Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 4
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • Situationistische Internationale

Der Fall von Paris

Während der Auflösungsperiode der herrschenden Kultur ist Paris das Hauptforschungszentrum und der Sammelpunkt für Experimente und Individuen aus allen modernen Ländern gewesen, in denen sich dasselbe Gesamtproblem der Kultur entwickelte. Diese bis nach dem II. Weltkrieg fast ständig von Paris gespielte Rolle ist jetzt vorbei.

Ohne die gesamten Bedingungen, die diese geographische Polarisation der bahnbrechenden Strömungen in der modernen Kultur gefördert hatten, noch deren Umkehrung hier prüfen zu wollen, begnügen wir uns mit der Bemerkung, dass die kulturelle Avantgarde unserer Zeit zwangsläufig mit der allgemeinen Behauptung der Freiheit nicht nur ideologisch, sondern auch praktisch verbunden ist — zunächst während ihrer negativen Entwicklungsstufe, da sie gerade die Verneinung der herrschenden Organisation des Lebens ausdrückt; dann und um so mehr während einer Phase der konstruktiven Forschung, indem sie versucht, neue Werkzeuge und neue Anwendungsweisen im gesellschaftlichen Leben zu erfinden.

Diese Freiheit, die unter einem autoritären politischen Regime, in dem sogar der jämmerliche Verfasser der Stimmen der Stille die Autorität auf dem kulturellen Gebiet besitzt, selbstverständlich nicht vorhanden sein kann, war eigentlich schon unter dem vorigen Regime abgeschafft worden. Damals wurde dieselbe kapitalistische Gesellschaft durch ihr linkes Personal demokratisch regiert und diesem reformistischen und fortschrittlichen Stil entsprach die zwar nicht offizielle, aber praktisch monopolisierende Herrschaft der Ohnmacht und der Wiederholung im kulturellen Sektor, die damals anstelle der Größe der Vergangenheit das Experiment der Neuigkeit nachäffte (vgl. das Endergebnis einer Zeitschrift wie Les Temps Modernes gegenüber ihrem Anfangsanspruch). Einstimmig wollten alle politischen Radikalen dieser Linken vor allem nicht die bestehende gesellschaftliche Ordnung zerstören; was die intellektuellen Radikalen betrifft, wollten sie vor allem weder den hergebrachten Rahmen einer entleerten Kultur noch den Geschmack der modernistischen Zuschauer zugrunde richten. Die permanente Krise der französischen Bourgeoisie hat den passenden revolutionären Ausweg nicht gefunden, nicht einmal, als sie den Höhepunkt des Mai 1958 erreicht hat. Die ganze Stadt Paris ist zu einem bewachten Museum geworden.

Alle fortschrittlichen Organisationen stimmten in Frankreich trotz ihren lärmenden Streitereien sowohl untereinander als auch mit ihren glücklichen Vettern an der Macht im wesentlichen darin überein: die Grundlage dieser Übereinstimmung, die höchsten Interessen der Familienherrschaft, war die Aufrechterhaltung der herrschenden Gesellschaft.

Sie hatten höchstens gewisse Einrichtungen verschiedener Art vor. Seitdem das politische Regime gewechselt hat, ist diese grundsätzliche Übereinstimmung noch verstärkt und erweitert worden. Sie hat sich durch die bedingungslose Wahl der Aufrechterhaltung des inneren Friedens ausgedrückt — wodurch sie sich noch heute ausdrückt.

Fast alle revolutionären Denker, die die Geschichte der letzten 30 Jahre der Arbeiterbewegung mit einem Schlag gelernt haben, indem sie Chruschtschows vertrauliche Mitteilungen vor dem XX. Kongress seiner Partei gelesen haben, sind von einer Erneuerungswut gepackt worden. Diese Leute sind aber nicht weit genug gekommen — und sie waren bis dahin nicht schnell genug gegangen —, so dass die meisten schon müde oder zum Eklektizismus zurückgekehrt sind, den sie mit Entzücken entdecken.

Die großen Bourgeois der Linken werden leicht zu Radikalen, weil das, was sie sich als die extremste revolutionäre Gewalt — die beruhigende KP-Bürokratie — vorstellen, nicht so weit entfernt von ihren Gewohnheiten ist; auch deswegen, um sich der im Frankreich der Algerienzeit herrschenden Aufmachung der moralischen und patriotischen Ordnung gegenüber als ungezwungene große Herren zu behaupten. Diesen ihren Radikalismus treiben sie aber nicht so weit, dass sie gezwungen werden, eine einzige der Konventionen, durch die sie geformt werden, auch nur auf der untersten Ebene in Frage zu stellen. So antworteten Kast und Doniol-Valcroze (France Observateur vom 25.2. 1960) auf Vorwürfe über die Belanglosigkeit und die Anhäufung gesellschaftlicher Schablonen in ihren Filmen, dass, „wenn es überhaupt ein politisches Engagement auf dem Gebiet des Films geben sollte, er die Personen“ und nicht die Filme trifft.

Das absolute Fehlen einer Hilfe der französischen „revolutionären“ Organisationen für das aufgestandene algerische Volk hat natürlich verallgemeinerte rein individuelle Verhaltensweisen — die der Deserteure und die der französischen Verbindungsleute zur FNL — zur Folge. Diesen Tatsachen gegenübergestellt bewährt sich die Linke: Bourdet wird ganz verworren bei dem Gedanken, dass Francis Jeanson’s Untergrundorganisation dazu beitragen wird, „die Friedenskampagne der gesamten Linken“ in Verruf zu bringen, deren Verruf aus sechs Jahren der totalen Unterlassung deutlich herauszulesen ist. Die Moralistin Giroud wundert sich im Express vom 10. März vor allem darüber, dass man großen, noch unverantwortlichen Kindern bei der Desertation behilflich ist („Wieviel zwanzigjährige junge Männer gibt es, die ihr Urteilsvermögen weit genug entwickelt haben, um eine der ernstesten Handlungen, die ein Mensch begehen kann, mit klarem Kopf durchzuführen?“). Könnten sie nicht etwas warten? Den sogenannten Befriedigungskrieg in diesem Alter zu führen, das kann man sich noch gefallen lassen — aber desertieren! Und es wird von der nationalen Gemeinschaft gesprochen, die nicht verlassen, von einer Schwelle, die nicht überschritten werden darf. Ist die Schwelle die der Gefängnisse, in denen Gérard Spitzer, Cécile Decugis und Georges Arnaud sitzen, hat die Linke Geschmack genug, um zu deren Verteidigung nicht lauter zu sprechen? Sicher verschüchtert man mit dem Vorwurf des Verrats noch lange all diejenigen, die meinen, dass es etwas außer der Sache der Ausgebeuteten aller Länder gibt, das sie „verraten“ könnten.

Einige Aspekte der politischen Aktualität beschleunigen das Ende der privilegierten Rolle von Paris in der Experimentalkultur. Sie bedeuten aber nur schneller ein unvermeidliches Absterben. Die internationale Konzentration in Paris setzte nur die vorherigen Gewohnheiten fort. Die neue, auf Weltebene vereinheitlichte Kultur kann sich nur dort entwickeln, wo echt revolutionäre gesellschaftliche Bedingungen zum Vorschein kommen. Sie wird sich nicht mehr an diesem oder jenem privilegierten Ort niederlassen, sondern sich mit den Siegern der neuen Gesellschaftsform überall erstrecken und verändern. Schließlich sollte sie unmöglich hauptsächlich den Ländern der weißen Rasse in Pacht gegeben werden. Vor der unvermeidlichen und wünschenswerten Rassenkreuzung auf Weltebene werden die gelben und schwarzen Völker, die anfangen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, darin die Hauptrolle spielen. Wir begrüßen bei der Emanzipation der kolonisierten und unterentwickelten Völker, die sie selbst erkämpfen, die Möglichkeit, sich die anderswo durchlaufenen Zwischenstufen zu ersparen, sei es auf dem Gebiet der Industrialisierung und der Kultur oder selbst beim Gebrauch eines ganz befreiten Lebens. Die S.I. misst ihrer Verbindung mit den avantgardistischen Elementen des schwarzen Afrika, Lateinamerikas und Asiens eine wesentliche Bedeutung bei — sowohl für die Zukunft als auch sofort.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1976
Numéro 4, Seite 7
Autor/inn/en:

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Situationistische Internationale: Situationistisch / Situationist: All das, was sich auf die Theorie oder auf die praktische Tätigkeit von Situationen bezieht. Derjenige, der sich damit beschäftigt, Situationen zu konstruieren. Mitglied der situationistischen Internationale.
Situationismus: Sinnloses Wort, missbräuchlich durch Ableitung des vorigen gebildet. Einen Situationismus gibt es nicht — was eine Doktrin zur Interpretation der vorhandenen Tatsachen bedeuten würde. Selbstverständlich haben sich die Anti-Situationisten den Begriff „Situationismus“ ausgedacht.

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