Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 1996 - 2000 » Jahrgang 1999 » Heft 1/1999
Franz Schandl

Der Hai, der

Oder: Countdown der Modalverben

Was zu erwarten war, ist eingetreten. Mit großem Vorsprung hat Jörg Haider es geschafft. Erstmals ist die FPÖ in einem Bundesland zur stärksten politischen Kraft aufgestiegen. Der Sieg in Kärnten hätte deutlicher nicht ausfallen können. Nichts konnte ihn stoppen: kein Argument, kein Skandal, ja nicht einmal, als die ÖVP das altbekannte Gerücht verbreitete, der Fan des Normalen und Anständigen habe so seine schwulen Neigungen. Haider ist gegen solche Übergriffe immun. Dem Jörgl Haider schadet nicht, was anderen das Kreuz leicht bricht.

Haider ist im Spiel. Er wird aus diesem nicht herausfallen. Auch wenn SPÖ und ÖVP-Spitzen ihn unisono mit den führenden Journalisten zur persona non grata erklären, tatsächlich ist dem nicht so. Das ist ein Zerrbild, man höre, lese und sehe nur genau, und man sollte eigentlich langsam erkennen, wie viele Verfolger ihm stets folgen. „Haider-Wahl“ titelte am Donnerstag vor der Wahl das Zeitgeistmagazin News und sein formatierter Montag brachte schon zuvor auf den beiden vorletzten Seiten ein Eigeninserat mit dem Konterfei des F-Führers in Stellung. Diese Woche wird man die Schlagzeile schon in den Genitiv setzen. Haiders Wahl steht an.

Jörg Haider ist der wichtigste Politiker Österreichs. Seine Popularität ist ungebrochen. Nicht aber sein Elan. Die Laufzeit des Prototypen (nicht des Typus insgesamt!) ist nämlich eine temporal begrenzte. Haiders Schwäche ist somit die Zeit. Es pressiert. Schafft er es nicht in seiner Zeit, sich zu realisieren, dann ist er gescheitert. Was auf einer ganz banalen Ebene meint, daß man ihm die Anstrengung ansieht. Er ist ein in die Jahre gekommener Popstar, die Bräunung macht ihn nicht mehr flotter und jünger, sondern runzeliger und älter. Und jede Falte kostet Stimmen. Das ist bei Haider besonders wichtig, scheint er doch die Jugendlichkeit gepachtet zu haben. Nun wird er selbst ein Dauerfall für den Maskenbildner. Frisch, fesch, freiheitlich, wirkt ab und zu schon etwas angekratzt und abgestanden.

Der Hai, der er ist, hat kräftige Zähne noch. Aber keine Jacket-Krone hält ewig. Es geht also um das Timing. Der politische Aufstieg muß sich beschleunigen, sonst kommt ihm der persönliche Verfall zuvor. Auch wenn Haider sich beeilen muß, läuft die Zeit zur Zeit aber noch für ihn. Der mediale Countdown der Modalverben verändert sich ganz in seinem Sinne: Darf er?, fragten sie noch gestern. Soll er?, fragen sie heute. Muß er?, werden sie morgen fragen.

Nicht nach Partizipation schreit das Volk, sondern nach Führung. Haider erscheint da noch immer als der einzige, der im Gegensatz zu all den koalitionaren und oppositionellen Langeweilern ein verheißungsvolles Konzept anbietet. Das ist zwar nur Schein, aber der Trügerische trug ganz schön weit. Die Idiotifizierung von Politik und Wahlvolk feiert hierzulande einen Höhepunkt nach dem anderen. Und sie wird von allen bedient, von Haider allerdings mit Abstand am besten. Daß der Wähler immer recht hat, so einer der läufigsten wie dümmsten Gemeinplätze, ist jedenfalls ein Greuelmärchen sondergleichen.

Es mag eine pessimistische Prognose sein, aber aktuell ist keine Kraft in Sicht, die den Freiheitlichen das Wasser abgraben könnte. Weder in der Regierungskoalition, noch in der parlamentarischen Opposition, noch außerhalb. Das Repertoire der obligaten Anti-Haiderei hat sich endgültig erschöpft.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1999
Heft 1/1999, Seite 28
Autor/inn/en:

Franz Schandl:

Geboren 1960 in Eberweis/Niederösterreich. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien. Lebt dortselbst als Historiker und Publizist und verdient seine Brötchen als Journalist wider Willen. Redakteur der Zeitschrift Streifzüge. Diverse Veröffentlichungen, gem. mit Gerhard Schattauer Verfasser der Studie „Die Grünen in Österreich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft“, Wien 1996. Aktuell: Nikolaus Dimmel/Karl A. Immervoll/Franz Schandl (Hg.), „Sinnvoll tätig sein, Wirkungen eines Grundeinkommens“, Wien 2019.

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