Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2005 » Heft 3-4/2005
Mary Kreutzer

Der Kampf gegen das Antivaterland

Faschismus in Chile vor 1945 — eine Rezension

„Im langen Schatten des Nationalsozialis­mus. Faschistische Bewegungen in Chile zwischen der Weltwirtschaftskrise und dem Ende des Zweiten Weltkrieges“ von Marcus Klein, erschienen 2004 im Vervuert Verlag.

Im April 1932, als die Weltwirtschaftskrise Chile bereits mit voller Wucht getroffen hatte, gründeten die beiden Deutsch-Chilenen Jorge Gonzales von Marees und Carlos Keller Rueff gemeinsam mit einigen jungen Chilenen der urbanen Mittelklasse die Nationalsozialistische Bewegung (MNS). Zwar konnte das auto­ritäre Regime des Musolini-Verehrers General Carlos Ibanez del Campo 1931 mit Hilfe sozi­aler Proteste aus Amt und Land vertrieben werden, doch die po­litische und wirtschaftliche Krise verschlimmerte sich weiter und die Unzufrieden­heit mit den traditionellen Parteien (Liberale, Kon­servative und Radikale) bereitete den Dünger für neue faschistische Gruppierungen, die für „Recht und Ordnung im allgemeinen Chaos“ eintraten: die MNS, die Republikanische Miliz (MR), die Sozial-Nationalistische Legion (LSN), die Natio­nalistische Aktion Chiles (ANCH) und der Kern Wiederaufbau (NR). Die „Nacistas“ der MNS traten in den ersten Jahren ihres Bestehens offen für den Umsturz der Demokratie und die Schaffung einer neuen faschistischen Ordnung ein. Ihre Orientierung war streng antikommuni­stisch (ebenfalls jene der 1933 gegründe­ten Sozialistischen Partei), antiliberal und antikapitalistisch. Sie waren strikt nach dem Führerprinzip organisiert und mit einer paramilitärischen SA-Einheit, den Tropas Nacistas des Asalto (TNA), ausgestattet. Prominente Schlagwörter ihrer Propaganda waren u.a. die Stär­kung der „raza chilena“, die Befreiung vom „nordamerikanischen Joch“ und der Kampf gegen das „parasitäre Kapital“ — verpackt in reli­giös verbrämter Gewalt-Opfer-Märtyrer-Rethorik. Ihr misslungener Versuch Anfang 1933 nach deutschem Vorbild mittels einer antisemitischen Hetzkampagne ihre schwindende AnhängerIn­nenschaft zu halten bzw. zu erweitern gipfelte in diversen Verschwörungstheorien. „Jüdische Zahn­ärzte siedeln sich in Chile an!“ und vertrieben in einer geplanten Aktion die wahrhaft chilenische Ärzteschaft, titelte am 17. August 1933 Trabajo, das Parteiorgan der Nacistas. In den folgenden Jahren mehrten sich von den Nacistas provozierte blutige Konfrontationen mit den Sozialistischen Verteidigungsbrigaden, bei denen die Faschisten versuchten, ihr Profil zu schärfen.

Marcus Klein schildert weiters eindrucksvoll, wissenschaftlich und nüchtern das Verhältnis der Nacistas zu den deutschen Nazis im Land und die ideologische Begründung, mit der sich die MNS Ende der 30er Jahre der Linken zuwandte und dort in Querfront mit der Unión Socialista und anderen Fraktionen integriert wurde. Er beschreibt den misslungenen Putschversuch der Faschisten am 5. September 1938 und wie dieser die einzige Volksfront-Regierung außerhalb Europas zu dieser Zeit ungewollt ermöglichte: Die gewaltige Repression, mit der Präsident Alessandri den Putsch niederschmettern ließ — so wur­den 57 Männer kurz nachdem sie sich ergeben hatten exekutiert — verhalf dem Kan­didaten der Volksfront Ende 1938 die Präsident­schaftswahlen knapp zu gewinnen. Einen der An­führer des fehlgeschlagenen Putsches, den Führer der faschistischen Jugend Oscar Jiménez Pinochet, treffen wir 1970-1973 wieder: diesmal als Mini­ster unter Präsident Allende.

1939 benannte sich die MNS im Zuge ihres Sei­tenwechsels in Vanguardia Populár Socialista (VPS) und machte Platz für neue faschistische Organisa­tionen: die Nationalfaschistische Partei und die Nationalistische Bewegung Chiles (MNCH). We­der ihnen noch der 1942 zu ihren ursprünglichen faschistischen Wurzeln zurückgekehrten VPS (vormals MNS), die sich nun Natio­nalistische Union nannte, gelang es eine minimale Anhängerschaft im „Kampf gegen das Antivaterland“ (aus einem Flugblatt der MNCH: „Despierta Chile!“) zu gewinnen bzw. als politische Akteure in Chile Relevanz zu erringen. Neuerlich griff man zum Mittel von po­litischer Gewalt und antisemitischer Hetze, die bis hin zum Angriff auf jüdische Institutionen und de­ren Personal in Santiago gingen.

Wieso Allende Faschisten als Minister seiner Regierung duldete, welche Beziehung bzw. Diffe­renzen er mit seinem Halbbruder, dem Faschisten Tomás Allende, (siehe Interview mit Víctor Farías) hatte, welcher kein einziges Mal im Buch erwähnt wird, bleibt somit leider auch im letzten Kaptitel, über den chilenischen Faschismus nach 1945, unbeantwortet. Dies ist auch die Schwäche des Buches von Marcus Klein: der unterlassene Ver­such, die Gemeinsamkeiten zwischen Faschisten und Linken (Nationalismus, Antiimperialismus, Antisemitismus, Homophobie, usw.), deren jeweilige Anknüpfungspunkte, als solche zu benennen und zu thematisieren.

Auf, auf, Chilene!
Vorwärts, kriegstüchtige Chilenen,
Mit Kraft und Enthusiasmus, auf, auf.
Um das gesamte gestärkte
Chile zu vereinen
In einem einzigen Hirn und Herz.
Damit der brüderliche Klassenkampf
Nur mehr eine Erinnerung an gestern sei,
Verschmelzen wir am Amboss eines anderen Lebens
Die Söhne des Palastes und der Fabrik.
(Nacistische Hymne)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2005
Heft 3-4/2005, Seite 31
Autor/inn/en:

Mary Kreutzer:

Politikwissenschafterin und Publizistin, Trägerin des Eduard-Ploier-Radio-Preises der Österreichischen Volksbildung, des Concordia Publizistikpreises (Kategorie Menschenrechte), des European Award for Excellence in Journalism, des Elfriede-Grünberg Preises, von Juni 2000 bis 2006 Redaktionsmitglied von Context XXI.

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