Zeitschriften » Weg und Ziel » Jahrgang 1997 » Heft 5/1997
Julius Mende

Das Recht auf Kitsch*

Der Auffassung kritischer Intellektueller, daß dem Begriff Kitsch ein abwertendes Urteil von Bildungsschichten gegenüber dem Geschmack der Unterschichten innewohne, könnte ich rasch zustimmen, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß jedes gesellschaftliche Milieu sein eigenes Kitschkästlein hat. Denn der Mensch braucht Kitsch — darüber noch weiter unten.

So gibt es den Nobelkitsch, den Intellektuellenkitsch, den Proletenkitsch und jeweils auch den Jugendkitsch dieser sozialen Schichten — selbstverständlich vielfältig vermischt und gebrochen, je nach weiter spezifizierbaren Milieus. Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich freilich die Bezeichnung Kitsch nur für den Kitsch der Unterschichten durchgesetzt. Diese Schwierigkeit könnte nahelegen, den Begriff Kitsch überhaupt zu meiden — man möchte schließlich nicht an der Diskriminierung breiter Bevölkerungsteile und ihrer ästhetischen Vorlieben teilhaben.

Kitsch als Herrschaftsinstrument

Um mich der Frage des Kitsches in der Jugendkultur zu nähern, scheint es mir notwendig, auch grundsätzlicher auf den „Kitsch-Begriff“ einzugehen. Faßt man das Etikett Kitsch vorwiegend als Bezeichnung formal minderwertiger „Kunst“, bleibt die Auseinandersetzung über die inhaltliche Seite auf der Strecke. Da der Hauptstrom der Kunstkritik formalistisch orientiert ist, das Wie also über das Was stellt, durchaus im Bewußtsein, daß beides nicht zu trennen ist, wird der Kitschvorwurf meist zu einem formalästhetischen Werturteil. Der virtuose Kitsch der herrschenden Kunstproduktion, zum Beispiel Hundertwassers Hervorbringungen der jüngsten Zeit, blieben dabei ungeschoren.

Ich sehe den Kitsch primär als inhaltliche Konzeption, deren vornehmste Absicht die Bestätigung herrschender Wertsysteme ist. Diese gemütliche Bestätigung kann eben in unterschiedlicher ästhetischer Virtuosität vorgetragen werden. Die möglichst eingängige — ästhetisch ansprechende — an den Sehgewohnheiten der Adressaten anknüpfende Vermittlung herrschender Werte wie Familie, glückliche Kindheit, heile Landschaft, saubere Politik etc. ist für mich Kitsch. Das bedeutet also, daß das Werbefernsehen, der Großteil der Fernsehfilme, die herrschenden Modemuster, die verbreiteten Bau- und Wohnformen Kitsch sind — konsequenterweise auch die nicht subkulturellen Formen der Jugendmode, der Jugendunterhaltung und der Musik- und Bildkultur, die alle ja vorwiegend von Erwachsenen für Jugendliche gemacht werden.

Eine kleine Schwierigkeit am Rande ist die Tatsache, daß subkulturelle, halbwegs authentische Jugendkultur durch ihre gesellschaftliche Akzeptanz und Integration zur herrschenden Kultur werden kann, die Punkfrisur von Bundy also Kitsch sein kann. Wenn alle Minister/innen mit Punkfrisuren herumlaufen, wäre die Zugehörigkeit zur herrschenden Kultur als Kultur der Herrschenden ja eindeutig. Mit meinem 68er-Schnauzbart a la Günter Grass ist das geschehen. Fast alle jüngeren Polizisten sehen inzwischen so aus wie ich. Aber die nächste Generation von Polizisten wird trotzdem wahrscheinlich nicht mit Punkfrisuren herumlaufen — höchstens in der Freizeit als Milieuspione. Es gibt also Protestsymbole, die leichter, und solche, die schwerer integrierbar sind. Zum Beispiel setzt sich der Kurzhaarschnitt der seinerzeitigen Jungnazis derzeit flächendeckend durch.

Es entspricht dem Zeitgeist, mit der Revision der kritischen Geschichtsschreibung über die Nazis auch deren Symbolisierungen umstandslos in die Massenkultur zu reintegrieren. Das tun Erwachsene, zum Teil ganz bewußt, über Modeindustrie und Bodystyling. Das ergibt die Frage, ob es überhaupt eine von der Jugend kreierte Jugendkultur gibt. Wahrscheinlich setzt oppositionelle Jugendkultur eine oppositionelle Jugendbewegung voraus. Die Deutsche Jugendbewegung zu Beginn des Jahrhunderts war jedenfalls von jüngeren Erwachsenen inszeniert worden (Fischer, Walter Flex u.a.). Geistige Stammväter der 68er waren Erwachsene, und die Musikszene wurde auch damals von jungen Geschäftsleuten beherrscht, die dann Beatles und Stones und andere pushten.

Grotesker Schmuck für den Faschingsball

Kulturen des Widerstandes können also sehr rasch Bestandteil der herrschenden Kultur werden, aber nur dann, wenn ihr inhaltlicher Hintergrund herrschaftsfähig geworden ist. Grass ist von einem Widerstandsliteraten zum Staatsliteraten avanciert, sein Bart wurde vergesellschaftet, erleichtert durch die Tatsache, daß diese Barttracht früher der Schmuck gesellschaftlich akzeptierter Gruppen war — von den Bojaren bis zu den Wiener Fiakern.

Die „Irokesen“ der Irokesen hingegen waren nur bei der amerikanischen Urbevölkerung anerkannt. Die Kultur unterdrückter Völker eignet sich nur ausnahmsweise zur Symbolisierung von Herrschaft hierzulande — höchstens als grotesker Schmuck für den Faschingsball. Die Rasta-Zöpfchen der Schwarzen dürften bei uns auch nicht herrschaftsfähig werden. Diese subkulturelle Haartracht verbleibt einer Subkultur mit einer sie umgebenden Kulturschickeria. Das bedeutet auch, daß die Frage, ob etwas Kitsch ist, also herrschenden Geschmack repräsentieren kann, zeit- und publikumsabhängig ist und von der Akzeptanz des symbolisierten Inhalts durch die Herrschenden mitbestimmt ist. Ausübung von Herrschaft wird in der vielgerühmten Informations- und Mediengesellschaft noch stärker als früher auf die Hegemonie im Bereich der symbolischen Formen angewiesen sein. Deren ständige Innovation und Bestätigung ist wesentlich komplizierter als etwa in alten Gesellschaften, wo soziale Differenzierung mit fixen symbolischen Ordnungen, zum Beispiel durch Kleiderordnungen, festgeschrieben waren. Der rasche Verschleiß von Symbolen heute und der tendenziell plurale Zugang könnten dazu verleiten, soziale Zuordnung und Herrschaftsbedingtheit zu negieren. Wesentlich für die Durchsetzung von Jugendmoden oder auch Protestmoden heute sind die Medien und mit ihnen bzw. durch sie die Modeindustrie. Wie widersprüchlich die Wirkungsweise von Massenunterhaltung im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Widerstand sein kann, beschreibt Kaspar Maase in einer kritischen Studie über den Antiamerikanismus der 50er Jahre in Deutschland: „Auf dem Unterhaltungsmarkt ging es ehrlich und demokratisch zu; was dort Erfolg hatte, war legitimiert, weil es vielen zusagte. Massenkultur war ein Geschäft; gerade das garantierte, daß keine moralische Empörung den Rock‘n’Roll — und mit ihm die symbolische Rebellion der Arbeiterjugendlichen — aufzuhalten vermochte. Sollten die ,Kulturträger‘ ruhig Halbstarke und ,Proleten‘ als banausisch verachten — letztlich würden die einfachen Leute die Musik bekommen, die ihnen gefiel: Der Anziehungskraft ihres Geldes konnte das Showbusiness auf Dauer nicht widerstehen. Zusätzlich hatten die kulturell Ausgegrenzten noch die Moral auf ihrer Seite, wenn sie nun wirklich einmal als Kunden Könige sein wollten: sie durften für ihr schwer verdientes Geld einen ehrlichen Gegenwert in Form guter Unterhaltung verlangen. In dieser Sicht waren die Kaufkraft der Mehrheit und die Abstimmung auf dem Markt weitaus demokratischer als jene Schutz- und Erziehungsmaßnahmen zum angeblich Besten des Volkes, die das Urteil bürgerlicher Experten für Kultur und Unkultur in Praktiken der Kontrolle und Entmündigung umsetzten. Wie laut die Herrschenden auch ihr Recht und ihre Kompetenz reklamieren mochten, das Legitime vom Illegitimen zu scheiden — letzten Endes setzten sich die einfachen Leute mit ihrer Kaufkraft durch.“ (Maase 1993)

Zu meinen, daß diese Branchen alles propagierten, was die Kassen klingeln läßt, ist naiv. Freilich gibt es auch nicht den großen Manipulator des Zeitgeistes, der Modediktate erlassen würde. Maases Beispiel zeigt die Widersprüchlichkeit von Kultur bzw. Massenkultur. Gegen die Jugendbilder, die das Dritte Reich überdauert hatten, war die amerikanische Massenkultur damals emanzipatorisch. Im Land ihrer Entstehung war sie von der Subkultur zur herrschenden aufgestiegen. Heute ist sie Kitsch der Oldies. Ob sich diese in Europa als Subkultur zunächst verfolgte Rock-Kultur allerdings durchgesetzt hätte, wenn sie nicht die Hegemonie des Marktes und amerikanischer Werte repräsentiert hätte, bleibt fraglich. Die inzwischen anerkannten Rockgrößen wurden an die ökonomischen und militärischen Fronten verschickt, um die amerikanische Freiheit des Marktes zu propagieren.

Die Betreiber der immer monopolistischer agierenden Mediennetzwerke wissen genau, was ihren Interessen schadet. Wirklich oppositionelle Subkulturen kommen höchstens als Feindbild in die Medien. Der klügste Herrschaftsakt freilich ist es, der Subkultur durch Integration ihrer Symbole den Stachel zu nehmen. So verwendete die ÖVP bei der letzten Wahl bewußt die Symbolfarbe Rot, weil Grün vergeben und Rot bei den Roten nicht mehr gefragt war. Ich erinnere mich noch an 1970, zur Zeit der Black Panther-Prozesse in New York, als Polizisten zu den schwarzen Musikern am Washington Square Park gingen und ihnen befahlen: „No drums!“

Eine noch perfidere Form der strategischen Kitschproduktion brachte Peter Weibel in einer großen Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst vor wenigen Jahren augenfällig zum Ausdruck: Auf einem monumentalen Sockel befand sich eine Glasvitrine. In dieser lag ein Stapel »Kronen Zeitungen« und darauf ein Werk des »Kronen Zeitungs«-Herausgebers Dichand über Kunst. Das Monument wurde dem Kunstförderer Dichand gewidmet. Die Herrschenden produzieren bewußt ästhetischen und literarischen Müll — zunächst zur Verblödung der Massen, das ist normal. Aber dann erheben sie sich noch zynisch über den von ihnen selbst produzierten Müllberg. Es ist wie bei der Aristokratie, die sich in den barocken Zwergengärten die durch Fronarbeit verkrüppelten Untertanen aus Stein nachbilden ließ und deren Anblick noch vergnüglich fand (wie zum Beispiel in Schloß Greillenstein, Niederösterreich).

Kitsch als süßlicher Zuckerguß der Herrschaftsästhetik

Nicht alles ist Kitsch, nicht jede Herrschaftskunst ist Kitsch. Kitsch ist, die eingängigste, widerspruchsfreieste Form herrschender Kultur. Er kann Kunstform und Kunstqualität haben, bis hin zu dilettantischen ästhetischen Dekorbemühungen der liebenden Hausfrau in ihrem Heim. Kitsch ist immer affirmativ, herrschaftsbestätigend. Kitsch ist von Zeit und Publikum abhängig und repräsentiert und reproduziert immer ein Massenphänomen. Er ist daher auf längst anerkannte ästhetische Muster angewiesen. Ein Druck eines qualitätsvollen Impressionisten — einst ästhetisch oppositionell — kann heute im entsprechenden Ambiente Kitsch sein. Kitsch appelliert vorrangig an Gefühle und verweigert bzw. umgeht Reflexion. Er kennt daher keine Irritation. Kitsch ist entproblematisierend, sentimental, harmonisierend, vertraut und eindimensional. Kitsch dominiert die Warenästhetik von Werbung und Design sowie die Unterhaltungsindustrie, aber auch die Kunst in Kirchen, Palais und Banken bzw. ihnen vorgelagerte Regierungs- und Amtsgebäude. Kitsch bedarf der ständigen Wiederholung der gleichen Muster, um Vertrautheit zu erlangen. Das zeigt sich bei den Serienfolgen im Fernsehen ebenso wie bei den Autoserien und ihrem über mehrere Jahre immer gleichen Design. Kitsch bedarf also der Ritualisierung, die auf Gewohnheit statt Reflexion und Wachheit setzt.

Die Notwendigkeit von Kitsch

Die von mir eingangs vertretene These, daß jede Gesellschaftsschicht ihren mehr oder weniger kunstfertig produzierten Kitsch habe, läßt sich mit Siegfried Kracauers Abhandlung über „Erfolgsbücher und ihr Publikum“ aus den 20er Jahren illustrieren, wenngleich dieser den Begriff Kitsch nicht anwendet: „Kräftiger Individualismus verbürgt beträchtliche Chancen (der Verbreitung, J. M.) (...) Auch Thieß und Zweig stellen das Individuum in die Mitte. Wo es auftritt, ist Tragik unausbleiblich. Sie bettet das bürgerliche Dasein tief in die Metaphysik ein und übt daher oder gerade in ihren Zerrformen eine starke Anziehung auf das Publikum aus. ,Der versorgte, verängstigte Mensch dieser Zeit‘, wird über Zweigs Novellen gesagt, ,und gerade der Mensch aus den höheren Schichten, der im oft vergeblichen Kampf um die Aufrechterhaltung seines Lebensstandards seine Gefühle fast immer verkapseln muß, greift (...) begierig zu diesen Geschichten, weil in ihnen die Leidenschaften zwar unwahrscheinlich, dafür aber umso prächtiger und ungehemmter sich austoben und das private Schicksal noch in der Katastrophe triumphiert‘. Da die Mittelschichten ihre Zwischenposition wohl als Verhängnis empfinden, sich jedoch unter allen Umständen in ihr behaupten wollen, neigen sie natürlich dazu, sämtliche Verhängnisse zu tragischen Ereignissen zu erhöhen. Das Individuum, die Idee bewahrend, geht tragisch unter, ist auch ein Bestandstück idealistischer Weltanschauung, und so übernehmen die Favoriten begreiflicherweise den Idealismus.“ (Kracauer 1977)

Diese Merkmale der bildungsbürgerlichen Literatur sind inzwischen zu Merkmalen der Groschenhefte verkommen, wie dies auch für den diesen zugrundeliegenden Naturbegriff gelten mag. Zu Zweigs oder Jack Londons Naturmystik merkt Kracauer an: „Sie ist, wie die Erfolgsbücher beweisen, das große Refugium, nach dem sich die Lesermassen sehnen. Vertrauten sie sich der Ratio an, die mit der Natur nicht zusammenfällt, so wäre unter Umständen ihre Bewußtseinskonstruktion bedroht; bei dem Rückzug in die Natur dagegen bleiben alle problematischen Gehalte unangetastet. Die Natur mag tragisch sein oder dämonisch — gleichviel: sie ist ein sanftes Ruhekissen für alle, die nicht geweckt werden wollen.“ (Kracauer 1977)

Diese Charakterisierung der Massenliteratur durch Individualisierung und Naturmystik sowie die gezielte Ausklammerung gesellschaftlicher Zusammenhänge mag auch für die ausgesprochene Kitschliteratur gelten. Die Gegenüberstellung von Verstand und Gefühl wirft allerdings ein Problem auf: das Recht auf Kitsch. Der Mensch, „der seine Gefühle fast immer verkapseln muß“, hat nach meiner Auffassung ein Recht auf Kitsch und „auf ein sanftes Ruhekissen“. Dieser Zustand sollte freilich nicht zum generellen werden. Auch kritische Naturen können nicht in permanenter Anspannung des Intellekts durchs Leben gehen. Erziehung und Bildung widmen der Schulung der Gefühle weniger bewußte Aufmerksamkeit als der des Intellekts. Die Erziehung der Gefühle erfolgt durch das Beispiel, durch Gewohnheit und eben durch den Unterhaltungskitsch. Es gibt viele gebildete Leute, die weitgehend unverbunden neben ihren bewußt kultivierten wissenschaftlichen oder künstlerischen Anschauungen unglaubliche Kitschvorlieben haben bzw. sich in Liebesdingen verhalten wie kleine Kinder (was ja nicht das Schlimmste wäre) oder wie im kitschigen Pornoheft. Nur die Einbeziehung der Gefühle in die Reflexion und ihre bewußte Gestaltung kann das Nebeneinander von Gefühl und Verstand, das es als solches nicht geben kann, tendenziell bewußt aufheben und einen Weg zur bewußten Erziehung der Gefühle weisen. Die Abspaltung von Verstand und Gefühl ist schon Produkt einer spezifisch kleinbürgerlichen Erziehung. Natürliche Gefühle gibt es nicht, sie sind immer mehr oder weniger bewußt gesellschaftlich vermittelt. Das erfordert auch eine bewußte Auseinandesetzung mit dem Kitsch in mir selbst. Nicht mit dem Ziel, ihn sozusagen auf eine kultiviertere Ebene zu heben, sondern um daraus zu lernen, daß es über die Liebe zum Kitsch eine breite Verbindung zu den sogenannten ungebildeten Massen gibt. Es sei nur an das kitschige Stille NachtLied erinnert. Offensichtlich läßt unsere gesellschaftliche Formierung keine anderen Nischen für Gefühle als die Klischees von Liebe, Leid und Natur, und diese in der Gestalt des Warenfetisch — also der Käuflichkeit. Die schönsten Gefühle werden im Werbefernsehen angesprochen. Zuerst kommen die schlechten Nachrichten — die Weltnachrichten, und dann die guten im Werbefernsehen.

Jugendlichkeit und Kitsch

Für Kinder gibt es keine Unterscheidung zwischen Kitsch und „Kunst“ — alles ist interessant. Kindheit selbst existiert in unseren Phantasien nur als Kitschfilm. Wie sollten sich die Gefühle erster Verliebtheit anders als in einer Welle von Kitsch artikulieren, in Worthülsen, die den Liebesfilmen entnommen sind? Erst allmählich formiert sich bei manchen eine eigenständige Sprache der Liebe. Sie wird von niemandem gelehrt, außer von Kit- schisten. Diese starken Gefühlserlebnisse vom Kitsch befreien zu wollen, hieße, sie in die Sprachlosigkeit zu verstoßen. Kitsch ist ein notwendiges Stadium der Menschwerdung und ein Ruhekissen, um wach zu werden für die bewußte Lebensgestaltung. Erwacht man jedoch nicht, so wird der Kitsch zur Fessel, zur Konvention, die alles erstickt. Es gibt also auch den emanzipatorischen Kitsch und den Revolutionskitsch. Die Mehrheit der Jugendlichen lebt nicht subkulturell im Sinne von subversiv, doch sie lebt in Teilkulturen, verschiedenen Schultypen, Milieus, Fußballvereinen etc. Die meisten Formen jugendlichen Zusammenlebens sind von Erwachsenen präformiert. Diese Jugendlichen leben in weitgehender Übereinstimmung mit den herrschenden Werten. Vielleicht ist der vielbesprochene Generationenkonflikt überhaupt konstruiert, oder er ergibt sich einfach daraus, daß bei Jugendlichen die Verfügung über das Geld zum Konsum durch die Erwachsenen eingeschränkt ist. Selbst die Drogenszene und die Rechtsradikalen sind von Erwachsenen gesteuert. Die religiösen und Parteijugendgruppen sind ohnehin im Schwinden, auch sie sind Kopien von Erwachsenenorganisationen. Bleiben nur noch die Punks und die Autonomen als teils authentische Jugendbewegung. Sie werden dementsprechend polizeistaatlich verfolgt, weil sie an Grundwerten kratzen. Aggressives Betteln und die Besetzung von leerstehenden Häusern sind Verhaltensweisen, die schwer integrierbar sind. Die angepaßte Jugend kauft den Kitsch von der Stange, die Autonomen produzieren ihn selbst. Ihr Räuberzivil, wie es in der Jugendbewegung hieß, ist ein Mix aus Indianer-, Afro- und Rauchfangkehrerkultur mit Nieten und Hund. Die Stiefel kommen vom US-Militär bzw. von Doc Martens: die waren schnell in den Modeboutiquen. Die Sicherheitsnadeln, die Nieten und die bunten Schöpfe gibt es in allen Innenstadtboutiquen bzw. bei Friseuren zu kaufen. Bleibt die Frage des Privateigentums und des Antirassismus. Die Kritik an der Verteilung der Güter in dieser Welt und die Kritik am Rassismus als Mittel zur Aufrechterhaltung dieser unrechten Verteilung der Güter sind nicht integrierbar. Damit bleiben diese freien Jugendverbände ausgegrenzt. Man kann ihre Symbole stehlen, aber nicht den Kern ihrer Handlungsmotive — sie werden nicht zum Kitsch.

*) Dieser Beitrag erschien erstmals un­ter dem Titel „Jugendkultur — narzisstische Selbstinszenierung als/oder Herrschaftsmechanismus“ in der »Zeitschrift für historische Sozial­kunde« 4/1994.

Literatur

  • Adorno, Theodor W.: Eingriffe — Neun kritische Modelle, Frankfurt 1966.
  • Eco, Umberto: Über Spiegel, München 1988.
  • Haug, Wolfgang F.: Warenästhetik und kapitalistische Massenkultur, Berlin 1980.
  • Kracauer, Siegfried: Das Ornament der Masse
  • Maase, Kaspar: Antiamerikanismus ist lächerlich, in: Kulturen des Widerstands, Wien 1993.
  • Schwendter, Rolf: Subkulturen und „breite organisierte Gegenmacht“, in: ebenda.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1997
Heft 5/1997, Seite 38
Autor/inn/en:

Julius Mende:

Jahrgang 1944‚ AHS-Lehrer und Lehrbeauftragter an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Bücher: „Schülersexualität“ (Frankfurt 1971), „Schmutz und Schund im Unterricht“ (Frankfurt 1974), „Stadt und Gesellschaft im Unterricht. Eine Schulbuchkritik“ (zusammen mit Leo Kuhn, Wien 1975).

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