Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1999 » Heft 4-5/1999
Danny Jung

Dealerparanoia

Staatliche Repression und der Haß des Mobs

In der Hetze gegen DrogendealerInnen kulminieren Antisemitismus und Rassismus in kollektiver Paranoia.

Kaum eine Person dieser Gesellschaft ist derart verfemt wie der Dealer. Kaum eine unterliegt mehr dem gesellschaftlichen Verdikt und der moralischen Verdammung als die HändlerInnen illegaler psychoaktiver Substanzen, denen mittlerweile von fast allen gesellschaftlichen Kreisen gewünscht wird, was jene angeblich immer brächten — den Tod. Die StaatsbürgerInnen wissen Bescheid, wenn es um DealerInnen geht: Sie seien rücksichtslos, geldgierig und verschlagen. Sie mutieren zu Erscheinungsformen der „Organisierten Kriminalität“, die sich hinter allem Übel dieser Gesellschaft verberge und aus den geheimen Schaltzentralen der Macht operiere, um sich alles, was Menschenantlitz trägt, Untertan zu machen. Im Ressentiment gegen DealerInnen kulminieren Rassismus und Antisemitismus zum allgegenwärtigen Wahn, und wieder mal dürsten die ihrer Subjektivität beraubten Subjekte nach Blut.

Sinnentleerte Herrschaftssicherung

Als zu Beginn dieses Jahrhunderts mit den Opiumkonferenzen die modernen Drogenverbote auf den Weg gebracht wurden, waren noch handfeste ökonomische Interessen der Motor. So sollte beispielsweise Deutschland, Hauptproduzent chemischer Drogen, quasi innerimperialistischer Konkurrenzausschaltung niedergehalten werden. Mit der Verbannung vieler psychoaktiver Substanzen aus der legalen Produktion und dem Aufschwingen des ehemals liberalen Staates zum autoritären Wächter über den Lebensstil seiner Untertanen wurde staatliche Drogenpolitik jedoch zum selbstzweckhaften, herrschaftssichernden Instrument. Selbstzweckhaft, weil sich am Verfolgten kaum erkennen läßt, was an ihm sein soll, das die Herrschaft ins Wanken bringen könnte.

Der Dealer wird seit Beginn der 90er Jahre als Teil der „Organisierten Kriminalität“ halluziniert, welche selbst nur eine wahnhafte Konstruktion darstellt.

Doch die Tatsache, daß es sich beim Drogenhandel in aller Regel um Organisationen handelt, die sich in ihrer Größe, was von fast jedem kriminalistischen Experten der Polizei bestätigt wird, von mittelständischen Unternehmen nicht sehr unterscheiden, hinderte die neuere europäische Politik nicht daran, so manches „Meisterwerk“ staatlicher Repression ins Werk zu setzen. Die offizielle Beschreibung dessen, was hier unter dem großen Begriff „Organisierte Kriminalität“ verfolgt wird, regt zum Spott an. Leider ist dieser völlig fehl am Platz, verursacht die Verfolgungspraxis doch enormes Leid. Die staatliche Bekämpfung etwas Nichtexistierenden, vom Mob vehement eingefordert, verweist auf den objektiven Wahn der Zeit: „Staatsbürger aller Parteien und Publikationen, die immerhin genau Bescheid wissen, mit welchen Techniken ihre Feinde so umgehen, haben bis dato noch nicht einmal angeben können, was die Organisierte Kriminalität von der herkömmlichen unterscheide, außer daß sie sehr mächtig sei, mehr als zwei Leute umfasse und mit brachialen Mitteln nach Gewinn strebe — sich mit anderen Worten also gerade mal von der unorganisierten Kriminalität in Dick-und-Doof-Filmen unterscheidet. (...) Eine der Bedrohungen der westlichen Nationen, die vielköpfige Hydra der Drogenmafia, umfaßte 1989 nach polizeilicher Kriminalstatistik exakt 20 Personen, die nach § 30.1.1. des Betäubungsmittelgesetzes (Anbau, Herstellung und Handel als Mitglied einer Bande) verurteilt wurden, und ihre Verstöße gegen das BtmG machten 0,2% aller registrierten Drogendelikte aus. Inzwischen soll sich der Anteil bei knapp 0,4% bewegen, also immerhin verdoppelt haben.“ [1]

Weitere Konsequenz des wahnhaften Feldzugs gegen die „Organisierte Kriminalität“ ist der Boom geheimdienstlicher Kontrollmaßnahmen und Datensammlungen auf gesamteuropäischer Ebene. Um nach Öffnung der EU-Grenzen den freien Grenzübertritt derer zu verhindern, welche die größte Gefahrenquelle für die europäischen Nationen darstellen sollen — ImmigrantInnen, WaffenschmugglerInnen und allen voran DrogenhändlerInnen — schrieb man im Schengener Vertrag die Einrichtung des Schengener Informationssystems (SIS) fest. Dieses soll alle nötigen Daten über die bereits erwähnten Feinde speichern. Der Eifer, mit dem die europäischen Sicherheitsstrategen dann auch gleich ans Werk gingen, drückt sich in der Zahl von zwei Millionen Datenpaketen aus, die bereits kurz nach Inbetriebnahme 1993 gespeichert gewesen sind.

Dealer und Killerdroge

Wo so viel gewarnt, gemahnt und verfolgt wird, mag einer vermuten, da muß es doch zumindest eine reale Basis geben. Doch das Bild, das sich die pathisch Projezierenden vom zu bekämpfenden Objekt machen, ist nicht mehr als eine Halluzination. Der dämonisierende Blick auf die Drogen, notwendiger Kern der Dealerhatz, verdrängt den wahren Grund des Drogenelends. Denn beispielsweise der „Killerdroge“ Heroin ist mitnichten immanent, was dem durchschnittlichen Junkie von heute wiederfährt. Schlechte Stoffqualität, überhöhte Preise und miese hygienische Bedingungen auf der Scene sind verbotsinduziert, der Glücksbringer Heroin avanciert durch die staatliche Ächtung real zum Todesengel. Erst das Spritzentauschverbot im Knast zwingt die Inhaftierten, sich durch den Gebrauch verdreckter Spritzen dem Risiko von Aids und Hepatitis auszusetzen.

Der Drogendiskurs der letzten Jahre hat sich gewandelt. Immer weniger zielt er auf die Verfolgung der KonsumentInnen. Sie sind nicht mehr die Kriminellen von damals, sondern gelten heute als krank und werden der Kontrolle von Methadonprogramm und Zwangstherapie unterstellt. Von der Kriminalisierung der KonsumentInnen ist man zur immer hemmungsloseren Verfolgung derer übergegangen, die mit Drogen handeln. Auch hier entpuppt sich die Ausmalung der grausamsten Gefahren, welche vom Dealer ausgehen sollen, als pures Hirngespinst.

Beliebter Mythos, zum Beweis der Perfidie und Verschlagenheit von DealerInnen ersonnen, ist die Praxis des Anfixens: Ahnungslosen DiscobesucherInnen werde heimlich LSD ins Getränk geträufelt und Schulkinder zwänge man unter der Androhung von Gewalt zum Heroindruck. Wie das Ressentiment gegen DealerInnen in seiner Gesamtheit, entbehrt auch diese Teilbehauptung jeglicher Plausibilität: Weder könnte es sich jemand leisten, Drogen zu solchen Werbezwecken massenhaft zu verschenken, noch haben Drogen die Wirkungsmacht, die ihnen hier unterstellt wird, nämlich nach einmaligem Konsum das Verlangen in der Konsumentin nach ständig neuer Einnahme zu produzieren.

Genauso ist die Vorstellung der monopolartigen Drogenmafia als Zentrum der „Organisierten Kriminalität“, wie schon angedeutet, reine Paranoia, findet sie doch keinerlei Entsprechung in der Realität: „Auch jene, realiter wohl mächtigsten illegalen Drogenhändler (gemeint sind hier die südamerikanischen Kokainproduzenten, Anm. d. Verf.), verfügen nicht über hierachisch strukturierte Großunternehmen (...) Der Handel mit Opiaten und Cannabisprodukten ist noch unkonzentrierter, sogar Polizeiberichte bestätigen, daß der größte Teil des Heroins über den‚ Ameisenhandel’ in die Metropolen kommt... .“ [2] Der illegale Drogenmarkt wird „eher von einzelnen Unternehmen und kleinen Organisationen bevölkert als von großen bürokratisch-organisierten Konzeren.“ [3]

Trotzdem steht fest: Weder die Tatsache, daß die Differenz zwischen Alkoholhändler und Drogenhändler lediglich in der fehlenden Deckung durch das staatliche Gewaltmonopol für letztere besteht, noch die Realität der Organisierung des Drogenhandels, können der Hatz Grenzen setzen.

„Jüdische Weltverschwörung“ und „Organisierte Kriminalität“

Die Terminologie von Dealerressentiment und „OK“-Hysterie weisen erhebliche Parallelen zur antisemitischen Hetze des nationalsozialistischen Deutschlands auf. Man vergleiche nur die Ausführungen Hitlers mit heutigen Vorstellungen über Drogen und Dealer: „Weiter aber ist seine (gemeint ist der Jude, Anm.d.Verf.) geldliche Beherrschung der gesamten Wirtschaft schon so fortgeschritten, daß er ohne den Besitz aller ’staatsbürgerlichen’ Rechte das ganz ungeheure Gebäude nicht mehr länger zu stützen vermag, auf alle Fälle keine weitere Steigerung seines Einflusses mehr stattfinden kann. Beides aber wünscht er; denn je höher er klimmt, um so lockender steigt aus dem Schleier der Vergangenheit sein altes, ihm einst verheißenes Ziel heraus, und mit fiebernder Gier sehen seine hellsten Köpfe den Traum der Weltherrschaft schon wieder in faßbare Nähe rücken.“ [4]

„Rauschgift war und ist eine Waffe, die von einer machthungrigen Clique rücksichtslos eingesetzt wird, um die Zivilisation zu zerstören. Menschen aus allen sozialen Schichten wurden bei dem Jahrhunderte währenden Aufbau des weltumspannenden Kartells, das unter dem Namen Drogen AG zweifelhafte Berühmtheit erlangt hat, in das weitverzweigte und wohlorganisierte Netzwerk einbezogen: Auf der untersten Stufe rangieren die vielen armen Bauern und unwissenden Schulkinder, die das Gift anbauen bzw. konsumieren; darüber die Hierachie des organisierten Verbrechens und ihre Terroristen.“ [5] Was einstmal der Jude war, ist heute der „Dealer“; die „jüdische Weltverschwörung“ wird zur „Organisierten Kriminalität“.

Im Volkskollektiv verbinden sich Staatsbürger und Staat zur symbiotischen Einheit. Dieser wird von jenem als Sicherheit gebender Vater glorifiziert, und der Geborgenheit gebende Mutterschoß ist das herbeihalluzinierte eigene Volk. Wird diese harmonische Ordnung gestört, wie etwa durch massenhafte Arbeitslosigkeit oder Drogenelend, so muß die Bedrohung von außen kommen und es müssen dämonische Kräfte am Werke sein, die mächtiger sind als der starke Staat. Wie sonst sollten sie wirken können ohne von seiner strafenden Hand erfaßt zu werden.

Die projektive Schaffung dieser äußeren Bedrohung, das Bild von der weltumspannenden Drogenmafia, ist strukturell antisemitisch. [6] Im Kernvorwurf gegen DealerInnen, sie strebten mit brachialen Mitteln nach Profit, drückt sich derselbe spontan antikapitalistische Reflex aus wie im Bild des modernen Antisemitismus vom raffenden jüdischen Handels- und Finanzkapital.

Die erkenntnistheoretische Erklärung hierfür hat Moishe Postone geliefert, der den Antisemitismus als besonders gefährliche Form des Fetischs charakterisierte. Grundlage für diese Erklärung ist die Marxsche Analyse der Warenform und des Warenfetischs. Der Warenfetischismus bezeichnet eine Denkweise, die, blind gegenüber dem Wesen kapitalistischer Vergesellschaftung, in ihren Erscheinungsformen verhangen bleibt. In der Ware tritt die Antinomie von Konkretem und Abstraktem in dialektischer Einheit zusammen, ist sie doch sowohl stoffliches, verwendbares Ding, also Gebrauchswert, als auch Wert und damit Produkt gesellschaftlicher Vermittlung. Der Wert, größenmäßig bestimmt als gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit zur Produktion einer Ware, macht diese erst mit anderen vergleichbar und somit ihren Austausch möglich. Sowohl Ware als auch Arbeit haben also einen Doppelcharakter. [7]

„Die dialektische Einheit von Wert und Gebrauchswert in der Ware erfordert, daß dieser ’Doppelcharakter’ sich in der Wertform entäußert, in der er ’doppelt’ erscheint: als Geld (die Erscheinungsform des Werts) und als Ware (die Erscheinungsform des Gebrauchswerts). Diese Entäußerung erweckt den Schein, als enthalte die Ware, die eigentlich sowohl Wert wie Gebrauchswert ausdrückt, nur letzteren, das heißt, sie erscheint als rein stofflich und ’dinglich’. (...) Die dem Kapitalismus eigene Form vergegenständlichter gesellschaftlicher Beziehungen erscheint so auf der Ebene der Warenanalyse als Gegensatz zwischen Geld als abstraktem einerseits und stofflicher Natur andererseits.“ [8]

Unterm fetischisierten Blick der antisemitischen Ideologie nimmt das auf der Erscheinungsebene gerade nur scheinbare Auseinandertreten von Konkretem, in Form des stofflichen Guts, und Abstraktem, verkörpert im Geld, die Form gesellschaftlicher Realität an. Seine Manifestation findet diese illegetime Spaltung im antisemitischen Arbeitsbegriff, welcher zwischen „raffender Arbeit“, die keinen Gebrauchswert schaffe und eben nur die pure Profitsucht zum Gegenstand habe, und „schaffender Arbeit“, die im Gegensatz nun die Produktion von nützlichen Gütern impliziere, unterscheidet. Ihren Ausdruck findet diese Antinomie in den Personifizierungen des bodenständigen, arischen Industriearbeiters, der für wahre Arbeit wahren Lohn erhalte, einerseits, und dem verschlagenen, geldgeilen, jüdischen Händler und Bankier andererseits. [9]

In antisemitischen Beschreibungen des Juden als Abbild des bösen, zu beseitigenden abstrakten Prinzips, finden sich die Charakteristika des Werts — Abstraktheit, Universalität und Unfaßbarkeit. Der Antisemit, selbst Repräsentant des Konkreten, phantasiert sich sein Volk als ewige organische Einheit von Blut und Boden, als die gute, natürliche Seite der Dichotomie. Wie damals das wurzellose, nach Weltherrschaft strebende Weltjudentum, steht heute die weltumspannende Drogenmafia und ihr Einzelelement, der raffgierige Dealer, im Bilde der verfolgenden Volksgenossen für die ganze unverstandene Bewegung des Kapitals, die ebenso keine Grenze kennt, wie die sich über alle Grenzen hinwegsetzende „Organisierte Kriminalität“ in der Vorstellung der AntisemitInnen.

Der Antisemitismus ist eine konformistische Revolte. Die Unterdrückten, „die weder ökonomisch noch sexuell auf ihre Kosten kommen“, [10] ordnen sich der Herrschaft blind unter und machen jene für ihr Leiden verantwortlich, die es gar nicht seien können: die Juden oder den Dealer. Im Ressentiment der AntisemitInnen, der projektiven Konstruktion des Opfers, drückt sich ihr eigenes Wesen aus. Die auf Kosten der Herrschaftsunterwerfung unterdrückten Wünsche und Sehnsüchte erscheinen im Objekt der pathischen Projektion. [11] Der unermeßliche Haß, welchen der Dealer auf sich zieht, entspringt aus der Verheißung der Droge, mit der er handelt. Ihre verführerische Wirkung liegt in der Verlockung des ungehemmmten Genießens, die sie verspricht und welche sich die Menschen unter der Herrschaft des Kapitals nicht leisten dürfen.

Reduziert sind jene auf rein automatisiertes Funktionieren, der rastlosen Selbstverwertung des Werts unterworfen. Im Haß auf den Dealer und in der Dämonisierung der Droge, wird das eigene verdrängte Verlangen pathisch in den Dealer projiziert, und so erscheint er als verschlagener Verführer. Ebenso sagt der Vorwurf der Profitsucht wie die paranoide Vorstellung der Weltverschwörung wenig über die realen DrogenhändlerInnen aus, sondern verweist auf die Wünsche der AntisemitInnen: Reichtum, letzendlich Ausdruck der ersehnten Befreiung vom Joch der Arbeit, und unumschränkte Macht.

Die ohnmächtige Wut der der Herrschaft Unterworfenen ist Motor des Antisemitismus. Jeglicher versprochene ökonomische Vorteil sowie Zuwachs an subjektiver Sicherheit sind bloße Rationalisierungen dessen, was eigentlich Kern des Wahns ist: Drang nach Vernichtung. „Der eigentliche Gewinn auf den der Volksgenosse rechnet, ist die Sanktionierung seiner Wut durchs Kollektiv. Je weniger sonst herauskommt, um so verstockter hält man sich an die Bewegung. Gegen das Argument mangelnder Rentabilität hat sich der Antisemitismus immun gezeigt.“ [12]

Folgendes Beispiel verdeutlicht diesen auch im Haß auf den Dealer wiederkehrenden Vernichtungsdrang: „Und wenn der Vater den Dealer seiner Tochter“ tötet, dann fragt die Bild-Zeitung (30./31.3.1997, Titelseite) ganz im Sinne der herrschenden Politik: „Wie groß ist die Schuld diese Mannes? Hat er nicht getan, was sich unsere Abgeordneten, unsere Regierung und unsere Polizei nur nicht zu tun trauen — nämlich einfach jeden, der es wagt, anderen Menschen Drogen zu verkaufen, aus der Gesellschaft zu entfernen — radikal, unnachsichtig und effizient.“ [13]

[1Quadfasel, Lars: Organisierte Kriminalität. in: bahamas 24/97, S. 42

[2Bundesarbeitskreis Drogen JungdemokratInnen/Junge Linke: Dealer, anständige Bürger und die dirty work, Flugschrift, S. 2

[3Hess, Henner: Der illegale Drogenhandel. in: Scheerer / Vogt ( Hg.): Drogen und Drogenpolitik. Frankfurt a.M. - New York, 1989

[4Hitler, Adolf: Mein Kampf. Leipzig 1942, S. 343

[5Mirak-Weißbach, Muriel: Der gerechte Krieg. Wiesbaden 1990, Klappentext

[6Der Ursprung des Antisemitismus ist der christliche Antijudaismus, welcher den Haß auf die Juden als Christusmörder zum Inhalt hatte. Mitte des letzten Jahrhunderts wandelte sich der Antijudaismus zum modernen Antisemitismus, die Juden wurden zur zu bekämpfenden Rasse. Im strukturellen Antisemitismus nun bleibt einzig die ideologische Struktur erhalten. Er löst sich von den Juden und heftet sich quasi beliebig an andere Objekte. Neben dem „OK“-Diskurs weist beispielsweise auch die „Scientology-Hysterie“ eindeutig antisemitische Strukturen auf. Auch dort wird eine Verschwörung, die das Ziel verfolgt, die Weltherrschaft zu erlangen halluziniert und unermeßliche Profitgier kritisiert.

[7Der Doppelcharakter der Arbeit, die Antinomie von konkreter und abstrakter Arbeit, ist folgender: Die besondere Tätigkeit, welche zur Produktion eines bestimmten Gebrauchswerts erforderlich ist, Schlossern etwa zur Herstellung einer Bohrmaschine, ist die konkrete Arbeit, die Reduktion auf die reine Verausgabung menschlicher Arbeitskraft unter Absehung von der besonderen Tätigkeit stellt die abstrakte Arbeit dar. Somit ist Arbeit immer beides: konkret und abstrakt.

[8Postone, Moishe: Nationalsozialismus und Antisemitismus. in: Diner, Dan: Zivilisationsbruch. Frankfurt a. M. 1988, S. 247 f.

[9Bei Adorno und Horkheimer findet sich in den Elementen des Antisemitismus eine ähnliche Erklärung, die jedoch nicht soweit geht, in der antisemitischen Ideologie die Identifikation der Juden mit der gesamten abstrakten Seite des Kapitals zu erkennen, sondern von der Vorstellung ausgeht, die Juden wären als Repräsentanten der Zirkulationsspähre betrachtet worden. Als diese zogen sie den Haß auf sich, da Ausbeutung in der Zirkulationsspähre und nicht auf der Produktionsebene, wo sie tatsächlich stattfindet, verortet wurde: „Im Verhältnis des Lohns zu den Preisen erst drückt sich aus, was das Kapital den Arbeitern vorenthält. Mit ihrem Lohn nahmen sie zugleich das Prinzip der Entlohnung an. Der Kaufmann präsentiert ihnen den Wechsel, den sie dem Fabrikanten unterschrieben haben. Jener ist der Gerichtsvollzieher fürs ganze System und nimmt das Odium für die anderen auf sich. Die Verantwortlichkeit der Zirkulationsspähre für die Ausbeutung ist gesellschaftlich notwendiger Schein.“ (Adorno, Theodor W. / Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt a. M. 1997, S. 198)

[10Adorno / Horkheimer, S. 195

[11Die menschliche Wahrnehmung ist immer eine Form von Projektion: „Die Projektion von Eindrücken der Sinne ist ein Vermächtnis der tierischen Vorzeit, ein Mechanismus für die Zwecke von Schutz und Fraß, verlängertes Organ der Kampfbereitschaft, mit der die höheren Tierarten (...) auf Bewegung reagierten, unabhängig von der Absicht des Objekts. (...) Das System der Dinge, das feste Universum, von dem die Wissenschaft bloß den abstrakten Ausdruck bildet, ist (...) das bewußtlos zustandekommende Erzeugnis des tierischen Werkzeugs im Lebenskapf, jener selbsttätigen Projektion.“ (Adorno / Horkheimer, S. 213) Die pathische Projektion nun ist „blinde“ Projektion, sie geschieht ohne Reflexion auf das Objekt und richtet sich die Außenwelt nach dem eigenen Bilde zu. „Die psychoanalytische Theorie der pathischen Projektion hat als deren Substanz die Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts auf das Objekt erkannt.“ (Adorno/ Horkheimer S. 214)

[12Adorno / Horkheimer, S. 194

[13Mach, Holger / Scheerer, Sebastian: Vom „ehrbaren Kaufmann“ zum „gewissenlosen Dealer“. in: Schmidt-Semisch, Henning / Paul, Bettina: Drogendealer. Freiburg 1998, S. 75

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1999
Heft 4-5/1999, Seite 9
Autor/inn/en:

Danny Jung: Danny Jung ist Mitglied der Jungen Linken in Bremen.

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