FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1977 » No. 284/285
Hermann Glaser

Der erfolgreiche Sisyphos

Moral und Masche des Hans Magnus Enzensberger
was du tust, ist aussichtslos. gut:
du hast es begriffen, gib es zu,
aber finde dich nicht damit ab,
mann mit dem stein. niemand
dankt dir;
(...)
es herrscht ein mangel an männern.
das aussichtslose tuend stumm,
ausraufend wie gras die hoffnung,
ihr gelächter, die zukunft, rollend,
rollend ihren zorn auf die berge.
Enzensberger: Anweisung an Sisyphos

Enzensberger kann man dagegen einen erfolgreichen Sisyphos nennen. Mag sein Tun auch aussichtslos sein, man hat es ihm zumindest ständig gedankt. Es gibt kaum einen deutschen Dichter der Gegenwart (nicht einmal Böll), der zu einer derartigen, nationalen und internationalen, moralischen wie politischen Instanz geworden ist. Er hat nicht nur den Stein gerollt und ihn über die verschiedenen Berge gebracht. Er jongliert meist mit mehreren Steinen — verkündet den „Tod der Literatur“, verweist die Dichter von ihren Schreibtischen auf die Straßen, dichtet aber im gelegentlich aufgesuchten stillen Kämmerlein fleißig weiter; und während die Ideologiegläubigen aus ihrem poetischen Bewußtsein eine Tabula rasa machen, füllt er die Tabula rasa längst wieder mit den Emanationen eines neuen Ichbewußtseins. Während die Gefolgsleute des Protests sich ihrer Privatheit entäußerten, hat Enzensberger sich die Kontinuität seines Ichs sorgfältig bewahrt. Der Igel ruft, wenn die Hasen luftschnappend und ausgepumpt anrasen: Bin schon hier!

Talleyrand soll von sich gesagt haben, er habe keine Regierung eher verlassen als diese sich selbst, nur etwas früher, da seine Uhr ein wenig vorgehe.

Als in Erlangen, wo Enzensberger sein Studium begann, die germanistischen Seminare in Stoffhuberei zu ersticken drohten, hat er — Sunnyboy der Provokation — mit dem frischen Wind primärer Literaturkenntnis den Sekundärliteratur-Fetischismus in Unruhe versetzt und persönliche Urteile, auch wenn sie nicht durch eine Kolonne von Fußnoten abgesichert waren, brillant plaziert.

Als der feuilletonistische Essay sich in allgemeinen kulturkritischen und kulturpessimistischen Platitüden festzulaufen schien, hat er ihn konkretisiert und dabei jenen die Leviten gelesen, die sich aufgrund ihrer kulturellen und intellektuellen Machtstellung gesichert fühlen mußten.

Musterbeispiel hierfür ist der legendäre, am 8. Februar 1957 im Süddeutschen Rundfunk gesendete Funkessay über den Spiegel: „Moral und Masche eines Magazins.“ Wenige Wochen später erschien er im Spiegel selbst, was die Cleverness sowohl des Kritikers als auch der Kritisierten verdeutlichte.

Der Spiegel ... ist eine Notwendigkeit. Eine bittere Notwendigkeit. Jedes Volk, so hat ein berühmter Amerikaner einmal gesagt, hat die Presse, die es verdient. Jedes Volk, so können wir hinzufügen, verdient die Presse, die es nötig hat. Daß wir ein Magazin vom Schlage des SPIEGEL nötig haben, spricht nicht für das Blatt, das die Masche zu seiner Moral gemacht hat; es spricht gegen unsere Presse insgesamt, gegen den Zustand unserer Gesellschaft; es spricht mit einem Wort gegen uns.

Mutig waren solche Worte zu einer Zeit, als der Spiegel Praeceptor Germaniae war. — Waren sie mutig? Enzensberger kennt die Masche: Wird die Provokation auf die Spitze getrieben, wird ihr Gedankenreichtum über den Leisten einfacher, zugkräftiger Metaphern geschlagen, kommt man überall an: im Spiegel wie in der Süddeutschen, in der FAZ wie in jedem Nachtstudio (auch wenn der Programmdirektor CDU- oder CSU-orientiert ist). Die Marktmechanismen der Kulturindustrie machen es unmöglich, bestimmte Provokation von einer bestimmten Qualität zu übersehen.

So wird Enzensberger nicht wegen seiner Moral, sondern wegen seiner Masche zu allen Zeiten bestens vermarktet. Wenn sich dabei Wellenlinien mit Talsohlen ergeben, so deshalb, weil Enzensberger wie jeder gute Showmeister weiß, daß man sein jeweiliges Comeback programmieren muß, um sich nicht zu verschleißen.

Er wußte, wann es Zeit war, den Amerikareisenden zu spielen, und wann es Schlagzeilen machte, sich aus den USA enttäuscht nach Kuba abzusetzen. (So jedenfalls die Selbstinszenierung. In Wirklichkeit ging Enzensberger, nachdem er in einem langen Brief an den Präsidenten der Wesleyan University erklärt hatte, warum er die kapitalistisch-rassistischen USA verlasse, nach Australien, wo man ihm ein Stipendium angeboten hatte, und dann erst — für kurze Zeit — nach Kuba.)

Er wußte, wann es nicht angebracht war, sich ostentativ von Fidel Castros Sozialismus zu distanzieren, und wann dies angebracht war.

Er wußte, wann es opportun war, die FAZ zu Sezieren, und wann in ihr (wieder) zu schreiben.

Er wußte, wann die Zeit gekommen war, das linke Kursbuch zu gründen, wann dieses vom renommierten Verlag — mit dem er freilich die Verbindung nie völlig aufgab — zu lösen und en vogue soziologisch und antiliterarisch auszubauen war, und wann die Auferstehung der Literatur nach dem Tod der Literatur wieder vonstatten gehen konnte.

Im Kursbuch 15/1968 veröffentlichte Enzensberger seine, wenn auch differenzierenden „Gemeinplätze, die Neueste Literatur“ betreffend, veranstaltete Walter Boehlich sein „Autodafé“ für die schöngeistige Literatur. 1971 jedoch veröffentlichte der Dichter, den man ständig auf Protestmärschen wähnte, bei Suhrkamp „Gedichte 1955-1970“, darunter dreißig Texte, die er zwischen 1965 und 1970 geschrieben hatte.

Den ganz echten Revolutionär
finden Sie heute auf Seite 30
der Unterhaltungsbeilage ...
 
Der ganz echte Revolutionär
kriegt das Maul nicht zu
Er ist ungeheuer gefährlich
Er ist unser Lieblingsclown

Da Enzensberger wohl fürchtete, zum Papier-Truthahn zu werden (so der Titel des zitierten Gedichts), hat er auch rechtzeitig die Redaktion des Kursbuchs verlassen, da dieses ja immer mehr dorthin sich katapultierte, wo er jedenfalls nicht landen wollte: jenseits des Gutgemachten. Als das ideologisch „Gut Gemeinte“ den Anspruch über geistige Stringenz und sprachliche Qualität usurpierte, hat Enzensberger den Rückzug angetreten. Eine Zeitschrift, die sich als Couch erweist, auf der die Restbestände einer privatisierten Linken ihre Neurosen abreagieren, widerspricht seiner Vorstellung von literarischer Qualität. Das Kursbuch, weiterhin quantitativ erfolgreich, bewegt sich aufs „Mausoleum“ zu — ein Ort, in dem viele ehemals fortschrittliche Ideen enden. Die „siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts“, die Enzensberger 1975 unter diesem Topos veröffentlichte, zeigen ihn so quicklebendig wie stets. Eine Zeile aus der Ballade von T. R. M. (Thomas Robert Malthus) zur Charakterisierung von H. M. E.:

... unter den Propheten der Katastrophe der muntersten einer.

Das zeigte sich auch bei den letzten Römerberg-Gesprächen (1976 in Frankfurt), als Enzensberger einen brillanten Vortrag über das Thema „Zensur“ hielt. Er ging freilich nur in den ersten Minuten aufs Thema ein, erweiterte es bald in Richtung „Selbstzensur“. Und dann erzählte er die „kleine und belanglose Geschichte“ seiner Kuba-Erfahrungen. Mit jedem Tag dort habe er mehr über die Deformationen, Lügen, den Dilettantismus, den Größenwahn, Wirrwarr und Despotismus der kubanischen Führung erfahren. „Mein Text wuchs sich zur Krankengeschichte einer Revolution aus.“ Aber durfte das Buch, das er in Offenlegung der Wahrheit veröffentlichen wollte, auch wirklich veröffentlicht werden? Die Selbstzensur verhinderte das Erscheinen. Zum Nutzen der revolutionären Idee?

Selbstverständlich ist das, was ich hier erzähle, eine Geschichte, die nichts beweist, und aus der sich keine Anleitung zum Handeln gewinnen läßt. Es ist ja durchaus möglich, daß meine Entscheidung falsch war. Immerhin verdanke ich ihr ein paar minimale Einsichten. Seit dem kubanischen Abenteuer sehe ich den Kampf mit der Selbstzensur nicht mehr als ein simples Nullsummenspiel, das heißt als eine Partie, bei der einer der Kontrahenten genau in dem Maß verliert, in dem der andere gewinnt, und umgekehrt, sondern als eine kontinuierliche Arbeit, die von unserem künstlerischen und intellektuellen Produktionsprozeß gar nicht zu trennen ist.

Eine der Regeln bei diesem endlosen Match lautet: Du mußt die Selbstzensur aus dem Dunkel hervorlocken. Also die Ecken ausleuchten, so gut es geht, und zehntausend Watt auf den Ring. Gratisangst und Gratismut sind die schlechtesten Trainer. Standfestigkeit allein tut es nicht, im Gegenteil, es gehört gute Fußarbeit dazu, und wer stehenbleibt, hat schon verloren. Das Biest ist nämlich glatt wie ein Aal, kein Trick ist ihm zu raffiniert und kein Griff zu schmutzig. Ich fürchte, es ist kein herrschaftsfreier Diskurs, was sich hier abspielt, es gleicht schon eher dem berüchtigten Kampf mit dem Engel, und wer sich darauf einläßt, muß froh sein, wenn er ohne lahme Glieder daraus hervorgeht.

Ich sehe, liebe Sportsfreunde, Sie sind enttäuscht. Sie hätten mehr erwartet, zumindest ein technisches K.o., aber an einen Sieg ist hier nicht zu denken, ein paar Punkte sind herauszuholen im besten Fall, dann kommt der Gong, und die nächste Runde wird eingeläutet.

Das Publikum, das enthusiasmiert in Enzensberger einen Veteranen der Revolte erwartet hatte, erstarrte. H. M. E.
sei einer grundsätzlichen Frage feuilletonistisch ausgewichen, war der erste Vorwurf; wann ist er je einer Frage anders nachgegangen als feuilletonistisch? Und dann: H. M. E. habe die Revolution verraten, da er die eigene Position verunsichere. Man hatte erwartet, daß Enzensberger sich innerhalb eines Bezirks bewege, der durch die ideologische Duftmarke abgesteckt ist. Wann ist er denn je dort geblieben, wo die anderen es erwarteten? Er sei keine Versicherungsanstalt, replizierte Enzensberger und schwieg ansonsten beharrlich; verließ die Szene, die immer mehr zum Tribunal über ihn wurde, mit Lächeln, charmant wie immer.

„Wer ist Enzensberger?“ fragt Christian Linder in seinem Essay über Enzensberger („Der lange Sommer der Romantik“; im Literaturmagazin 4 des Rowohlt Verlags). Was Enzensberger über Brentano geschrieben habe, sei ein Psychogramm seines eigenen Wesens:

Gebieter über ein phantastisches Fürstentum zwischen Himmel und Erde; ein Kobold und Bürgerschreck ..., ein Komödiant, Tagedieb und Gitarrenspieler; ein strahlender Jüngling, der im erleuchteten Kreis ... rücksichtslos zu spotten und bezaubernd zu erzählen verstand. Ein sorgfältiger und genialer Sammler wunderbarer alter Geistesschätze, aber auch ein radikaler Artist, der jeden Kanon verwarf und Verse ohne Vorbild schrieb, scheinbar mühelos, in begeisterter Laune Schnurren, Feuerzeilen, urkräftige Mythen ausstreuend, doch vieldeutig und verborgen Zukünftiges fordernd.

Ist Enzensberger, wie Linder, bei aller Subtilität seiner Analyse, vermutet, wirklich bloß ein „Romantiker“?

Enzensberger ist Aufklärer und Wortspieler. Wenn einer so wie er derart souverän über die Sprache verfügt, wird der Gedanke oft von der Pointe überlagert oder von dieser hinweggetragen. Dies kann aber sehr gut, sozusagen moralisch sein — dann nämlich, wenn solches Transzendieren die Enge eines Gedankengehäuses zu überwinden hilft. Das hat dann nichts mehr mit Talleyrands Uhr zu tun, sondern mit der in Sprache sich manifestierenden dynamisierenden Kraft.

Der ganz echte Revolutionär steht irgendwo ganz weit links von Mao vor der Fernsehkamera.

Derartige Selbsterkenntnis erfährt revolutionäres Bewußtsein üblicherweise nicht aus der Selbstreflexion, sondern nur dann, wenn ein clownesker Sprachspieler die Tabus des Narzißmus zu durchbrechen vermag. Es dichtet hieß einst eine magisch-mystische Formel, mit der das geheimnisvolle Tun des Dichters beschrieben werden sollte. Es dichtet bedeutet bei Enzensberger, daß er ständig der Sprache ihre Eigenberechtigung gegenüber der bezogenen (zur Zeit bezogenen) weltanschaulichen Position einräumt. Ideologiekritik wird durch und in Sprache vollzogen. Die Mehrzahl der in ihren stringenten Systemen Befangenen ist kaum in der Lage, den Blick von außerhalb auf sich selbst zu richten. So muß sie sich versagen, was Identität mit ausmacht, nämlich Selbstreflexion als Teil eines kontinuierlichen Lernprozesses. Enzensberger erschließt sich solche Möglichkeit, indem er Sprache „walten“ läßt. Das ist „leichte“, spielerische Arbeit; aber auch schwierige Arbeit, da es ständig die Anstrengung der Verunsicherung abfordert.

... ungeduldig
im namen der zufriedenen
verzweifeln
geduldig
im namen der verzweifelten
an der verzweiflung zweifeln
ungeduldig geduldig
im namen der unbelehrbaren
lehren.

Selbst ein begrifflich so konzentriertes Gedicht wie schwierige arbeit, Th. W. Adorno gewidmet, eines der schönsten Stücke aus Enzensbergers Gedankenlyrik, verdankt dem dialektischen Umgang mit Sprache viel mehr als der Dialektik des Gedankens. Die Paradoxien werden nicht existentiell nachvollziehbar gemacht, sondern beruhen auf der Leistung verbaler „Umdrehung“. Größer ist bei Enzensberger die Beweglichkeit des Sprechens als die Beweglichkeit des Gedankens. Und was ist mit seinem Handeln? Mit dieser letzten Frage sollte man nicht mehr über Enzensberger räsonieren, sondern über den Intellektuellen schlechthin. Handsome is who handsome does — ein solches Kriterium bleibt aus literarischen und ästhetischen Reflexionen am besten ausgeklammert.

Und doch handelt Enzensberger, und zwar durchaus konsequent. Er handelt nicht als Politiker. Er handelt als Künstler. Als Sprachkünstler. Als Revolutionär; zu dem er wieder wird, nachdem er zunächst durch die „Hintertür“ der Sprache entwichen ist und revolutionäres Bewußtsein lediglich als Popanz hat stehen lassen. Denn, sagt Herbert Marcuse mit Recht: „Kunst kann ihr radikales Potential nur als Kunst ausdrücken, in ihrer eigenen Sprache und Bilderwelt, die die Alltagssprache, die ‚prose du monde‘ außer Kraft setzen. Die befreiende ‚Botschaft‘ der Kunst transzendiert die gegenwärtig erreichbaren Ziele der Befreiung nicht weniger als die gegenwärtige Kritik der Gesellschaft.“

Enzensbergers Sprachkünstlertum schlägt also um von der Masche in die Moral, von scheinbar opportunistischer Standpunktlosigkeit in undogmatisches Transzendieren. Er ist freilich auch ständig in Gefahr, sich so zu verhalten, wie es Marie von Ebner-Eschenbach in zwei Aphorismen beschreibt: Für eine Pointe verkaufe man gerne die Wahrheit; und: Wenn man eine große Wahrheit umdrehe, falle immer noch eine kleine heraus. Ein für Enzensbergers künstlerische Biographie besonders fataler Beleg ist sein Verhalten gegenüber Gottfried Benn, dem er (neben Brecht) literarisch so viel verdankt. Auf rüde Weise hat er ihn, zu einer Zeit, da es opportun war, angegriffen: „Grammatik zweifelhaft, die Theorie aus vierter Hand, Gottfried Benn hat sich zeit seines Lebens für einen Denker gehalten ... Gedanken waren nie seine Stärke gewesen ... Leser und Kritiker ließen sich blenden“, und so fort.

Das Schöpferische — heißt es einmal bei Benn — ist weder rechts noch links, sondern immer zentral, aufs Allgemeine zielend. Dem scheint die politische Lyrik Enzensbergers zunächst zu widersprechen; sie ist ganz bestimmt links. Und doch auch durchaus „zentral“. Sieht man nämlich genauer hin, erweist sich das konkret Zeitkritische daran als Accessoires. Die Details, die z.B. seinen Zorn über Entwicklungen in der Bundesrepublik evozieren, gehen über in einen allgemeinen Kulturpessimismus bzw. in eine allgemeine Kulturkritik. Zum Fortschritt der Menschheit hätten die vielfältigen technischen Errungenschaften der „braven neuen Welt“ nichts beigetragen. Der Dichter, der als ein einzelner den Abfall und Abschaum einer häßlichen Realität zornig registriert, bietet keine Abhilfen an. Er bezieht die Position eines linken Dandys. Dandyismus -— formulierte Baudelaire — ist die letzte Verwirklichung des Heroismus in Zeiten des Verfalls.

Ferner ist da ein lyrischer Rousseauismus am Werk. Dort, wo die Welt noch rein ist, möchte der Dichter Dichter sein und leben. Es ist nicht von ungefähr, daß eines der schönsten Naturgedichte der modernen Lyrik von Enzensberger stammt („kirschgarten im schnee“) — mit den beiden letzten Versen:

zwischen fast nicht und nichts
wehrt sich und blüht weiß die kirsche.

Enzensberger, der Not des Mitmenschen und Misere der politisch-gesellschaftlichen Situation durchaus mit expressiver Empörung konstatiert, weilt mit seinen Gedanken und Sehnsüchten gerne in einer „anderen Welt“. Das Gedicht „option auf ein grundstück“ hat dies exemplarisch ausgesprochen:

... ich wünsche saboteur! es behagt mir feigling !
mein leben sorgfältig auszulegen
wie eine sammlung von schönen kupferstichen
auf kühlen fliesen im sommerhaus.

Der Topos „Villa“ als Ort heiter-beschaulichen Rückzugs, abendländische Enklave, fernab vom „napf des dressierten affen / und der litze, dem diktaphon des dompteurs“, ist ein Ort, nach dem der Dichter, mit allen Weltstädten intim, sich sehnt. „wo immer wir spielen ist ein april“. Sein „lock-lied“ ist das einer linken Anakreontik, eines sentimentalischen Naturglücks. Stets zwischen freundlichen, traurigen und bösen Gedichten oszillierend, ist Enzensberger ein Dichter, dem die Realität wichtig, aber nicht zu wichtig ist — zumindest nicht so wichtig, daß sie die Tagträume verdrängen darf.

Der Sozialismus hat noch zuwenig erkannt, daß inmitten einer Welt, in der die Menschen ständig sich innerhalb festgelaufener Szenarien bewegen müssen, der Spieler der Genossenschaft wert ist. Auf vielerlei Weise werden die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen gebracht, nicht nur, indem man ihnen ihre eigene Melodie, sondern auch, indem man ihnen eine ganz andere Melodie vorspielt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1977
, Seite 36
Autor/inn/en:

Hermann Glaser:

Jahrgang 1928, Dr. phil., Germanist, Kulturstadtrat von Nürnberg (SPD), Autor zahlreicher Bücher, u. a.: Spießerideologie (1964), Eros in der Politik (1967), Sigmund Freuds Zwanzigstes Jahrhundert (1976).

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