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Peter Ulrich Lehner

Demokratie und Schöpfertum durchsetzen!

Demokratie als Bedingung der Möglichkeit einer schöpferischen Rollenvielfalt in der Arbeit bleibt bei allen Überlegungen gegen das Arbeitselend außen vor.

Arbeit dient(e) zwar immer auch Erwerbszwecken, ist aber stets mehr als nur Erwerbstätigkeit. Doch über Arbeit wird nur in ihrer Form als Erwerbsarbeit diskutiert. In ihrer entfremdeten und entfremdenden Erscheinung nicht hinterfragt, wird ihr allenfalls die Eigenarbeit oder die Freizeit oder der Müßiggang als Modell gegenübergestellt, erscheint Menschsein nur außerhalb und nicht in der Arbeit denkbar.

Bemühungen gegen die Entfremdung in der Arbeit selbst werden kaum unternommen, weil diese gesellschaftspolitische Alternative nicht thematisiert wird. Demokratie in der Arbeit als Bedingung der Möglichkeit zur Erfahrbarkeit einer Rollenvielfalt (nicht nur durch einen Wechsel zwischen verschiedenen Ausführungstätigkeiten, sondern vor allem durch Teilnahme am Entwerfen und an grundsätzlichen Entscheidungen), um eine Freisetzung und Nutzbarmachung des Schöpferischen sowie die Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen einzelmenschlichem Entfaltungsbedürfnis (erfüllende Arbeit gegen ausreichendes Einkommen) sowie betrieblichen (kostendeckende Einnahmen) und gesellschaftlichen (Sicherstellung der Ausgewogenheit zwischen Mensch, Natur und Gesellschaft) Erfordernissen zu eröffnen,bleibt bei den meisten Überlegungen zur Arbeit außen vor. Dafür geistert ungebremst eine Bemerkung Hannah Arendts aus ihrem Buch Vita activa, wonach der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausginge, quer durch den literarischen Gemüsegarten. Durch ihr kritikloses Nachbeten wird Arbeit mit Lohnarbeit gleichgesetzt und so ein sehr eingeengter Arbeitsbegriff kultiviert.

Der Begriff Arbeitsgesellschaft unterstellt, es gäbe auch Gesellschaften ohne Arbeit. Aber keine Gesellschaft kann ohne Arbeit bestehen, Gesellschaft wird erst durch Arbeit hergestellt. Arbeit ist also ein Wesensmerkmal von Gesellschaft, die Etikettierung Arbeitsgesellschaft eine Tautologie, ihr Gegenbegriff Freizeitgesellschaft ebenso problematisch. Solche in der Gesellschaftswissenschaft Mode gewordenen Ausdrücke Überhöhen eine (unzutreffende) Einzelheit aus einem Merkmalbündel zur Etikettierung der Gesamtgesellschaft und tragen dazu bei, den Unterschied zwischen Tätern und Opfern zu verwischen. Um die entfremdete Arbeit herum hat sich eine Begrifflichkeit mit dem ihr gemäßen Vokabular entwickelt:

  • Erwerbsarbeit: Tätigkeit gegen Entgelt (selbständig und unselbständig), die dem eigenen Lebensunterhalt (und dem der Angehörigen) dient. Ihr Ergebnis muß als Warenkörper oder Leistung marktfähig sein. Ihre Unterarten sind:
    • Selbständige Arbeit: Die Entäußerin/Der Entäußerer von Arbeitskraft ist auch im Besitz (oder Eigentum) der sachlichen Produktionsvoraussetzungen für die Leistungserbringung, das Gelingen des Werks liegt in eigener Verantwortung.
    • Lohnarbeit: Die eigene Arbeitskraft wird einem Käufer entgeltlich zur Verfügung gestellt. „Unselbständige Tätigkeit“, weil „nur“ die persönlichen, nicht aber die sachlichen Voraussetzungen zur Leistungserbringung gegeben sind und die Entäußerung von Arbeitskraft von Arbeitsmitteln abhängt, die sich in fremdem Eigentum befinden.
    • Schattenarbeit: Dunkle Grauzone unterhalb der Standards des (entfremdeten) Lohn(Normal-)arbeitsverhältnisses. Reicht von Teilzeitarbeit und (prekärer) Arbeit für nicht-daseinssicherndes Einkommen über (ungeschützte) Schwarzarbeit bis zum Pfusch.
  • Arbeitskrafts-(Wiederherstellungs-)arbeit: Sie dient der Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Arbeitskraft.
    • In ihrer unentgeltlichen Form liegt sie außerhalb der Erwerbsarbeit und spielt sich daher nur in der sogenannten Freizeit ab (wo sie meistens von Frauen erbracht wird). Sie stellt also eine Subvention an das Kapital dar.
    • Als entgeltliche Form ist sie Erwerbsarbeit und schlägt sich nach Maßgabe ihrer Marktpreise in den Kosten der Arbeitskraft nieder.
  • Vollbeschäftigung: Maximale Verbreitung entfremdeter (Lohn-)Arbeit. Erfordert genügend Nachfrage nach verkaufsfähiger Arbeitskraft. Es wird nicht thematisiert, was mit dieser Arbeitskraft erzeugt wird und welche Arbeitsinhalte damit verbunden sind.
  • Eigenarbeit: Dient nicht der Herstellung marktfähiger Ergebnisse, sondern der Befriedigung persönlicher Bedürfnisse außerhalb des Erwerbslebens, wie Schrebergarten kultivieren, Modelleisenbahn bauen, Teppichknüpfen oder Kleintierzucht. Bleibt dem Marktkalkül entzogen. Wird der entfremdeten Arbeit als Halbparadies gegenübergestellt. Als Arbeit für sich ist sie zwar der Gegenbegriff zur Arbeit für andere, bleibt aber trotzdem innerhalb des Bezugssystems der entfremdeten Arbeit.
  • Freizeit: Gegensatz zur Erwerbsarbeitszeit, erwerbsarbeitsfreie Zeit, Teil der Lebenszeit, in der sowohl unentgeltliche Arbeitskraftsarbeit als auch Eigenarbeit geleistet oder dem Müßiggang gefrönt werden kann. Ein Quentchen Paradies, scheinbar unberührt von den Zwängen des Betriebs und der Marktwirtschaft. (Für einzelne Kapitalfraktionen ist es wichtig, daß die mit ausreichendem Einkommen ausgestatteten Arbeitskräfte auch genügend Freizeit haben, um dieses in Freizeitparks und Unterhaltungszentren wieder auszugeben und damit die Freizeitindustrie zu speisen. Dadurch schließt sich der Kreislauf der Außengesteuertheit, die Entfremdung mündet in sich selbst, das Paradies entpuppt sich als Trugbild.)

Heraus aus der Sackgasse!

Hinter dieser Begrifflichkeit steckt die Verwertung der Arbeit durch das Kapital. Kapital ist kein technischer, sondern ein politischer Begriff. Die Kapitaleigentümer üben durch ihre Verfügung über Sachen Herrschaft über Menschen aus, die kein Kapital besitzen. Da jene nur ihre Arbeitskraft haben, schöpfen sie mit deren Verausgabung einen gesellschaftlichen Mehrwert, der aus ihrer Verfügung in die der Kapitaleigentümer entgleitet und deren Herrschaft ermöglicht. Kapital ist, um einer Erkenntnis von Friedrich Engels und Karl Marx Rechnung zu tragen, Kommando über unbezahlte Arbeit.

Seit den achtziger Jahren haben die Kapitaleigentümer für sich immer mehr Freiheiten durchgesetzt, ohne mehr Arbeitsplätze zu schaffen (von nichtentfremdeter Arbeit ganz zu schweigen). Die Rede von der Arbeitsgesell- schäft, der die Arbeit ausgeht, sitzt dem oberflächlichen Schein einer Entwicklung auf, durch die sich das Kapital unter der Tünche des Neoliberalismus seiner wohliährtsstaatlichen Fesseln entrafft und die Arbeitskräfte in die Bereiche Schattenarbeit und unentgeltliche Arbeitskrafts-(Wiederherstellungs-)arbeit abdrängt.

Das Beschäftigungsproblem wird sich daher nicht lösen lassen, ohne die Kapitalherrschaft anzugehen. Wir müssen in der Sackgasse, in der wir uns befinden, umkehren und in der Gegenrichtung nach einem angemessenen Arbeitsbegriff suchen. Als Anregung dazu ein Auszug aus dem Artikel Die Arbeit ist der Hebel, der im Heft 11/1989 der Zeitschrift Die Zukunft veröffentlicht wurde (siehe Beitrag auf Seite 7). Der dort skizzierte Arbeitsbegriff geht von den Wesensmerkmalen Einsicht und Vorstellung aus, seine bestimmenden Elemente sind Schöpfertum, Verbindungsfähigkeit, Demokratie und Selbstverwirklichung der menschlichen Natur.

Was Menschen gemeinschaftlich ersinnen und entwerfen, bleibt ihrem Schöpfertum vorbehalten. Vorgegeben ist nur die Naturschranke, die die Menschheit durch ihre Arbeit zurückdrängt. Die Naturschranke können wir nicht übersteigen, denn wir sind und bleiben Wesen der Natur. Wir können sie zwar in eine menschliche und eine außermenschliche unterscheiden (ohne die Wechselwirkung zwischen beiden zu ignorieren), uns aber nicht aus ihr erheben und uns von ihr unabhängig machen (wenngleich manche Denkansätze zur Umweltproblematik unausgesprochen davon ausgehen, daß der Mensch als außernatürliches Wesen in der Natur sein Unwesen triebe).

Das Zurückdrängen der Naturschranke durch Arbeit ist dem Voranschteiten vergleichbar. Jeder Schritt verändert und verschiebt den Horizont, überwindet ihn aber nicht. Es entsteht ein immer neuer Horizont. So ist es auch mit der Arbeit. Wir erreichen ein Ziel und stellen dabei fest, daß es nur ein Zwischenziel ist, weil sich neue Aufgaben und Notwendigkeiten offenbaren, die neue Zielsetzungserfordernisse begründen.

Das Schöpferische sowie das Zurückdrängen von Entfremdung und Dienstbarkeit für herrschaftliche Zwecke durch Demokratisierung ist im gängigen Arbeitsbegriff überhaupt nicht angelegt. Wir nehmen es hin, daß wir mit dem Betreten eines Betriebs, dessen Eigentümer unsere Arbeitskraft kauft, eigene Vorstellungen aufgeben und uns seinen Zwecken dienstbar machen. Dadurch ermöglichen wir den Kapitaleigentümern die Steuerung des gesamtgesellschaftlichen Prozesses. Dabei lassen sie sich legitimerweise von ihren Interessen leiten, sodaß die Interessen all jener, die nicht mitsteuern können, nur solange Berücksichtigung finden, solange sie nicht stören. Dies kennzeichnet alle undemokratisch-herrschaftlichen Gesellschaften.

Eine bloße Neuformulierung eines Arbeitsbegriffs drängt der Wirtschaft von außen etwas auf. Demgegenüber ist Arbeit als Lebensäußerung schlechthin, als die zentrale Quelle gesellschaftlicher Verhältnisse zu erkennen, anzuerkennen und als verschüttetes, verdrängtes, geleugnetes Element in der Wirtschaft aufzuspüren. Sie legitimiert die Arbeiter/innenbewegung, sich Geltung zu verschaffen und die Gesellschaft nach ihren Interessen und Vorstellungen zu organisieren. Daher muß sie einen darauf aufbauenden Arbeitsbegriff entwickeln und ihn politisch durchsetzen.

Herrschaft, die die Früchte der Arbeit anderer genießt, hat kein politisches Interesse an ihrer eigenen Beseitigung. (Das färbt auch auf Organisationen der Arbeiter/innenbewegung ab, die an dieser Herrschaft teilnehmen.) Die Entwicklung eines angemessenen Arbeitsbegriffs durch die Arbeiter/innenbewegung rüttelt daher an den Grundlagen von Herrschaft, wirft Fragen nach unserem gesellschaftspolitischen Selbstverständnis sowie nach gesellschaftlicher Neugestaltung auf und fordert unsere schöpferische Utopie heraus. In diesem Sinn hat die Welt, um ein Wort Ernst Blochs zu bemühen, ihren Kern noch nicht aus sich herausgesetzt. In diesem Umfang sind wir jedoch auch den Beweis unserer Fähigkeit zu utopischer Phantasie bislang schuldig geblieben.

Ein Arbeitsbegriff, der die Elemente Schöpfertum, Verbindungsfähigkeit, Demokratie und Selbstverwirklichung der menschlichen Natur umfaßt, soll uns leiten und als Prüfstand für gängige Vorschläge zur „Beschäftigungspolitik“ dienen:

  • Förderung von Lehrstellen und Arbeitsplätzen durch öffentliche Subventionen. Das bedeutet eine weitere Unterstützung des Kapitals durch die Arbeitskräfte, weil sie zu öffentlichen Budgets mehr beitragen als die Kapitaleigentümer (die ihre Beiträge nur aus dem von Arbeitskräften geschöpften Mehrwert leisten). An der Entfremdung könnte diese Maßnahme nur dann etwas ändern, wenn sie mit Auflagen zur Ermöglichung demokratischer Ansätze über Arbeitsverfassungsgesetze hinaus verbunden wäre. (Offen bleibt, ob die betreffenden Arbeitskräfte diese Möglichkeit auch nutzen).
  • Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich.So unerläßlich sie ist, ließe sie die Entfremdungsgrundlagen in der verkürzten Arbeitszeit unberührt. Allerdings könnte sie die Einkommensverteilung zwischen Kapital und Arbeit ändern. Ähnliches gilt auch für Sabbatical, Bildungsfreistellung und andere „freie Zeitinseln“ in der Erwerbsarbeit.
  • Erwerbsarbeitsunabhängiges Grundeinkommen. Es sichert zwar das Dasein, ändert aber nichts an der Fremdbestimmtheit der Erwerbsarbeit (von seiner Finanzierbarkeit und der Verteilungswirkung abgesehen). Es wäre aber ein Schritt in Richtung „Jede/r nach ihren/seinen Fähigkeiten, jeder/jedem nach ihren/seinen Bedürfnissen“. Indem es den Erwerbsarbeitsdruck mildert, eröffnet es auch Chancen für das Schöpferische. Als Notstandshilfe findet das Grundeinkommen in verfremdeter, entstellter Form jetzt schon immer mehr Verbreitung.
  • Erweiterung des Erwerbsarbeitsbegriffs durch Einbeziehung der familial organisierten Arbeitskrafts-(Wiederherstellungs-)arbeit. Ein unerläßlicher Schritt zur Verbesserung der Lage des weiblichen Geschlechts, weil eine bislang unentgeltliche, überwiegend von Frauen geleistete Arbeit anspruchsbegründend würde. Doch würde sich an der Rollenfestschreibung zwischen den Geschlechtern wahrscheinlich nur wenig und am herrschaftlichen Charakter des Arbeitsverhältnisses nichts ändern.
  • Flexibilisierung. Die individuellere Gestaltung des Arbeitseinsatzes verändert zwar die Portionierungen von Erwerbsarbeit und Freizeit (offen bleibt, zu wessen Gunsten), hat aber keine demokratisierende Wirkung für Arbeit, Betrieb und Wirtschaft.

Gegenstrategie

Manche dieser Vorschläge wären in einem Konzept der Demokratisierung sinnvoll. So aber werden sie immer nur an die kapitalistische Eigentums- und Entscheidungsstruktur gerichtet. Deren Demokratiearmut benachteiligt die gesellschaftliche Mehrheit und bringt jene Zustände hervor, die durch die Verwirklichung dieserVorschläge weiter verfestigt werden würden, weil sie doch nur im Interesse der Kapitaleigentümer erfolgt. Vielleicht kennzeichnet die Schwäche der in der Defensive befindlichen Arbeiter/innenbewegung nichts mehr als dies. Indem auch sie nur diese Vorschläge vertritt, klammert sie sich fortwährend an dem Felsen fest, an dem sie scheitern soll.

Um von der „Droge Erwerbsarbeit“ loszukommen, bedarf es nicht bloß einer „Entziehungskur“ (wie sie Erwerbsarbeitslosigkeit als pervertierte Form ist), sondern einer eigenen Vorstellung und einer zielführenden Strategie. Durch weltweit koordinierte, gleichzeitige Bestrebungen der Arbeiter/innenbewegung auf lokaler und regionaler Ebene sind die „Sachzwanglogik“ aufzuweichen sowie der global verselbständigte Kapitalanhäufungsvorgang zu verzögern und um demokratische Elemente anzureichern.

Nicht ein abgehobenes, theoretisch erdachtes Ideal in die Wirklichkeit einpflanzen, sondern bestehende Ansätze aufgreifen, um diese für eine gemeinschaftlich zu bewirkende Selbstentfaltung der Benachteiligten nutzbar zu machen. Neues ersinnen, indem wir Vorhandenes in die Gegenrichtung weiterentwickeln.

Die verbreitetste Form des Protestes der Benachteiligten (nicht nur) in der Arbeitswelt ist die Abwehrhaltung. Ihr versucht ein durch Kapitaleigentümer bestelltes Management durch äußere Leistungsanreize beizukommen und durch das betriebliche Vorschlagswesen das Schöpfertum der Beschäftigten zwar anzusprechen, zugleich aber herrschaftskonform zu kultivieren. Es weiß sehr gut, daß Betriebsvorgänge ohne Eigeninteresse der Ausführenden nicht organisierbar sind. Stillschweigend wird dadurch aber unsere schöpferische Fähigkeit anerkannt. Nun gilt es, sie für die Verwirklichung unserer eigenen Interessen nutzbar zu machen. Wir unsererseits müssen uns bewußt machen, welches Bessere uns bei unserer Abwehrhaltung vorschwebt.

Mehrheitsinteressen sind durch Demokratie am besten gewährleistbar (wie verbesserungswürdig auch immer). Daher bedarf es eines gezielten Ausbaus demokratischer Einrichtungen und Vorgänge nicht nur im politischen Bereich (wo sie durch den Neoliberalismus ausgehöhlt werden), sondern vor allem in Wirtschaft und Betrieb (wo sie bisher vergessen oder unentwickelt gehalten wurden). Die Demokratie muß Grundprinzip vor allem des Lebensbereichs werden, wo Bewußtsein, Fähigkeiten, Einstellungen, Umgangsformen und Verhaltensweisen geprägt und am nachhaltigsten beeinflußt werden. Dann ergäbe sich die Chance für ein demokratiegemäßeres, weniger populismusanfälliges politisches Leben auch außerhalb der Arbeitswelt.

Öffentlichkeit als Voraussetzung für Demokratie wird im Hinblick auf die Gefährdung der Position des eigenen Unternehmens in der Marktkonkurrenz abgewehrt. Diese Position wird aber durch „Mitarbeiter/innenabbau“ zu verbessern versucht. Öffentlichkeit als Behinderung des Konkurrenzprinzips würde also vermutlich Personalabbau erschweren. Darüber hinaus ließe eine Verbesserung des Informationszutritts für interessierte Beschäftigte (an der Betriebshierarchie vorbei) „qualifizierte Öffentlichkeiten“ entstehen, die eine Verknüpfung von beruflichem Fachwissen mit gesellschaftlichen (statt gewinnvermehrenden) Gesichtspunkten ermöglichen.

Anreicherung der Arbeit mit „wirtschaftsfremden“ Elementen, ähnlich den „versicherungsfremden Leistungen“ in der Sozialversicherung. Der Einbau von „Demokratiezeit“ in die Arbeitsabläufe würde den Vorgang der Kapitalanhäufung verzögern (und den daraus erfließenden „Sachzwang“ lockern), sodaß „Zeitinseln“, später Freiräume entstehen, in denen die Beschäftigten ihre Interessen thematisieren und daraus Forderungen ableiten könnten.

Da in vielen Bereichen weibliche Arbeitskräfte männliche überwiegen, entstünde auch die Bedingung der Möglichkeit für Einflußnahmen auf das Geschlechterverhältnis. Ein vermutlich schmerzvoller Vorgang, weil er vielen Männern Verdrängtes bewußtmachen würde und sie sich erst nach Überwindung ihrer Abwehrhaltungen für die Erkenntnis öffnen dürften, daß Geschlechtergleichheit auch in ihrem Interesse wäre.

Durch die Verknüpfung von beruflichem Fachwissen mit gesellschaftlichen Gesichtspunkten ergäbe sich auch die Chance einer Thematisierung der Einkommensunterschiede zunächst innerhalb der Arbeitseinkommen (mit abermaligem Einfluß auf das Geschlechterverhältnis), vor allem aber im Hinblick auf das Verhältnis zu den Gewinneinkommen. Diskussionen der Beschäftigten über die Aufteilung des Unternehmensertrags blieben wahrscheinlich nicht ohne Folgen für Rationalisierung, Forschung und sonstige Überschußverwendung.

Dadurch ist zwar keineswegs ausgemacht, was als „vernünftig“ und „wünschenswert“ gilt. Aber es würde wenigstens (statt in abgehobenen Geheimgremien wie Vorstand und Aufsichtsrat) von jenen diskutiert und entschieden werden, die den Unternehmensertrag erarbeitet haben, aber über seine Verwendung bislang nicht einmal (auch nicht anläßlich ihres Arbeitsplatzverlustes) nachgedacht haben. Schon in der Diskussion darüber (die Kapitaleigentümer als Bedrohung empfinden) liegt die Chance, weil durch sie überkommene Bewußtseinslagen aufgebrochen und als „normal“ Hingenommenes in Frage gestellt werden können.

So ist zu hoffen, daß Erwerbsarbeitszeitverkürzung und Neueinstellungen statt Personalabbau, Verbraucher/innenorientierung statt Konsumterror, Demokratie statt Herrschaft, Naturverträglichkeit statt Ressourcenvergeudung, Entfaltung statt Unterordnung und Solidarität statt Rivalität als Leitgrößen am Horizont auftauchen könnten, nach denen sich unsere Strategie ausrichtet.

Kapitalstruktur einbeziehen

Der merkwürdige Zusammenhang von sinkenden Personalständen und steigenden Aktienkursen hat auch damit zu tun, daß durch Personalabbau die für die Gewerkschafts- und Betriebsratsarbeit bedeutsamen Beschäftigtengrenzen unterschritten werden, was die betriebliche Intressenvertretungsarbeit weiter erschwert beziehungsweise die Mehrwertabschöpfung zugunsten der Kapitaleigentümer erleichtert. Daher dürfen wir bei der Verteidigung beziehungsweise beim Ausbau von Mitbestimmungsmöglichkeiten nicht mehr nur auf die Zahl der Beschäftigten abstellen, sondern müssen auch den Umfang des von ihnen bewegten Sachkapitals miteinbeziehen wie bei der Wertschöpfungsabgabe hinsichtlich der Finanzierung von Sozialsystemen.

Damit würden wir der wachsenden organischen Zusammensetzung des Kapitals Rechnung tragen. Sie ereignet sich ja auf Grundlage einer entsprechenden Qualifikation der Arbeitskräfte, die sie erst recht für eine auszubauende Mitbestimmung (als Voraussetzung für weitere Demokratisierung) legitimiert. Ergänzend dazu könnte eine den Sozialbilanzen zugrundegelegene Idee wieder aktiviert werden, indem das Ausmaß von Demokratisierung als betriebliche Kenngröße veröffentlichungspflichtig und zur Bedingung für die Berücksichtigung von Unternehmen bei der Auftragsvergabe (und erst recht bei Förderungen) gemacht werden soll.

Vollbeschäftigung (als maximale Verbreitung entfremdeter Arbeit) hat es im Kapitalismus nur nach Kriegen gegeben. Wiederaufbau und Nachholbedarf als Wachstumsimpulse sorgten nur vorübergehend für eine hohe Beschäftigung. Doch eine befriedigende Beschäftigungslage aufgrund eines gesellschaftlichen Konsenses, demzufolge jene, die mit ihrer Arbeitskraft die Wertschöpfüng vollbringen, auch die gesellschaftliche Steuerung und die Verteilung des Reichtums bestimmt haben, hat (und kann) es im Kapitalismus nicht (ge)geben.

Demokratie als auszubauende Teilnahmemöglichkeiten der die Wertschöpfung vollbringenden Arbeitenden ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Schöpferischen. Dieser Zusammenhang von Demokratie und Arbeit ist in der bisherigen Programmatik der SPÖ unbeachtet gebfieben.

Von der Prinzipienerklärung von Hainfeld 1889 bis zum Wiener Programm 1978 enden alle begrüßenswerten Vorschläge zur Verlebendigung der Demokratie vor den Betriebstoren. Demokratie wird nur im Zusammenhang mit Staat, Politik und Konsumentenschutz gedacht, im Zusammenhang mit Arbeit geistert sie als Betriebsrätewesen, Gemeinwirtschaft und Mitbestimmung herum, alles zwar wichtige Ansätze, aber ohne Begriff von nichtentfremdeter Arbeit. An diesem historischen Versäumnis tragen wir heute, wo sich in der Arbeitslosigkeit wieder das Wesen des Kapitalismus enthüllt, besonders schwer.

Daher geht es darum, sowohl das Ausmaß der entfremdeten Arbeit einzugrenzen als auch in dieser eingegrenzten Erwerbsarbeit die Entfremdung zu verringern (und aufzuheben). Die Grenze zwischen der Arbeit für andere und der Arbeit für sich soll verschwinden, damit Arbeit als Beitrag zur Gesellschaft erlebbar wird. Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit, um Notwendiges schöpferisch zu vollbringen und den Erwerb der Lebensgüter zum lustvollen Dialog der Natur mit sich selbst werden zu lassen.

Überarbeitete Fassung eines Vortrags am 13. Jänner 1998 im Institut für Wissenschaft und Kunst; aus mitbestimmung. Zeitschrift für demokratisierung der arbeitsweit 3/1998, Seiten 8 bis 14

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1998
Heft 2/1998, Seite 8
Autor/inn/en:

Peter Ulrich Lehner:

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