. In den USA sind auch zwanzig Prozent arm oder bettelarm, d.h. 45 Millionen Menschen. Schon das Wissen um diese Zustände ist unerträglich. Jede dritte Arbeiterin in Österreich bekommt für den ganzen Monat Arbeit weniger als 6.900 Schilling! Kapitalismus ist organisierter Mißbrauch des Menschen. In Wien ist mehr als eine Viertelmillion Menschen auf die Sozialhilfe angewiesen. In Salzburg lebten bereits vor zehn Jahren 25% Prozent unter der amtlichen Armutsgrenze. 12.000 Menschen sind dort offiziell als Wohnungssuchende gemeldet. 4.000 Männer, Frauen, Kinder leben im feisten Salzburg in Notunterkünften. Im Westen Deutschlands vegetieren 120.000 Menschen „ohne jedes Dach über dem Kopf“, „200.000 in Notunterkünften, eine Million in ‚absolut‘ heruntergekommenen Wohnungen“ (Frankfurter Rundschau, 31.12.90). Im Westen Deutschlands, wohlgemerkt, im Westen.

Eine Million Haushalte in Österreich sind verschuldet (TT, 18.5.90), „170.000 Haushalte sind außer Kontrolle“ (TT, 2.5.90). Die Privatschulden der Österreicherinnen und Österreicher betragen 620 Milliarden Schilling. Ein großer Teil der Bevölkerung kann ohne Schulden zu machen nicht leben.

Die Gesellschaftsform einer Gelddiktatur ist eine gegen die überwiegende Mehrheit der Menschen gerichtete. Vom Irrsinn, daß Hunderttausende, nein zweieinviertel Millionen Österreicherinnen und Österreicher Tag für Tag zu anderen für diese anderen arbeiten gehen, — als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt —, reden wir hier nicht. Das größte Hindernis, menschengemäße Zustände herzustellen, ist, daß wir an die menschenfeindlichen so gewöhnt sind.

Von der sog. Dritten Welt, auf deren Kosten der freie kapitalistische Westen lebt, reden wir hier auch nicht. 200 Millionen Kinder arbeiten als Sklaven für uns (deine schicke Bluse, mein flottes Hemd). Ganze Hungerländer voll steht das Korn für uns auf den Feldern. Von dem Getreide, das für mein Steak verbraucht worden ist, wären dort fünfundvierzig Men­schen satt geworden. Könnten die kapitalistischen Volkswirtschaften einen Monat ohne die Räuberei in den Hungerländern überleben?

Die nötige Unordnung dort ist nur mittels faschistischer Diktaturen möglich. Wir sind daran schuld. Eine Milliarde Menschen steht in ständigem — unfreiwilligen — Hungerstreik gegen den Kapitalismus. Aber wir geben nicht nach. Vierzigtausend Kinder verreckern täglich. Wir geben nicht nach. Jahr für Jahr verhungern weltweit mehr Menschen als im Zweiten Weltkrieg umgebracht worden sind.

Es gibt keinen Reichtum, der nicht verdächtig wäre. Zehn Milliarden Menschen könnte unsere Erde heute schon ernähren. Wir haben keine fünf, und ein Drittel hungert. Reichtum ist das Produkt von Not. Not ist das Produkt von Reichtum. Der Kapitalismus kann von seiner Anlage her niemals für alle Menschen sorgen. Er gedeiht nur auf der Basis von Knechten, vielen Knechten, so wie der Blutegel nur auf der Basis von Blutopfern gedeiht.

(Nur nebenbei: Der Kapitalismus hat, unbestreitbar, schon zweieinhalb Weltkriege verbrochen. — Als könnte man so etwas so nebenbei sagen!)

Der Fortsetzung dieses Kapitalismus dient am besten die nebenstehend dargestellte Demokratie mit dem oben geschilderten Parteiensystem und den links oben beschriebenen Wahlen.

Der Kapitalismus ist die extremste Form des menschlichen Zusammenlebens auf der Welt. Er tut materiell weh, er tut psychisch weh, ja, er tut schon weh, wenn man ihm zusehen muß, wie er überall materiell und psychisch wehtut. Daß das Zimmermädchen W. 6.500 Schilling für dreißig Tage Arbeit bis in die Nacht hinein bekommt, ist sein Schmerz, aber daß wir es sehen, daß es am Rande unseres eigenen Lebens passiert, das ist unser Schmerz. Daß in den Opferländern zigtausend Menschen/Jahr an unseren Pflanzengiften (für Nelken aus Bolivien und Anananas von den Philippinen) krepieren, ist ihr Schmerz. Unserer ist, daß wirs mitansehen müssen. Er macht uns unfrei und unsere Freude erlogen, unser Glück gespielt.

Das Robbenerschlagen, das Walschlachten, die Tierversuchsquälerei: Es quält uns. Es quält uns, daß Rauschgift-Kranke der Kripo und der Justiz ausgeliefert werden, daß Türken wie Tiere gehalten werden, daß Alte in Sterbe-Anstalten verschwinden. Mitzuerleben wie im Fernsehen das Sheba-Katzenmenü beworben wird während jeden Tag zigtausend Kinder an Hunger krepieren und am Markt knallrote Kirschen aus Chile angeboten werden, deren Einfliegen vierzig Schilling das Kilo gekostet hat. Es ist belastend, zu sehen, daß unser Fremdenverkehr zuallererst von der kriminellen Geschäfstüchtigkeit des deutschen Kapitals (Atomindustrie, Giftindustrie, Genindustrie, Autoindustrie, Waffenindustrie etc.) lebt.

Wenn man weiß, daß der Stand der Entwicklung es ermöglichte, daß alle Menschen unserer Welt in Wohlstand und Sicherheit leben könnten, dann ist diese Diktatur der Reichen unerträglich!

Wir leiden unter dieser Demokratie (s. links), die ein Auswurf des kapitalistischen Staates ist. Wir leiden unter den politischen Parteien (s. oben), die Kreaturen des kapitalistischen Staates sind. Wir leiden unter den ausgerichteten Wahlen (siehe links oben), die Abhaltungen des kapitalistischen Staates sind.

Unser beschädigtes Leben. Familienmitglieder, die des Abends in Wohnzimmern herumhängen, leergehofft und leergewunschen, Flimmerbilder schlucken. Was wir tun, hat nichts mit uns selber zu tun, macht uns uns selber fremd und beherrschbar. Wenn wir arbeiten, erarbeiten wir unserere Leere. Zwanzigjährige, deren Augen schon nicht mehr leuchten, die ihre fahrengelassenen Hoffnungen in ihre Kinder hineindrücken. An Krawatten hängende kostümierte Frühleichen. Die Seuche Kapitalismus streckt uns alle vorzeitig nieder. Im Pendlerzug um dreiviertelsechs fahren tausend Wünsche mit, im Viertelnachsieben-Stau bleiben alle Aussichten stecken.

Die Geldwirtschaft ist kein Terrain für den Menschen. Die totale Deformation entwertet unser Leben wie eine Karambolage die in sie verkeilten Autos. Was viele meinen, daß ihnen bliebe, ist die Flucht in eine Lebens-Versicherung und eine Zusatzversicherung und eine Ablebensversicherung und eine Erlebensversicherung. Was viele meinen, daß ihnen bliebe, ist die Flucht in Religion, in Esoterik, in Kunst, in Rausch, in karitative oder ökologische Umtriebigkeit. Diese Massen-Ausreißerei ist eine klare Volksabstimmung gegen den Kapitalismus.

Hier ist jeder eine Wunde mit mehr oder weniger drum herum. Was quält den Menschen? Die Gaunereien des Herrn Proksch ärgern ihn ja nur, nachdem er Profil gelesen hat. Das ist schon der umgeleitete Schmerz. (Wenn einer ein Renommierauto will oder eine Video-Garnitur, ist das nicht seine Wunde, sondern sein Pflaster. Wer Millionen machen will, zeigt uns nicht seinen Weh, sondern seine heillose Reaktion darauf.)

Wir schlagen zurück. Aber, ach, auf uns selber! Wir wollen alles wettmachen — kaufen, spielen, fahren, genießen —, und vergrößern nur den Abstand zu uns selber. Was uns zu wünschen einfällt, ist solches, was sich andere von uns wünschen. Unsere Bedürfnisse sind eine Auswahl aus den uns vorgemachten Bedürfnissen. Ein großer Teil der Geschäfte kann mit uns nur gemacht werden, weil wir unglücklich sind. Der Frisör lebt davon, daß du wenigstens nicht wie ein unterdrücktes Wesen aussehen magst. Weil wir nicht heimisch werden in diesem System, leben ganze Industrien davon, uns kleine Glücke, Limara-Parfum-Deo und Eskimo-Cremissimo, anzudrehen.

Unter der kapitalistischen Durchorganisation dieser Gesellschaft verhungern unsere Ansprüche an das Leben, werden aber durch genau die Nutznießer dieser Durchorganisation ausnützbar bis aufs letzte. Unser Unglück — ihr Profit. Die wuchernde Glückspropaganda, happy könnten wir werden und spritzig, zeigt doch, wie unhappy und unspritzig wir sind. Jedes Paar graue Herrensocken kann uns mit einem weiblichen Lider-Klimpern aufgeschwatzt werden. Von der Werbung mißbrauchte Frauen machen die niedergemachten Männer mißbrauchbar bis zum letzten Knopf. So verloren ist ihre Lage.

Natürlich scheint auch die Sonne. Natürlich sind die Berge auch prachtvoll. Natürlich ist die Liebe auch besinnungslos schön. Aber nur trotz der kapitalistischen Diktatur. Nur trotz der kapitalistischen Diktatur. Trotz ihr.

Wir leben in Verhältnissen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, und nur darum dem totalen Konsum verfallen kann. Aus der fast krankhaften Aneignung tausender Dinge, die wir nicht brauchen, gellt der Schrei der gequälten Kreatur.

Könnten wir unser Leben als ein uns weniger entfremdetes einrichten, als eines, in dem es um die Ansprüche der vielen und nicht um die Erfordernisse der kapitalistischen Produktionsweise geht, dann könnten wir uns als Gesellschaft die sinnlose, Menschenkraft und Rohstoff verschleißende Herstellung unzählig vieler Waren und deren unbefriedigenden, meist schädlichen Verbrauch ersparen.

Wenn wir unsere kapitalistische Ordnung — den Arsch in die Luft — kopfüber durch die gegrätschten Beine anschauen, ist das ganze ja stimmig, paßt eins ins andre, wenn wir aber ohne vor den Verhältnissen ein Buckerl zu machen hinschauen, stehen sie kopf!

Das Quälendste am real existierenden Kapitalismus ist gewiß das: Nicht zu wissen, wie es zu ändern wäre! Dreiundsechzig von hundert Österreicherinnen und Österreichern, das sind hochgerechnet 4,7 Millionen, sind gelähmt von der Ohnmacht: „Ich bin ja nur ein kleines Rädchen im Getriebe und habe keinen Einfluß darauf, wie es mit dem Staat weitergeht.“ (Fessel-Umfrage 1989) Dieses Gefühl, das die Menschen unfrei macht, gefangen, ist auch ein Produkt der Medien, die uns den Wahnsinn Tag für Tag, Woche für Woche vorführen, so vorführen, daß kein Entrinnen möglich scheint. Die empfundene und vermittelte Machtlosigkeit führt zu einem Gefühl der Sinnlosigkeit, der Gleichgültigkeit, der Teilnahmslosigkeit, schließlich zu einer Abkehr von den Dingen, die unser Leben bestimmen. Die Ohnmacht, die breitarschig in uns sitzt, ist den Zuständen ihre Stütze — während sie uns auffrißt.

Wo Angst ist, ist noch Auflehnung. Wo Massenangst ist, ist Massenauflehnung. Daß dafür der Psychiater zuständig wäre und die Pillenindustrie, das hätten sie gern. In jedem Menschen bleibt seine Jugend aufbewahrt. In diesen Ängsten, meinen tausend, deinen tausend, arbeiten unsere getretenen Bedürfnisse, weisen auf den Freiheitsbedarf hin. Menschen ohne Angst gibt es im Kapitalismus nur auf den Friedhöfen.

Die Angst, so weh sie tut, und die Aggression dürfen wir uns von keinem der Gifte, die dafür bereitstehen, ersticken lassen. Ihre Gewalt müssen wir auf das lenken, was die Wurzel dieser immerfort wuchernden Angst und Aggression ist — die Herrschaft von Menschen über andere Menschen mittels des Besitzes —, um diese Wurzel zu zerstören. Man kann nicht Demokrat sein ohne daranzugehen, den Kapitalismus mit Putz und Stingel auszureißen und seinen Ordnungsstaat zu zerschlagen.

Die Geschichte des Leidens unter dem Kapitalismus ist erst zuende wenn der Kapitalismus zuende ist.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1991
Heft 15, Seite 5
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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