Zeitschriften » FŒHN » Heft 17
Markus Wilhelm

Der Filz

Die Regierung, die den Geldstaat verwaltet, hat in den Medien ihre festeste Stütze. Und sie dankt es ihr millionenfach.
Als sich die Parlamentsparteien am 2. Juli 1975 ein großzügiges Parteienfinanzierungsgesetz gaben, haben sie am selben Tag, um auch die ihren zu bedienen, der Presse ein großzügiges Presseförderungsgesetz gegeben. Könnte das fruchtbare Zusammenspiel sich deutlicher zeigen? Das mit Demokratie, das lassen wir im folgenden einmal schön beiseite. Oder hast du vielleicht entschieden, daß Kronenzeitung und Kurier mit Hunderten Millionen Steuerschillingen gestopft werden?

Der Reihe nach: Zu den 63 Millionen, die die Tages- und Wochenzeitungen z.B. 1990 nach dem Presseförderungsgesetz kassiert haben, gab‘s in diesem großen Wahljahr noch eine sogenannte ‚besondere Presseförderung‘ und noch eine sogenannte ‚einmalige Presseförderung‘ in der Höhe von 200 Millionen Schilling. Einfach per Ministerratsbeschluß und durch Budgetüberschreitung. Ja, die Zeitungen sind eben viel wert. Natürlich haben die Parteizeitungen dabei am meisten abgeräumt. Aber auch für den Standard z.B. gab‘s zusätzliche 17,1 Millionen und der Presse wurden zusätzliche 32,6 Millionen zuteil. Weil genug nicht genug ist, haben die Zeitungskonzerne angefangen, nach der staatlichen Investitionsförderung zu greifen. Der Milliardär Kurt Falk ergatterte auf diese Weise 200 Millionen S für ein neues Druckzentrum. Die Kurier-Krone-Gesellschaft hat sich 120 Millionen S unter dem selben Titel herausgerissen, denen von der Stadt Wien noch 60 Millionen zugeschlagen wurden. Günstlingswirtschaft sag ich nicht, das wäre eine Verharmlosung. Die Regierung unterstützt mit unserem Geld auch massiv jene Medien, hinter denen deutsches Kapital steckt. Daß bei dieser Fütterung die sonntags und feiertags ausgehängten Zeitungen, die die Regierung zum Regieren unbedingt braucht, von uns schon bezahlt sind, davon kann man ausgehen. Wir Zeitungskäufer bezahlen nicht nur, wie uns vorgerechnet wird, ein Viertel des wirklichen Zeitungspreises, sondern über Werbe-Anzeigen und staatliche Presseförderung mindestens fünf Viertel. Dem Beispiel der ganz Großen folgend, haben jetzt auch die Bundesländerzeitungen Anträge um Investitionszuschüsse eingebracht: Die Kleine Zeitung hätte gerne 166 Millionen Schilling dazu vom Staat, die Salzburger Nachrichten möchten 163 Millionen, die Vorarlberger Nachrichten 126 Millionen, die Oberösterreichischen Nachrichten wünschen sich 115 Millionen und die Tiroler Tageszeitung will vorerst 94 Millionen. Da können viele Leute viel arbeiten, bis das steuerngezahlt ist. Die Zustands-Verwaltung Vranitzky subventioniert unseren Dauer-Beschiß so hoch wie keine Regierung vor ihr. Vielleicht hat sie es so nötig wie noch keine vor ihr.
Die nächste Auffettung wird unter dem Titel ‚Erhalt der Medienvielfalt‘ kommen. Sind viele Zeitungen mit verschieden gut gedruckte Vranitzky-Fotos schon Vielfalt?

Zum staatlichen Zucker kommen die Gaben der Landesregierungen und Gemeinderäte. So verteilte 1990 allein die Stadt Graz 60 Millionen unter ihre Getreuen (Krone, Kurier, Kleine Zeitung). Wie die Zeitungsherren, Zeitungsherr Moser in Innsbruck z.B., von den Bürgermeistern mit Grundstücken versorgt wurden und werden, darüber wollen wir gar nicht anfangen. Ein anderes noch: Durch unsere satten Posttarife ermöglichen wir, daß die großen Medienunternehmer sich 2,4 Milliarden Schilling ersparen. Laut Untersuchung der Post ergibt sich aus dem lächerlich niedrigen ‚Zeitungsbeförderungstarif‘ solch ein Defizit. Auch nix gelesen darüber in den Zeitungen?

„’s Geld will’s gern finschter“ (Altes Tiroler Sprichwort)

Von Journalistenbestechung anfangen zu reden, würde bedeuten, das Obige zu verharmlosen. Gewiß, der ÖVP-Abgeordnete Helbich hat, alle Welt weiß es, vor Jahren einem Kronenzeitung-Journalisten 100.000 Schilling im Kuvert angeboten (Kurier, 24.11.91). Wir wissen es aber nur deshalb, weil er diese 100.000 Schilling nicht angenommen hat. Der Amtsdirektor von St. Veit (Kärnten), sagte auf den Vorhalt, er habe einen Journalisten mit 20.000 S kaufen wollen: ‚Tun denn das nicht alle?‘ (AZ, 29.3.86) Die FPÖ unter Steger hat ein eigenes Konto, das ‚Konto Verfügungsmittel‘ eingerichtet, das sie auch den ‚Reptilien-Fonds‘ nennt, eine Bezeichnung, die der deutsche Reichskanzler Bismarck für seine Mittel zur Bestechung von Journalisten seinerzeit eingeführt hat. Aus diesem FPÖ-Topf sollen zwischen 1983 und 1986 ‚mehr als 600.000 Schilling an willfährige Journalisten geflossen sein‘ (Profil, 14.8.89). ‚Gewisse Journalisten‘, sagt Steger, seien mit unterschiedlich hohen Geldbeträgen für ‚gewisse Leistungen‘ ‚honoriert worden‘ (Profil, 20.2.89). Entrüstung spielten die übrigen Parteien in diesem Falle wohlweislich nicht.
Landeshauptmann Partl zum Beispiel leistet sich in der Illustrierten Tirolerin (Tirolerin, Dez.91/Jan.92) drei Farb-Seiten mit scheinredaktionellem Jubelartikel (‘Partl rettet Tirol vor drohender Transitlawine.‘), wobei es schon keine Rolle spielt, ob das Geld dazu aus der ÖVP-Kassa oder der Landeskassa genommen worden ist. Zu Zeiten seines Vorgängers hatte ein P.R.-Mann die Idee, den Betonfreund Wallnöfer in der deutschen Busenzeitung Quick ausgerechnet als ‚Der Mann, der für ein Paradies kämpft‘ auszurufen. Für die garantierte Abnahme von 20.000 Quick-Exemplaren durch die Tiroler ÖVP zu einem Sonderpreis, war auch das möglich (Tiroler Perspektiven 2/90).

Als nach dem ersten Weltkriege auf einem Journalistenbankett in New York Trinksprüche auf die ‚unabhängige Presse‘ ausgebracht wurden, erhielt John Swinton (Chefredakteur der >New York Tribune<) von seinen Kollegen den Auftrag, zu antworten. Er sagte: ‚Hier in Amerika gibt es so etwas wie eine unabhängige Presse nicht, wenn man von einigen Provinzstädten absieht. Sie wissen das ebensogut wie ich. Unter Ihnen ist kein einziger, der sich erkühnen wurde, ehrlich das zu schreiben was er meint, denn Sie wissen es im voraus, es wird niemals gedruckt werden und erscheinen. Ich erhalte 150 Dollar in der Woche dafür, daß ich der Zeitung, die ich redigiere, meine ehrliche Meinung vorenthalte. Viele unter Ihnen erhalten den gleichen Lohn damit sie das gleiche tun. Wenn ich gestatten würde, in meiner Zeitung ehrliche Ansichten zu drucken, so würde ich ... binnen 24 Stunden hinausfliegen. Aufgabe der New Yorker Journalisten ist es, die Wahrheit zu zerstören, schamlos zu 1ügen, Tatsachen zu enstellen, zu verleumden, vor dem Gott Mammon im Staube zu kriechen, sich selber, sein Volk und sein Land für das tägliche Brot zu verkaufen. Welche Narrheit, auf eine unabhängige Presse zu toasten! Wir sind Werkzeuge und Vasallen der Reichen, die hinter der Szene stehen. Wir sind Marionetten. Sie ziehen an der Schnur, und wir tanzen. Unsere Zeit, unsere Talente, unser Leben, unsere Ansichten, alles gehört anderen Leutern, wir sind Prostituierte des Geistes. ‚

aus: Die Zeitungen, Gotha (1925)
Kurier, 16.1.92

Wer zählt das zusammen, was sich die diversen Ministerien über ausbezahlte Anzeigen eine freundliche Berichterstattung kosten lassen? Welchen anderen Zweck denn hat das Ausgeben von Inseratenrunden durch Verkehrsminister, Verteidigungsminister, Landwirtschaftsminister, Frauenministerin, usw.! Wer nicht hat bemerkt, wie die kritischere Berichterstattung über die Arbeiterkammern vom Tisch war, als in den Zeitungen die Anzeigenserie ‚besser mit AK‘ gestartet wurde. Die Stadtgemeinde St. Pölten hat der kurzlebigen Tageszeitung ‚Guten Tag Niederösterreich‘ mit einstimmigem Gemeinderatsbeschluß pauschal (blanko) eine Inseratenvorauszahlung von vier Millionen Schilling gewährt. (Salzburger Nachrichten, 13.11.90) Es läuft immer noch der Großversuch, wie lang die Menschen sich verarschen lassen.

Ein Filz ist ein Gewebe, das ohne Gewalt nicht mehr entworren werden kann. Was wir vor uns haben, ist ein Filz. Der ORF, der den Entscheidungen der Politiker über die Höhe der einzunehmenden Gebühren ausgesetzt ist, vermittelt uns diese Politiker. Sie, deren Existenz mit der Berichterstattung des Fernsehens steht und fällt, bestimmen über den Umfang der ORF-Werbezeiten. Die Presse, deren Profit von den politischen Rahmenbedingungen abhängt, ist es, die die Politiker uns darstellt. Die Regierung, die auf Gedeih und Verderb der Unterstützung durch die Zeitungen ausgeliefert ist, hat über die Subventionen an diese zu beschließen. (Wie entscheiden Politiker, wenn Zeitungen Verkaufstaschen aushängen wollen? Wenn sie Werbeständer vor den Kiosks aufbauen wollen? Bunte Kurier- und Krone-Kisten für die Belieferung der Verschleißer auf die Gehsteige klotzen?) Wovon reden wir denn? Der Anwalt des österreichischen Medienkaisers Falk ist der ÖVP-Spitzenpolitiker Graff. Oder ist es umgekehrt? Wessen Anwalt wird Graff im parlamentarischen Justizsausschuß sein, dessen Vorsitzender er ist?

‚Von gewitzten Politikern werden subtilere Methoden der Einflußnahme angewendet. Das gehört zum Kapitel Korruption durch Information‘, weiß Kurt Vorhofer von der Kleinen Zeitung, Leiter ihrer Wiener Redaktion. ‚Manche haben offenbar eigene Stammschreiber und -schreiberinnen in den Redaktionen. Das geht dann so: Der Politiker gibt Informationen aus vertraulichen Sitzungen weiter und er wird dafür dann gehätschelt.‘ (Kleine Zeitung, 14.3.91) Wenn ein Minister wohin jettet, kommen seine getreuesten Redakteure mit. Der Bundeskanzler hat eine ganze Packung Journalisten auf Staatskosten mitgenommen, aus jeder Zeitung einen, als ihm am 10. Oktober des Vorjahres ein Fototermin bei George Bush gewährt worden ist. Und sie konnten sich des Honigstreichens in der Folge nicht genug tun.
Hier könnte man von den sichtbaren Zeichen der Freundschaft zwischen Politikern und ihren Journalisten reden, den kleinen und großen Verdienstzeichen, den silbernen und goldenen Ehrenzeichen, die erstere an letztere so gern geben. Dann wäre auch von den Preisen zu reden, die die Journalisten haben, weil sie ihnen die Politiker zahlen: Der Verteidigungsminister belohnt mit einer Prämie, die ‚Staatspreis für publizistische Leistungen im Interesse der Landesverteidigung‘ heißt, der Unterrichtsminister gibt an den Besten seines Faches den ‚Staatspreis für Kulturpublizistik‘, der Verkehrsminister honoriert den Journalisten seiner Wahl mit dem ‚Verkehrssicherheitspreis‘, der Wissenschaftsminister hält für entsprechende Leistungen Geld, das ‚Staatspreis für Wissenschaftspublizistik‘ heißt, bereit usw.
Eine hübsche Klüngelei sei noch angeführt: Das Land Tirol besitzt mit der Landesjagd Pitztal eine sogenannte Repräsentationsjagd etwa für eingeflogene deutsche Minister und Ministerpräsidenten. Weil sich der reaktionäre Redakteur Schöffthaler vom Blickpunkt laut Partl besonders ‚verdient gemacht hat‘, bekam er jüngst einen Freischuss auf eine Steingeiß (Kurier, 21.3.91).
Ist nach all dem noch ein Funken Überraschung darin, daß die Medien tagaus tagein Werbung für diese Art der Parteien, für diese Form der Demokratie, für diesen Zirkus mit dem Wählen machen? Wundert‘s umgekehrt, daß dafür bis heute kein Tiroler Politiker (für Leser mit mehr Dioptrien: kein Politiker) ein Wort (ein Wort) herausgebracht hat zum zum Einkauf des deutschen Springer-Konzerns bei der Tiroler Tageszeitung, sowie in all den Jahren nie einer von ihnen öffentlich zu einer Ablehnung des wüsten Antisemitismus in der TT imstande war? (Wie Journalisten der politischen Reaktion glattweg in die Hände arbeiten, muß am Beispiel, wie Haider gemacht wurde, einmal gesondert dargelegt werden.)

Aus der Praxis

Die Presse ist nicht wesentlich korrupter als das übrige Geldsystem. Sie ist auch nicht weniger verkommen. Wir haben die Herren der Industrie bereits die gute Zusammenarbeit mit den Zeitungen loben gehört. Nocheinmal, mit anderen Worten: ‚Der Tiroler Industrie-Pressedienst ‚TIP‘ ist auch im vergangenen Jahr seinem Ruf einer seriösen Informationsquelle im Bereich der Wirtschaft gerecht geworden. Die über den TIP an die Redaktionen weitergegebenen Meldungen wurden von den lokalen und regionalen Medien gern und mit hoher Regelmäßigkeit aufgenommen.‘ (VÖI Tirol, Jahresbericht 1989) Das mit der ‚seriösen Informationsquelle‘ kann ich nicht bestätigen, das mit der ‚hohen Regelmäßigkeit‘ hingegen schon. Aber gehen wir von den Hintermännern wieder zu den von ihnen auf Vordermann gebrachten Politikern. Es geschieht täglich fünfmal am Vormittag und fünfmal am Nachmittag: Die Parteipressedienste melden sich mit einem Schas zu einem früheren Schas bei den Zeitungen, mit fertiggeschrieben Artikeln. Meinetwegen ein Landtagsabgeordneter der ÖVP muß einem SPÖ-Politiker entgegnen. Ein willkürlich gewähltes Beispiel vom 5. Mai vorigen Jahres. Am 6. Mai finden sich in den beiden Tiroler Tageszeitungen diese ÖVP-Artikel. Im Kurier geht er so los: ‚Zwischen Bauern und Wirtschaft hat es vor dem letzten Parteitag der ÖVP ...‘. In der TT fängt er so an: ‚Zwischen Bauern und Wirtschaft hat es vor dem letzten Parteitag der ÖVP ...‘. Während der erste Absatz in der TT endet mit: ‚... stellte gestern Bauernbundobmann Anton Steixner fest‘, hört er im Kurier so auf: ‚... stellte gestern Bauernbundobmann Anton Steixner fest‘. Alles wortwörtlich, 1:1, zweiter Absatz desgleichen: Von ‚Über die sogenannte ...‘ (TT) bzw. ‚Über die sogenannte ...‘ (Kurier) bis zu ‚... betonte Steixner‘ (Kurier) bzw. ‚... betonte Steixner‘ (TT). Alles Bluff.

Die Spaltenbreite bei den Zeitungen ist halt ziemlich unterschiedlich
Blickpunkt, 30.7.91; Osttiroler Bote, 1.8.91; Oberl. Rundschau, 30.7.91

In einem Konzept ‚Informations- und Pressedienst in der ÖVP Landesparteileitung Tirol‘ von 1991 (Vermerk: ‚Streng geheim — nur für den Chef‘) lesen wir zum Thema Parteipressekonferenzen: ‚Auch ergeben sich dabei die oft äußerst notwendigen Kontakte zwischen Politikern und Journalisten, die durch private gesellige Zusammenkünfte vertieft gehören. (Journalisten möchten auch gehätschelt werden!)‘ Wie sollte da in den Zeitungen etwas Wahres stehen? Außer aus Versehen. Außer, daß der Landeshauptmann wirklich am Donnerstag und nicht am Mittwoch oder am Freitag das oder jenes von sich gegeben hat.
Die Journalisten sehen nur, was sie zu sehen haben, und schreiben nur, was sie zu schreiben haben. Es ist schwer vorstellbar, daß es in der DDR gehorsamere Knechte gegeben hat. Die Zeitungen kriegen‘s von allen Seiten, auch vom Landespressedienst, der landhauseigenen Propagandamaschine. Es geht dabei nicht nur darum, was (auf solche Art) alles in der Zeitung steht, sondern auch darum, was (auf solche Art) nie drinnen steht.

Wenn Journalisten Politikern zu Leibe rücken, dann meist, um eine Körperöffnung ausfindig zu machen. Was wir täglich auf den Tisch bekommen, ist das zwangsläufig entsetzliche Ergebnis der Verhaberung. Gibt es einen Redakteur oder auch nur einen festen Mitarbeiter der Medien, der nicht per Du wäre mit allen Politikern, die ganzen Abgeordnetenbänke durch? ‚Kaum ein Tag‘ schreibt der Redakteur G. Neureiter in den Salzburger Nachrichten, ‚an dem nicht ein Politiker einen Journalisten anruft und ihn fragt, was er von diesem oder jenem Plan halte.‘ (16.6.89) Journalisten sind Menschen, die ihr Ich wachsen hören, wenn man sie ein bißchen dabeisein läßt. Bei Umfragen nach der Wertschätzung der Berufe landen die Journalisten weit hinter Ärzten, Ingenieuren am Ende der Liste genau dort, wo sie hingehören, bei den Politikern. So etwas schweißt zusammen. Schließlich wissen Journalisten wie Politiker, daß sie auch letzten Endes mit aus denselben Quellen bezahlt werden (in Tirol z.B. letztlich aus den Schatullen der TIWAG, der Brenner-Autobahn AG, dem Steuertopf usw.).
Oft ist es auch der gemeinsame Stall, dessen Geruch Schreibende und Beschriebene ein Leben lang verbindet, z.B. die Zeit im Mittelschülerkartellverband oder in der Parteijugendorganisation oder in der Studentenverbindung (Was, Herr Journalist Eizinger vom MKV, sagen Sie zur Politik des Stadtrates Wallnöfer vom MKV? Wie, Herr Redakteur Vinatzer vom MKV, beurteilen Sie die Politik des Landeshauptmannstellvertreters Mader vom MKV?)

Filz entsteht überall. Edelfilz wird in in exklusiven Zirkeln produziert. Im Lions Club z.B., oder im Rotary Club. Landeshauptmann Partl ist Mitglied im Rotary Club Innsbruck, der sich jeden Dienstag um 19 Uhr im Meinhardsaal des Hotel Europa in Innsbruck trifft. Auf wen trifft er da? Auf ‚Freund‘ (offizielle Anrede) Grissemann vom ORF zum Beispiel, auf ‚Freund‘ Reissigl, den Landtagspräsidenten, auf ‚Freund‘ Swarovski‘, auf den ORF-Journalisten ‚Freund‘ Motz, auf ‚Freund‘ Bodenseer, den Wirtschaftsbundpräsidenten und so fort.
Filz geht, im Gegensatz zu etwas Gewebtem oder Gestricktem, nicht mehr aufzutrennen. Ganz im Gegenteil verheddern sich die verschiedenen Schichten ständig weiter ineinander. Wie man an der Politikerschicht und der Journalistenschicht beobachten kann: Die Kurier-Redakteure Kriess und Bauer gehen mit den FPÖ-Politikern Eigentler und Unterberger Tennis spielen (Kurier, 31.12.91). Wenn der FPÖ-Generalsekretär und der FPÖ-Klubobmann im Tiroler Landtag und der ÖVP-Tirol-Geschäftsführer und ein ÖVP-Landesrat fußballspielen, ist der ‚Tirol heute‘-Moderator Pirchner dabei (Kurier, 20.8.91). Wenn der Kurier-Journalist Linde Hochzeit macht, vertreten politische Funktionäre von vier Parteien ‚die hohe Politik im Freundeskreis unseres Kollegen‘ (Kurier, 4.5.89). Wenn ein Politiker wie der Landesrat Greiderer Abschied feiert, ist eine Schar von Journalisten von ORF, TT und Kurier mit dabei (Kurier, 5.7.91). Wenn der Kurier ‚5 Jahre Tirol-Kurier‘ feiert, gibt‘s von der anderen Seite her wieder kein Halten. Neunzehn anwesende Politiker werden im Kurier (12.11.88) namentlich in Fettdruck erwähnt. Weil zu einem Ausflug auch Freunde gehören, nimmt der Landeshauptmann, wenn er mit den Mitgliedern der Tiroler Landesregierung ins Zillertal aufbricht, auch eine Partie Journalisten mit. Laut Kurier (11.7.91) watteten die beiden Landeshauptmannstellvertreter Mader und Tanzer und die beiden Landesräte Eberle und Weingartner abwechselnd mit dem politischen Redakteur des Kurier, Roland Bauer.
Das Zusammenspiel klappt, wir sehen‘s in der Zeitung, wir sehen‘s beim Watten. Wenn die ÖVP Tirol darüber nachdenkt, wie sie die Medien noch besser ausnützen könnte, läßt sie unter anderem Journalisten dieser Medien in einem Arbeitskreis darüber nachdenken. Es gaben daher zum Beispiel just die beiden ORF-Journalisten Krieghofer (jetzt ganz bei der Partei) und Motz der ÖVP Tips über den Umgang mit Presse und Rundfunk (‘Tirol Modell 2000‘). Im ORF werden laufend Politiker in ihrem Agieren vor scharfen Mikrofonen und laufenden Kameras trainiert. ‚Die Industrie‘, sagt ÖVP-Hauptgeschäftsführer Krieghofer, ‚ersuchte den ORF, die Leute vor der Kamera schulen zu lassen. Natürlich gegen Ersatz der Studio- und Personalkosten.‘ (TT, 1.6.91) Heißt das, daß die Industriellenvereinigung dieses Schauspielstudium bezahlt? Auch im Wiener Fernsehzentrum gibt es laufend solche Übungen, bei denen neue Redakteure das nette Fragen und neue Politiker das entsprechende Antworten lernen. Und wir meinen, es kämen Informationen aus dem Fernseher! Die Politische Akademie der ÖVP lädt ihre Mandatare regelmäßig zu einer sogenannten Top-Klausur zum Thema ‚Wirkungsvolle Selbstpräsentation‘ (Seminarinhalt: ‚Training zur Verbesserung von Wirkung und Inhalt Ihrer Auftritte in TV und Hörfunk ...‘). Daneben bietet sie ihren Funktionären regelmäßig Seminare zum Thema ‚Das persönliche Marketing verbessern — wirksame Öffentlichkeitsarbeit‘ an. ‚Inhalt: Wirksame Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im eigenen Wahlkreis bzw. Wirkungsbereich, erfolgreiche Journalistenbetreuung, Tips für Presseaussendungen, Interviews und Artikel, richtige mediale Wertung der parlamentarischen Arbeit.‘ (Polit. Akademie, Jahresprogramme 1990 und 1991)

Die Tiroler ÖVP, andere Parteien und Parteigruppen machen‘s auch, halt anders, hat sich von Experten der Universität Innsbruck (Politikwissenschaft, Finanzwissenschaft) im März 1991 eine ‚Strategische Neuausrichtung‘ anraten lassen. Darin heißt es in Fettdruck: ‚Wer die Massenmedien beherrscht, beherrscht die Wählerschaft. Wer die Wählerschaft beherrscht, beherrscht den politischen Prozeß.‘ (S. 130) Praktische Tips bekommt die Parteizentrale auch: ‚Mit ‘Tirol-Heute‘ ist eine neue lokale Medienstruktur entstanden, die für Politiker völlig neue Präsentationsmöglichkeiten erschließt. Das telegene Verhalten muß für die parteipolitischen Entscheidungsträger in eigenen Medienseminaren und Fernsehverhaltenskursen trainiert werden (in Österreich sind 53 Prozent der Bevölkerung der Ansicht (1984), daß sich Politiker im Fernsehen wie ‚schlechte Schauspieler‘ benehmen.‘ (S. 132) Weiter: ‚Es fällt in den Aufgabenbereich der ‚Presseabteilung‘ einer Partei, eine geringe Anzahl von berichtenswerten Ereignissen ‚künstlich‘ aufzufetten. (...) Öffentlichkeitsarbeit muß in Krisenzeiten Ereignisse herstellen. Dabei handelt es sich um Veranstaltungen, die nur deshalb stattfinden, weil Parteien auf die Medienpräsenz angewiesen sind.‘ (S. 138) Es folgen Anweisungen: ‚Medienunterlagen müssen Journalisten entlasten. Je mehr sie ihnen entgegenkommen, desto größer wird die Chance, daß eine Pressemeldung ‚ungekürzt‘ übernommen wird.‘ Usw. Wir sehen, daß auch an unseren Universitäten stark an der Volkshintergehung gearbeitet wird. Die Berichterstattung der zwei Tageszeitungen während des Wahlkampfes beurteilen die ÖVP-Wissenschafter so: ‚Die ÖVP hat während der Wahlkampfzeit in der ‚TT‘ eine gute Presse.‘ (‘LH Partl wurde als volksnaher und entscheidungsfreudiger Landeshauptmann dargestellt.‘ Und: ‚Der ‘Tirol-Kurier‘ zeigte kein von der ‘Tiroler Tageszeitung‘ grundsätzlich abweichendes Bild.‘ ‚Es gab eine starke Forcierung von LH Partl ...‘ ‚Auch im ‚Tirol-Kurier‘ hat die Tiroler VP eine gute Presse.‘ (S. 147-149)

Ein gefundenes Fressen für die Presse

Nicht nur, wenn der ÖVP-Pressedienst, sagen wir an einem kleinen Wahlsonntag (19.9.91) in einem Bundesland, Journalisten in die Wiener Parteizentrale einlädt, ist ganz selbstverständlich der letzte Satz auf dem Fax: ‚Für Verpflegung ist wie üblich gesorgt.‘ Natürlich gibt‘s auch bei den ‚Haider-Tagen‘ zwischen ‚11.20 Rückflug Innsbruck‘ und ‚13.30 Abflug Zell am Ziller‘ um ‚12.00 Presseessen im Gasthof Stiegl‘ (FPÖ-Aussendung vom 18.1.88). ‚Liebe Frau Redakteurin, lieber Redakteur! Im Anschluß an die Pressekonferenz dürfen wir Dich zu einem Mittagessen im Hotel Alphof einladen‘, hieß es etwa am ‚Europatag der ÖVP‘ in Alpbach am 5. August vorigen Jahres.
Höhepunkt der politischen Gastronomie ist in jedem Jahr der ‚Neujahrsempfang für Presse und Rundfunk‘, zu dem ‚Der Landeshauptmann von Tirol‘ sich die Ehre gibt, einzuladen. Hier soll die ‚Einladung zum Neujahrsempfang von Bürgermeister Romuald Niescher‘ nicht gering geachtet werden, aber was ist die Villa Blanka, wo er auftischen läßt, gegen den Barocksaal des Hotels Europa, in dem der Landeshauptmann den Gastgeber macht? Gewiß sind die von der Innsbrucker Bevölkerung bezahlten ‚Drei Filets in Currysauce, garniert mit Früchten‘ nicht zu verachten, aber mit dem, was der Landeshauptmann auf Kosten der Tiroler Steuerzahler auffahren läßt, kann es sich doch nicht ganz messen. Der wirklich herzliche Ton im Ladschreiben der Pressestelle im Stadtmagistrat Innsbruck macht hingegen manches wett: ‚Liebe Kolleginnen, geschätzte Kollegen ... Auf zu neuen Taten. Unser erster Termin für Euch im jungen Jahr ist kein besonders stressiger ... sind zu einem gemütlichen Essen samt Umtrunk, wie es Tradition ist, alle Kolleginnen und Kollegen herzlich willkommen, mit denen wir im Laufe des Jahres immer wieder zusammenarbeiten.‘ Und wirklich gut zusammenarbeiten, kann man nur sagen, Currysauce hin, Südtiroler Schneggenthaler her. Einen freundlicher Vierspalter mit Bürgermeisterfoto und doppelzeiliger Überschrift war die Fete dem Kurier allemal wert (11.1.92) Dem Landeshauptmann erweisen anläßlich des 1992 von ihm gegeben Gastmahles im ersten Hotel der Stadt 158 Tiroler Journalisten und Journalistinnen die Ehre, vom ORF-Fernsehchef bis zum letzten Schreibmaschinschreiber des letzten Anzeigenblattes, vom Chefredakteur der größten Zeitung bis ganz hinunter zum Redakteur des Fensters. Die Einladung zu diesem ‚geselligen Beisammensein‘ gilt ja auch ‚herzlich allen, die mit uns im Laufe des Jahres immer wieder zu tun hatten.‘
Bei ‚Terrine von Reh und Hirsch mit Sellerie-Apfel-Salat und Sauce Cumberland‘ (Vorspeise) fangen die ‚lieben Kollegen‘ an, ein bißchen den Streß mit den vielen Presse-Aussendungen zu vergessen, die manchmal noch zu kürzen waren. ‚Tomatenconsomm‚ mit Gemüse‘ (Suppe) hilft auch ein wenig darüber hinweg, daß bei Pressekonferenzen manchmal trotz ausgegebener Unterlagen noch mit der Hand mitzuschreiben war. Mit ‚Tafelspitz mit Cremespinat, gerösteten Erdäpfeln, Markknochen, Schnittlauchsauce und Apfelkren‘ samt ‚Kolbenhofer von Hofstätter in Tramin‘ stecken die Redakteure auch den Druck weg, den das viele Angerufenwerden durch die Politiker oft gebracht hat. Nach dem ‚Geeisten Heidelbeerparfait‘ ist alles in Wohlgefallen aufgelöst. Der Landeshauptmann kann loslegen. Die 158 warten auf den angekündigten ‚flüssigen Tribut an Südtirol‘ (‘statt dem üblichen Sekt‘) und lassen die Peinlichkeiten, von denen der Landeshauptmann keine ausläßt, sofern sie ihm einfällt, wie sonst auch über sich ergehen. ‚Ein engagierter Landeshauptmann‘, berichtet daraufhin der ORF (15.1.92), ‚eine flammende Rede‘ hört der Kurier (16.1.92). ‚Die EG, das ist eine gute Sache!‘, brüllt der Landeshauptmann in den vollbesetzten Barocksaal. ‚Helfen Sie uns, den Menschen die Angst vor der EG zu nehmen!‘

Ohne Zucken schlucken’s die versammelten Plattmacher und Gerüchterstatter. Sie wollen nicht rütteln an den Stühlen, neben denen sie das ganze Jahr über oppulent zu Tisch sitzen.

Aus dem „Tirol Modell 2000“ der ÖVP, Punkt 5

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1992
Heft 17, Seite 58
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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