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Franz Schandl

Der gleichgeschaltete Gleichschalter

Die reine Arithmetik hat ihre Tücken. Dass Alexander Van der Bellen verliert, gilt als ausgeschlossen. Es kann aber auch sein, dass man verliert, obwohl man gewinnt. Die Marke, die für ihn zu überspringen ist, um wirklich als Sieger zu gelten, liegt erheblich höher als 2016, als er nur knapp sich gegen den damaligen FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer durchsetzen konnte. Sollte es tatsächlich zu einem zweiten Wahlgang kommen, wäre das allerdings eine krachende Niederlage für das gesamte Establishment der Republik. Schließlich ist Van der Bellen de facto der Einheitskandidat von Grünen und Neos, SPÖ und ÖVP. Als liberale Gesamtkomposition fungiert er auch in diesem Wahlkampf, der freilich nie so richtig Fahrt aufgenommen hat. Die FPÖ greift ihn daher auch gezielt als „Systemkandidaten“ an. Sollte es deren Herausforderer Walter Rosenkranz gelingen, den Amtsinhaber in eine Stichwahl zu zwingen, dann hat jener schon gewonnen, auch wenn er diese mit ziemlicher Sicherheit verliert.

Es ist jedenfalls nicht auszuschließen, dass der amtierende Präsident sowohl Stimmen auf der Linken als auch in der Mitte und auch auf der Rechten verliert. Der Amtsbonus wird kaum greifen, auf jeden Fall weniger als bei seinen Vorgängern. Es stellt sich bloß die Frage, wie viele und weiters, ob diese Voten in die Wahlenthaltung abfließen oder den Gegenkandidaten zufließen. Diese, ausschließlich Männer, sind Zählkandidaten, sieht man von Rosenkranz ab. Der Pegel der Obskuranz steigt übrigens von Wahl zu Wahl.

Dass Alexander Van der Bellen ausgleichend wirkt, ist eine politisch und medial verbreitete Legende. Was den Ukraine-Krieg betrifft, ist Van der Bellen nicht nur auf Linie, sondern durchaus ein forscher Linienrichter. Denn Putin „will nicht nur die Ukraine sondern uns in die Knie zwingen“, „die Auseinandersetzung zwischen Despotie und Freiheit hat erst begonnen“, sagte er in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. Was heißt das nun? Dreißig Jahre Krieg zwischen den Guten und Bösen, oder länger? Schließlich warnt er noch davor, keine billigen Lösungen mit Putin zu suchen. Doch die teuren Nichtlösungen zahlen aktuell nicht bloß die direkten Opfer dieses Krieges, sondern indirekt auch die europäischen Bevölkerungen. An den Energierechnungen können sie es bereits ablesen. Auf die Frage, was er jungen Menschen rate, die besonders unter der Teuerung leiden, antwortete er tatsächlich: „Zähne zusammenbeißen, es wird schon irgendwie gehen“.

Schon 1998, angesichts westlicher Militäreinsatze in Ex-Jugoslawien, behauptete der damalige Vorsitzende der Grünen stolz von sich: „Ich habe übrigens noch nie ein schlechtes Wort über die NATO gesagt“. Dazu muss man freilich auch sagen, dass er nie seine Meinung gewechselt hat. Er kam erst 1995 als Quereinsteiger über ein Nationalratsmandat in die Politik. Erst im zarten Alter von 51 stieß Van der Bellen zur Ökopartei. In einer aktuellen Selbstbezeichnung bekennt er sich inzwischen zu einem „Liberalismus angelsächsischer Prägung“. Wahrlich, der Mann ist mittlerweile ein reines Destillat westlicher Selbstbeschreibungen. Dass er und seinesgleichen möglicherweise ein Teil der globalen Verheerung sind, will ihm nicht eine Sekunde kommen. Derlei ist denkunmöglich. Wir hier sind die Guten. Angekränkelt von irgendwelchen Zweifeln ist seine Haltung aber auch schon gar nicht. Gegen Van der Bellen erscheint etwa der deutsche Kanzler Scholz als geradezu kritischer und sensibler Geist.

Originell ist da gar nichts. Das Weltbild des Alexander Van der Bellen ist einfach gestrickt. Seit Beginn der Pandemie agiert er als gleichgeschalteter Gleichschalter. Der salbadernde Mann in der Hofburg ist Referent und Reverend der stets angebeteten Werte. Er präsentiert sich als das, was er ist: die lösungsfreie Ansprache des Nichts. Jede Rede Gerede. Krisen werden nicht diskutiert, nicht reflektiert, sie werden ausschließlich moralisch moderiert. In letzter Zeit ist er ganz innig mit seinem nunmehr bekanntesten Unterstützer , der größten steirischen Eiche aus Kalifornien. Mit dem Privatvielflieger in Sachen Eigen-PR, Arnold Schwarzenegger, jettet und chattet er für das Klima. Mit dem Terminator rettet er das Thermometer. Sascha und Arnie sind ein Herz und eine Welle. Da fröstelt es nicht nur die Erderwärmung.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2022
Autor/inn/en:

Franz Schandl:

Geboren 1960 in Eberweis/Niederösterreich. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien. Lebt dortselbst als Historiker und Publizist und verdient seine Brötchen als Journalist wider Willen. Redakteur der Zeitschrift Streifzüge. Diverse Veröffentlichungen, gem. mit Gerhard Schattauer Verfasser der Studie „Die Grünen in Österreich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft“, Wien 1996. Aktuell: Nikolaus Dimmel/Karl A. Immervoll/Franz Schandl (Hg.), „Sinnvoll tätig sein, Wirkungen eines Grundeinkommens“, Wien 2019.

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