Zeitschriften » Wurzelwerk » Jahrgang 1984 » Wurzelwerk 28
Horst Stowasser

Der frühe Anarchismus — Von der Philosophie zur Arbeiterbewegung

P. J. Proudhon (l) und M. Bakunin

Bei einer Idee wie dem Anarchismus, dessen einfacher, grundlegender Gedanke die Herrschaftsfreiheit ist, kann es nicht verwundern, wenn seine Ursprünge und Wurzeln im Dunkeln liegen. Seit Anbeginn der Menschheit gibt es die Idee, den Traum von Herrschaftsfreiheit — sei es im begrenzten Bereich des eigenen Lebens, sei es als umfassende Gesellschaftstheorie und -Praxis. In allen Kulturen aller Zeiten finden wir Hinweise und Vorläufer dessen, was wir heute Anarchismus nennen; überliefert sind davon freilich nur die in schriftlicher Form fixierten Ideen und nicht die praktischen Experimente und Lebensformen. So war das, was bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts an anarchistischen Ideen bekannt war in erster Linie Ideengeschichte — Philosophie.

Daß wir überhaupt ein Grundlagenwissen über die anarchistische Frühgeschichte haben, verdanken wir vorallem dem österreichischen Anarchisten Max Nettlau (*1865 in Neuwaldegg), der sein Leben der historischen Ausforschung seiner Weltanschauung gewidmet hat. Von seinen unzähligen eng beschriebenen Manuskripten, die der Fleißarbeiter Nettlau dem Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam hinterließ, sind zwar bisher erst 3 Bände nebst einem Register erschienen (Geschichte der Anarchie, Topos Verlag, Liechtenstein; Bd. 4 in Vorbereitung), aber seiner akribischen Wühlarbeit werden wir in Zukunft sicher noch so manche historische Überraschung zu verdanken haben.

Zu den philosophischen Vorläufern in jüngerer Zeit gehört William Godwin, der 1793 in England den ersten abgeschlossenen Entwurf einer anarchistischen Philosophie vorlegte. Ihr Titel: „An Enquiry concerning political Justice and its Influence on General Virtue and Happiness“. Mit dieser Untersuchung wurde zum erstenmal das Terrain der reinen „Utopien“ verlassen — die Form, in der vorhergehende Autoren ihre Entwürfe von freiheitlichen Gesellschaften kleiden mußten, um sie überhaupt ungestraft veröffentlichen zu können — immerhin erschien das erste deutsche Druckwerk das man als anarchistisch bezeichnen kann bereits 1704: die Übersetzung der „Südlandreise“, einer Utopie von Jacques Sadeur, der das Leben der „Australen“ schildert, die ohne Staat und Gesetz bei Kollektiveigentum in friedlichem Zustand miteinander leben. Aber genau wie die Utopisten hatte auch das Werk Godwins keinen Einfluß auf das tatsächliche Leben; es sorgte allenfalls in Kreisen der zeitgenössischen „Intelligenz“ für lebhafte Diskussionen — vornehmlich in den Salons.
Nicht besser erging es dem französischen Arzt Ernest Cœurderoy, der in der Zeit um die 1848er Revolution völlig isoliert seine interessanten anarchistischen Gedanken entwickelte.

Aus diesem Dornröschenschlaf wurde der Anarchismus erst durch die sich organisierende Arbeiterbewegung geweckt, in der libertäre Ideen von Anfang an eine prägende Rolle gespielt haben. Bis zur Niederwerfung der spanischen Revolution und der in der nachfolgenden Zeit internationalen Vorherrschaft reformistisch-sozialdemokratischer Ideen in der Arbeiterschaft muß man geradezu von zwei Komponenten in der internationalen Arbeiterbewegung sprechen: von einer autoritären, marxistischen und einer antiautoritär-anarchistischen. Letztere war in vielen Ländern, insbesondere den romanischen, traditionsgemäß die stärkere Komponente, die sich auch lange Zeit erfolgreich gegen die Bürokratie- und Reformismustendenz des Marxismus durchsetzen konnte.

Die sich hauptsächlich von Frankreich aus formierende junge Arbeiterbewegung stand hier vor allem unter dem Einfluß von Pierre Joseph Proudhon. Proudhon war auch der erste, der konsequent den Begriff „Anarchismus“ prägte und einführte. Seine Abhandlung über das Eigentum gehört zu den Klassikern des Anarchismus. Er versuchte auch, praktische Ansätze für libertäre Lebensformen aufzubauen; sowohl durch die Gründung einer Genossenchaftsbank für „alternative“ Projekte als auch im französischen Parlament, in das er gewählt wurde, von dem er sich aber später entschieden abwandte. Seine radikale Politik und die Ablehnung von Staat und Parteien zur Befreiung der Arbeiterklasse brachten ihn bald in scharfen Gegensatz zum jungen Karl Marx, mit dem eine scharfe Polemik entbrannte, die die grundlegenden Gegensätze zwischen Marxismus und Anarchismus schon damals eindrücklich festschrieb.

Ein weiterer prägender Impuls ging von Michail Bakunin aus, einem russischen Revolutionär. Zeitlebens war er ein aktiver Kämpfer; seine wenigen aber überaus wichtigen schriftlichen Werke wurden fast alle auf der Flucht oder im Kerker geschrieben. Dieser „Dämon der Revolte“’, wie ihn ein Zeitgenosse nannte, hetzte von Aufstand zu Aufstand, wurde zum Tode verurteilt, floh aus sibirischer Verbannung und organisierte zahlreiche internationale geheime Bruderschaften und Zirkel. Er vertrat einen kollektivistischen Anarchismus auf der Grundlage der Arbeiterbewegung und plädierte für Gewerkschaften, deren Aufgabe es nicht (nur) sein sollte, innerhalb des Systems für Lohnerhöhungen einzutreten und in die Parlamente zu gehen, sondern sich als Träger einer sozialen Revolution verstehen sollten. Sein Einfluß auf die Arbeiterbewegung in Spanien und Italien, in den slawischen Ländern aber auch in der Schweiz und Belgien, war enorm.

In der Ersten Internationale, in der Marxisten und Anarchisten etwa gleichstarke Blöcke bildeten, kam es zu immer stärkeren Zerwürfnissen. Marx, Engels und Lasalle traten für Reformismus und Wahlbeteiligung ein und diffamierten jeden Versuch, in der Internationalen revolutionäre Ziele zu verwirklichen. Die Marxisten besaßen indes den bürokratischen Apparat der Internationalen und nutzen ihn: ein wahres Netz von Intrigen und Verleumdungen gegen die anarchistische Arbeiterbewegung wurde vom Londoner Zentralbüro aus in Gang gesetzt, so daß sich die Anarchisten schließlich 1872 aus der Internationalen zurückzogen und in St. Imier (Schweiz) ihre eigene Internationale gründeten. Die geschwächte verbleibende marxistisch beeinflußte Internationale verlegte später ihren Sitz nach New York und löste sich schließlich auf. Der Kongreß von St. Imier wird als Beginn einer eigenständigen politischen anarchistischen Bewegung angesehen und legte die Grundlagen für eine revolutionäre Gewerkschaftspraxis, die später in etlichen Ländern wie Spanien, der Ukraine oder Argentinien interessante Früchte tragen sollte: erste Verwirklichungen anarchistischer Gesellschaften in großem Stil.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1984
Wurzelwerk 28, Seite 30
Autor/inn/en:

Horst Stowasser:

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