FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1984 » No. 364/365
Ernst van Loen

Der Irrweg eines Essays

Am Pfingstdienstag 1983 hatte Friedrich Heer mit der ihm üblichen skandierenden, sich fast überschlagenden Stimme zu ungewohnter Stunde frühmorgens ins Mikrophon des ORF I gesprochen. Zufällig hatten wir eingeschaltet. Wir erkannten sogleich, daß er eines der heißesten Eisen der gerade ihrem Höhepunkt zueilenden atomaren Aufrüstungs-Debatte in Westeuropa und Deutschland im besonderen berührt hatte. Wir erbaten uns noch am gleichen Tag vom ORF eine Kopie in der Absicht, ihren Inhalt den Mitgliedern der „Österreichischen Suttner-Friedens-Gesellschaft, gegründet 1891“ als Sonderinformation mitzuteilen.

Zu diesem Zwecke brachten wir die vom Autor eigenhändig an der Maschine geschriebene und zum Teil nur schwer entzifferbare Ansprache in die entsprechende Form eines Artikels, ohne am Inhalt der Aussagen etwas zu ändern. So entstand der von uns mit Zwischenüberschriften versehene Aufsatz von Friedrich Heer über das Thema: „Amerika und Europa — Der notwendige Konflikt“. Mitte Juni verteilten wir ihn an unsere Mitglieder als argumentative Begründung unserer kritischen Einstellung zur aggressiv-imperialen Welthegemonie-Politik und -Strategie der Reagan-Administration.

Angesichts der sich vor allem in Deutschland immer mehr zuspitzende Diskussion um die Frage der amerikanischen Atomraketen-Aufstellung versuchten wir, den vom Autor zwar abgesegneten Aufsatz, den wir ihm mit der Bitte um Zustimmung in der vorliegenden Form übersandt hatten, dem Hamburger „Spiegel“ zur Veröffentlichung anzubieten. Das Wiener Büro leitete ihn an den Herausgeber Rudolf Augstein persönlich weiter. Da keine Antwort erfolgte, efuhren wir durch telefonische Rückfrage im Wiener Büro, die Redaktion habe von einem Nachdruck Abstand genommen, da ihr die Auffassungen des Autors bereits bekannt seien.

Daraufhin wandten wir uns an die Herausgeberin der Hamburger Wochenzeitschrift „Die Zeit“ mit der Bitte um Abdruck des Artikels. Marion Gräfin Dönhoff teilte uns am 28. Juni 1983 mit, sie „werde ihn mit Interesse studieren“, könne ihn jedoch nicht bringen, da er bereits „veröffentlich worden“ sei. Telefonische Rückrufe, der Artikel sei nur dem internen Kreis von Mitgliedern der Gesellschaft als Sonderinformation zur Kenntnis gebracht worden, halfen nichts.

Friedrich Heer:
Protest aus dem Grabe

Inzwischen war der Autor am 18. September seiner tödlichen, mit der Gelassenheit eines Großen getragenen Krankheit erlegen. Noch am gleichen Tage, da wir aus dem ORF die Nachricht erfuhren, sprachen wir in der Chefredaktion der Wiener „Presse“ vor, deren Kommentatorin Dr. Ilse Leitenberger gerade ihren Nachruf auf Friedrich Heer schrieb, wie wir erfuhren. Dennoch gelang es uns, sie zu sprechen und um den Abdruck des vorliegenden Aufsatzes zu bitten. Nachdem sie nur die Überschrift gelesen hatte, lehnte sie entrüstet ab, mit den Worten: „So etwas können wir nicht bringen. Ich kannte den Friedel seit mehr als 20 Jahren und weiß, daß er ein zutiefst kranker Mensch war, dessen Ansichten nicht ernst zu nehmen sind. Hat er je vor der Bedrohung durch die Russen gewarnt? Nein, nein, wir können ihn zu einem solchen Thema nicht sprechen lassen. Das widerspricht der Grundlinie unseres Blattes“.

Im Herbst waren wir an einem Sonntagmorgen am Fernsehen Zeuge der Verleihung des „Friedenspreises des deutschen Buchhandels“ an Manes Sperber und seiner Aufsehen erregenden Rede in der Frankfurter Paulskirche, in der er der europäischen, insbesondere deutschen Friedensbewegung die Absage an die atomare Aufrüstungsforderung der Reagan-Regierung vorwarf, diese als einen Akt „aggressiver Undankbarkeit“ gegenüber den USA brandmarkte und eine klare Option Deutschlands und Europas für die Ziele der globalen Pentagon—Strategie forderte.

Noch am gleichen Sonntag sandten wir den Artikel Friedrich Heers an die Chefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ in München, indem wir auf die provokative Rede von Manes Sperber verwiesen, auf die niemand mit einem moralischeren Anspruch zu antworten berechtigt sei‚ als der inzwischen verstorbene Friedrich Heer. Er würde noch „aus dern Grabe“ gegen die von Manes Sperber geäußerte Schlußfolgerung protestieren, so hatten wir in unserem spontanen Begleitbrief an die Münchener Redaktion geschrieben. Trotz viermaliger Telefonrückfrage erhielten wir bisher keine Antwort.

Wenn nunmehr post mortes endlich seine Mahnung erscheint, den unabwendbar auf uns zukommenden Konflikt-Dialog zwischen Europa und Amerika in umfassender Weise in Angriff zu nehmen, so ehrt dies das wahrscheinlich einzige FORVM, in dem heute die ungekürzte Veröffentlichung einer solchen Aufforderung möglich ist.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1984
No. 364/365, Seite 56
Autor/inn/en:

Ernst van Loen: Geboren 1911, gestorben 1996. Wissenschafter und Völkerrechtler, Mitarbeiter der INWO — Österreich, Herausgeber der Manuskripte von Johannes Kleinhappl.

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Beachten Sie auch:

  • Der notwendige Konflikt: Europa — Amerika
    In amerikanischen Kaufhäusern waren 1982 Kinderspiele zu kaufen, die War-Games, die Kriegs-Spiele der Großen imitierten. Da wurden also auf Karton-Karten Kriegsziele angegeben, die amerikanische (...)