Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 2001 - 2010 » Jahrgang 2004 » Heft 32
Franz Schandl
Unumgänglich

Denunziation!

Eine der übelsten Seuchen, die die radikale Linke nicht nur bisweilen, sondern regelmäßig heimsucht, ist die Denunziation. Sie gleicht einem natürlichen Drang, ist ein stets vorprogrammierter Systemfehler gesellschaftlicher Opposition, eine Schranke, an der sie einige Male bereits zerschellte.

Denunziation meint Substantivierung der Differenz hin zu einem Unterschied ums Ganze. Diese Differenz wird zum elementaren Ereignis aufgeblasen, meint Sein oder Nichtsein. Die Verwandtschaft zum Inklusions- und Exklusionsprinzip der Konkurrenz ist unverkennbar. Denunziation inszeniert Entwürdigung, die ja nichts anderes darstellt als eine ideelle Entwertung. Es geht um soziale Kontrolle eines gesellschaftlichen Feldes, auch wenn es sich nur um ein Szenesegment handelt: Hier bestimmen wir!

Denunziation ist der Versuch einer totalen Erfassung, die strikte Zuweisung eines Tickets. Ziel der Bezichtigung ist die Herabsetzung von Personen, ist Zerstörung ihrer Integrität. Wenn sonst schon nichts gelingt, das gelingt, zumindest in einschlägigen Kreisen. Zwar ist damit nichts gewonnen, aber doch einiges kaputt gemacht. Nicht um Menschen geht es, sondern gegen Leute. Sie sollen niedergemacht werden. Die Stigmatisierung funktioniert im Dreisprung: Zuerst kommt das Gerücht, dann folgt die Bezichtigung, und übrig bleibt die Nachrede: „Da war doch was… „, „Das war doch der…“ etc.

Die Punzierung missliebiger Personen bringt letztendlich niemanden weiter. Sie pflegt Feindschaften, für die sie dann lebt, ja regelrecht in ihnen aufgeht. Man möchte die Denunzierten ja gar nicht ändern, man möchte sie vielmehr der Ächtung preisgeben. Man will festnageln, nicht in Bewegung bringen. Die „Überführten“ können ob eines solchen Verhaltens nur abgestoßen werden und abgestoßen sein.

Hilflosigkeit simuliert Sicherheit durch Aggressivität. Obwohl sich diese als radikal versteht, ist sie bloß rabiat. Ihr Wille ist die Nichtung, und die Nichtung ist nur eine domestizierte Form der Vernichtung. Der Mord, der hier stattfindet, ist der Rufmord. Höhepunkt der Denunziation ist der Schauprozess, und jede Polemik hat auch was von ihm, wenngleich ihre Waffe ideell bleibt. Eliminierung des anderen ist dann nicht Folge ökonomischer Ausschlüsse, sondern konzentrierter politischer Akte. Aus der notwendigen Einsicht auch hart sein zu müssen wird auf die unbedingte Verhärtung geschlossen. Panzerung wird obligat und permanent. Parallel dazu verläuft die Austreibung grundlegender Gefühle. Jede Unmöglichkeit wird auf einmal möglich und jede Verdächtigung ist erlaubt.

Die verkappte bürgerliche Form des Stalinismus steckt der Linken immer noch in den Knochen. Auch wenn er politisch tot ist, lebt er in den Psychen fort. Er tradiert sich, will nicht vergehen. Wer da meint, ganz frei davon zu sein, lügt. Aber doch ist es ein Unterschied, ob man sich dieser Disposition stellt oder sich ihr unterstellt, also hingibt, und den Kampf nach der Zahl der ausgeteilten Schläge und geführten Schlachten, nicht aber nach den ausgelösten Denk- und Handlungsprozessen beurteilt.

Derlei Verhalten schreit nach Gefolgschaft, nach Fans und Hooligans. Gedachtes und Geschriebenes soll Geständnissen gleichen. Bekenntnis und Jargon gehören nicht nur zum Initiationsritus solcher Kopfjagden. Ob das nun die ungustiösen Vorgänge in der KPÖ sind, das antideutsche Syndrom in der deutschsprachigen Linken, die blindwütige Ignoranz des Antiimperialismus oder der Crash in der krisis-Gruppe, sie haben eines gemeinsam: Kommunikation findet in einer Form statt, die die Individuen nicht fördert, sondern geradezu durchstreicht. Man lese diverse Tiraden, insofern man den Nerv dafür hat. Wir erleben aktuell das Ausbrennen einer Form, ein Ausbrennen, das die Ausgebrannten nicht reflektieren, sondern vor dem sie, in Panik geraten, zu festischisierten Glaubenspartikel greifen oder gar in religiöse Personenkulte flüchten.

„Wie du mir, so ich dir“, schreit das bürgerliche Konkurrenzsubjekt, denn Gleiches muss mit Gleichem vergolten werden. Und es ist manchmal sehr schwierig, dieser Versuchung zu widerstehen. Demut indes wäre des Öfteren angebracht, wo vorschnell zur Demütigung gegriffen wird.

Gefordert ist eine neue Sensibilität gegenüber diesen schwer destruktiven Formen der Kommunikation. Emanzipation wird es nur jenseits der Denunziation geben. Wenn der Umgang so bleibt wie er ist, wird sich wenig Positives für die Linke entwickeln können. Wenn die kleine Welt nur kopiert, was die große vorgibt, wozu sollte man jene dann stärken? Unumgänglich ist eine neue Art von Verständnis und Verständigung, die solche Unsitten nicht immer wieder reproduziert. Höchste Zeit sich dieser Aufgabe zu stellen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2004
Heft 32, Seite 44
Autor/inn/en:

Franz Schandl:

Geboren 1960 in Eberweis/Niederösterreich. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien. Lebt dortselbst als Historiker und Publizist und verdient seine Brötchen als Journalist wider Willen. Redakteur der Zeitschrift Streifzüge. Diverse Veröffentlichungen, gem. mit Gerhard Schattauer Verfasser der Studie „Die Grünen in Österreich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft“, Wien 1996. Aktuell: Nikolaus Dimmel/Karl A. Immervoll/Franz Schandl (Hg.), „Sinnvoll tätig sein, Wirkungen eines Grundeinkommens“, Wien 2019.

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