Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 11
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • Situationistische Internationale

Der Explosionspunkt der Ideologie in China

Heute ist die Auflösung der internationalen Assoziation der totalitären Bürokratien eine vollendete Tatsache. Um noch einmal die Worte der im Juli 1965 in Algerien von den Situationisten veröffentlichten Adresse zu gebrauchen, sind der unabänderliche „Zusammenbruch und das Zerbröckeln des Bildes der Revolution“, das die „bürokratische Lüge“ der gesamten Kapitalistischen Gesellschaft als deren Pseudonegation und tatsächliche Unterstützung entgegengesetzt hat, offenkundig geworden. Das gilt zuerst auf dem Gebiet, auf dem der offizielle Kapitalismus das größte Interesse daran hatte, den Betrug seines Gegners zu unterstützen — und zwar bei dem globalen Zusammenstoß der Bourgeoisie mit dem angeblichen „sozialistischen Lager“. Trotz Versuchen jeder Art, es wieder zusammenzubringen, ist das, was schon nicht einmal sozialistisch war, nun auch kein Lager mehr. Die Abbröckelung des stalinistischen Monolithismus tritt schon jetzt in der Koexistenz von ungefähr zwanzig unabhängigen „Linien“, von Rumänien bis Kuba und von Italien bis zum Block der vietnamesischen, koreanischen und japanischen kommunistischen Parteien hervor. Russland selbst, das nicht mehr imstande ist, in diesem Jahr eine gemeinsame Konferenz aller europäischen KP’s einzuberufen, vergisst lieber die Zeit, als Moskau die Kommunistische Internationale beherrschte. So konnten im September 1966 die Iswestija die chinesischen Führer rügen, die „marxistisch-leninistischen“ Ideen in einen „beispiellosen“ Misskredit zu bringen, und sie bedauerten tugendhaft einen Konfrontationsstil, „bei dem der Austausch revolutionärer Meinungen und Erfahrungen durch Beschimpfungen ersetzt wird. Diejenigen, die diesen Weg gewählt haben, verleihen ihrer eigenen Erfahrung einen absoluten Wert und legen bei der Interpretation der marxistisch-leninistischen Theorie einen dogmatischen und sektiererischen Geist an den Tag. Eine solche Haltung ist zwangsläufig mit der Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Bruderparteien verbunden …“ Da Russen und Chinesen in ihrer Polemik, wo jede Macht ihrem Gegner alle antiproletarischen Verbrechen aufbürdet, nur den wirklichen Fehler — die Macht der Bürokratie als einer Klasse — unmöglich erwähnen können, müssen beide ihr also durch den nüchtern gewordenen Schluss ein Ende setzen, dass das, was nur eine unerklärliche revolutionäre Fata Morgana gewesen ist, mangels einer anderen Wirklichkeit zu seinem alten Ausgangspunkt zurückgesunken ist. Wie einfach diese Rückkehr zur Quelle ist, wurde im Februar in Neu-Delhi perfekt zum Ausdruck gebracht, als die chinesische Botschaft Breschnjew und Kossygin die „neuen Zaren im Kreml“ nannte, während die indische Regierung, eine anti-chinesische Verbündete dieses Moskowitenreiches, gleichzeitig entdeckte, dass „die heutigen chinesischen Herren den Kaisermantel der Mandschurei angelegt haben.“ Der modernistische Staatsdichter Voznessenski sollte dieses Argument gegen die neue Dynastie der Mitte einen Monat später noch raffinierter machen, indem er „Koutschoum“ und seine Horden „ahnen lässt“ und sich nur auf das „ewige Russland“ verlässt, um einen Schutzwall gegen die Mongolen zu bilden, die drohen, unter „den ägyptischen Juwelen im Louvre“ zu biwakieren. Die beschleunigte Auflösung der bürokratischen Ideologie, die in den Ländern offensichtlich ist, in denen der Stalinismus die Macht ergriffen hat, wie in den anderen (in denen er jede Chance verloren hat, sie zu ergreifen), musste natürlich beim Kapitel des Internationalismus ansetzen; das ist aber nur der Anfang einer allgemeinen, unwiderruflichen Auflösung. Die Bürokratie konnte sich den Internationalismus nur als eine illusorische Proklamation im Dienst ihrer wirklichen Interessen aneignen, als eine ideologische Rechtfertigung unter anderen, da die bürokratische Gesellschaft gerade die umgekehrte Welt zur proletarischen Gemeinschaft ist. Die Bürokratie ist vor allem eine auf das nationale Staatseigentum begründete Macht, und sie muss sich schließlich nach der Logik ihrer Wirklichkeit richten gemäß den besonderen Interessen die durch die Entwicklungsstufe des jeweils von ihr beherrschten Landes erzwungen werden. Ihre Heldenzeit ist mit der glücklichen ideologischen Zeit des „Sozialismus in einem einzigen Land“ vorübergegangen, die Stalin recht klug aufrechterhielt, indem er die Revolutionen in China oder in Spanien von 1927 bis 1937 niederschlug. Durch die autonome bürokratische Revolution in China — wie kurz vorher durch die jugoslawische — wurde in die einheitliche bürokratische Welt ein Auflösungskeim eingeführt, der sie in weniger als zwanzig Jahren auseinanderbrechen ließ. Der allgemeine Auflösungsprozess der bürokratischen Ideologie erreicht zur Zeit seine höchste Entwicklungsstufe in dem Land, in dem der weiter bestehende revolutionäre Anspruch der Ideologie wegen der allgemeinen ökonomischen Rückständigkeit auch bis zum höchsten Punkt getrieben werden musste und wo diese Ideologie am notwendigsten war: in China.

Die Krise, die sich seit dem Frühling 1966 in China immer breiter entwickelt hat, stellt ein noch nie dagewesenes Phänomen in der bürokratischen Gesellschaft dar. Sicherlich wurde die normalerweise durch Terror über die ausgebeutete Mehrheit herrschende Klasse im bürokratischen Staatskapitalismus selbst oft, sei es in Russland oder in Osteuropa, durch Zusammenstöße und Auseinandersetzungen zerrüttet, die aus den objektiven Schwierigkeiten entstanden, auf die sie gestoßen ist, sowie aus dem subjektiv wahnsinnigen Stil, den die vollkommen lügenhafte Macht anzunehmen neigt. Aber die Bürokratie, die durch ihre Aneignungsweise der Ökonomie zur Zentralisierung gezwungen ist — da sie die hierarchische Garantie für jede Beteiligung an ihrer kollektiven Aneignung des sozialen Überprodukts aus sich selbst schöpfen muss — hat sich immer wieder vom Gipfel her gesäubert. Der Gipfel der Bürokratie muss fest bleiben, denn die ganze Rechtmäßigkeit des Systems beruht auf ihm. Er muss seine Uneinigkeiten für sich behalten (was schon bei Lenin und Trotzki seine ständige Praxis war), und während die Menschen dort oben niedergeworfen bzw. versetzt werden können, muss die Funktion selbst immer dieselbe unbestreitbare Größe aufweisen. Dann kann die Unterdrückung normal ohne Erklärung und Widerrede jede Stufe des Apparats hinuntergehen als bloße Ergänzung dessen, was ganz schnell am Gipfel entschieden wurde. So muss Béria z.B. zuerst ermordet werden; dann wird er verurteilt; und erst dann kann seine Clique verfolgt werden — oder irgendwer, da die unterwerfende Macht, indem sie unterwirft, nach ihrem Willen die Clique definiert und sich selbst durch dieselbe Handlung als Macht neu definiert. Das alles fehlte in China, wo trotz der phantastisch hohen Überbietung im Kampf für die totale Macht die Permanenz der proklamierten Feinde völlig klar zeigt, dass die herrschende Klasse in zwei Teile gebrochen ist.

Ein gesellschaftlicher Vorfall solchen Ausmaßes lässt sich selbstverständlich gemäß der Anekdotenliebe der bürgerlichen Beobachter als Meinungsverschiedenheiten über die äußere Strategie erklären. Es ist im übrigen bekannt, dass die chinesische Bürokratie eine Beleidigung wie die vor ihren Augen stattfindende Vernichtung Vietnams ruhig hinnimmt. Nicht einmal persönliche Nachfolgestreitereien würden sie dazu veranlassen, einen solchen Einsatz zu wagen. Wenn einigen Führern vorgeworfen wird, seit Ende der 50er Jahre „Mao Tse-tung von der Macht ferngehalten“ zu haben, so deutet alles darauf hin, dass man es mit einem dieser nachträglichen Verbrechen zu tun hat, die gewöhnlich bei den bürokratischen Säuberungen konstruiert werden — so sollte Trotzki den Bürgerkrieg auf Befehl des Mikado (japanischen Kaisers) geführt und Sinowjew Lenin geholfen haben, um dem britischen Empire einen Gefallen zu tun usw. Wer eine so mächtige Persönlichkeit wie Mao von der Macht entfernt hätte, wäre nie zur Ruhe gekommen, solange Mao hätte zurückkommen können. So müsste Mao an diesem Tag gestorben sein und nichts hätte seine treuen Nachfolger daran hindern können, seinen Tod z.B. Chrouschtschow zuzuschreiben. Wenn die Regierenden und Polemiker der bürokratischen Staaten die chinesische Krise gewiss viel besser verstehen, so können ihre Erklärungen darüber doch nicht ernsthafter sein, da sie Angst davor haben müssen, zu viel über sich selbst zu enthüllen, indem sie über China reden. Schließlich täuschen sich die gauchistischen Überbleibsel in den westlichen Ländern, die sich bei jedem neuen propagandistischen Betrug mit sub-leninistischem Nachgeschmack freiwillig als Opfer melden, mehr als alle anderen, indem sie ernsthaft abschätzen, welche Rolle die Spuren der weiterhin den versöhnten Kapitalisten bewilligten Rente in der chinesischen Gesellschaft spielen, oder indem sie in diesem Gemenge nach dem Führer suchen, der den Gauchismus bzw. die Arbeiterautonomie vertritt. Die schwachsinnigsten von ihnen haben geglaubt, es gäbe etwas „Kulturelles“ an der Sache — bis zum Januar, als die maoistische Presse ihnen den schlechten Streich spielte, zuzugeben, alles sei „von Anfang an ein Kampf um die Macht“ gewesen. Die einzige ernsthafte Debatte besteht darin nachzuprüfen, wie und warum die herrschende Klasse sich in zwei feindliche Lager spalten konnte und jede Forschung danach ist selbstverständlich all denen unmöglich, die nicht akzeptieren, dass die Bürokratie eine herrschende Klasse ist, bzw. von der Eigentümlichkeit dieser Klasse nichts wissen und sie auf die klassischen Verhältnisse der bürgerlichen Macht zurückführen.

Portrait de l’aliénation
Cette foule chinoise, disposée de telle sorte qu’elle compose en elle-même un portrait tramé de Mao, peut être considérée comme un cas-limite de spectaculaire concentré du pouvoir étatique (cf. I.S. 10, pages 44 et 45), celui qui « dans la zone sous-développée ... rassemble dans l‘idéologie et, à l’extrême, sur un seul homme, tout l’admirable ... qu’il s’agit d’applaudir et de consommer passivement ». Ici la fusion du spectateur et de l’image à contempler semble avoir atteint sa perfection policière. C’est en croyant utile, quelque temps après, d’aller encore au-delà de ce degré de concentration, que la bureaucratie chinoise a fait sauter la machine.

Was den Grund des Bruchs innerhalb der Bürokratie betrifft, kann man mit Sicherheit nur sagen, es sei eine derartige Frage gewesen, dass sie sogar die Herrschaft der herrschenden Klasse aufs Spiel setzte, da beide Seiten, um sie zu lösen, mit felsenfester Zähigkeit nicht davor zurückgeschreckt sind, sofort das zu riskieren, was die gemeinsame Macht ihrer Klasse ausmacht, wobei sie alle bestehenden Bedingungen ihrer Verwaltung der Gesellschaft gefährdeten. Die herrschende Klasse musste also wissen, dass sie nicht mehr wie früher reagieren konnte. Sicher ist, dass dieser Konflikt sich auf die Verwaltung der Ökonomie bezieht. Sicher ist, dass die äußerste Schärfe des Konflikts aus dem Scheitern der aufeinanderfolgenden ökonomischen Linien der Bürokratie herrührt. Der Misserfolg der sogenannten Politik des „Großen Sprungs nach vorn“ setzte — vor allem wegen des Widerstands des Bauernstandes — nicht nur der Perspektive eines ultra-voluntaristischen Aufschwungs der Industrieproduktion ein Ende, sondern er brachte auch zwangsläufig eine verheerende, noch mehrere Jahre lang spürbare Desorganisation mit sich. Die landwirtschaftliche Produktion selbst scheint seit 1958 nur sehr schwach gestiegen zu sein, und die Wachstumsrate der Bevölkerung ist immer noch höher als die der Nahrungsmittel. Es ist nicht so leicht zu sagen, bei welchen genauen ökonomischen Entscheidungen die herrschende Klasse sich gespalten hat. Vermutlich wollte die eine Seite — mit der Mehrheit der Mitglieder des Parteiapparats, der Gewerkschaftsverantwortlichen und Ökonomen — die Produktion der Konsumgüter weitertreiben oder mehr oder weniger stark steigern und die Anstrengungen der Arbeiter durch materielle Anreize unterstützen — eine Politik also, die gleichzeitig bestimmte Zugeständnisse für die Bauern und vor allem für die Arbeiter und die Steigerung eines hierarchisch differenzierten Konsums auf einer breiten Ebene der Bürokratie zur Folge hatte. Die andere Seite — mit Mao selbst und einem großen Teil der höheren Akademiker — befürwortete vermutlich erneute Anstrengungen zur Industrialisierung des Landes um jeden Preis, eine noch stärkere Anwendung der ideologischen Energie und des Terrors, die unbegrenzte Überausbeutung der Arbeiter und vielleicht die „egalitäre“ Aufopferung einer beträchtlichen Schicht der unteren Bürokratie im Konsum. Beide Positionen sind gleichermaßen auf die Aufrechterhaltung der absoluten Herrschaft der Bürokratie ausgerichtet und sie werden in Bezug auf die Notwendigkeit bestimmt, die diese Herrschaft gefährdenden Klassenkämpfe einzudämmen. Auf jeden Fall schien diese Entscheidung offensichtlich allen so dringend und lebenswichtig zu sein, dass beide Lager es für richtig hielten, die Gefahr auf sich zu nehmen, die gesamten Verhältnisse, in denen sie sich befanden, durch die Verwirrung ihrer Spaltung selbst noch zu verschlechtern. Es ist sehr wohl möglich, dass die beiderseitige Hartnäckigkeit dadurch gerechtfertigt wird, dass die unüberwindlichen Probleme der chinesischen Bürokratie keine korrekte Lösung haben können; weiter, dass die beiden zusammenstoßenden Linien gleich undurchführbar waren und dass dennoch gewählt werden musste.

Was die weitere Frage betrifft, wie nun die am Gipfel entstandene Spaltung der Bürokratie von einer Instanz zur anderen bis zu den niedrigsten Stufen hinabgehen konnte, wobei sie bei jeder Stufe erneut Zusammenstöße verursachte, die in umgekehrter Richtung in den ganzen Partei- und Staatsapparat und letztlich in die Massen gelenkt wurden — hier sollte man vermutlich die Fortdauer des alten Verwaltungsmodells in China durch nach einer Teilautonomie strebende Provinzen berücksichtigen. Darauf deutet klar genug die im Januar von den Pekinger Maoisten veröffentlichte Denunzierung der „unabhängigen Königreiche“ hin, und es wird durch die Weiterentwicklung der Unruhen in den letzten Monaten bestätigt. Möglicherweise hat das Phänomen der regionalen Autonomie der bürokratischen Macht (das bei der russischen Konterrevolution nur schwach und episodisch bei der Organisation von Leningrad zur Erscheinung kam), vielfache feste Stützpunkte im bürokratischen China gefunden, so dass es durch die Möglichkeit der Koexistenz von Sippen und Klientschaften in der Zentralregierung zum Ausdruck kam, die ganze Regionen der bürokratischen Macht als direktes Eigentum innehatten und auf dieser Basis untereinander Kompromisse schlossen. Die bürokratische Macht in China ist nicht aus einer Arbeiterbewegung entstanden, sondern aus der militärischen Organisation und Führung der Bauern im Laufe eines 22jährigen Krieges. Armee und Partei sind immer noch eng miteinander verbunden, alle Parteiführer sind auch Armeechefs gewesen, und diese stellt für die Partei immer noch die wichtigste Schule zur Auslese unter den Bauernmassen dar, die sie heranbildet. Es sieht im übrigen so aus, als ob die 1949 eingerichtete Lokalverwaltung stark auf die Durchgangszonen der verschiedenen von Norden nach Süden marschierenden Armeekorps angewiesen war, die jedesmal Männer zurückließen, die durch regionale bzw. Familienherkunft mit ihnen verbunden waren, was einen Festigungsfaktor der bürokratischen Clique darstellt, der durch die Propaganda gegen Liu Shao-tschiu a.m. ins helle Licht gesetzt wurde. Solche Lokalbasen einer halb-autonomen Macht in der bürokratischen Verwaltung mögen sich also in China gebildet haben durch die Verknüpfung der Organisationsstrukturen der siegreichen Armee mit den Produktionskräften, die sie im eroberten Land zu kontrollieren hatte.

Als die Mao-Tendenz die öffentliche Offensive gegen die festen Stellungen ihrer Gegner ergriff, indem sie Brigaden militärisch organisierter Studenten und Schüler losmarschieren ließ, hatte sie keine „Kultur“ — oder „Zivilisations“umgestaltung der Arbeitermassen, die sowieso schon aufs höchste im ideologischen Halseisen des Regimes eingezwängt waren, zum unmittelbaren Ziel. Die Albernheiten gegen Beethoven oder die Ming-Kunst wurden genau wie die Beschimpfungen gegen die von einer sichtbar als solchen vernichteten Bourgeoisie immer noch erhaltenen bzw. wieder zurückeroberten Positionen zur bloßen Unterhaltung vorgetragen — nicht ohne berechnet zu haben, dass dieser dürftige Gauchismus einen bestimmten Anklang bei den Unterdrückten finden würde, die guten Grund für die Annahme haben, dass bei ihnen immer noch manches der Einführung einer klassenlosen Gesellschaft im Wege steht. Hauptzweck der Operation war, die ihrem Wesen nach maoistische Ideologie des Regimes im Dienst dieser Tendenz auf der Straße erscheinen zu lassen. Da die Gegner selbst nichts anderes als Maoisten sein konnten, waren sie gleich dadurch in einer misslichen Lage, dass man diesen üblen Streit vom Zaune brach. Deshalb mögen ihre ungenügenden „Selbstkritiken“ praktisch ihre Entschlossenheit ausdrücken, die von ihnen kontrollierten Ämter zu behalten. Die erste Phase des Kampfes kann also als der Zusammenstoß der offiziellen Eigentümer der Ideologie mit der Mehrheit der Eigentümer des ökonomischen und staatlichen Apparats bezeichnet werden. Um ihre Aneignung der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, braucht die Bürokratie sowohl die Ideologie als auch den Verwaltungs- und Unterdrückungsapparat; so war eine solche abenteuerliche Spaltung äußerst gefährlich, sollte sie nicht kurzfristig zum Abschluss gebracht werden. Bekanntlich leistete die Mehrheit des Apparats und Liu Schao-shi trotz seiner in Peking kritischen Position einen hartnäckigen Widerstand. Nach ihrem ersten Versuch, die Mao-freundlichen Unruhen an den Universitäten zu stoppen, in denen die sogenannten „Arbeitsgruppen“ sich ihnen widersetzt hatten, wurden diese Unruhen in allen Großstädten auf die Straße hinausgetragen, indem man überall damit anfing, die angezeigten Verantwortlichen durch Wandzeitungen und direkte Aktion anzugreifen — was Irrtümer und übertriebenen Eifer nicht ausschloß. Diese Verantwortlichen organisierten den Widerstand überall dort, wo es ihnen möglich war. Die ersten Zusammenstöße zwischen Arbeitern und „Rotgardisten“ in den Betrieben sind wahrscheinlich vielmehr von den lokalen Apparatschicks zur Verfügung stehenden Parteiaktivisten geführt worden. Bald fingen aber die durch Exzesse der Rotgardisten aufgebrachten Arbeiter an, selbst einzugreifen. In allen Fällen, in denen die Maoisten davon gesprochen haben, „die Kulturrevolution“ bis in die Betriebe und dann aufs Land „zu treiben“, haben sie so getan, als ob sie damit eine Verschiebung festsetzen würden, die ihnen im ganzen Herbst 1966 entgangen war und sich trotz ihrer Pläne schon praktisch durchgesetzt hätte. Der Zusammenbruch der Industrieproduktion, die Desorganisation der Transportmittel, der Bewässerung und der Staatsverwaltung bis zu den Ministerien — trotz Tschou En-lais Anstrengungen — die bedrohten Herbst- und Frühjahrsernten und der mehr als ein Jahr völlig unterbrochene Schulunterricht (was in einem unterentwickelten Land besonders schwerwiegend ist), das alles war nur das unvermeidliche Ergebnis eines Kampfes, dessen Ausdehnung nur aus dem Widerstand dieses an der Macht stehenden Bürokratieteiles folgte, den die Maoisten abtreten lassen wollten.

So hatten die Maoisten, deren politische Erfahrung kaum mit den Kämpfen in den Großstädten verbunden ist, Gelegenheit genug, Macchiavellis Lehre zu überprüfen: „Man hüte sich davor, einen Aufstand in einer Stadt anzuzetteln, indem man sich einbildet, man könne ihn zum Stillstand bringen oder nach seinem Willen leiten“ (Geschichten aus Florenz). Nach einigen Monaten der Pseudokulturrevolution ist der wirkliche Klassenkampf in China zutagegetreten, als Arbeiter und Bauern angefangen haben, für sich selbst zu handeln. Die Arbeiter können unmöglich ignorieren, was die maoistische Perspektive für sie bedeutet; die Bauern, deren individuelle Parzelle bedroht wird, haben in mehreren Provinzen damit begonnen, Felder und Material der „Volkskommunen“ (die nur die neue ideologische Aufmachung der schon vorher bestehenden Verwaltungseinheiten sind, und die sich im allgemeinen mit den alten Bezirken überschneiden) untereinander zu verteilen. Die Eisenbahnerstreiks, der Generalstreik in Shanghai — der wie in Budapest als bevorzugte Waffe der Kapitalisten bezeichnet wurde — die Streiks im großen industriellen Stadtgebiet von Wuhan, Kanton und Hupeh, der Metall- und Textilarbeiter in Chungking, sowie die Angriffe der Szetschuan- und Fukienbauern bringen China an den Rand des Chaos. Zu gleicher Zeit bildeten sich nach dem Vorbild der Arbeiter, die sich schon im September 1966 in Kuangsi zu „Rotgardisten“ organisiert hatten, um die Rotgardisten zu bekämpfen, und nach den anti-maoistischen Aufständen in Nankin in verschiedenen Provinzen „Armeen“ — wie z.B. die „Armee des 1. August“ in Kwangtung. Im Februar und März musste die Nationalarmee überall eingreifen, um die Arbeiter niederzuwerfen, die Produktion durch „militärische Kontrolle“ in den Betrieben zu leiten und sogar die Feldarbeiten auf dem Land mit der Unterstützung der Miliz zu kontrollieren. Der Kampf der Arbeiter um die Aufrechterhaltung bzw. Erhöhung ihrer Löhne — die berühmte, von den Herren in Peking verwünschte Tendenz zum „Ökonomismus“ — mag von bestimmten Lokalkadern des Apparats in ihrem Widerstand gegen ihre maoistischen Rivalen in der Bürokratie akzeptiert und sogar gefördert worden sein. Sicher ist aber, dass der Kampf durch eine unwiderstehliche Strömung von der Arbeiterbasis geführt wurde, wie die im März autoritär beschlossene Auflösung der „Berufsassoziationen“, die sich nach der ersten Auflösung der regimetreuen Gewerkschaften gebildet hatten und deren Bürokratie der maoistischen Linie entging, sehr deutlich zeigt. So verurteilte im März die Shanghaier Jiefang Ribao „die feudalistische Tendenz dieser nicht auf Klassenbasis (was so zu verstehen ist: die diese Klassenbasis bestimmende Eigenschaft ist das reine Monopol der maoistischen Macht), sondern nach Berufen gebildeten Assoziationen, die sich die teilweisen und unmittelbaren Interessen der diese Berufe ausübenden Arbeiter zu ihren Kampfzielen gemacht haben“. Diese Verteidigung der wahren Eigentümer der allgemeinen und permanenten Interessen der Kollektivität war am 11. Februar durch eine Direktive aus dem Staatsrat und der Militärkommission des ZK genauso deutlich zum Ausdruck gebracht worden: „Alle Elemente, die Waffen beschlagnahmt bzw. gestohlen haben, müssen festgenommen werden.“

In dem Augenblick, wo die Lösung dieses Konflikts, der offensichtlich Zehntausende von Toten gefordert hat, indem er große militärische Einheiten mit gesamter Ausrüstung und selbst Kriegsschiffen gegeneinander kämpfen ließ, der chinesischen Armee anvertraut wird, ist diese selbst gespalten. Sie muss dafür sorgen, dass die Produktion weiter geht und verstärkt wird, während sie nicht mehr imstande ist, die Einheit der Macht in China zu sichern — außerdem würde sie durch direktes Eingreifen gegen den Bauernstand das größte Risiko eingehen, da ihre Truppen im wesentlichen aus Bauern bestehen. Der von den Maoisten im März und April angestrebte Waffenstillstand und ihre Erklärungen, das ganze Parteipersonal sei doch mit Ausnahme einer „Handvoll“ Verrätern noch brauchbar und die Hauptgefahr sei jetzt „der Anarchismus“, drücken mehr als die Sorge darum, wie schwierig es sein wird, die nach dem „Rotgardisten“-Experiment entfesselte Jugend im Zaume zu halten, die wesentliche Sorge darum aus, am Rand der Auflösung der herrschenden Klasse selbst angelangt zu sein. Partei und Zentral- und Provinzialverwaltung befinden sich jetzt im Zustand der Zersetzung. Es kommt darauf an, „die Arbeitsdisziplin wiederherzustellen“. „Das Prinzip des Ausschlusses und des Sturzes aller Kader muss vorbehaltlos verurteilt werden“, erklärte im März die Rote Fahne und schon im Februar das Neue China: „Ihr schlagt alle Verantwortlichen zu Boden … aber was bleibt euch übrig, wenn ihr die Kontrolle eines Organs übernehmt, außer einem leeren Raum und Siegel?“ Rehabilitierungen und neue Kompromisse folgen einander also auf gut Glück. Das Fortbestehen der Bürokratie selbst stellt die höchste Sache dar, die sie dazu zwingt, ihre verschiedenen politischen Linien als einfache Mittel in den Hintergrund treten zu lassen.

Vom Frühling 1967 an kann man sagen, dass die Bewegung der „Kulturrevolution“ bei einem unheilvollen Misserfolg angelangt ist, der gewiss der größte in der langen Reihe der Misserfolge der bürokratischen Macht in China ist. Im Vergleich zu den außerordentlichen Kosten der Operation ist keines ihrer Ziele erreicht worden. Die Bürokratie ist gespaltener denn je. Jede neue, in den von den Maoisten gehaltenen Regionen eingestellte Macht spaltet sich erneut: die „dreifache revolutionäre Allianz“ — Armee, Rote Garde, Partei — löst sich unaufhörlich auf nicht nur wegen der Widersprüche zwischen diesen drei Kräften (wobei vor allem die Partei entweder außen vor bleibt oder sich der Allianz nur deshalb anschließt, um sie zu sabotieren), sondern auch wegen der innerhalb jeder dieser drei Kräfte immer stärkeren Widersprüche. Es scheint genauso schwierig zu sein, den Apparat wieder zusammenzuflicken, wie einen anderen aufzubauen. Und vor allem stehen mindestens zwei Drittel Chinas keineswegs unter Kontrolle der Macht in Peking.

Neben dem Regierungskomitee der Liu Shao-tschi-Anhänger und den sich weiter behauptenden Bewegungen des Arbeiterkampfes kommen schon die Kriegsherren in der Uniform unabhängiger „kommunistischer“ Generäle wieder zum Vorschein, die direkt mit der Zentralmacht verhandeln und ihre eigene Politik betreiben — besonders in den peripheren Regionen. So benutzt General Chang Kuo-hua, der sich im Februar Tibets bemächtigt hat, nach Straßenkämpfen in Lhassa Panzer gegen die Maoisten. Drei maoistische Divisionen werden hingeschickt, um „die Revisionisten niederzuwerfen“. Anscheinend gelingt ihnen das nur mäßig, da diese Gegend im April immer noch unter Chang Kuo-huas Kontrolle steht. Am 1. Mai wird er in Peking empfangen und die Verhandlungen führen zu einem Kompromiss, da er damit beauftragt wird, ein revolutionäres Regierungskomitee in Szetschuan zu bilden, wo seit April im von einem gewissen General Hung beeinflusste „revolutionäre Allianz“ die Macht ergriffen und die Maoisten verhaftet hatte; etwas später hatten im Juni die Mitglieder einer Volkskommune von Waffen Besitz ergriffen und die Militärs angegriffen. In der Inneren Mongolei hat die Armee schon im Februar unter der Leitung von Liu Chiang, dem politischen Hilfskommissar, gegen Mao Stellung bezogen. Gleiches geschah in Hopeh, Honan und der Mandschurei. In Kansu hat General Chao Yung-shih im Mai erfolgreich einen anti-maoistischen Putsch verübt. Man war darüber einig geworden, Sinkiang, wo sich Chinas Atomeinrichtungen befinden, schon im März unter der Obrigkeit von General Weng En-mao zu neutralisieren, dieser soll aber im Juni doch die „maoistischen Revolutionäre“ angegriffen haben. Im Juli hat General Chen Tsai-tao, Befehlshaber des Wuhan-Bezirks — eines der ältesten Industriezentren Chinas — die Provinz Hupeh in seiner Gewalt. Im alten Stil des „Sian-Vorfalls“ lässt er dort zwei der Pekinger Hauptdirigenten verhaften, die zu Verhandlungen mit ihm hingekommen waren; der Premierminister muss zu ihm reisen, und die Freigabe seiner beiden Sendboten wird als ein „Sieg“ verkündet. Zu gleicher Zeit sollen 2.400 Fabriken und Bergwerke durch den bewaffneten Aufstand von 50.000 Arbeitern und Bauern in dieser Provinz lahmgelegt worden sein. Übrigens stellt sich am Anfang des Sommers heraus, dass überall weitergekämpft wird: im Juni haben „konservative Arbeiter“ in Honan eine Spinnerei mit Brandbomben gestürmt, im Juli streiken die Arbeiter des Kohlenreviers Fushun und die Erdölarbeiter in Tahsing, die Bergarbeiter von Kiangsi jagen Maoisten gegen die als eine „antimarxistische terroristische Organisation“ beschriebene „industrielle Armee“, von Tschekiang wird zum Kampf aufgerufen, die Bauern drohen damit, nach Nanking und Shanghai zu marschieren, auf den Straßen von Kanton und Tschunking wird gekämpft und die Studenten in Kweiyang greifen die Armee an und nehmen die maoistischen Führer in Haft. Die Regierung, die beschlossen hat, jede Gewalttätigkeit „in den von den Zentralbehörden kontrollierten Regionen“ zu verbieten, scheint selbst dort sehr viel zu tun zu haben. Da man den Unruhen nicht Einhalt gebieten kann, sperrt man die Informationen, indem man die meisten der wenigen ausländischen Ansässigen ausweist.

Anfang August ist aber die Spaltung in der Armee so gefährlich geworden, dass die offiziellen Veröffentlichungen aus Peking selbst kundgeben, dass die Anhänger Lius „ein unabhängiges bürgerlich-reaktionäres Königreich in der Armee“ errichten wollen und dass „die Angriffe gegen die Diktatur des Proletariats in China nicht nur von den oberen, sondern auch von den unteren Rängen ausgegangen sind“ (Volkstageszeitung vom 5. August). Peking gibt jetzt deutlich zu, dass mindestens ein Drittel der Armee gegen die Zentralregierung Stellung bezogen hat und dass ein großer Teil selbst des alten China mit den 18 Provinzen nicht mehr unter seiner Kontrolle steht. Die unmittelbaren Folgen des Wuhan-Vorfalls scheinen sehr ernst gewesen zu sein, da eingreifende Pekinger Fallschirmjäger, die von sechs den Yangste von Shanghai aufwärtsfahrenden Kanonenbooten unterstützt wurden, nach geordneter Feldschlacht zurückgeschlagen wurden, während andererseits aus den Wuhan-Arsenalen den antimaoistischen Kräften in Chungking Waffen geschickt worden sein sollen. Außerdem muss darauf hingewiesen werden, dass die Wuhan-Truppen zu einer Armeegruppe gehörten, die direkt Lin Piaos Autorität unterstellt war — des einzigen also, der als sicher betrachtet wurde. Gegen Mitte August verallgemeinern sich die bewaffneten Kämpfe soweit, dass die maoistische Regierung offiziell diese Art missbilligt, weiterhin Politik mit Mitteln zu treiben, die sich gegen die Regierung selbst richten. Sie behauptet weiter, sie würde viel lieber überzeugen, was ihr beim Verbleib im „Kampf mit der Feder“ auch gelingen würde. Gleichzeitig gibt sie die Verteilung von Waffen an die Massen in den „sicheren Zonen“ bekannt. Wo sind aber solche Zonen? In Shanghai, das doch seit Monaten als eine der seltenen Festungen des Maoismus dargestellt wurde, wird wieder gekämpft. In Shantung ermutigen Militärs die Bauern zum Aufstand. Die Führung der Luftwaffe wird als regimefeindlich denunziert. Während die 47. Armee sich in Bewegung setzt, um die Ordnung wiederherzustellen, tritt Kanton, wie zu Sun Yatsens Zeiten, an die Spitze der Revolte und die Eisenbahn- und Stadtverkehrsmittelarbeiter bilden deren Lanzenspitze: die politischen Gefangenen werden befreit, im Hafen sind Waffen für Vietnam auf Frachtschiffen beschlagnahmt, und eine bestimmte Zahl von Individuen ist auf den Straßen aufgehängt worden. So versinkt China langsam in einem konfusen Bürgerkrieg, der gleichzeitig den Zusammenstoß von verschiedenen Regionen der zersplitterten bürokratisch-staatlichen Macht und den Zusammenstoß der Arbeiter- und Bauernforderungen mit den Ausbeutungsbedingungen darstellt, die überall durch die zerrütteten bürokratischen Führungen aufrechterhalten werden müssen.

Da die Maoisten als die Verfechter der absoluten Ideologie erschienen sind — man sieht mit welchem Erfolg — kamen ihnen bisher die westlichen Intellektuellen — denen bei solchen Reizen immer das Wasser im Munde zusammenläuft — mit der höchst phantastischen Achtung und Zustimmung entgegen. So erinnerte K.S. Karol im Nouvel Observateur vom 15. Februar die Maoisten gelehrt daran, dass sie die Tatsache vergessen, dass „die echten Stalinisten keine potentiellen Verbündeten Chinas sind, sondern seine unerbittlichsten Feinde: die Kulturrevolution mit ihren antibürokratischen Tendenzen erinnere sie an den Trotzkismus …“ Es gab übrigens viele Trotzkisten, die sich in ihr wiedergefunden haben und sich selbst dadurch Gerechtigkeit widerfahren ließen. Die freimütigste maoistische Zeitung außerhalb Chinas, Le Monde, gab Tag für Tag Mao Tse-tungs unmittelbar bevorstehender Erfolge bekannt, der endlich diese Macht ergriff, die er nach allgemeiner Meinung schon vor 18 Jahren errungen hatte. Die Sinologen, die fast alle Stalino-Christen sind — diese Mischung ist zwar überall verbreitet, aber vor allem bei ihnen — haben wieder von der „chinesischen Seele“ gesprochen, um die Legitimität des neuen Konfuzius zu bezeugen. Damit wurde der schon immer burlesken Haltung der bürgerlichen Intellektuellen der mäßig stalinfreundlichen Linken die schönste Gelegenheit gegeben, vor solchen chinesischen Spitzenleistungen folgendermaßen aufzublühen: diese „Kulturrevolution muss vielleicht 1.000 oder 10.000 Jahre lang dauern; es ist dem ‚Kleinen Roten Buch‘ endlich gelungen, den Marxismus chinesisch zu machen“; „In allen Armeeeinheiten kann man hören, wie die Männer mit starker, deutlicher Stimme Zitate rezitieren“; „Die Dürre ist keineswegs erschreckend, Mao Tse-tungs Denken ist unser befruchtender Regen“; „Das Staatsoberhaupt ist dafür verantwortlich gemacht worden … den Kurswechsel des Feldmarschalls Chiang Kai-sheks nicht vorausgesehen zu haben, als dieser seine Armee gegen die kommunistischen Truppen einsetzte“ (Le Monde, vom 4.4.1967 — es handelt sich hier um den wohl von jedem in China vorausgesehenen Coup von 1927, auf den aber passiv gewartet werden musste, um Stalins Befehlen zu gehorchen); dann kommt ein Chor, der das Lied singt: „Hundert Millionen greifen zu den Waffen, um das unheilvolle Buch ‚Über die Selbstvervollkommnung‘ zu kritisieren“ (ein noch vor kurzem offizielles Schriftchen von Liu Shao-chi). Der endlosen Liste kann man mit folgendem Witz aus der Volkstageszeitung vom 31. Juli ein Ende setzen: „Die Lage der proletarischen Kulturrevolution ist ausgezeichnet, der Klassenkampf aber wird schwieriger.“

Nach so viel Lärm sind die aus dieser Periode zu ziehenden Schlüsse einfach. Wie sich auch immer die Lage in China jetzt entwickeln mag, das Bild der letzten bürokratisch-revolutionären Macht ist zersplittert. Der innere Zusammenbruch kommt jetzt zu den ununterbrochenen außenpolitischen hinzu — der Vernichtung des indonesischen Stalinismus, dem Bruch mit dem japanischen Stalinismus, der Zerstörung Vietnams durch die Vereinigten Staaten und zum Schluss Pekings Erklärung vom Juli, dass der „Aufstand“ in Naxalbari — einige Tage vor dessen Auflösung durch die erste Polizeioperation — der Beginn der maoistischen Bauernrevolution in ganz Indien sei. Durch die Behauptung dieses Unsinns hat Peking mit der Mehrheit seiner eigenen Anhänger in Indien gebrochen, d.h. mit der letzten großen, immer noch hinter seiner Politik stehenden bürokratischen Partei. Chinas Misserfolg, das Land zu industrialisieren und sich den unterentwickelten Ländern als Vorbild hinzustellen, stellt sich jetzt durch die innere Krise Chinas heraus. Die bis zum Absoluten getriebene Ideologie kommt zum Platzen. Ihr absoluter Gebrauch ist also gleichzeitig ihr absoluter Nullpunkt — die Nacht, in der alle ideologischen Kühe schwarz sind. Im selben Augenblick, in dem die Bürokraten sich in der größten Konfusion im Namen desselben Dogmas gegenseitig bekämpfen und überall die „hinter der roten Fahne Schutz suchenden Bourgeois“ entlarven, hat sich das doppelte Denken selbst gespalten. Es ist das lustige Ende der ideologischen Lügen und deren Tötung in der Lächerlichkeit. Nicht China, sondern unsere Welt hat diese Lächerlichkeit hervorgebracht. Wir hatten in der im August 1961 erschienenen Nummer der S.I. geschrieben, dass diese „auf allen Ebenen immer peinlicher lächerlich werden würde bis zum Augenblick ihres vollständigen revolutionären Wiederaufbaus“. Man sieht, wie es damit steht. Die neue Epoche der proletarischen Kritik wird wissen, dass sie nichts mehr zu schonen braucht, das ihr gehören könnte, und dass jeder bestehende ideologische Komfort ihr mit Scham und Schrecken entrissen wurde. Indem sie entdeckt, dass sie der falschen Güter ihrer trügerischen Welt enteignet wurde, muss sie auch verstehen, dass sie die entschlossene Negation der gesamten weltweiten Gesellschaft ist; und das wird sie auch in China wissen. Zur Zeit wiederholt sich der Zerfall der bürokratischen Internationale auf Weltebene in chinesischem Maßstab in der Zersplitterung der Macht in unabhängige Provinzen. So findet China seine Vergangenheit wieder und diese stellt ihm wieder die wirklichen revolutionären Aufgaben der damals besiegten Bewegung. Der Augenblick, in dem Mao „1967 wieder mit dem beginnen“ soll, „was er 1927 tat“ (Le Monde vom 17.2.67), ist auch der, in dem zum ersten Mal seit 1927 die Arbeiter- und Bauernmassen im ganzen Land wie eine Sturmflut eingegriffen haben. Wie schwierig auch das Bewusstwerden und die Durchführung ihrer autonomen Ziele sein mag, so ist etwas in der totalen Herrschaft gestorben, der die chinesischen Arbeiter unterworfen waren. Das Mandat des proletarischen Himmels ist zuende.

Dieser am 16. August als Broschüre herausgegebene Text wird hier unverändert abgedruckt. Durch die neusten Informationen wurde nur bestätigt, wie umfangreich die Unruhen sind.

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Die Digitalisierung des FORVM und der Betrieb dieser Website ist ein Projekt von Context XXI. Im Rahmen von Context XXI sind bereits 5518 Beiträge veröffentlicht. 10095 Beiträge warten derzeit darauf, der Texterkennung zugeführt und verfügbar gemacht zu werden. Context XXI kann Euch in den kommenden Jahren noch Vieles bieten. Das kann zu unser aller Lebzeiten und dauerhaft nur mit Eurer Unterstützung gelingen. Ganz so wie unsere alternativen Zeitschriften auf Abos angewiesen waren und sind, so ist dieses Projekt auf regelmäßige Beiträge von Euch Lesenden und Nutzenden angewiesen — hier heißen sie halt fördernde Mitgliedschaften:

Persönliche Daten

bzw. zweites Namensfeld bei juristischen Personen

z.B. "p.A. Kommune 1"

einschließlich Hausnummer und ggf. Wohnungsnummer

Mitgliedschaft

Ich trete hiemit dem Verein Context XXI - Verein für Kommunikation und Information als förderndes Mitglied in der gewählten Beitragsgruppe bei. Ich kann meine Beitragsgruppe jederzeit ändern.

SEPA-Lastschriftmandat

Ich/Wir ermächtige/ermächtigen Context XXI – Verein für Kommunikation und Information, Zahlungen meiner/unserer Mitgliedsbeiträge von meinem/unserem Konto mittels SEPA-Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich/weisen wir mein/unser Kreditinstitut an, die von Context XXI – Verein für Kommunikation und Information auf mein/unser Konto gezogenen SEPA–Lastschriften einzulösen. Ich kann/Wir können innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages verlangen. Es gelten dabei die mit meinem/unserem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen. Zahlungsart: wiederkehrende Lastschrift (Recurrent)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1977
Numéro 11, Seite 3
Autor/inn/en:

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Situationistische Internationale: Situationistisch / Situationist: All das, was sich auf die Theorie oder auf die praktische Tätigkeit von Situationen bezieht. Derjenige, der sich damit beschäftigt, Situationen zu konstruieren. Mitglied der situationistischen Internationale.
Situationismus: Sinnloses Wort, missbräuchlich durch Ableitung des vorigen gebildet. Einen Situationismus gibt es nicht — was eine Doktrin zur Interpretation der vorhandenen Tatsachen bedeuten würde. Selbstverständlich haben sich die Anti-Situationisten den Begriff „Situationismus“ ausgedacht.

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