Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2012 » Nummer 41
Paul Pop
Louis Hyman:

Debtor Nation

The History of America in Red Ink

Princeton University Press, 2011, 35 $

„Das ist doch alles nur auf Pump“ pflegte meine Oma zu sagen, wenn eine Familie im Dorf auffällig ihren Wohlstand zur Schau stellte. Mittlerweile ist der moderne Kapitalismus ohne expandierende private Verschuldung für Konsum und Immobilienkauf nicht mehr vorstellbar. Der Kredit ermöglicht erst Arbeiterinnen und Arbeitern Dinge zu kaufen, die sie sich von einem Monatsgehalt nie hätten leisten können oder wofür sie sehr lange hätten sparen müssen, wie z. B. für Autos und Immobilien, früher sogar für Fernseher, Kücheneinrichtungen oder Möbel. Toni Negri behauptet, dass die Finanzkrise in den USA 2008 nicht zuletzt durch das undisziplinierte und subversive Kosumverhalten der einfachen Bevölkerung ausgelöst worden sei. Bisher wurde das Thema „Konsumkredit“ in linken ökonomischen Theorien wenig berücksichtigt. Louis Hyman, der an der Harvard Universität lehrt, zeigt in seinem Buch „The Debtor Nation: The History of American in Red Ink“ wie die Vergabe von Privatkrediten im 20.Jahrhunderten von einem zwielichtigen Gewerbe von Kleinunternehmern und Kriminellen zu einem der profitabelsten Zweige der US-Wirtschaft wurde.

Hyman betont immer wieder die zentrale Rolle des Staates, der auf Krisen und Kämpfe reagiert. Vor der Weltwirtschaftskrise von 1929 war das Kreditbewerbe für Immobilienkauf sehr stark dezentralisiert und wurde von kleinen Firmen dominiert. Banken betrachteten diesen Markt damals nicht als gutes Anlagegeschäft. Im Zuge der damaligen Krise, die auch den Immobilienmarkt erfaßte, wurden Hunderttausende Häuser zwangsversteigert. Als Reaktion darauf schuf die Regierung unter Präsident Roosevelt im Rahmen des „New Deal“ ab 1934 diverse Institutionen wie die „Federal Housing Adminstration“ und setzte Programme in Bewegung, welche der einfachen Bevölkerung günstige Kredite für den Immobilienkauf einräumte. Mit dem „Federal Housing Act“ wurden nationale Standards für den Immobilienmarkt festgelegt und von Beauftragten der Regierung überwacht. Auf Grund dieser Standardisierung erfuhren diejenigen, die Investitionen tätigen wollten, den genauen Wert einer Immobile und das Geschäft begann, für landesweit agierende Konzerne interessant zu werden. Die Bundesregierung verlieh selbst allerdings kein Geld, sondern sicherte die Kreditvergabe gegen Verluste ab, wenn im Gegenzug Kredite zu Zinsen von unter 5 Prozent vergeben wurden. Diese Programme Roosevelts legten die Grundlagen für einen modernen Immobilienmarkt und förderten sehr stark die Suburbanisierung. In den Vorstädten etablierte sich vor allem die weiße Mittelklasse. AfroamerikanerInnen profitierten von diesen Programmen im viel geringeren Maße, weil „Rassenkriterien“ bei der Kreditvorgabe der Banken eine Rolle spielten. So bekamen jene entweder keine Kredite oder mussten im Durchschnitt höhere Zinsen bezahlen. Außerdem verhinderte die gesetzliche und die faktische Rassentrennung im Süden und im Norden, dass sich AfroamerikanerInnen in besseren Gegenden eine Immobilie kauften. Der Staat förderte die Suburbanisierung zusätzlich durch den Bau von Straßen und öffentliche Verkehrsmittel, mit welchenvor allem das Dienstpersonal seinen Arbeitsplatz in den Vororten erreichte. Die Mittelklasse kaufte schließlich auch ihr Auto auf Kredit. Die in den 1930er Jahren vom Staat angestoßene Entwicklung setzte sich während des Nachkriegsboom fort. Ende der 1950er Jahre besaßen zwei Drittel der „weißen“ AmerikanerInnen und ein Drittel der „Schwarzen“ ein Haus. Große Teile der „weißen“ ArbeiterInnen gelangten so zu Eigentum.

Die Benachteiligung der AfroamerikanerInnen im Kreditsystem wurde vor allem im Zuge der Ghetto-Aufstände in den 1960er Jahren von der Regierung als Problem wahrgenommen. Studien zeigten, dass „Schwarze“ auch für Konsumgüter mehr bezahlen mussten als „Weiße“, weil sie die Angebote für günstige Ratenzahlungen der großen Kaufhäuser, die ohnehin außerhalb der Ghettos lagen, seltener in Anspruch nehmen konnten. Die Kreditnahme „um die Ecke“ kostete viel höhere Zinsen als bei Banken oder Kaufhausketten. Die Überwindung der Diskriminierung im Kreditsystem sahen die Herrschenden als Mittel an, um durch die Schaffung einer „schwarzen“ Mittelschicht die unruhigen Städte zu stabilisieren. Laut Hyman waren es aber vor allem Frauen aus der „weißen“ Mittelschicht, die Gleichberechtigung einforderten. In der Regel vergaben Banken keine Kredite an verheiratete Frauen, selbst wenn sie über ein eigenes Einkommen verfügten. Viele ledige Frauen verloren mit der Ehe die Kreditwürdigkeit und mussten die aufkommenden Kreditkarten sowie Ratenzahlungen in Kaufhäusern über den Namen des Gatten laufen lassen. Auf Grund von Protesten wurde im „Equal Credit Opportunity Act“ nach 1974 jede Diskriminierung auf Grundlage von Geschlecht und Ehestatuts verboten. 1976 wurde die Regelung auf die Kategorien „Rasse“, „Religion“, „Alter“ und „ethnische Herkunft“ ausgeweitet. Der damalige US-Präsident Ford pries den fairen Zugang zu Krediten für alle als Markenzeichen der amerikanischen Konsumgesellschaft. Hyman zeigt jedoch, dass damit noch lange keine Gleichberechtigung erreicht war. Zwar war die Abfrage von „Rassenkriterien“ bei den standardisierten Verfahren zur Kreditvergabe nun verboten, Banken arbeiteten hingegen mit Postleitzahlen, die mehr oder weniger auch den soziale and „rassischen“ Charakter eines Wohngebiets widerspiegelten. Individuelle Kreditraten wurden auf Grund des Kreditverhaltens der KundInnen in der Vergangenheit bewertet und so das Risiko für die Bank bewertet. Das bedeutete, dass Arme oder „Schwarze“ aus den Ghettos, die keine „Kreditgeschichte“ hatten, immer noch höhere Raten als die Mittelschicht bezahlen mussten.

Seit den 1980er Jahren expandierten Konsumkredite und Immobilienkredite rapide. Die Verwendung von Kreditkarten wurde zum Standard in der Ober- und Mittelschicht. Um weiter expandieren zu können, entdecken Banken und Kreditfirmen nun auch „Risikogruppen“ als neue Kunden. Noch 1995 waren ein Fünftel der Afro-AmerikanerInnen nicht Kunde bei einer Bank („unbanked“ im Englischen). Ca. 26 Prozent der Afro-AmerikanerInnen sowie 45 Prozent der unteren Einkommensgruppen besaßen keine Kreditkarte. Da auf Grund des alten Bewertungssystems diese „Risikogruppen“ keine Kredite bekommen hätten, zogen das Kreditgewerbe nun andere Informationen heran, z. B. ob die Rechnungen von Telefon- und TV-Gesellschaften immer pünktlich beglichen wurden. Neben der weiteren Ausdehnung des Zugangs zu Krediten, wurden auch den Mittelschichten immer neue Wege erlaubt, sich weiter zu verschulden. Da die meisten Konsum- und Immobilienkredite alle mit flexiblen Raten aufgenommen wurden, war das System extrem von der positiven Entwicklung des Immobilienmarktes abhängig, das 2008 zusammenbrach.

Leider endet Hymans spannende Geschichte vor der gegenwärtigen Krise. Es wird nicht mehr behandelt, dass die Privatverschuldung für die Ausbildung und Hochschulbesuche in den letzten 10 Jahren rapide zunahm und heute die Privatschulden wegen eines Studiums in den USA sogar die Kreditkartenschulden übersteigen. Diese Entwicklung passt eigentlich gut zu Hymans Argumenten, weil es in der Regel auch hier der Staat ist, der mit Garantieren für Banken und gesetzlichen Regelungen, es überhaupt erst attraktiv macht, an eine BA-StudentIn Geld zu verleihen, wobei er oder sie die Zinsen erst nach Jahren zurückzahlen kann. Im Nachwort vermerkt Hyman, dass die Finanzkrise von 2008 nicht ein Resultat des Scheiterns des Kapitalismus sei, sondern seines Erfolges. Seit 40 Jahren seien die Gewinne der Besitzer von Kapital gestiegen, während die Löhne gleichzeitig stagnierten. Da die kapitalistische Expansion auf immer weiter wachsenden Konsum beruht, wäre diese Entwicklung ohne die explodierende Privatverschuldung gar nicht möglich gewesen. Es sei falsch, die Privatverschuldung nur als freie Wahl der KonsumentInnen darzustellen, sondern sie ist in Zeiten von wachsender sozialer Ungleichheit, stagnierenden Löhnen und De-Industrialisierung zum strukturellen Imperativ geworden, dem sich niemand entziehen kann. Negri könnte man also entgegnen, dass dem strukturellem Zwang „über die eigenen Verhältnisse zu leben“ nichts Subversives anhänge.

Hymans Geschichtsschreibung des Privatkredits scheint von Karl Polanyi beeinflusst sein, der immer wieder betonte, dass erst der Eingriff des Staates in die Gesellschaft die Kapitalisierung immer größerer Bereiche möglich macht. Es war nicht nur der Staat, der mit der Übernahme von Garantien für die VerleiherInnen in den 1930er Jahren einen nationalen Immobilienmarkt ermöglichte, sondern auch durch seine Anti-Diskriminierungsgesetze in den 1970er Jahren die Einbeziehungen von immer größeren Teilen der Bevölkerung gestattete. Dass die Regierungen so handelten, war auch eine Reaktion auf die Kämpfe der Bürgerrechts- und Frauenbewegung. Gleiche Rechte bedeutete auch das Recht haben, sich wie „weiße“ Männer für Konsum und Haus verschulden zu dürfen. Mit der Krise von 2008 sind allerdings die „Demokratisierung“ des Kredits und damit auch die Ausdehnung der „Zinsknechtschaft“ an eine Grenze gestoßen.

Es wäre interessant, mehr darüber zu erfahren inwiefern Kreditvergabe als Kontrollinstrument gegenüber den Menschen eingesetzt wird. Maggie Thatcher propagierte die EigentümerInnengesellschaft als Programm. Die kleinbürgerliche Familie fürchtet um ihr Haus, das ihr „die Roten“ wegnehmen wollen und um ihren auf Pump finanzierten Mittelklassewagen, den die „Ökos“ madig machen. Diese Angst ist noch immer eine wichtige Stütze des Systems gegen gesellschaftliche Veränderungen. Selbst der oder die Yale-Absolventin, die oder der seinen 100.000 US-Dollar Studienkredit noch abbezahlen muss, kann den lukrativen Job nicht einfach hinschmeißen, wenn danach die Lust steht. In China wird heute z.B. von „Haussklaven“ (fangnu) gesprochen, womit keinesfalls die bäuerlichen Dienstmädchen gemeint sind, sondern der Käufer, in der Regel ein Mann, der die nächsten 30 Jahre jeden Morgen brav zur Arbeit gehen muss, um seinen Kredit abzubezahlen.

In Österreich haben die Herrschenden allerdings die Option durch die Einführung von hohen Studiengebühren ganze Studentengenerationen zur Kreditaufnahme zu zwingen oder z. B. die Wohnungen des Gemeindebaus zu staatlich abgesicherten Bankkrediten an die MieterInner zu verkaufen. Bisher muss sich noch niemand für die Geburt eines Kindes oder eine Operation verschulden. Die Herrschenden haben radikale Privatisierungen, die dafür notwendig wären, vermieden, da sie zu großen gesellschaftlichen Konflikten führen könnten. Die Staatsverschuldung zur Finanzierung der sozialen Befriedung der Gesellschaft stößt aber mittlerweile an Grenzen, da nicht mehr alle europäischen Staaten auf den Kapitalmärkten Kredite zu günstigen Konditionen aufnehmen können. Die Praxis des Konsumkredits ist in Mitteleuropa im Vergleich zu den USA immer noch unterentwickelt. In Österreich und Deutschland kann man z.B. erst in letzter Zeit mit Kreditkarten in einigen Supermarktketten bezahlen. Eine spannende Frage, der Hyman nicht nachgegangen ist, ist die, wie Staats- und Privatverschuldung zusammenhängen.

Die Linke hat bisher zu dem Thema der privaten Verschuldung keine klare Position. Verschuldung wegen Kaufs von Häusern, Autos oder Markenartikeln scheint bei Kritikerinnen und Kritikern der „Konsumgesellschaft“ keine Sympathien zu erzeugen. Dabei können viele prekär Beschäftige nur noch mit der ständigen Überziehung ihres Kontos über die Runden kommen. Die Frage der Verschuldung spielte in vielen sozialen Bewegungen eine wichtige Rolle, wie beispielsweise der Pariser Kommune oder den Revolutionen nach dem 1. Weltkrieg. Die Nazis konnten in den 1920er Jahren beim Kleinbürgertum mit der Parole von der „Brechung der Zinsknechtschaft“ politisches Kapital schlagen. Der chinesische Kommunismus fand bei den Bauern viel Sympathie, weil im Zuge der Bodenreform die Schuldscheine verbrannt wurden. Die Bolschewiki hatten seinerzeit reinen Tisch gemacht und nach der Oktoberrevolution von 1917 kurzerhand die zaristischen Staatsschulden annulliert. Wäre eine Übertragung dieser Methode auf die Privatschulden, also auch deren Annullierung, nicht ein wichtiger Auftakt für eine andere Gesellschaft?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2012
Nummer 41, Seite 61
Autor/inn/en:

Paul Pop:

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