FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1987 » No. 397/398
Jürgen Langenbach

Denkpause

SDI und SO2, Becquerel und Beau-Bâle — wer kann das alles noch hören, auf all das noch antworten? Die professionellen Dichter und Denker jedenfalls nicht, sie werfen dem Weltgeist ihre Tintenfässer hinterher, mit trotziger Gebärde oder mild und abgeklärt: Während in Österreich die fortschrittlichen Kräfte, die sich hierzulande noch so nennen, den Teufel („Ausländer raus!“) unverdrossen und unerschütterlich mit patentiert antifaschistischen Kehrreimen („Nazi raus!“) an die Wand bannen und als exorzismusästhetischen Höhepunkt ein Holzpferd zusammenleimen, während in Österreich also das Denken zum Reflex schrumpft, der den Abstand der Reflexion schon gar nicht mehr vermißt — währenddessen nimmt das Denken in der Bundesrepublik auf komplementärem Wege Abschied vom Gegenstand und mit ihm von sich selbst, der Spiegel tritt ein für die Reflexion. „Kursbuch“ und „Ästhetik und Kommunikation“ lassen Intellektuelle über Intellektuelle nachsinnen, J. Habermas hat im „Merkur“ und wie immer die Hand am Puls der Zeit respektive an der „Rolle des Intellektuellen“ und wird als Seismograph einzig, und gleichfalls wie immer, von H. M. Enzensberger überholt, der den alten deutschen Streit um Aufklärung und Aufkläricht und Agitation und ästhetische Qualität in seiner Urfassung publiziert.*

„Das gäbe ein grauenhaftes Schauspiel“, warnt Heine in seinem „Börne“ sich selbst vergeblich, „Polemik zwischen dem Tod und dem Exil!“ Es gab ein grauenhaftes Schauspiel, „es ist ein allgemeiner Schrei gegen Sie“, berichtet Heines Verleger Campe noch in der Woche der Erstveröffentlichung, am 14.8.1840 nach Paris. Heine hatte die Angriffe Börnes erst drei Jahre nach dessen Tod öffentlich pariert und diese Geschmacksfrage obendrein mit allerlei boshaftem Klatsch gewürzt, er hat durch seine Unbekümmertheit in Fragen der gesellschaftlichen Form die Entrüstung des Publikums auf eine falsche Spur gelockt, auf eine ganz äußerliche Lesart des Skandals „Tod vs. Exil“. Man könnte meinen, der Streit gehe zwischen zwei beliebigen Personen, die der Emigrationszufall gleichzeitig nach Paris und dort in persönliches Gezänk verschlagen hat, das mit dem billigen Triumph des Überlebenden endet.

Aber es geht um mehr, zwischen „Tod“ und „Exil“ klafft inhaltlich jener Widerspruch, der zwischen Börne und Heine ausgetragen wird, ein Widerspruch zwischen zwei Prinzipien bzw. zwischen der Wohnlichkeit eines Prinzips und dem Versuch, aus dem Gefängnis aller Prinzipien auszubrechen: In diesem Sinne ist der grundsatzfeste Börne zu Lebzeiten schon tot, und auch der Überlebende Heine findet nie und nirgends einen Ort, außer im Exil seiner Dichtung.

Ludwig Börne ist ein Moralist im Stil des Unbestechlichen, sein Leben geht überhanglos auf im politischen Kampf, in der Agitation gegen das eine und einzige „Princip des Bösen ... Dies Böse ist die Aristokratie“. Das Gute ist dem gemäß die deutsche Republik, (bis) zu deren Erreichung alles andere zurückzutreten hat, die individuelle Persönlichkeit und ihre Bedürfnisse sowohl wie beider Ausdruck, in revolutionären Zeiten gehört sich kein Liebesgedicht und in Stilfragen hat die Agitation nicht wählerisch zu sein. Kurz und — von Börne unvermerkt ausgeplaudert — schlecht bis tödlich: Deutsch sein heißt, einer Sache um ihrer selbst willen dienen, aber deutsch werden, ist gar nicht so einfach, „die Deutschen selbst ... gelangen erst nach großen Leiden zu jener Tiefe des Geistes, welche den Frieden und die Sicherheit des Grabes gibt.“ Ruhestörer sind auf der Walstatt unwillkommen:

Ich kann Nachsicht haben mit Kinderspielen, Nachsicht mit den Leidenschaften eines Jünglings. Wenn aber am Tage des blutigstens Kampfes ein Knabe, der auf dem Schlachtfeld nach Schmetterlingen jagt, mir zwischen die Beine kömmt; wenn an einem Tage der höchsten Noth, wo wir heiß zu Gott beten, ein junger Geck uns zur Seite in der Kirche nichts sieht als die schönen Mädchen, mit ihnen liebäugelt und flüstert — so darf uns das ... wohl ärgerlich machen. (...) Den verzärtelten Heine ... kann das Fallen eines Rosenblatts im Schlafe stören; wie sollte er behaglich auf der Freiheit ruhen, die so knorrig ist? Er bleibe fern von ihr ... Wer schwache Nerven hat und Gefahren scheut, der diene der Kunst, der absoluten, die jeden rauhen Gedanken ausstreicht, ehe er zur Tat wird ...

Individualismus, Unernst, Empfindsamkeit „und sehet da den elenden Aristokratismus von Herrn Heine“. Keine der Sünden wider den deutschen Geist fehlt und Heine gesteht sie alle ein. Den Vorwurf der Feigheit allerdings widerlegt er durch die Publikation seines „Börne“, er war von vielen Seiten vorgewarnt. Aber zu allen Einwänden „lächelte“ er — muß sein Freund H. Laube berichten —, er „hörte offenbar nur mit halbem Ohr zu und sagte endlich bloß: ‚Aber ist’s nicht schön ausgedrückt?‘“

Heine bleibt Börne auch auf dessen Ebene nichts schuldig und begleicht etwa den Vorwurf mangelnder Tatkraft mit der Anekdote vom Hambacher Revolutionskomitee.

Dort waren sehr viele Männer der That versammelt ... Jeder sah ein, es sey der rechte Moment ... (Aber) als die Frage der Competenz zur Sprache gekommen, als man darüber stritt, ob die zu Hambach anwesenden Patrioten auch wirklich competent seyen im Namen von ganz Deutschland eine Revoluzion anzulangen? da seyen diejenigen, welche zur raschen That riethen, durch die Mehrheit überstimmt worden, und die Entscheidung lautete: ‚man sey nicht competent.‘

Aber derartige Retourkutschen fahren am Problem vorbei, Heines Argumentationsstärke und Handlungsschwäche zeigen sich und ihren Grund dann, wenn das Argument sich gar nicht erst auf Börnes Ebene einläßt. Sondern sie gleich zweifach überbietet: Mit einer Analyse der Gegenposition und mit einer Reflexion der eigenen, hoffnungslos aporetischen Position. Wo Börne mit dem Moralknüppel auf Sinnlichkeit und Poesie eindrischt, antwortet Heine zunächst mit einer Genealogie der Moral — der Unbestechliche Börne befriedige mangels Guillotine mittels der Schreibfeder „unbewußt die versteckten Gelüste der eignen bösen Natur, wie einst Maximilian Robenspierre!“ — und dann mit der Beschreibung des Kampfplatzes, den keiner als Sieger verlassen wird: Der Streit zwischen Börne und Heine, zwischen Moral und Ästhetik, ist der alte „Zweykampf, welchen der judäische Spiritualismus gegen hellenische Lebensherrlichkeit führte, ein Zweykampf, der noch immer nicht entschieden ist ... Alle Menschen sind entweder Juden oder Hellenen, Menschen mit ascetischen, bildfeindlichen, vergeistungssüchtigen Trieben, oder Menschen von lebensheiterem, entfaltungsstolzem und realistischem Wesen“, sind entweder „Sklaven der nazarenischen Abstinenz“, die ihre mangelnde sinnliche Befriedigung in „Durst nach Martyrthum“ und nach Hellenenblut umsetzen. Oder sie sind „heimliche Hellenen“ wie Heine. Dann werden sie sich gegen die Börne ihrer Haut wehren müssen, daran läßt Heine wenig Zweifel. „Ich will hiermit andeuten ..., daß letztere (die kulturrevolutionären ‚Hellenen‘ J. L.) im Kampfe mit jenen (den ‚nazarenischen‘ Moralisten J. L.) wahrscheinlich den Kürzern ziehen, wenn sie ihnen nicht schleunigst zuvorkommen ... durch die welsche Falle“: zu deutsch: Guillotine.

Aber mag das innerrevolutionäre Köpferollen ausgehen wie es wolle, und mag unter Heines oder Börnes Fahne die Revolution endlich glücken — die gemeinsame Sache der Freiheit hat in jedem Fall verloren. Börne legt das Politische restriktiv als Organisation der Staatsmacht aus und weiß sein Ziel — oder weiß es eben nicht — beschränkt, beschränkt auf die Ablösung der Aristokratenwillkür durch die republikanische Vernunft. Weder der (National)Staat noch die Religion geraten ins Blickfeld seiner Kritik, keinerlei Selbstreflexion schärft den moralischen Rigorismus zum Gespür für jene Unterdrückung, die er seinerseits über Individualität und Leib ausübt. Heine hingegen, der mehr loswerden will als die politische Unterdrückung, der auch die Sinnlichkeit befreien will — von aller Obrigkeit und vom Kirchenglauben —, Heine fürchtet die Revolution so sehr wie er sie ersehnt. Im „Börne“ zumindest träumt er nicht von Zuckererbsen für jedermann:

Da kommen die Radikalen (Börne, J. L.) und verschreiben eine Radikalkur, die am Ende doch nur äußerlich wirkt, höchstens den gesellschaftlichen Grind vertreibt, nicht aber die innere Fäulniß. Gelänge es ihnen auch ..., so geschähe das doch nur auf Kosten der letzten Spuren von Schönheit, die dem Patienten bis jetzt geblieben sind; häßlich wie ein geheilter Philister wird er aufstehen ... in dem aschgrauen Gleichheitskostüm ... Alle überlieferte Heiterkeit, alle Süße, aller Blumenduft, alle Poesie wird aus dem Leben herausgepumpt werden. Für die Schönheit und das Genie wird sich kein Platz finden in dem Gemeinwesen unserer neuen Puritaner.

... Die Könige gehen fort, und mit ihnen gehen die letzten Dichter.

Wohin? Ins Exil der gelungenen Formulierung — „ist’s nicht schön ausgedrückt?“ —, die jener Versöhnung von Freiheit und Differenz, deren Unrealisierbarkeit in Gesellschaft und Geschichte für Heine feststeht, ein letztes Refugium bietet.

Shakespeare ist zu gleicher Zeit Jude und Grieche, oder vielmehr beide Elemente, der Spiritualismus und die Kunst, haben sich in ihm versöhnungsvoll durchdrungen. Ist vielleicht eine solche harmonische Vermischung der beiden Elemente die Aufgabe der ganzen europäischen Civilisation?

Die Frage ist rhetorisch, aber das hilft der Antwort nichts. Der Heine des „Börne“ ist resigniert, er läßt alle Hoffnung auf den Fortschritt der Freiheit fahren und sieht die Welt zwar „nicht in starrem Stillstand, aber im erfolglosesten Kreislauf“. Die Utopie emigriert in die Kunst, „ich trug an Bord meines Schiffes die Götter der Zukunft“.

Den ganzen Vorgeschmack allerdings will Heine sich nicht verderben lassen, schließlich lebt auch ein Poet nicht vom Wort allein. Aber die Furie der Moral spürt seine Schlupfwinkel auf, Börne verfolgt Heine bis ins Wirtshaus.

Bey Tische, wo ich so gern alle Misere der Welt vergesse, verdarb er mir die besten Gerichte, durch seine patriotische Galle, die er gleichsam wie eine bittre Sauce darüber hinschwarzte.

Zeitsprung und Rätsel: a) was sagt uns Heine heute? b) durch wen läßt er es uns ausrichten?

Er gibt uns „den Begriff einer politischen Öffentlichkeit ..., in der der Intellektuelle allein eine genuine Rolle spielen könnte“, weil anders als zu Heines und noch in Weimarer Zeiten die Intellektuellen nicht mehr zur Alternative Börne vs. Heine — Gang in die Politik vs. Rückzug in die Kunst — verdammt sind. Sondern in der inzwischen herausdifferenzierten Sphäre der „Öffentlichkeit“ politisch wirksam werden können, ohne auf die Autonomie ihrer Kunst zu verzichten. „Dies war auch Heines Sicht.“

Ist der Frankfurter Notgroschen schon gefallen? Aber jetzt:

Der zugleich egalitär und fallibilistisch gewordene ‚Geist‘, der sich in solchen Personen (wie H. Böll oder A. Mitscherlich J. L.) verkörperte, hatte (nach dem 2. Weltkrieg in der BRD. J. L.) beides abgelegt — den elitären Bildungshumanismus und den emphatischen Wahrheitsbegriff der platonisch gebliebenen philosophischen Tradition. Die Intellektuellen hatten sich auch das normative Selbstverständnis der demokratischen Willensbildung zu eigen gemacht: Selbst gegen die Tatsachen vertrauten sie auf die sozialintegrative Kraft einer Öffentlichkeit, in der Einstellungen durch Argumente verändert werden sollten.

Erraten? Erraten! Würde Heine heute leben, säße er als vierter am herrschaftsfreien Tisch, neben Böll, Mitscherlich und Habermas. Nur weil es seinerzeit das Wundertier „Öffentlichkeit“ nicht gab, in dem der Wahrheitsbegriff sich entspannen kann, hat er überemphatisch an seiner Wahrheit — dem Mißlingen der Emanzipation — festgehalten und weniger auf die Kraft des Arguments vertraut als auf die (in Habermas’ „Börne“-Auslegung nicht) erwähnte „welsche Falle“. Bleibt noch das „Hellenentum“ wegzuschaffen, das bei Tisch die Diskurssauce zurückweisen würde — die fehlende Nachfolgerschaft Heines „läßt sich aus dem radikalen Inhalt seiner Schriften nicht erklären“ —, und schon ist Heine „ein Schattenriß des deutschen Intellektuellen“ geworden, „der uns allen gehört“ und auf den „die Linken nicht länger einen Monopolanspruch erheben müssen“.

„Noch ein Täßchen Kaffee, lieber Heine? Was halten Sie übrigens von der neuen Nachrüstung bei den Kurzstreckenraketen?“

„Früher, geehrter Kollege Habermas, wie es noch keine Öffentlichkeit gab und ich deshalb mit den Antworten rasch bei der Hand war, hätte ich das Ganze bedenkenlos ein Verbrechen genannt, aber heute ... Sollten wir nicht erst die Möglichkeiten zum herrschaftsfreien Konsens ausloten und auch die Herren von der anderen Seite in unsere Runde bitten? Vielleicht könnte erst einmal Monsieur Glucksmann seine Philosophie der Abschreckung vortragen und dann Herr Jünger aus seinen Stahlgewittern plaudern?“

Es ist eigenartig mit Habermas, unentwegt widerlegt er in seiner Öffentlichkeits-Praxis seine Diskurs-Theorie und ebenso unentwegt sucht er sich durch dauernde Umtaufe der letzteren („Öffentlichkeit“, „Interaktion“, „Dialog“, „kommunikatives Handeln“, „Diskurs“ etc.) aus der Sterilität des Widerspruchs zu ziehen. Dabei ist die eine Seite spannend genug: Wenn Habermas etwa in den öffentlichen Streit mit jenen Historikern geht, die uns das KZ als Antwort auf den GULAG vorstellen, dann läßt er sich keinen Konsens abschwatzen, sondern hält den Wahrheits- wie den moralischen Anspruch gleichermaßen emphatisch hoch, nachgerade platonisch.

„Heinrich Heine und die Rolle des Intellektuellen in Deutschland“, heißt Habermas’ Interpretation, in der vom interpretierten Heine nicht einmal ein Schattenriß übrigbleibt: Der Gegenstand wird zum beliebigen Spielmaterial des um Selbstverständigung bemühten Subjekts. Oder er entfällt gleich ganz und die Reflexion verkommt zum Spiel mit sich. Wenn beispielsweise das „Kursbuch“ seine Abonnenten Gruseln machen will und sich die bange Frage „Sprachlose Intelligenz?“ vornimmt, dann muß niemand fürchten, die Seiten blieben leer.

Ganz im Gegenteil, die Intelligenz schwebt frei und deshalb ratlos unter der „Kursbuch“-Kuppel, aber an Wortnetzen ist kein Mangel. Wie die treue Penelope greift K. M. Michel einmal mehr in die immer wieder aufgedröselte Frühgeschichte des Logos und erzählt diesmal die Strophe von Odysseus und den Sirenen. Freilich gibt Michel lange genug das „Kursbuch“ heraus, um als Moral von der Geschicht’ laut „Ätsch“ zu rufen: „Das alles ist bekannt.“ Aber einmal im Vierteljahr muß das „Kursbuch“ erscheinen, mag es auch außer dem Alltagsärger eines freien Journalisten mit seinem festangestellten Redakteur wenig zur Selbstreflexion der Intellektuellen beitragen. Immerhin, im „Kursbuch“ wird der eigene Taschenspielertrick gleich zweimal aufgedeckt, L. Baier und K. Laermann zeigen am Beispiel der Semiologie und der Neuen Französischen Kleider, wie mangelnder Inhalt durch die Erfindung ganzer Sprachsysteme überquollen wird.

Ansonsten ist vom Gegenstand nichts zu sehen, das Selbst der Reflexion ist ein Gespenst, das weder die Gegenstände seines Nachdenkens in die Selbstbestimmung aufnimmt noch den Bezug des Denkens zu seinem Medium, zur Sprache. Um beides beschnitten, bleibt dem Subjekt nur die Flucht nach vorn.

Du bist allein im Zimmer, hier ist die Schreibmaschine, da hockst Du in Deinem Chaos, du wirst keine Massen bewegen. Das ist die Lage, erkenne sie! Abscheulich, aber wahr, man kann seinen Satzbau verbessern, nicht die Menschheit. Angesichts dieser Verhältnisse ist Kalligraphie die respektabelste Form der intellektuellen Ohnmacht.

Die zitierte Antwort Peter Sloterdijks verwundert weniger, wenn man die Frage liest, die „Ästhetik und Kommunikation“ ihm und neun anderen freien Schreibern vorgelegt hat:

Die Hoffnungen auf jene politischen Zusammenhänge, in die ein Intellektueller sich vor 20, 10, 5 Jahren hineinbegeben konnte, sind verweht. Man war in einer Parteisekte oder traditionell bei der SPD ..., jedenfalls zählte man immer auf ein ‚wir‘. Die Zusammenhänge selbst sind zerfallen, oder doch ganz verändert, aber etwas Neues erscheint. Das Geschäft des Denkens, vormals hinter den Allgemeinbegriffen und Subsumptionen kaum noch zu spüren, wird wieder sichtbar. Was ein Intellektueller tut, das tut er wieder in klassischer Weise, allein. Aus eigener Verantwortung und als Funkton (sic) seines Berufs. Was bedeutet das? ... Was ist neu an der Wiederkehr der Intellektuellen, dem selbständigem Alleinsein der Kopfarbeiter? — Montaigne. ‚Wage es, allein zu stehen!‘ Was ist heute das Wagnis?

Das Wagnis liegt heute wie gestern zweifelsohne im Zusammenhang zwischen Form und Inhalt: Im Schlechten gehen sie immer zusammen, der Wort- und der Gedankenbrei.

Der Umkehrschluß allerdings ist unzulässig. Was will Sloterdijk an seinem Satzbau denn noch verbessern? Wie hübsch ruft er einmal mehr „die letzten Tage der Ideologiekritik“ aus:

Immerhin stünde den alten Superkritikern eine ungewohnte Erfahrung bevor, wenn sie sich auf das einließen, was in den Bewußtseinslagen des Postkritizismus auf sie wartet: sie müßten kapieren, daß das Bewußtsein überholt ist, das daran gewöhnt war, alle anderen Bewußtseine kritisch zu überholen!

Der freie Geist hat Besseres zu tun, er schwebt über den Wassern, Sloterdijk hat

kürzlich eine geistreiche Interpretation des Surfens gelesen — das scheinbar passive Wellenreiten erscheint da als höchste Aktivität und Analogon zur intellektuellen Praxis. Man läßt sich an einer geeigneten Stelle in die Bewegung des Elements ein, mimetisch, nicht subaltern, mit dem Unwiderstehlichen, aber über es hinaus ... Pace Adorno.

Das ist witzig, das ist spritzig — ist’s nicht schön ausgedrückt? —, der Hauptspaß aber liegt darin, daß alles nicht wahr ist. Auch der postkritizistische Wellenreiter entgeht nicht dem Zwang, seinen Satzbau mit Inhalt anzureichern und beim Ritt über den Modensee nur so zu tun, als habe er nichts unter den Füßen: Sloterdijk wagt sich — auf dem Rücken seiner Formulierungskraft — am weitesten vor, er will den Gegenstand explizit verabschieden, wo andere ihn halbherzig unterschlagen. Seine Kalligraphie ist die Glanznummer, sie zaubert das Kaninchen in den Hut und Adorno gleich mit, sie will leisten, was noch keinem gelungen ist: die abstrakte Negation. Aber der alte Hut ist löchrig, weder die Kritik noch ihre Gegenstände weichen auf Geheiß, beide poltern nur um so plumper unten aus dem kalligraphischen Zylinder wieder heraus. Sloterdijk überholt seinen Gegenstand — die überholende Großkritik — seinerseits, jedoch nicht in der herkömmlichen Weise der Kritik, vielmehr als Beschimpfung ungenannt bleibender Fieslinge: Diese „altbackene hochmütige Trottelei“ zehrt vom „Neid“, agiert „miese Regungen aus“ und will sich statt Einsicht „trübe Überlegenheitsgefühle beschaffen“:

Vielleicht ist das der einzige entscheidende Vorteil an der postmodernen Kondition: man erkennt jetzt die Schweinehunde sofort, man ist nicht mehr so leicht durch intellektuelle Brillanz verführbar.

Vielleicht ist es so. Sicher hingegen ist, daß wir uns so leicht nicht von dem Backen der alten kleinen Brötchen werden verabschieden können; die anderen Leckereien munden noch abgeschmackter, sei’s der dürre Fladen der „Ästhetik und Kommunikations“-Anfrage, sei’s das aufgeschäumte Törtchen der Sloterdijk’schen Antwort, sei’s der kontrafaktische Strudel aus der Diskurskonditorei. C. Koch rückt in „Ästhetik und Kommunikation“ die engere Frage und die weiteren Perspektiven zurecht:

Ich habe meine Schwierigkeiten mit der Insinuation der Ä&K-Redaktion: „... jedenfalls zählte man immer auf ein ‚wir‘. Die da immer zählten, werden als Intellektuelle kaum weit gekommen sein ... Und wer glaubt, er müsse, da nun Mitte und Wärme des ‚wir‘ verloren sind, zum Intellektuellen werden, der sollte sich’s nocheinmal überlegen.

Das ist auch Satzbau, aber als Handwerkszeug, nicht aufgeplustert zur Sache selbst. Freilich auch nicht im Sinne Heines, nicht im Sinne der Form als Zuflucht der andernorts verlorenen Inhalte (dies Exil mag Sache der poetischen Abteilung der Kritik bleiben, wenn es sich überhaupt noch retten läßt). Und schon gar nicht im Sinne Börnes und der heutigen österreichischen Drachentöter, im Sinne der Ausgabe von Parolen für irgendein „wir“. Sondern als gute alte Kritik, die im Handgemenge weder die Gegenstände noch sich an sie verliert und stattdessen „Differenz und Distanz zustandebringt. Zudem muß er (der Intellektuelle J. L.), im allround fight an ständig wechselnden Fronten, fortwährend den Standort wechseln, um derselbe zu bleiben“.

Dies wiederum nicht aus Jux und Tollerei und zuallerletzt aus Gründen jener Effekte(n)hascherei, die J. Huber im zweifellos komischsten aller Debattenbeiträge als seine Tugend ausruft („Am schwierigsten ist es, um Jahre voraus zu sein ... Als Themenpionier wird man von den anderen leicht als Trüffelschwein ausgenützt“, kaum hat man die allerneueste Mode aufgespürt, kommen die bösen Konkurrenten und „beklauen einen einfach“.) Dies also nicht aus subjektiver Willkür, vielmehr als Antwort auf die Gegenstände, die schließlich auch nicht dieselben bleiben und von deren Wandel die Gegenwehr nicht absehen kann, will sie nicht im leeren Raum beides verlieren, die Bestimmung des Gegenstandes und die ihrer selbst.

Genug zu tun, die Gegenstände kommen schon ganz von alleine und rufen nach Reflexion. Nur ein Mißverständnis ist noch abzuwehren, C. Kochs Plädoyer für den schreibenden Einzelkämpfer, der jede Vereinnahmung „höllisch vermeiden muß“, ist kein Plädoyer gegen andere politische Praxis, hält aber die Risiken bewußt:

Es mag gewiß gute Gründe dafür geben, daß Intellektuelle sich bisweilen eine Strecke lang dort (bei den sozialen ‚Bewegungen‘ (J. L.) einreihen, aber für diese Strecke sind sie eben keine Intellektuellen und werden als solche auch gar nicht gebraucht. Im Gegenteil. Gebraucht werden sie, von den evangelischen Kirchentagen bis Mutlangen, als etwas, das dem Intellektuellen zutiefst widerstreben muß: Als Autoritäten ... Der Intellektuelle, der sich dafür hergibt, muß wissen, daß er im Dienst der guten Sache sich auch dem Gegengeist zum Opfer bringt. Und daß es hinterher schwer wird, auf den angestammten Platz zwischen allen Stühlen zurückzufinden.

Genug zu tun.

  • „Ludwig Börne und Heinrich Heine. Ein deutsches Zerwürfnis. Bearbeitet von Hans Magnus Enzensberger“, Greno 1986
  • Jürgen Habermas: „Die Rolle des Intellektuellen“, in „Merkur“, Heft 6, Juni 1986
  • „Kursbuch“ 84: „Sprachlose Intelligenz?“ „Ästhetik und Kommunikation“ 61/62: Rundfrage „Wiederkehr des Intellektuellen?“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1987
, Seite 57
Autor/inn/en:

Jürgen Langenbach:

Geboren 1950 in Lahr (Deutschland). Studierte Philosophie und Sozialwissenschaften in Freiburg im Breisgau und schloss 1980 seine Dissertation an der Uni Wien ab. Als Wissenschaftsjournalist arbeitete er u.a. für „Falter“ und „Standard“. Seit 2002 schreibt Langenbach für „Die Presse“ und ist auch als Buchautor tätig, unter anderem über den Philosophen Günther Anders.

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