Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 1996 - 2000 » Jahrgang 1998 » Heft 3/1998
Gerold Wallner

Demokratie und Schöpfertum sind durchgesetzt (mehr gibt’s nicht)!

Peter Ulrich Lehner überschreibt seinen Beitrag in den „Streifzügen“ mit „Demokratie und Schöpfertum durchsetzen!“, und zwar ist diese Aufforderung an die Anstrengungen gerichtet, das Arbeitselend zu beseitigen. Dieses erscheint als unnotwendiger, eher hinderlicher Bestandteil der Arbeit, nein, nicht Bestandteil, sondern etwas ihr Wesensfremdes. Genaueres wird nicht ausgeführt; was nun (Entfremdung und daraus resultierendes) Arbeitsleid sei, wird der Kenntnis der Sprachregelung der Arbeiterbewegung in ihrer soziologistischen Form überlassen ebenso wie in ihrer politizistischen. Die Rahmenbedingungen des Aufsatzes (und wohl auch des politischen Handelns und des guten Willens) von Lehner sind also durch die Traditionen der Sozialdemokratie vorgegeben: soziale Verbesserung und Gerechtigkeit für die Arbeiterklasse, aber schon in einem Rahmen, der das große Ganze der Gesellschaft mitdenkt, zwar nicht unbedingt auf Versöhnung, wohl aber auf Ausgleich bedacht ist. Die Beachtung des sozialen Ausgleichs, der Gerechtigkeit führt zur affirmativen Lösung des Problems bei Wahrung der Rahmenbedingungen; Arbeit ist schon in Ordnung wie auch Gesellschaft. Aus konkreten Erscheinungen werden so Prinzipien destilliert, an deren Geist dann wieder die konkrete Erscheinung gemessen und zur Verbesserung zurück verwiesen wird. Natürlich wird diese Form der Kritik — das Konkrete zum Allgemeinen zu ontologisieren und daran ein (abgeleitetes) Konkretes zu prüfen — nie frei von Tautologien sein, wird nie ein Allgemeines für ein tertium comparationis eintauschen wollen oder können.

Lehners Aufsatz zu beantworten, ist nun auf jeden Fall wichtig, weil er einerseits zwar alles anbietet, was leicht zu kritisieren ist, also ein gutes Beispiel für das weit verbreitete Arbeitsdenken ist, andrerseits aber nichts dümmer wäre, als die Probleme, um die so ein Denken kreist, zu vernachlässigen oder für theoretisch gelöst und bewältigt zu erachten. Das Gegenteil ist der Fall. Setzen wir uns also gleich mit der Einleitung des Aufsatzes auseinander. Da steht: „Arbeit dient(e) zwar immer auch Erwerbszwecken, ist aber stets mehr als nur Erwerbstätigkeit. Doch über Arbeit wird nur in ihrer Form als Erwerbsarbeit diskutiert. In ihrer entfremdeten und entfremdenden Erscheinung nicht hinterfragt, wird ihr allenfalls die Eigenarbeit oder die Freizeit oder der Müßiggang als Modell gegenüber gestellt, erscheint Menschsein nur außerhalb und nicht in der Arbeit denkbar. Bemühungen gegen die Entfremdung in der Arbeit selbst werden kaum unternommen, weil diese gesellschaftspolitische Alternative nicht thematisiert wird.“

Satzbau und Wortwahl zeigen hier ein auffälliges Oszillieren um den Begriff Arbeit. Die an den Anfang gestellte Behauptung, Arbeit sei zwar immer nur auch zu Erwerbszwecken getätigt, aber stets mehr als nur Erwerbstätigkeit, ist in sich schon doppeldeutig. Der erste Teil der Aussage, mit dem mit eingeführten Präteritum in der Klammer, hat etwas von historischer Kritik an sich: Arbeit (also möglicherweise menschliches Tätigsein oder der beliebte Stoffwechsel mit der Natur) sei etwas, dem der Erwerbszweck nur von außen hinzu tritt. Dieser Teil des Satzes suggeriert eine Vorstellung davon, dass Arbeit und Erwerb nicht identisch sein müssen, ja sogar soweit aus einander fallen können, dass diese Lücke mit paradiesischen Versprechungen gefüllt und das bißchen Erwerb nebenbei in Kauf genommen werden kann. Dies alles aber wird schon als vorausgesetzt gedacht. Es scheint ein Konsens darüber zu bestehen, dass so ein Aufsatz mit dem Wort Arbeit begonnen werden kann, und ein jedes weiß, was gemeint ist. Daher kann die zum ersten Teil des Satzes ein wenig widersprüchliche Fortsetzung folgen, die nun nicht die historische Kritik eines ontologisierten Begriffs zum Inhalt hat, sondern im Gegenteil diese Ontologie noch bestätigt und die Kritik auf jene Gesellschaft richtet, die diese Ontologie erst zugelassen hat. Arbeit gut und schön, aber sie ist doch bitte sehr immer noch mehr als Erwerbstätigkeit. Wenn wir uns diesen einleitenden Satz verdeutschen, kommt dabei heraus, dass Arbeit wohl immer ein Paradies war, nun aber leider ein verlorenes. Daher wird — nächster Satz — über Arbeit nur in ihrer Form als Erwerbsarbeit diskutiert. Hier setzt Lehners Kritik ein, aber sie bleibt unverständlich, solange das Vorausgesetzte nicht klar auf den Tisch kommt. Der nächste Satz sollte diese Voraussetzungen ja erläutern, aber er bleibt in ihnen stecken. „In ihrer entfremdeten und entfremdenden Erscheinung nicht hinterfragt, ...“, das heißt, entfremdete Arbeit ist der Erwerbsarbeit gleichzusetzen, „... erscheint Menschsein nur außerhalb und nicht in der Arbeit denkbar“, weil ihr, der entfremdeten Arbeit, der nicht hinterfragt gebliebenen Erwerbsarbeit also, lediglich Modelle gegenübergestellt werden, die sich als Basis für Menschsein anböten. „Bemühungen“ — vierter Satz — „gegen die Entfremdung in der Arbeit selbst werden kaum unternommen.“

Wieder tauchen einige Fragen auf, die sich dem Schwanken der Begriffe verdanken. Zunächst einmal ist noch völlig unklar, ob es als Kritik oder als Zustimmung zu verstehen ist, wenn „Menschsein nur außerhalb der Arbeit denkbar“ erscheint. Sollte es sich doch um Zustimmung handeln, wäre die Konsequenz, kaum Bemühungen gegen die Entfremdung zu unternehmen, nur logisch. Wäre es hingegen wünschenswert, dass Menschsein in der Arbeit denkbar ist, wird eine Auseinandersetzung mit der Entfremdung nicht zu umgehen sein, gilt es doch dann, den Menschen das Verweilen in der Arbeit möglichst angenehm zu gestalten. Wie aber taucht in Lehners Einleitung der Begriff Entfremdung auf? Sonderbarerweise so, dass Entfremdung etwas ist, das die Arbeit selbst trifft. Über Arbeit wird nur in ihrer Form als Erwerbsarbeit, in ihrer nicht hinterfragten entfremdeten und entfremdenden Erscheinung diskutiert. Bemühungen gegen die Entfremdung in der Arbeit gibt es nicht, weil diese gesellschaftspolitische Alternative nicht thematisiert wird. Entfremdung ist also etwas, das sich gegen die Arbeit richtet, worunter die Gesellschaft zwar leidet, aber — wohl auf Grund mangelnder Einsicht und Aufklärung — noch nichts dagegen unternimmt. Jedenfalls ist Entfremdung bei Lehner nichts, das die Gesellschaft von sich selbst trennt oder meinetwegen die Produzenten von ihren Produkten, was wohl das Selbe ist. In jedem Fall verfügt keins über das Ergebnis der gemeinschaftlichen Aufwendungen; die Produzenten nicht über ihr Produkt (seien die Produzenten nun Proletarier oder Unternehmer, die ja über ihr Produkt auch nicht verfügen können, sondern es wieder der Wirtschaft zufuhren müssen, um ihren gern zitierten Sachzwängen zu genügen, es sei denn, sie hörten auf, Unternehmer zu sein), die Gesellschaft nicht über ihre Ordnung, die sie ja auch nur zu höherem Nutzen von höheren Prinzipien (meinetwegen durch Aufklärung oder Offenbarung) übernommen haben soll, nennen sie sich Naturrecht oder Gottheit, und wohl kaum auf die Idee kommt, sie hätte diese Ordnung aus sich selbst entwickelt.

Entfremdung trifft bei Lehner nur die Arbeit, und erst wenn die Arbeit infiziert ist, kommt die Gesellschaft in’s Spiel und die Politik zu ihrem Recht. Und wenn in der Einleitung verblüfft, dass nur von Arbeit die Rede ist und nicht von Menschen (höchstens vom Menschsein in der Arbeit) und auch nicht von Gesellschaften, die verschiedentlich Umgang mit Arbeit pflogen, so gibt Lehner die Antwort darauf selbst. Nachdem er beklagt, dass „Demokratie in der Arbeit als Bedingung der Möglichkeit zur Erfahrbarkeit einer Rollenvielfalt ..., um eine Freisetzung und Nutzbarmachung des Schöpferischen sowie die Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen einzelmenschlichem Entfaltungsbedürfnis ... sowie betrieblichen ... und gesellschaftlichen ... Erfordernissen zu eröffnen, ... bei den meisten Überlegungen zur Arbeit außen vor (bleibt)“, macht er klar: „Dafür geistert ungebremst eine Bemerkung Hannah Ahrendts aus ihrem Buch Vita activa, wonach der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausginge, quer durch den literarischen Gemüsegarten. Durch ihr kritikloses Nachbeten wird Arbeit mit Lohnarbeit gleichgesetzt und so ein sehr eingeengter Arbeitsbegriff kultiviert. Der Begriff Arbeitsgesellschaft unterstellt, es gäbe auch Gesellschaften ohne Arbeit. Aber keine Gesellschaft kann ohne Arbeit bestehen, Gesellschaft wird erst durch Arbeit hergestellt.“

Hier also wird es deutlich. Am Schluss der Einleitung stellt Lehner seine Hierarchie vor, in der Arbeit vor Gesellschaft rangiert. Gleichzeitig wendet er sich aber gegen einen undifferenzierten, nur von der jeweiligen wissenschaftlichen Mode geprägten Arbeitsbegriff und führt ihn in kritischer Ablehnung vor: „Um die entfremdete Arbeit hat sich eine Begrifflichkeit mit dem ihr gemäßen Vokabular entwickelt.“ Lehner greift nun die empirischen und soziologischen termini auf, beschreibt kurz, was damit jeweils gemeint ist, wenn von Erwerbsarbeit oder Arbeitskraft- (Wiederherstellungs-)arbeit, Eigenarbeit oder Freizeit die Rede ist, zeigt, was im Zusammenhang mit unserer Auseinandersetzung höchst wichtig ist, dass und wie alle diese Erscheinungsformen von Arbeit, wie immer sie auch auftreten, von der Entfremdung geprägt sind, selbst die Freizeit. Diese summarische Aufzählung schließt mit: „Hinter dieser Begrifflichkeit steckt die Verwertung der Arbeit durch das Kapital. Kapital ist kein technischer, sondern ein politischer Begriff.“

Hier ist es notwendig, innezuhalten und zu rekapitulieren, was ich bisher zu Lehners Aufsatz geschrieben habe. Anfangs habe ich behauptet, Lehner würde mit der entfremdeten und entfremdenden Erscheinung der Arbeit wohl Erwerbsarbeit meinen. Dies konnte aus der Abfolge der ersten Sätze geschlossen werden. Nun aber zeigt sich, dass Entfremdung aus der Fremdbestimmung der Arbeitsinhalte und -formen resultiert, Erwerbsarbeit also noch gar nicht der zentrale Ausgangspunkt zu sein scheint, sondern neben anderen Formen der Arbeit gleichermaßen und gleichberechtigt auftaucht. Zwar handelt es sich um eine Schwäche des Satzes, dass eben gewisse Begrifflichkeiten in einem sozialdemokratischen diskursiven Bezugsrahmen schon vorausgesetzt sind und, wo dieser Rahmen nicht gilt, erst erschlossen werden müssen, aber erwähnenswert ist mir in diesem Zusammenhang, dass Lehner beispielsweise selbständige Arbeit (Entäußerung der Arbeitskraft bei gleichzeitigem Besitz von oder Eigentum an den sachlichen Produktionsvoraussetzungen) mit der Lohnarbeit als Unterarten der Erwerbsarbeit gleichsetzt. Hier erscheint eine gewisse Nähe zu meiner eigenen Position. Wo ich behaupte, dass fetischistisches Bewusstsein Arbeit nur als von außen vorgegeben erkennen kann, nicht als Resultat seiner eigenen Anstrengungen und Aufwendungen begreift, sondern sich diesem Resultat gesellschaftlicher Praxis dergestalt unterwirft, dass es zum Bestimmenden seiner Praxis uminterpretiert wird, erscheint Entfremdung als eben diese Trennung der Produzierenden von ihren Hervorbringungen. Weder behaupte ich, wie Lehner, dass erst Arbeit Gesellschaft zeitigt, noch setze ich eine durch Fremdbestimmung entfremdende und entfremdete Arbeit einer Gesellschaft als mit ihren spezifischen, politischen Mitteln zu lösendes Problem vor. Ich behaupte, dass es das fetischistische Bewusstsein selbst ist, das uns als Entfremdung entgegen tritt, also das Bewusstsein einer Gesellschaft, die sich ihrer selbst nicht bewusst ist und dafür andere Instanzen (von den Gottheiten bis zu den Marktgesetzen) über sich selbst setzt und für Werk und Resultat verantwortlich macht, Instanzen allerdings, die als ungewolltes Ergebnis unbewusst gesellschaftlichem Handeln entsprungen sind. Auch Arbeit tritt uns nun in dieser fetischierten Form gegenüber als vorausgesetzt, und entfremdet ist sie nicht durch eine wie immer geartete Fremdbestimmung, sondern durch Vergötzung, durch Übertragung schöpferischer Fähigkeiten von der Gesellschaft auf sie.

Ich stimme aber Lehner insofern zu, als ich es für richtig halte, Arbeit nicht klassenkämpferisch auf den Bereich der Lohnarbeit zu verkürzen. Hier, glaube ich, tut sich ein weites Feld für eine möglicherweise fruchtbare Diskussion auf. Allerdings müssten einige begriffliche Voraussetzungen geklärt werden. In der Folge will ich versuchen, von meinem Standpunkt aus und anhand seines Artikels strittige Punkte zu benennen. Lehner schreibt beispielsweise: „Das Schöpferische sowie das Zurückdrängen von Entfremdung und Dienstbarkeit für herrschaftliche Zwecke durch Demokratisierung ist im gängigen Arbeitsbegriff überhaupt nicht angelegt. Wir nehmen es hin, dass wir mit dem Betreten eines Betriebes, dessen Eigentümer unsere Arbeitskraft kauft, eigene Vorstellungen aufgeben und uns seinen Zwecken dienstbar machen. Dadurch ermöglichen wir den Kapitaleigentümern die Steuerung des gesamtgesellschaftlichen Prozesses.“ Lehner moniert nun, dass diese Steuerung legitimerweise entlang deren eigener Interessen verläuft, was das Gesamtgesellschaftliche nur zu einem Abklatsch des sozial Möglichen macht. Dem entgegen zu wirken, genüge aber keine „bloße Neuformulierung eines Arbeitsbegriffs“, da dieser nur „der Wirtschaft von außen etwas auf“(dränge.) „Demgegenüber ist Arbeit als Lebensäußerung schlechthin, als die zentrale Quelle gesellschaftlicher Verhältnisse zu erkennen, anzuerkennen und als verschüttetes, verdrängtes, geleugnetes Element in der Wirtschaft aufzuspüren. Sie legitimiert die Arbeiter/innenbewegung, sich Geltung zu verschaffen und die Gesellschaft nach ihren Interessen und Vorstellungen zu organisieren. Daher muss sie einen darauf aufbauenden Arbeitsbegriff entwickeln und ihn politisch durchsetzen.“

Wenn wir hier innehalten wollen, sieht es zunächst so aus, als wären wir über einen eklatanten Widerspruch gestolpert. Was bei den Kapitaleigentümern verwerflich ist — weil als undemokratisch-herrschaftlich gekennzeichnet —, nämlich entlang der Arbeit eigene Interessen durchzusetzen, und danach die Gesellschaft zu organisieren, soll der Arbeiter/innenbewegung erlaubt sein? Also so leicht lässt sich Lehner nicht ertappen. Wir müssen uns tiefer auf seine Argumentation einlassen. Zunächst lehnt er eine bloße Neuformulierung eines Arbeitsbegriffs ab. Hier entsteht wohl bloß Raum für neue Legitimierungen des herrschenden Zustands. Wenn er aber andrerseits dazu aufruft, einen Arbeitsbegriff zu entwickeln und politisch durchzusetzen, dann löst er den vermeintlichen Widerspruch dadurch auf, dass dieser Arbeitsbegriff durch seinen Ort und Charakter — Zentrum und Geburtsstätte von Gesellschaft schlechthin — wohl dazu berechtigt und befähigt ist, Ansprüche geltend zu machen, die für die gesamte Gesellschaft durch die Arbeiter/innenbewegung ausgesprochen werden; ist es doch die Gesellschaft selbst, die durch die Arbeit hier spricht und ihr Recht einfordert, kein partikulares, wie der Kapitaleigentümer es für sich und seinesgleichen durchsetzt, wozu er übrigens nur imstande ist, weil er zuvor die Arbeit entfremdet hat.

So weit, so schlüssig, aber will ich nun doch meine Einwendungen vorbringen. Zunächst ist Lehner zuzustimmen, wenn er eine Neuformulierung von Arbeitsbegriffen ablehnt. Hier scheint es sich ihm um schieres modisches (auch in seiner Sozialdemokratie modisches) Geplänkel zu handeln. Ich aber glaube, dass er wesentlich zu kurz greift, auch wenn er in der Folge „gängige Vorschläge zur ‚Beschäftigungspolitik‘“ auf den Prüfstand seiner Logik stellt und verwirft. Er irrt, wenn er die Arbeit in’s Zentrum der Menschwerdung stellt, sie zum Ausgangspunkt für Gesellschaft macht. Eher umgekehrt wird sich dieser Vorgang abgespielt haben. Je mehr sich in der Entwicklung der Menschheit Gesellschaftsformen ausdifferenziert haben, je höher der Grad der Vergesellschaftung wurde, desto differenter wurden auch die Formen gesellschaftlichen Tätigseins in allen ihren Aufgliederungen und Abspaltungen bis hin zu dem, was wir Arbeit nennen. Lehner wird mich nun fragen, was wohl der Motor dieser Entwicklung gewesen sein mag, wenn nicht Arbeit. Es würde im Rahmen dieser Kritik, dieses Diskussionsvorschlags zu weit führen, diese Frage zu beantworten, selbst, wenn ich es könnte. Aber so viel möchte ich doch andeuten. Der Motor dieser Entwicklung kann wohl nicht immer bloß Expansion gewesen sein in der Form materieller Reproduktion gegebener Vergesellschaftungsformen auf erweiterter Stufenleiter. Vielmehr wird diese erweiterte Stufenleiter wohl auch etwas mit Tätigkeiten zu tun gehabt haben, die nur höchst mittelbar der Produktion zuflossen wie Erwerb von Fähigkeiten der Betrachtung und Interpretation von Vorgefundenem (also eher ein magisches oder religiöses Innehalten und Stabilisieren der gesellschaftlichen Bewegung), Erwerb und Ausbau von Fähigkeiten, dieses Vorgefundene zu verdoppeln (also in der Schaffung künstlicher Umwelten bis hin zur Kunst selbst) und ähnliches mehr. Natürlich wird mir Lehner darauf antworten, dass dies alles doch Arbeit und genau das sei, was durch die Entfremdung der Arbeit aus der Arbeit selbst zu ihrem Schaden verschwunden ist (und zum Schaden der Gesellschaft, die mit der entfremdeten Arbeit ihres schöpferischen Potentials verlustig geht). Hier werde ich dann darauf bestehen, dass wir, wenn wir weiter reden wollen, Verwechslungen und Tautologien aus dem Wege gehen sollten. Verwechslung liegt meines Erachtens dort vor, wo jede menschliche Tätigkeit, jeder soziale Antrieb (und sei er auch — horribile dictu — genetisch bestimmt) schon zur Arbeit gemacht wird. Vollends zur Tautologie wird diese Verwechslung aber dann, wenn Arbeit aus ihrem historischen Zusammenhang gelöst wird (auch die Sprachen sprechen von Arbeit erst seit ein paar Jahrhunderten; otium und negotium ist wohl mit Arbeit und Müßiggang nur holpericht zu übersetzen und ein mittelhochdeutsches arebeit bedeutet wie ein lateinisches labor nichts anderes als Leid und Kummer), wenn Arbeit mit Schöpfung (für die [bürgerlichen] Freimaurer war Gott der Große Baumeister) oder menschlicher Schöpfungskraft oder sozialer Entwicklung in eins fällt. Zuerst also wird die schöpferische Entwicklung der Menschheit zur Arbeit umbenannt und dann die Arbeit zur schöpferischen Entwicklungskraft, die hinfort vermisst und durch die Erfahrungen des Arbeitsleids hindurch gesucht wird und restituiert werden soll.

Ich habe die sprachlich-fossilen Spuren schon angesprochen. Nicht nur durch die Sprachen, auch durch die Mythen wird von Gesellschaftsformen gesprochen, die Arbeit nicht kennen, oder wenn, dann nur als verwerfliche Plackerei. In allen Vorstellungen von Paradies, Utopie oder meinetwegen auch Sozialismus (solang er nicht durch arbeitsontologische Einfärbung besoffen wurde und seine Kraft durch Kredit auf nachzuholende Akkumulation [toter vergegenständlichter Arbeit] verausgabte) finden wir dieses Hintergrundrauschen, aber wir wollen es nicht wahrnehmen, weil es uns an das niedrige technologische Niveau erinnert, das mit riesigem körperlichem Verschleiß und frühem Tod verbunden ist. Außerdem erinnert uns dieses Hintergrundrauschen menschlicher Entwicklungsgeschichte daran, dass es Zeiten gab, in denen der Bezug Geld — Arbeit nicht hergestellt oder zum wenigsten nicht dominant war. Auch dieser Erinnerung verschließen wir uns gerne, denn es erscheint uns die Reduplikation sozialer Tätigkeit im und durch das Geldsystem dermaßen natürlich und logisch, dass wir für das Geschaffene (und damit auch das Zerstörbare) an ihm blind geworden sind. Ein aperçu aus dem bürgerlichen Recht mag uns diese Wahrnehmungsschwierigkeiten verdeutlichen : quod non in actis, non in mundo. So wie aus jedem gesetzten Akt (und mit dem Wort Akt wird die Verdoppelung gesellschaftlichen Lebens schon angesprochen) erst durch seine schriftliche Fixierung ein der Tradierung wertes Geschehen wird, so wird auch erst ein durch Geld vollzogenes Handeln (und wieder die wörtliche Verdoppelung gesellschaftlichen Tuns und Seins) der höheren Weihen politischer und ökonomischer Betrachtung würdig. Lehner aber verschweigt den Konnex Geld — Arbeit.

Wo bei ihm dieser Zusammenhang auftaucht, gegen Ende seines Aufsatzes bei der Thematisierung von Einkommensunterschieden, bleibt er im Allgemeinen in der Logik des gerechten Lohns gefangen, und das mit gutem Grund. Denn hier schließt sich für mich der argumentative Kreis. Nicht Fremdbestimmtheit ist es, die die Arbeit zur entfremdenden und entfremdeten macht, die in der Folge die Einkommensunterschiede bestimmt, und die durch politische Aktion aufzuheben wäre. Das Geld selbst, das uns die soziale Tätigkeit verdoppelt und uns nur über quantifizierbaren Austausch mit uns selbst in Beziehung treten lässt, ist der Urgrund der Entfremdung. Sofern wir nicht bewusste Akteure gesellschaftlichen Austauschs sind, sind wir angewiesen auf die Dienste von Vermittlern, mögen sie Gott oder Geld heißen. Geld ist also die sinnfällige, wahrnehmbare Form dieser Vermittlung, die uns als Fetisch gegenüber tritt. Der Fetisch befremdet uns, soweit wir dessen Form überwunden haben (etwa die Form der Blutsverwandtschaft oder die Form des antiken Pantheon mit Sitte und Schicksal als höchsten Instanzen), er entfremdet uns aber von uns selbst, solange wir ihn als movens unserer Existenz begreifen und anerkennen.

Es wäre interessant, würde Lehner die Diskussion auch entlang des Themas der Entfremdung weiter mit uns führen. Ich habe hier nur kurz die Differenzen angerissen. Völlig ausgespart aus dieser Kritik bleibt die Frage, wie sich in arbeitsdefinierten sozialen Zusammenhängen wie Betrieb und Gewerkschaft zu verhalten sei, will eins eine kritische Linie gegenüber tradierten Arbeitsbegriffen auch dort propagieren. Abschließend sei noch eine kurze Referenz auf Lehner gestattet. Er schreibt: „Die Entwicklung eines angemessenen Arbeitsbegriffs durch die Arbeiter/innenbewegung rüttelt ... an den Grundlagen von Herrschaft, wirft Fragen nach unserem gesellschaftspolitischen Selbstverständnis sowie nach gesellschaftlicher Neugestaltung auf und fordert unsere schöpferische Utopie heraus.“

Was wäre eigentlich so schlimm daran, Arbeit gleich durch schöpferische Utopie zu ersetzen?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1998
Heft 3/1998, Seite 14
Autor/inn/en:

Gerold Wallner:

Freier Autor und Anbieter antiquarischer Bücher in Wien.

Lizenz dieses Beitrags:
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