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Evelyn Adunka

Der ambivalente Fried

Zum Anlaß der Publikation der Gesammelten Werke von Erich Fried

Die über 25 Gedichtbände, die Fried zu Lebzeiten veröffentlichte, liegen nun gesammelt in drei sorgfältig gebundenen Bänden in seinem Hausverlag Klaus Wagenbach in Berlin vor. Geballt liegt vor dem Leser die Intensität seines Kampfes: Gegen den Nationalsozialismus, gegen die Bundesrepublik (vor allem zur Zeit der Terroristen, die er immer wieder vertei-digte), gegen die Amerikaner (besonders zur Zeit des Vietnamkrieges), gegen die atomare Rüstung und seinen Intimfeind Ronald Reagan sowie vor allem gegen Israel. Doch darüber später.

1944 veröffentlichte der 23jährige Fried, der damals als Flüchtling in England lebte, sein erstes Buch Deutschland, für dessen Druckkosten die beidenn Schriftsteller David Martin und Joseph Kalmar aufkamen und dessen Gedicht Den Nationalsozialisten die Zeilen enthält:

ihr habt uns wieder den Haß gelehrt;
dafür klag ich euch an.
Wir sind nicht geächtet durch eure Acht,
der Sieg wird nicht euer sein.
Aber ihr habt den Menschen billig gemacht
und die Würde des Lebens klein.
(I., S.34)

Rührend und schön ist auch sein nächster Band Österreich, geschrieben 1944-1945 und publiziert bereits im Herbst 1945, mit finanzieller Hilfe des österreichischen Schauspielers Martin Miller. Er zeigt Frieds Verbundenheit mit Wien — trotzdem er von dort vertrieben wurde und sein Vater nach Folterungen der Gestapo starb — wenn er die Wunden Wiens, den Stefansplatz 1938 oder das Wiener Glockenspiel beschrieb, sein Bekenntnis zu Wien formulierte oder in dem Gedicht An Österreich sagte:

Nicht Liebe wär’s, von deiner Schuld zu schweigen,
die tief dich beugt und dich zu brechen droht.
Und diese Schuld wird ganz mein Eigen
wie deine Berge und wie deine Not.
(I, S.48)

Dieses Zitat zeigt allerdings bereits Frieds psychologisch äußerst bedeutsame und auch später immer wiederkehrende Identifikation mit den Nazis.

Erst 1958 veröffentlichte Fried den nächsten Gedichtband und dann in rascher Folge die weiteren, ab 1966 bei Wagenbach, wodurch seine Bekanntheit in Deutschland und später auch in Österreich stetig wuchs. Die Warngedichte enthalten das bemerkenswerte Gedicht Die Händler über das Feilschen um die Zahl der in der Shoah ermordeten Juden.

In den Anfechtungen findet sich auch Frieds Kommentar zur Judenerklärung des Vatikans.

Am meisten publizierte er jedoch in den siebziger und achtziger Jahren. Er äußerte sich ironisch über das Verhältnis Max Brods zu Franz Kafka, kommentierte Paul Celan und betitelte ein Gedicht über die Revolution nicht ganz einsichtig mit Chassidische Fragen. Noch 1981 träumte er in London von neuerlichem Exil,

vom Bücher-
und Manuskripte-einpacken
und daß ich fortziehen muß
und träume nicht wohin.
(II, S.501)

In dem Gedicht Der Überlebende mit dem Untertitel „nach Auschwitz“ analysierte Fried meisterhaft dessen psychische Notlage. Das (am meisten verkaufte) Buch Liebesgedichte 1979, aber auch andere Sammlungen enthalten einige seiner rührendsten und schönsten privaten Gedichte.

Im dritten Band der Gesammelten Gedichte sind die Texte über die Beziehung zwischen Rüstung und Welthunger, über die deutschen Mörder und ihr gutes Leben in der Bundesrepublik, gegen die Stalinisten, über seinen Freund Ernst Fischer, über Karl Kraus, über die provinzielle Atmosphäre Salzburgs, über den Fall Waldheim, den Gewerkschaftsausschluß Günther Nennings und eine Verhöhnung des Papstes besonders bemerkenswert. Das Gedicht Für Jean Améry ist einer der schönsten Texte, die je über den großen jüdischen Schriftsteller und Überlebenden von Auschwitz, der 1978 an Selbstmord starb, geschrieben wurden.

Ein gesondertes Kapitel ist Frieds Beziehung zu Israel und muß nicht nur deswegen, weil sie ihm selbst sehr wichtig war und er immer wieder darauf zurückkam, hier ausführlich behandelt werden. 1974 veröffentlichte er — ausnahmsweise nicht bei Wagenbach — den Band Höre Israel!, eine der schlimmsten und schädlichsten antizionistischen Publikationen, die je in Deutschland veröffentlicht wurden. Im Vorwort schrieb er bereits die paradoxen Sätze, daß ihm „das Schicksal der Juden ... keineswegs gleichgültig“ sei und daß er hoffe, „auch ohne jüdisches Volksbewußtsein oder israelisches Nationalgefühl, sozusagen nebenher, ein besserer Jude zu sein als die Chauvinisten und Zionisten ...“ Die infamen Vergleiche der Israelis mit Jürgen Stroop, dem Besieger des Warschauer Gettos, gleich in zwei Versionen, die Angriffe auf die „israelische Verbrecherregierung“ und auf namentlich genannte israelische Politiker müssen hier nicht zitiert werden. Noch 1983 schrieb Fried ein kurzes neues Vorwort für die Neuauflage des Buches, in dem er sich von keinem der Texte distanzierte und betonte, daß sich seine Haltung zu den Palästinensern nicht geändert habe. 1981 veröffentlichte er einige Gedichte, die den Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel unterminieren sollten und folgende Zeilen enthielten:

Der Rassismus der Zionisten
ist immer noch Rassismus ...
Menachem Begin spricht:
Der Mörder spricht vom Frieden
Der Mörder spricht von Recht und Gerechtigkeit.
(II, S.571-572)

Doch damit nicht genug, denn 1984 gelang ihm ein noch infamerer Angriff auf Begin:

Wenn Reagan und Hitler und Stalin und Begin und Truman
und Pol Pot und Botha und Thatcher und Numeiri und Chomeini
ertränkt worden wären im Blut und Erbrochenen ihrer Opfer
dann wäre endlich das Reich des Menschen da.
(III, S.125)

Und es wurde immer schlimmer, denn 1988 übertraf Fried mit dem Gedicht Ein Jude an die zionistischen Kämpfer beinahe sich selbst:

Was wollt ihr eigentlich?
Wollt ihr wirklich die übertreffen
die euch niedergetreten haben
vor einem Menschenalter/in euer eigenes Blut
und in euren Kot? ...
Wollt jetzt wirklich ihr die neue Gestapo sein
die neue Wehrmacht/die neue SA und SS
und aus den Palästinensern/die neuen Juden machen?
(III, S.361)

Sein jüdischer Selbsthaß ging auch abgesehen von Israel so weit, daß er in dem Gedicht Vom Menschen ausgehende Geschichtsauffassung Moses in eine Reihe mit zwölf Diktatoren der Geschichte — darunter Franco, Hitler, Stalin und Churchill — stellte. (III, S.399)

Daß der Mann, der Israel niemals besucht hat und der andererseits so sensible Gedichte über die jüdische Verfolgung wie Eine Frühheimkehrerin, Nachbilder, Kein Kinderspiel oder (besonders gelungen) Diese Toten schreiben konnte, in diesem einen Punkt derartig blind, einäugig und ungerecht reagierte, kann nur psychiatrisch erklärt werden. Auf Frieds zahlreiche andere gegen Israel gerichtete Äußerungen oder Aktionen, die nichts mit der vorliegenden Ausgabe zu tun haben, soll hier gar nicht eingegangen werden. Aber Fried war auch der Mann, der die Urne mit der Asche seiner 1982 verstorbenen Mutter in seinem Arbeitszimmer aufbewahrte (was auch in einem britischen Fernsehfilm über ihn gezeigt wurde) und darüber das Gedicht Der Vorwurf veröffentlichte, vielleicht ohne daß er sich bewußt war, welchen Eindruck das bei den Lesern hinterlassen würde:

Ich habe gelesen/was eine erfolgreiche Mutter ist:
Eine Mutter die ihr Kind freigeben kann
wenn es heranwächst
Ich sechzigjähriges Kind sage jetzt also
zu der Asche in meinem Arbeitszimmer:
„Du bist keine erfolgreiche Mutter gewesen
du hast dich dagegen gewehrt mich freizugeben“
Die Asche bleibt stumm/inder Urne in meinem Zimmer
Die Asche antwortet nicht
Sie ist verstockt.
(III, S.69)

Die Werkausgabe versammelt im vierten Band auch Frieds Prosaarbeiten, allen voran der 1960 publizierte Roman Ein Soldat und das Mädchen über die Liebe zwischen einem jüdischen Soldaten und einer Gefangenen, zu deren Schilderung er sich vom Schicksal Irma Greses, einer Aufseherin des KZ Bergen-Belsen, die zum Tode verurteilt wurde und in ihrem Prozeß keine Spur von Reue zeigte, inspirieren ließ. Zwar leugnete Fried nicht ihre Schuld, aber fand auch für sie die Todesstrafte nicht gerechtfertigt. Im Nachwort zur Neuauflage schílderte er die fast unwahrscheinliche Begebenheit, wie aufgrund dieses Buches eine nach Deutschland zurückgekehrte Emigrantin zu ihm kam, die ihm berichtete, daß die von Fried erfundene Geschichte doch auf einer wahren Begebenheit, wenn auch zeitlich verschoben, beruhte: Sie sei nämlich mit einem jungen jüdischen Komponisten befreundet gewesen, der mit Grese eine Liebschaft hatte und von ihr auch gerettet wurde, der sich aber bei ihrem Prozeß nicht melden wollte. Mit dem Roman wollte Fried, wie er schrieb, vor allem „für eine Auffassung des Menschlichen“ kämpfen, die „auch im letzten SS-Mann und stalinistischen NKWD-Offizier immer noch den Menschen sieht oder sucht, auch wenn dieser selbst sich bemüht hat, die Spuren seines Menschentums zu verwischen“. Das Buch glorifiziert die Feindesliebe, denn diese wurde nach Fried „den Deutschen seit Ende des Zweiten Weltkrieges kaum entgegengebracht ... Einzelne rühmliche Ausnahmen wie Victor Gollancz ändern nichts daran; das Existenzminimum an Liebe und Sympathie ist noch nicht erreicht.“ (IV, S.206)

In den Prosasammlungen Kinder und Narren, Fast alles Mögliche und Das Unmaß aller Dinge veröffentlichte Fried bereits einzelne verstreute autobiographische Texte, am wichtigsten dabei Die grüne Garnitur und Meine Puppe in Auschwitz. Der Band Mitunter sogar Lachen. Zwischenfälle und Erinnerungen enthielt dann die vielleicht etwas ausgeschmückte Autobiographie seiner Jugend und schilderte liebevoll das Schicksal seines Vaters, den jüdischen Hitlerjungen Papanek und seine Wiener Widerstandsgruppe. Fried erzählt auch, wie er in London in leerstehenden Häusern Bleirohre von alten Wasserleitungen losriß, sie in einer Altmetallhandlung verkaufte und mit dem Geld zwanzig Affidavits von irischen Arbeiterfamilien für in Wien zurückgebliebene Freunde, die daduch gerettet wurden, kaufte. Der erstaunlichste Text aber trägt den Titel Herd und handelt von Doktor Bernhard Taglicht, dem vielgeliebten Religionslehrer der berühmten Schwarzwaldschule für Mädchen in Wien und Neffen des Wiener Oberrabbiners, der „Herd“ (für Herr Doktor) gerufen wurde. Fried lernte ihn erst in London kennen und schildert in dem Buch sehr berührend die besondere Persönlichkeit dieses Mannes, der in den dreißiger Jahren beschlossen hatte, Menschen anonym zu unterstützen, „die ihrer Gesinnung wegen ins Elend geraten sind“ und dafür die „Familie eines von der Polizei gesuchten Wiener Nationalsozialisten“ wählte, dem er dann auch seine Freilassung aus dem KZ verdankte.

Die insgesamt über 2000 Seiten umfassende, von Volker Kaukoreit, dem Leiter des Wiener Fried Archivs — ein Teil des neugegründeten Österreichischen Literaturarchivs in der Nationalbibliothek — und Klaus Wagenbach herausgegebene Werkausgabe ist eine würdige und gelungene Edition. Sie wird ergänzt durch eine reich illustrierte Chronologie von Frieds wich-tigsten Lebensdaten und einem Register aller Gedichttitel. Selbstverständlich sind dabei nicht alle seine Gedichte lesenswert oder gelungen und gilt es vor allem, seine oft so zeitgebundenen Texte aus der Distanz mit einiger Skepsis und Kritik, nicht nur, was das Thema Israel betrifft, zu lesen. Aber dennoch sind sie alle sind ein wichtiges Stück Zeit- und Literaturgeschichte und es ist gut, hier alles nachlesen zu können und aufgehoben zu sehen.

Erich Fried: Gesammelte Werke. Hrsg. von Volker Kaukoreit und Klaus Wagenbach. 4 Bände, Wagenbach Verlag, Berlin 1993, zusammen über 2600 S.

Der Artikel wird demnächst im Sammelband Jüdische Stimmen aus Österreich, herausgegeben von Herbert Kuhner, Peter Daniel, Johannes Diethart im Verlag der Apfel erscheinen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1995
Autor/inn/en:

Evelyn Adunka:

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