Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2006 » Heft 4-5/2006

Den Kärntner Konsens angreifen! Schluss mit dem Ulrichsbergtreffen!

Napasti koroški konsenz! Konec s srečanjem na Ulrichsbergu/Vrhu!

Traditionspflege in Kärnten / Negovanje tradicije na Koroskem

Seit 1958 treffen sich alljährlich im Herbst Veteranen der Wehrmacht und (Waffen-)SS, sowie deren Angehörige und ideologische „Nachfahren“ bei der „Europa-Heimkehrergedenkstätte“ am Ulrichsberg in Kärnten/Koroska. Unterstützt vom österreichischen Bundesheer, gehuldigt durch (fast) alle politischen Parteien, reisen zu den Feierlichkeiten Delegationen und Kameradschaften aus Deutschland, Norwegen, Belgien, Finnland, Frankreich, Schweden, Dänemark, Italien und den Niederlanden an.

Gedacht wird der gefallenen Kameraden und ihrer „anständigen Pflichterfüllung“ als Soldaten. Dabei wird der Mythos vom „Kampfes- und Opfertod“ für die „Freiheit des Vaterlandes“ in beiden Weltkriegen, wie auch im Kärntner „Abwehrkampf“, genährt. Im Gegensatz dazu wurde den Opfern der SS und des verbrecherischen Krieges der Wehrmacht beim Gedenken am Ulrichsberg, der in den letzten Jahren immer stärker als „Europäische Friedensgedenkstätte“ hochstilisiert/umfunktioniert wurde, bis heute kein Platz eingeräumt. Organisiert und ausgerichtet werden die Feiern vom Verein für die Heimkehrergedenkstätte ‚Ulrichsberg‘ (Ulrichsberggemeinschaft), dessen Aktivitäten sich bis in die unmittelbare Nachkriegszeit zurückverfolgen lassen. Die Ulrichsberggemeinschaft stellt einen Zusammenschluss von u.a. dem Österreichischen Kameradschaftsbund, dem Kärntner Abwehrkämpferbund, dem Kärntner Heimatdienst, der Kameradschaft ehemaliger Gebirgsjäger, dem Heimkehrerverband Kärnten, Vertretern der Kärntner Landsmannschaft und der Volksdeutschen Landsmannschaft dar.

Eine Schlüsselstelle beim Ulrichsbergtreffen nimmt als ständige Mitgestalterin des Festaktes die Kameradschaft IV (KIV), eine Veteranenorganisation ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS, ein. Darüber hinaus veranstaltet die KIV am Tag vor dem Ulrichsbergtreffen traditionellerweise eine eigene Begleitveranstaltung in Krumpendorf/Kriva Vrba, auch als „Krumpendorftreffen“ bekannt geworden, welche als Brückenschlag zwischen „jung“ und „alt“ fungieren soll. Prominentester Referent war dort Jörg Haider, Kärntner Landeshauptmann und (ideologischer) Chef der Regierungspartei BZÖ, der 1995 in einer Aufsehen erregenden Rede den versammelten SS-Soldaten Dank und Anerkennung aussprach.

„Deutsches Kärnten“ / „Nemska Koroska“

Auftritte von SpitzenpolitikerInnen am Ulrichsberg sind jedoch keine „einmaligen Ausrutscher“, sondern gelebte Normalität. Denn auch abseits von (Ex-)FPÖ/BZÖ PolitikerInnen ist diese Art der Geschichtsauffassung in Kärnten/Koroska politischer Alltag. Der deutschnationale Konsens besteht über alle Parteigrenzen hinweg. So war in den letzten 20 Jahren Politprominenz aus den Reihen von ÖVP und SPÖ zahlreich beim Ulrichsbergtreffen zu finden: amtierende wie ehemalige BundesministerInnen, genauso wie sozialdemokratische Landeshauptleute, sowie (fast) alles, was Kärnten/Koroska an LokalpolitikerInnen zu bieten hat. Anschauliche Beispiele dafür, wie die Kameradschaft über Parteigrenzen und Generationen hinweg funktioniert, sind Rudolf Gallob, ehemaliger SP-Landeshauptmannstellvertreter, heute Präsident der Ulrichsberggemeinschaft, und Harald Scheucher, der derzeitige Klagenfurter VP-Bürgermeister und Sohn des Mitbegründers des Ulrichsbergtreffens Blasius Scheucher. Die Unbeirrtheit, mit der er seine schützende Hand über die Ulrichsberggemeinschaft hält, ist Ausdruck der verbreiteten Identifizierung mit den soldatischen Tugenden der Wehrmacht, sowie dem in Kärnten/Koroska bis heute geführten „Abwehrkampf“ der „Deutsch-Kärntner“.

Mit dem völkischen Deutschnationalismus als grundlegender Ideologie der Ulrichsberggemeinschaft bzw. ihrer Mitgliedorganisationen, geht die Paranoia vor allem Slowenischen Hand in Hand. Der politische Kampf der PartisanInnen gegen den Nationalsozialismus wird von den VerteidigerInnen der Deutschen Wehrmacht zu einer Kette von angeblich jugoslawisch-nationalistisch inspirierten Verbrechen umgelogen — da klingt noch die „Bandenbekämpfung“ der nationalsozialistischen Propaganda nach. Während der bewaffnete antifaschistische Kampf der PartisanInnen in völlig verzerrter Form im „deutsch-Kärntner“ Geschichtsbewusstsein instrumentalisiert wird, werden andere Kapitel der slowenischen Geschichte Kärntens/Koroskas völlig verschwiegen — zumBeispiel die „Aussiedlung“ von etwa 1000 Kärntner SlowenInnen am 14./15. April 1942. Binnen einer Stunde mussten die Menschen ihre Häuser verlassen, sie wurden zunächst nach Ebenthal gebracht, mussten dort die Übergabe ihres Vermögens bestätigen, erhielten eine Nummer statt ihres Namens und wurden weiter in Lager im „Altreich“ geschickt. Diese Opfer sind ebenso wenig Teil des „deutsch-Kärntner“ Gedächtnisses wie die Toten vom Persmanhof, wo eine SS-Polizeieinheit noch am 25. April 1945 ein Massaker verübte, dem elf Menschen zum Opfer fielen.

Angreifbare Traditionspflege: Von Mittenwald ...

Dieses Jahr trafen sich in Mittenwald zum 49. Mal Wehrmachtsveteranen, ehemalige und aktive Bundeswehrsoldaten sowie deren SympathisantInnen zum Gedenken. Bei der Traditionspflege der Gebirgstruppen werden die Kriegsverbrechen im Rahmen des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges unter den Tisch gekehrt. Unter dem Deckmantel der „Bandenbekämpfung“, als „Vergeltungsmaßnahmen“ für (angebliche oder tatsächliche) Widerstandsaktionen der Zivilbevölkerung und der PartisanInnen verübten Einheiten der Gebirgsjäger über 50 Massaker in Griechenland, Italien, Frankreich, Finnland, Jugoslawien, Polen, Albanien und in der Sowjetunion. Im nordgriechischen Dorf Kommeno ermordeten sie 317 ZivilistInnen und auf Kephallonia, einer Insel bei Korfu, metzelten sie über 5000 entwaffnete italienische Soldaten nieder.

Seit einigen Jahren konfrontieren AntifaschistInnen die Öffentlichkeit mit der mörderischen Tradition der Gebirgstruppe im bayerischen Mittenwald. Zu Pfingsten 2002 gab es zum ersten Mal Proteste von AntifaschistInnen gegen das Treffen, und in den vergangenen drei Jahren wurde verstärkt nach Mittenwald mobilisiert: Gegen den Skandal eines Tätergedenkens, an dem sich nicht nur die noch lebenden Täter, sondern auch die Bundeswehr beteiligt; gegen den Skandal, dass unbeirrt an der Mähr von Ehre und Tugend der Gebirgstruppe gestrickt wird; gegen den Skandal, dass antifaschistische AktivistInnen Jahr für Jahr mit Strafverfahren eingedeckt und polizeilicher Repression ausgesetzt werden, während es die bundesdeutsche Justiz bislang noch nicht fertig gebracht hat, auch nur einen einzigen Wehrmachtsoffizier wegen Beteiligung an Kriegsverbrechen zu verurteilen. Die Reaktionen des Kameradenkreises seit Beginn der Kampagne reichen vom Leugnen der Fakten bis hin zum Versuch, Massaker dadurch zu legitimieren, dass man sich ja nur gegen PartisanInnen geschützt habe. Diejenigen, die am Ort der Täter das Gedenken an die Ermordeten einfordern, werden angegriffen — so geschehen 2002, als einige AntifaschistInnen bei einem Festmahl des Kameradenkreises zum ersten Mal eine Gedenkminute für die bei Massakern Getöteten abhalten wollten. Seither zeigt sich immer wieder, was der Kameradenkreis ist: eine Selbsthilfegruppe für Kriegsverbrecher.

Dem generationenübergreifenden soldatischen Geist wird seit 2002 von antifaschistischer Seite aber nicht nur durch Protest, sondern auch durch Veranstaltungen mit Überlebenden der Massaker der Gebirgstruppe und PartisanInnen, die dadurch am Ort der Täter eine Stimme erhalten, entgegnet. Das Traditionstreffen ist vom alljährlichen normalen Vorgang zum brisantesten Thema der lokalpolitischen Debatten geworden.

... über Kreta ...

2005 weitete sich die Kampagne gegen die Gebirgsjäger bis nach Kreta aus. Vor 65 Jahren erfolgte der erste Großeinsatz deutscher Gebirgsjäger in Griechenland. Unterstützt von Fallschirmjägern begann die 5. Gebirgsjägerdivision am 20. Mai 1941 mit der Invasion Kretas. Im Zweiten Weltkrieg waren in Griechenland zu verschiedenen Zeiten u.a. zwei Gebirgsjägerdivisionen im Einsatz, wobei die 5. Gebirgsjägerdivision mit ca. 14.000 Soldaten die militärische Hauptkraft zur Besetzung Kretas war. Bei der Invasion stießen die Deutschen auf unerwartet starken Widerstand der BewohnerInnen Kretas. Die deutschen Verluste waren um circa 20 Prozent höher als bei den vorausgegangenen Feldzügen gegen Jugoslawien und das griechische Festland zusammen. Auf den bewaffneten wie auch unbewaffneten Widerstand der Zivilbevölkerung Kretas reagierten die deutschen Einheiten mit unglaublicher Brutalität und begingen noch während der Kämpfe um Kreta Massenerschießungen und zerstörten Dörfer. Generalmajor Ringel, Kommandeur der 5. Gebirgsjägerdivision befahl, „... für jeden deutschen Verwundeten oder Gefallenen sind 10 Kreter zu erschießen, Gehöfte und Dörfer, in denen deutsche Truppen beschossen werden, sind niederzubrennen, in allen Orten sind Geiseln sicherzustellen.“ In Befolgung des Befehls wurden innerhalb weniger Wochen über 2.000 BewohnerInnen Kretas brutal ermordet. Auf Kreta findet jährlich am 20. Mai eine revisionistische Gedenkveranstaltung auf dem „Deutschen Soldatenfriedhof“ in Maleme statt. Jahrelang wurde ungestört das faschistische Lied der Fallschirmjäger „Rot scheint die Sonne“ gesungen und Kränze mit Texten wie „Treue für Treue“ abgelegt. 2005 reisten AntifaschistInnen aus Deutschland nach Kreta, um gemeinsam mit griechischen GenossInnen dem revisionistischen Treiben ein für alle mal ein Ende zu bereiten — die Veteranen mussten schließlich auf ihre traditionelle Gedenkfeier verzichten.

Während auf Kreta die Zeiten für Gebirgsjäger nicht mehr so rosig aussehen, wurde der Spuk am Ulrichsberg bis heute nicht beendet. Querverbindungen gibt es aber genügend. So hängt am Ulrichsberg bis heute eine Gedenktafel mit der Aufschrift: „Unseren gefallenen Fallschirmjägern — Treue um Treue — 1939-1945“ — lediglich das Hakenkreuz wurde aus dem auf der Tafel abgebildeten Abzeichen der Fallschirmjäger weggelassen. Andere Tafeln am Ulrichsberg erinnern wiederum an die Gebirgsjäger, die, unter Führung von General Ringel, an der Invasion von Kreta beteiligt waren. Ringel war nach dem Krieg nicht nur gern gesehener Gast am Ulrichsberg, seine Uniform und Erinnerungsstücke lagen bis vor kurzem als traditionsstiftende Andenken in einer steirischen Kaserne des österreichischen Bundesheeres.

... zum Ulrichsberg

„In Kärnten traut sich ja schon längst kein Linker zu demonstrieren“, war der Kärntner Landeshauptmann noch vor wenigen Jahren überzeugt. Nichtsdestotrotz fanden sich letztes Jahr rund 150 AntifaschistInnen in Kärnten/Koroska ein, um gegen die Verherrlichung von Kriegskameradschaft durch ehemalige SS- und Wehrmachtsveteranen sowie Angehörige des Bundesheeres zu protestieren, die mörderische Traditionspflege anzugreifen und auf die Opfer eines verbrecherischen Krieges aufmerksam zu machen.

All dies ging 2005 auch nicht spurlos an der Ulrichsbergfeier vorbei. Unter dem Eindruck der Proteste sah sich der Festredner, ÖVP-Landesrat Martinz, erstmals zu einer teilweisen Distanzierung von anwesenden Veteranen genötigt, als er von einem Unterschied zwischen Wehrmachtsangehörigen sowie Mitgliedern von Waffen-SS und Totenkopfverbänden sprach. Auch wenn diese Aussagen für hör- und sichtbaren Unmut unter vielen TeilnehmerInnen des Treffens sorgten, steckt hinter solchen Aussagen vor allem der Wunsch, das Andenken an die Wehrmacht unberührt zu lassen, während verdrängt wird, dass viele Kriegsverbrechen, wie am Beispiel der Gebirgsjäger nachzuweisen ist, nur unter massiver Beteiligung der Wehrmacht vollzogen werden konnten.

Entschädigung für die Opfer / Odskodnine za zrtve

Während die Mörder von einst strafrechtlich nicht verfolgt wurden und sich ihre „Dienstjahre“ für die Pension anrechnen können, wird die Entschädigung von NS-Opfern in Österreich bis heute verzögert. Wehrmachtsdeserteure werden vom österreichischen Staat nicht als Opfergruppe anerkannt, sondern müssen individuell nachweisen, dass sie aus „politischer“ Überzeugung Widerstand geleistet haben und — im Rahmen eines verbrecherischen Krieges — nicht „bloß“ aus „Drückebergerei“ und soldatischer „Ehr- und Pflichtverletzung“. Opfer von Wehrmachtsverbrechen haben bis heute zumeist gar keine Chance, Entschädigungen zu bekommen, da solche „Kollateralschäden“ an ZivilistInnen ins offizielle Geschichtsbild von Soldaten, die einer „Kameradschaft“ sowie „Ehre und Treue“ verpflichtet sind — wie dies beim Ulrichsbergtreffen der Fall ist —, keinen Platz finden können. Aber auch, weil die Länder der Täter — Österreich und Deutschland — nicht bereit sind, für die Verbrechen der Wehrmacht Verantwortung zu übernehmen.

Gegen revisionistische Opfer-Mythen! / Proti revizionisticnim mitom o zrtvah! Für die Auflösung des Ulrichsbergtreffens! / Za razpustitev srecanja na Ulrichsbergu! Für die Bestrafung der letzten lebenden Kriegsverbrecher! / Za kaznovanje zadnjih zivih vojnih zlocincev! Für die sofortige Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure! / Za takojsnjo rehabilitacijo dezerterjev „wehrmacht-a“! Für die sofortige Entschädigung aller NS-Opfer! / Za takojsnjo odskodnino vsem NS-zrtvam!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2006
Heft 4-5/2006, Seite 0
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